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Zukunft Bildung

9.9.2013 | Von:
Stefan Kühne

Wie sich das deutsche Bildungssystem verändert

Entwicklungstrends in der deutschen Bildungslandschaft

Bildungsangebote werden individueller genutzt

Da sich die deutsche Bildungslandschaft gerade in den letzten zehn Jahren weit aufgefächert hat, können die Menschen ihre individuellen Bildungsziele heute auch auf unterschiedlichen Wegen und zu unterschiedlichen Zeitpunkten im Lebenslauf verfolgen. War der Durchgang durch die Bildungsinstitutionen selbst vor 20 Jahren noch relativ starr vorgezeichnet, werden die Bildungsverläufe heute zunehmend flexibel und individuell gestaltbar. Doch nicht alle Menschen profitieren in gleicher Weise von der Vielfalt der Möglichkeiten: Während einige ihre Bildungserfolge vom frühkindlichen Alter an Schritt für Schritt steigern, tragen andere lebenslang an den Folgen ungünstiger Startchancen.
  • Kindertagesbetreuung wird zunehmend zu einem selbstverständlichen Teil der Bildungsbiografie, doch nicht alle Sozialgruppen nehmen diese Angebote gleichermaßen wahr. Mit nur 16 Prozent Beteiligung nehmen unter dreijährige Kinder aus Einwandererfamilien nur halb so häufig an frühkindlicher Bildung teil wie unter Dreijährige ohne Migrationshintergrund (Abbildung 1). Doch gerade die Vorschulkinder, die zu Hause kein Deutsch sprechen, bräuchten vermehrt Sprachförderung – das zeigen die bereits in 14 Bundesländern eingeführten Sprachtests. Wenn Kinder die deutsche Sprache frühzeitig im Kita-Alltag lernen, kann das dazu beitragen, dass sie nicht bereits mit Kompetenzrückstand eingeschult werden. Damit zugleich der Übergang in die Schule je nach Ausgangslage des Kindes zeitlich flexibler gestaltet werden kann, hat die Mehrzahl der Bundesländer inzwischen eine variable Verweildauer der Kinder in den ersten beiden Jahrgangsstufen der Grundschule eingeführt.

  • Immer mehr junge Menschen besuchen höher qualifizierende Schulen – dieser langfristige Trend ist ungebrochen. In der Hauptschule gibt es seit Langem überdurchschnittlich hohe Rückgänge in den Schülerzahlen, während die Gymnasien einen stetig steigenden Zulauf erhalten – und zwar zunächst von Kindern aus allen sozialen Schichten (Abbildung 4), allerdings nicht in gleichem Maß. Denn an der sozialen Ungleichheit beim Gymnasialbesuch hat sich faktisch wenig geändert: Vier von sechs Kinder aus der höchsten Sozialschicht kommen auf das Gymnasium, aber nur eines von sechs Kindern aus der niedrigsten Schicht schafft diesen Übergang. Diese althergebrachten institutionellen Barrieren könnten möglicherweise mittelfristig auch dadurch überwunden werden, dass verschiedene Bildungsgänge häufiger innerhalb einer Schulart kombiniert angeboten werden. Damit würde sich womöglich die soziale Durchlässigkeit zwischen den Bildungsgängen erhöhen.

Abb. 4: Hauptschul- und Gymnasialbesuch von 15-Jährigen in den Jahren 2000 und 2009 nach sozialer Herkunft (in Prozent)

Hauptschul- und Gymnasialbesuch von 15-Jährigen in den Jahren 2000 und 2009 nach sozialer Herkunft (in Prozent). Datenquelle: PISA 2000; PISA 2009Abbildung 4: Hauptschul- und Gymnasialbesuch von 15-Jährigen in den Jahren 2000 und 2009 nach sozialer Herkunft (in Prozent) (Mehr dazu...)
Datenquelle: PISA 2000; PISA 2009 (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

  • Da heute mehr Menschen höhere Bildungsabschlüsse anstreben, verbringen sie insgesamt eine längere Zeit im Schulwesen als frühere Generationen. Gingen die 1950 Geborenen noch durchschnittlich neun Jahre lang zur Schule, so waren es bei den 1985 Geborenen bereits elf Jahre. Weil dieser Zeitverbrauch heute stärker hinterfragt wird, zielen einige jüngere Bildungsreformen auf einen effizienteren und zugleich auf einen flexibler gestaltbaren Umgang mit Zeit im Schulwesen. So können etwa in der flexiblen Schuleingangsphase leistungsstarke Schülerinnen und Schüler bereits nach einem Jahr in die dritte Jahrgangsstufe aufrücken, leistungsschwachen Kindern werden drei Jahre dafür eingeräumt. Ebenso kann das Abitur inzwischen in fast allen Ländern in einem auf acht Jahre verkürzten Gymnasialbildungsgang (G8) erworben werden, an Schulen mit mehreren Bildungsgängen stehen dafür neun Jahre zur Verfügung.

