Frauen und Männer gehen eine Treppe hoch

30.7.2010 | Von:
Dr.rer.pol. Daniela Grunow

Arbeit von Frauen in Zeiten der Globalisierung

Anstieg der Arbeitslosigkeit

Nach dem Ende des rasanten Wirtschaftswachstums der 1960er und frühen 1970er Jahre, das die Ölkrise in den späten 1970er Jahren abrupt einleitete (Borowsky 1998) wurde die Lage auf dem Arbeitsmarkt Westdeutschlands immer prekärer, wie der Anstieg der Arbeitslosenzahlen in diesem Zeitraum – von unter ein Prozent 1965 auf über zehn Prozent 1983 – verdeutlicht. Gut ausgebildete, erwerbstätige Frauen sahen sich in den 1980er Jahren im westdeutschen Wohlfahrtsstaat zunehmend beruflich und politisch ausgegrenzt (Lenz 2008). Diese historische Situation wird als eine der Triebfedern der neuen Frauenbewegung gesehen, in deren Zuge Frauen für ihre rechtliche Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt kämpften und schrittweise Berufsverbote und andere Einschränkungen ihrer Arbeitsleistung abschafften (Ibid).

Neben den Chancen für Frauen auf dem Arbeitsmarkt sind im Zuge der Globalisierung auch die Risiken und Probleme der Erwerbstätigkeit angestiegen. Das deutlichste Beispiel hierfür ist der massive Anstieg der Arbeitslosenquote von unter zwei Prozent in den 60er Jahren als niedrigster Stand auf 13 Prozent in 2005 als höchsten Stand in der Bundesrepublik (Bundesagentur für Arbeit 2010). Im Globalisierungsprozess ist Arbeitslosigkeit zum einen eine Folge des Verschwindens un- beziehungsweise gering qualifizierter Produktionsberufe, die der Automation und anderen Innovationen in der Produktion geschuldet sind. Zum anderen sind in den letzten Jahren selbst qualifizierte Bereiche des deutschen Arbeitsmarktes, beispielsweise in der Automobilindustrie, dem globalen Wettbewerb erlegen. Global operierende Konzerne verlagerten ihre Produktionsstandorte in andere Länder oder reduzierten ihre Belegschaft im Zuge von Reorganisationsmaßnahmen radikal, um Arbeitskosten zu senken.

Mit dem Anstieg der Arbeitslosigkeit für (Ehe-)Männer seit den 1970er Jahren, stagnierenden beziehungsweise sinkenden Reallöhnen sowie steigenden Scheidungszahlen, ist auch der Druck auf verheiratete Frauen gestiegen, kontinuierlich erwerbstätig zu sein und eigenes Geld zu verdienen. Diese Tendenz zeigt sich auch im reformierten Unterhaltsrecht, das von Frauen nach einer Ehescheidung sehr viel schneller und in deutlich größerem Umfang als bisher die berufliche Eigenständigkeit verlangt. Hinzu kommt, dass im Zuge der Pluralisierung von Lebens- und Familienformen die Zahl Alleinerziehender, davon 90 Prozent Frauen, deutlich angestiegen ist. Im Jahre 2007 waren laut Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) 57 Prozent der Alleinerziehenden erwerbstätig. Aber auch die Zwei-Eltern-Haushalte sind heutzutage häufiger als früher auf zwei Einkommen angewiesen. Normativ ist damit die Erwerbstätigkeit verheirateter Frauen vom Zuverdienst zur Notwendigkeit und von der Ausnahme zur Regel geworden.

Zunahme der weiblichen Arbeitsmigration

Durch die steigende Erwerbsbeteiligung von Frauen in Deutschland hat jüngst sowohl in den Familien als auch im öffentlichen Sektor der Bedarf an Arbeitskräften in den traditionell gering entlohnten Frauenberufen deutlich zugenommen (Butterwegge/Hentkes 2009). Dies betrifft unter anderem den Bereich der Hausarbeit in Privathaushalten, die private Krankenpflege sowie die arbeitsintensive Produktion. Die geringen Löhne, die in diesen Bereichen gezahlt werden sowie die geringe gesellschaftliche Anerkennung von unbezahlt geleisteter Sorgearbeit, machen diese Tätigkeiten für hochqualifizierte deutsche Frauen unattraktiv. Sie werden zunehmend durch – ebenfalls gut ausgebildete – Migrantinnen aus Ländern in Osteuropa, Lateinamerika, Afrika und Asien mit geringerem Wohlstands- und Einkommensniveau ausgeführt (Lutz 2007a, 2007b). Diese Entwicklungen werden erst seit Kurzem systematisch erforscht und sind bislang nur schwer verlässlich quantifizierbar. Jedoch finden sich Hinweise auf das Entstehen neuer sozialer Ungleichheiten zwischen Frauen: den gut ausgebildeten, qualifiziert beschäftigten Deutschen und den niedrig entlohnten, teils in der Schattenwirtschaft tätigen Migrantinnen (Ibid.).

