Zukunft Bildung

19.6.2015 | Von:
Inka Bormann

Bessere Schulen mit Hilfe von Daten?

Warum die Beobachtung des Bildungssystems nicht nur Vorteile, sondern auch Probleme birgt

Nach dem "PISA-Schock" haben Bund und Länder beschlossen, das Bildungssystem mithilfe wissenschaftlicher Verfahren systematisch zu beobachten, um mehr über die Ursachen von Problemen im Bildungssystem zu erfahren. Doch inwieweit kann das "Bildungsmonitoring" helfen, die Qualität des Bildungswesens zu verbessern? Welche Risiken und Nebenwirkungen zeichnen sich ab?

Schüler bei der "Lernzielkontrolle"Schüler bei der "Lernzielkontrolle" (© picture-alliance/dpa)

Bildungsmonitoring und das Ziel der Qualitätsverbesserung

Die erste PISA-Studie aus dem Jahr 2000 ist insbesondere deshalb so bekannt, weil sie einen "Schock" verursachte: Die Studie zeigte, dass im Vergleich der OECD-Staaten 15-jährige Schülerinnen und Schüler in Deutschland in den Bereichen Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen nur über unterdurchschnittliche Kompetenzen verfügen. Zudem wurde deutlich, dass Bildungschancen in Deutschland besonders stark von der sozialen Herkunft der Lernenden abhängen. Gerade Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Elternhäusern können daher ihre Hoffnungen auf ein gutes, selbstbestimmtes Leben nur begrenzt erfüllen. Angesichts dieser Ergebnisse ging es Bildungspolitikerinnen und -politikern in den Folgejahren darum, mehr über die Ursachen dieser Probleme zu erfahren und geeignete Strategien zu finden, um die Probleme anzugehen. Zu diesem Zweck beschloss die Kultusministerkonferenz (KMK) im Jahr 2006 die sogenannte Gesamtstrategie zum Bildungsmonitoring.

Gesamtstrategie zum Bildungsmonitoring

Nach der Veröffentlichung einer Reihe von überraschend negativen Ergebnissen nationaler und internationaler Schulleistungsvergleichsuntersuchungen haben sich die Kultusminister aller Bundesländer dazu entschieden, die Leistungsfähigkeit des Bildungssystems dauerhaft und systematisch zu beobachten und zu verbessern.

Zu diesem Zweck wurde die Gesamtstrategie zum Bildungsmonitoring verabschiedet. Sie besteht aus einem Bündel von vier Werkzeugen, mit denen das Bildungssystem fortan beobachtet werden soll. Dazu gehört
  • die Teilnahme an internationalen Schulleistungsuntersuchungen wie PISA,
  • die Durchführung von nationalen, bundesländervergleichenden Schulleistungsuntersuchungen, die überprüfen, ob in ausgewählten Fächern die sogenannten Bildungsstandards erreicht wurden, inwieweit also bei den Schülerinnen und Schülern einer Klassenstufe die für das jeweilige Fach erwarteten Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse vorliegen,
  • die flächendeckende Durchführung von Vergleichsarbeiten, um mit diesen Ergebnissen die Leistungen einzelner Schulen und Klassen miteinander zu vergleichen und
  • die Veröffentlichung zahlreicher Informationen über den Zustand des Bildungssystems in einem alle zwei Jahre erscheinenden Nationalen Bildungsbericht.

Mit dem Bildungsmonitoring sollen vielfältige Informationen über das Bildungssystem gesammelt werden. Die gewonnenen Informationen sollen dabei helfen, die Ergebnisse von Bildungsprozessen in der Schule und in anderen Bildungsinstitutionen zu ermitteln (z.B. über die Messung von Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler). Sie sollen die politisch Verantwortlichen aber auch darin unterstützen, gezielt bildungspolitische und pädagogische Maßnahmen auf den Weg zu bringen, mit denen die Qualität des Bildungssystems gesichert und verbessert werden kann (z.B. durch Veränderungen in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern oder durch Verankerung von Förderprogrammen z.B. zur Sprachförderung).