  • Bereits jede zweite Schule hält Ganztagsangebote bereit, doch nur jeder vierte Schüler nimmt daran teil. Die meisten Schulen bieten inzwischen Ganztagsbetrieb an, allerdings mit freiwilliger Schülerbeteiligung und an einigen Schulen auch nur als einzelne Ganztagsklassen. Insofern wird das Potenzial der Ganztagsschule, einen flexibleren Umgang mit Bildungs-, Erziehungs- und Betreuungszeiten zu ermöglichen, noch zu wenig ausgeschöpft.

  • Obwohl immer mehr junge Menschen das Abitur erreichen, schlägt sich dies nicht in gleichem Maße bei den Studienanfängerzahlen nieder. Noch in den 1990er Jahren nahm nur einer von acht Jugendlichen mit Abitur nach der Schulzeit kein Studium auf, heute sind es doppelt so viele. Stattdessen entscheiden sich mehr Abiturienten für eine berufliche Ausbildung. So stellen Studienberechtigte inzwischen in Ausbildungsberufen wie Bankkaufmann/-frau, Steuerfachangestellte/r oder Mediengestalter/-in sogar die Mehrheit der Auszubildenden.

  • Gering qualifizierte Jugendliche bleiben auf der Strecke, je mehr die Ausbildungseinrichtungen und Hochschulen um hoch qualifizierte Schulabsolventen konkurrieren (Abbildung 3). In vielen Ausbildungsberufen gibt es trotz der rechtlich verbrieften Zugangsfreiheit in der Praxis erhebliche Zugangsbarrieren für gering qualifizierte Jugendliche. Tendenziell hat das duale System somit eine traditionelle Stärke eingebüßt, nämlich Menschen mit niedrigem Bildungsniveau durch eine Ausbildung beruflich zu integrieren. Ihre Zeit für eine berufliche Erstausbildung verlängert sich damit insgesamt, weil sie zunächst im Übergangssystem Schulabschlüsse nachholen oder aber von einer Maßnahme in die nächste wechseln, ohne sich dabei formal weiter zu qualifizieren.

Ungleichheiten in den Bildungserfolgen: Wer schafft es, wer nicht?

Seitdem der sprichwörtlich gewordene "PISA-Schock" das Bildungswesen aufrüttelte, verbesserten sich die Kompetenzen der Schüler sowohl in den Grundschulen als auch den Sekundarschulen messbar. Auch die Zahl der Jugendlichen ohne Abschluss geht zurück. Trotzdem bleibt eine große Zahl an Menschen mit allenfalls geringen Bildungserfolgen.
  • Nur langsam schrumpft die Risikogruppe von Menschen, die nur über mangelnde Kompetenzen verfügen und keinen Abschluss haben. Davon sind vergleichsweise viele Schülerinnen und Schüler aus sozial schwachen Familien und mit Migrationshintergrund betroffen. Zwar ist der Anteil der Jugendlichen, die die Schule ohne einen Abschluss verlassen, zwischen 2006 und 2010 von 8,0 auf 6,5 Prozent gesunken. Aber der Anteil an leseschwachen Jugendlichen ist dreimal so hoch. Dies lässt auf eine nicht unbedeutende Zahl an Personen schließen, die trotz Schulabschluss kaum lesen können. Nach wie vor kann jeder fünfte Schüler im Alter von 15 Jahren nur einfachste Leseaufgaben bewältigen. Diese Jugendlichen können einem Text zwar einzelne Informationen wörtlich entnehmen, scheitern aber beim Lesen an einfachen logischen Verknüpfungen.

  • Galten früher Mädchen und junge Frauen als bildungsbenachteiligt, so erzielen sie inzwischen größere Bildungserfolge als Jungen und junge Männer (Abbildung 5). Der Bildungsstand der Bevölkerung in Deutschland ist gemessen an den Bildungsabschlüssen über die Zeit merklich gestiegen. Doch zeigen sich dabei deutlich neue Ungleichheiten nach Geschlecht. Denn Mädchen durchlaufen die Schule zügiger als ihre männlichen Mitschüler, sie besuchen häufiger das Gymnasium und verlassen die Schule seltener ohne Abschluss. Sie bewältigen zudem den Übergang in die Berufsausbildung erfolgreicher, brechen seltener ihr Studium ab und machen inzwischen auch die Mehrheit der Hochschulabsolventen aus. Und nicht zuletzt nutzen Frauen als Berufstätige intensiver die Weiterbildungsangebote. Männer sind dennoch über alle Qualifikationsgruppen hinweg häufiger erwerbstätig, meist auch als Vollzeitbeschäftigte und mit höherem Einkommen. In den letzten Jahren ist allerdings der Anteil an jungen Männern, die keinen beruflichen Abschluss haben, besorgniserregend angestiegen. Und nicht nur das: Er fällt bereits höher aus als in der Elterngeneration.