Hintergründe des Bildungsmonitorings: Von der Input- zur Outputsteuerung

Das systematische Messen und Vergleichen von Bildungsergebnissen mag heute fast selbstverständlich erscheinen, ist es doch längst Teil der bildungspolitischen Normalität geworden. 2006 aber markierte die Gesamtstrategie zum Bildungsmonitoring einen deutlichen Wechsel in der Art und Weise, wie das Bildungssystem "gesteuert" wird. Mit der Gesamtstrategie wurden die Methoden und Mittel verändert, auf die Politikerinnen und Politiker zurückgreifen, um wichtige Ziele im Bildungssystem zu erreichen: Über viele Jahrzehnte wurde Bildungspolitik im Wesentlichen als Verwaltungsaufgabe verstanden. Die wichtigste Stellschraube, um politische Zielsetzungen zu erreichen, war dabei der sogenannte Input – das also, was staatliche Entscheidungsträger in das Bildungssystem "hineingeben", etwa in Form von Lehrplänen, Personalressourcen oder Bildungsausgaben.

Das schlechte Abschneiden deutscher Schülerinnen und Schüler bei internationalen Vergleichsuntersuchungen wie PISA stellte nun nicht allein die Qualität des deutschen Bildungssystems infrage, sondern auch die Wirksamkeit dieser Input-Steuerung. Schließlich war es der Politik mit den althergebrachten Methoden und Mitteln offenbar nicht gelungen, wichtige Ziele wie Qualität und Chancengleichheit zu erreichen.

Vor eben diesem Hintergrund entstand die Gesamtstrategie zum Bildungsmonitoring. Sie ist Ausdruck einer neuen Herangehensweise an die politische Steuerung des Bildungssystems und kann als Meilenstein auf dem Weg zur sogenannten Output-Steuerung verstanden werden: Die Bildungspolitik orientiert sich dabei verstärkt an Konzepten und Methoden, die traditionell vor allem im privaten Sektor, etwa in großen Unternehmen, verbreitet sind, zunehmend aber auch im öffentlichen Sektor angewendet werden, z.B. in Krankenhäusern oder Arbeitsämtern (den heutigen Arbeitsagenturen). Man spricht in diesem Zusammenhang von New Public Management (NPM, zu Deutsch: Neue Steuerung oder auch Neue Verwaltung) (siehe Oschmiansky). Der althergebrachten öffentlichen Verwaltung des Bildungssystems wird das Leitbild eines aktiven und flexibleren Managements des Bildungssystems gegenübergestellt, von dem man sich verspricht, dass es besser in der Lage sei, innovative Entwicklungen anzustoßen und für die Effektivität und Effizienz bildungspolitischer Maßnahmen zu sorgen. Zum Werkzeugkasten des NPM zählt auch die mit dem Bildungsmonitoring eingeführte Output-Steuerung. Bildungspolitische Entscheidungen, etwa über durchzuführende Reformen oder die Verteilung von Ressourcen, sollen anhand gemessener Ergebnisse (Output) wie Kompetenzen, Abschlüsse/Zertifikate und langfristige Bildungserträge getroffen werden. Dazu müssen bildungspolitische Entscheidungsträger auf wissenschaftliches Wissen und Datenmaterial über das Bildungssystem zurückgreifen können – und eben dieses soll mithilfe des Bildungsmonitorings bereitgestellt werden. Die Output-Steuerung wird daher auch als wissens- oder evidenzbasierte Steuerung bezeichnet.

Neben vielen Befürwortern dieser wissens- und evidenzbasierten Strategie des Bildungsmonitorings gibt es auch Stimmen, die den Nutzen dieser Beobachtungen und Bewertungen skeptisch beurteilen. Und beide Seiten haben für ihre Auffassung gute Gründe. Zunächst zu den Argumenten der Befürworter.

Argumente und Positionen von Befürwortern des Bildungsmonitorings

Befürworter des Bildungsmonitorings, wie Akteure aus Bildungspolitik und -verwaltung, aber auch viele Bildungsforscherinnen und -forscher, argumentieren, dass nur auf der Grundlage genauer Informationen über die erreichten Ergebnisse von (schulischen) Bildungsprozessen sinnvolle Maßnahmen ergriffen und die Qualität des Bildungssystems insgesamt verbessert werden können. Um das Kompetenzniveau der Schülerschaft zu heben und Bildungsungleichheiten zu mindern, sei es zunächst einmal erforderlich, verlässliche Auskünfte über die Verteilung von Kompetenzen in der Schülerschaft zu erhalten und die Ursachen für ungleich verteilte Kompetenzen zu ergründen. Tatsächlich sind wir heute durch das Bildungsmonitoring über die in unserem Bildungssystem erzielten Lernergebnisse sehr gut informiert. Auch über Problemlagen liegt viel Wissen vor, etwa über die Zahl derjenigen, die nur elementare Lesekompetenzen besitzen, über das Ausmaß sozialer Auslese oder geschlechtsspezifischer Bildungsungleichheiten. Ohne diese Informationen könnten bildungspolitische Maßnahmen ihr Ziel verfehlen. Unter Umständen würde dann viel Geld für etwas ausgegeben, das sich im Nachhinein als unwirksam erweist. Nur auf der Basis von präzisen und verlässlichen Daten und Fakten, so wird argumentiert, lassen sich zielgerichtete Förderprogramme für bestimmte Schülergruppen entwerfen, statt großflächige Maßnahmen zu ergreifen, deren Umsetzung kostspielig und deren Erfolg ungewiss ist.