Abb. 5: Geschlechtsspezifische Unterschiede in ausgewählten Bildungsaspekten im Jahr 2010 (in Prozent)

Geschlechtsspezifische Unterschiede in ausgewählten Bildungsaspekten im Jahr 2010 (in Prozent). Datenquelle: Statistische Ämter des Bundes und der Länder, Bundesagentur für Arbeit, diverse StatistikenAbbildung 5: Geschlechtsspezifische Unterschiede in ausgewählten Bildungsaspekten im Jahr 2010 (in Prozent) (Mehr dazu...)
Datenquelle: Statistische Ämter des Bundes und der Länder, Bundesagentur für Arbeit, diverse Statistiken (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/



Wie die Bildungsbereiche jetzt zusammenarbeiten müssen

Die Bildungslandschaft ist bunter geworden. Es gibt vielfältigere Möglichkeiten, Bildungsverläufe zu gestalten: von kurzen Bildungswegen für Leistungsstarke bis hin zu verzögerten Karrieren der zweiten Chancen. Im Verhältnis zwischen den Bildungsinstitutionen sowie zwischen den Einrichtungen und ihren Nutzern ergeben sich daraus weitreichende Veränderungen:

Obwohl insgesamt die Bildungsbeteiligung und der Bildungsstand der Bevölkerung in Deutschland von der Kinderkrippe bis zur Hochschule stark zunahmen, ist es bisher nicht gelungen, die Bildungsungleichheiten zwischen unterschiedlichen sozialen Gruppen entscheidend zu verringern. Insbesondere für Menschen mit Migrationshintergrund, die weit häufiger in sozial schwachen Familien aufwachsen, stellen sich trotz einiger Verbesserungen noch zu selten Bildungserfolge ein. Dabei steigt der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund in der Bevölkerung weiter an und beträgt für Kinder im Vorschulalter bundesweit bereits 35 Prozent. Frühzeitige individuelle Förderung von bildungsbenachteiligten Kindern und Jugendlichen wird damit immer bedeutsamer. Um die erweiterten Bildungsmöglichkeiten tatsächlich wahrnehmen zu können, muss jeder Einzelne stärker darin unterstützt und befähigt werden, seinen eigenen Bildungsweg in die Hand nehmen zu können.

Die Beseitigung der Bildungsungleichheiten geht auch deshalb so langsam voran, weil es sich hier um eine gesamtstaatliche Querschnittsaufgabe handelt. Trotz einer Fülle an bildungspolitischen Reformprojekten in der letzten Dekade bleibt der Eindruck bestehen: Auf gesellschaftliche Entwicklungen wie den demografischen Wandel, die veränderte Arbeitsmarktsituation oder neue Elternerwartungen wird jeweils nur in einzelnen Bereichen reagiert. Die historisch gewachsene organisatorische Trennung der Bildungsbereiche mit ihren unterschiedlichen Zuständigkeiten von Bund, Ländern oder Kommunen erschwert ein abgestimmtes Vorgehen aller Akteure in Bildungspolitik, -verwaltung und -praxis. Was ist zu tun? Künftig wird es darauf ankommen, eine intensivere Zusammenarbeit über alle Bildungsbereiche aufzubauen und außerhalb der traditionellen Ressortpolitik das Verhältnis zwischen den Bildungseinrichtungen zielgerichtet aufeinander abzustimmen.


Weiterführende Literatur

Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2012): Bildung in Deutschland 2012. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu kultureller Bildung im Lebenslauf. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag.

Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2010): Bildung in Deutschland 2010. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Perspektiven des Bildungswesens im demographischen Wandel. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag.

Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2008): Bildung in Deutschland 2008. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Übergängen im Anschluss an den Sekundarbereich I. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag.

Cortina, Kai S./ Baumert, Jürgen/ Leschinsky, Achim/ Mayer, Karl Ulrich/ Trommer, Luitgard (Hrsg.) (2008): Das Bildungswesen in der Bundesrepublik Deutschland. Strukturen und Entwicklungen im Überblick. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag.

Konsortium Bildungsberichterstattung (2006): Bildung in Deutschland. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Bildung und Migration. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag.

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