Entsprechend wird auf die vielen detaillierten und auch im Längsschnitt (d.h. im Zeitverlauf wiederholt erhobenen) verfügbaren Daten verwiesen, die aus dem Bildungsmonitoring hervorgegangen sind. Mit deren Hilfe können Veränderungen im Bildungssystem beobachtet und Rückschlüsse auf die Wirkung eingeleiteter Reformen gezogen werden. Dabei wird es als ein großes Verdienst des systematischen und kontinuierlichen Monitorings betrachtet, dass heute weit mehr Informationen über die Ergebnisse der Bildungsbemühungen von Lehrerinnen und Lehrern, Schülerinnen und Schülern sowie die Rahmenbedingungen, unter denen diese stattfinden (z.B. hinsichtlich der Lehrpläne, der Ausstattung von Schulen, dem Personalschlüssel), vorliegen als noch vor 15 Jahren. Denn inzwischen können sich Bildungspolitikerinnen und -politiker bei ihren Entscheidungen nicht mehr "nur" auf politische Überzeugungen stützen, sondern sie müssen sich verstärkt auch mit Daten und Fakten auseinandersetzen. Der bloße Glaube, die Hoffnung oder der Wille, dass die avisierten bildungspolitischen Maßnahmen geeignet sind, um erkannte Problemlagen im Bildungssystem zu beheben und bessere Ergebnisse herbeizuführen, reicht für komplexe und langwierige Reformen nicht aus.

Mit den inzwischen weiterentwickelten Tests zur Kompetenzdiagnostik liegen Verfahren vor, mit denen Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten der Kinder verlässlich überprüft und sogar international verglichen werden können. Solche Vergleiche können auch dazu beitragen, ansonsten ungesehene Veränderungsmöglichkeiten zu erschließen und zu diskutieren. Nicht zuletzt tragen das Bildungsmonitoring und die öffentliche Berichterstattung über dessen Ergebnisse dazu bei, dass sich auch die Öffentlichkeit zumindest potenziell ein Bild vom Zustand des Bildungssystems, einzelner Bildungseinrichtungen und von der Wirksamkeit politischer Entscheidungen machen kann.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Inka Bormann für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Doktorhut auf einem Bücherstapel

Meist gelesen im Dossier Bildung (2019)

Interaktive Grafik:
Das Bildungssystem in Deutschland
Bildungseinrichtungen, Übergänge und Abschlüsse

Kapitel:
Was ist Bildung?

Artikel:
Benjamin Edelstein, Hermann Veith: Schulgeschichte bis 1945: Von Preußen bis zum Dritten Reich

Ihr Feedback

Wir freuen uns über Ihre Anregungen, Kommentare und Themenvorschläge. Schreiben Sie uns: idee@dossierbildung.bpb.de

Als Meta-Server und zentraler Wegweiser zum Bildungssystem in Deutschland bietet der Deutsche Bildungsserver Zugang zu hochwertigen Informationen und Internetquellen – umfassend und kostenfrei. Er verweist auf Internet-Ressourcen von Bund und Ländern, der Europäischen Union, von Hochschulen, Schulen, Landesinstituten sowie Forschungs- und Serviceeinrichtungen.

Mehr lesen auf bildungsserver.de

Kulturelle Bildung

Bildung für nachhaltige Entwicklung und kulturelle Bildung

Wie können kulturelle und politische Bildung Menschen zu nachhaltigem Denken und Handeln anregen? Wie der Themenschwerpunkt zeigt, arbeiten zahlreiche Akteurinnen und Akteure bereits sehr engagiert an tragfähigen Ansätzen.

Mehr lesen