Obwohl in Deutschland aufgewachsene Frauen in den letzten Jahrzehnten in Bildung und Arbeit aufgeholt haben, bekleiden sie im Vergleich mit den Männern nach wie vor die schlechter bezahlten und unsichereren Jobs. Die durch die Globalisierung bedingten Unsicherheiten am Arbeitsmarkt, wie Arbeitslosigkeit und berufliche Abstiege, treffen ganz besonders Frauen (Grunow 2006). Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Traditionelle Männerberufe im Verkehrs- und Baugewerbe beispielsweise sind sehr viel besser durch Vereinbarungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern geschützt als das in den neu entstehenden Berufszweigen und Industrien in den personenbezogenen Dienstleistungen (z.B. Kinderpflegerin, Krankenschwester) der Fall ist, in denen verstärkt Frauen arbeiten. Dies betrifft sowohl Fragen der Entlohnung als auch den Schutz vor Arbeitsplatzabbau. Zum Beispiel sind durch den gewerkschaftlich festgelegten Sozialplan bei Entlassungen eher die weiblichen Halbtagskräfte als die vollverdienenden Männer betroffen.

Gleiche Arbeit weniger Geld

Klassische Frauenberufe sehen weniger Aufstiegsmöglichkeiten vor als das bei Männerberufen auf gleichem Qualifikationsniveau der Fall ist (Krüger/Born 2001). Insofern ist es für Frauen in typischen Frauenberufen strukturell schwerer "Karriere zu machen". Da die berufliche Bildung und der Arbeitsmarkt in Deutschland eng verzahnt sind, gibt es nur sehr begrenzte Möglichkeiten für Frauen, im Laufe ihres Lebens von einem qualifizierten Beruf in den anderen zu wechseln (Ibid.). Deshalb sind Berufswechsel für Frauen häufig mit beruflichen Abstiegen verbunden.

Neuere Untersuchungen der Einkommensentwicklung hochqualifizierter Arbeitskräfte weisen aber auch deutlich auf Lohndiskriminierung von Frauen hin (Leuze/Strauß 2009); das heißt Frauen bekommen für gleiche Arbeit und gleiche Leistungen weniger Geld. So geht aus einer aktuellen Studie des Instituts für Arbeit und Beruf (IAB) hervor, dass Frauen selbst innerhalb des gleichen Berufs ca. 21 Prozent weniger verdienen als Männer (IAB 2009). Ein statistischer Vergleich von Frauen und Männern gleichen Alters mit gleicher Ausbildung und demselben Beruf im gleichen Betrieb ergab immer noch eine Lohndifferenz von 12 Prozent (Ibid.). Diese Art der Ungleichbehandlung kann nicht durch Qualifikationsmerkmale, Berufserfahrung oder geschlechtsspezifische Berufswahl erklärt werden.

Babypause ohne Rückkehr in den Job?

Diese geschlechtsspezifischen Strukturen auf dem Arbeitsmarkt beeinflussen auch Familienentscheidungen. So sind es nach wie vor ganz überwiegend die Mütter – nicht die Väter – die ihren Beruf unterbrechen, um ihr Kind zu betreuen. Durch den wachsenden ökonomischen Druck in Zeiten der Globalisierung werden Mütter zudem verstärkt aus dem Arbeitsmarkt gedrängt (Grunow 2006): Mütter haben ein signifikant höheres Risiko arbeitslos zu werden als kinderlose Frauen oder Männer. Während der Schwangerschaft liegt das Risiko etwa 70 Prozent höher als bei kinderlosen Frauen. Nach der Geburt eines Kindes sind Erwerbsunterbrechungen zunächst durch Mutterschutz- und Elternzeitregelungen abgesichert. Für viele Mütter wird diese Unterbrechung jedoch zum dauerhaften Arbeitsmarktausstieg: In Deutschland sind selbst acht Jahre nach der Geburt des ersten Kindes weniger als dreiviertel der Frauen auf den Arbeitsmarkt zurückgekehrt. Zum Vergleich: In den USA sind bereits nach sechs Monaten dreiviertel aller Mütter wieder am Arbeitsplatz; in Schweden nach fünf Jahren (Aisenbrey, Evertsson, Grunow 2009). Während Mütter in den 1960er Jahren in Zeiten des Wirtschaftswachstums nach mehrjähriger Erwerbsunterbrechung also gleichsam in den Arbeitsmarkt hineingezogen wurden, fällt es jungen Müttern heute nach einer Auszeit zunehmend schwer, ins Berufsleben zurückzukehren. Dies gilt vor allem dann, wenn die Bindung zum vorherigen Arbeitgeber nicht mehr besteht und die gesetzlichen Elternzeitfristen überschritten wurden (Ibid).

Die Entwicklung der beruflichen Chancen und Risiken von Frauen im Zuge der Globalisierung ist in Folge all dieser Prozesse durch eine Reihe von Widersprüchen gekennzeichnet. Einerseits sind jüngere Generationen von Frauen immer besser ausgebildet, was ihre Arbeitsmarktchancen und Karriereaussichten im Vergleich zu älteren Generationen erhöht. Auch haben junge Frauen heutzutage eine viel stärkere Arbeitsmarktbindung; das heißt, dass sie in viel größerem Umfang und längere Zeit erwerbstätig sind, als das bei ihren Müttern und Großmüttern der Fall war (Buchholz/Grunow 2006). Andererseits wirken sich die negativen Folgen der Globalisierung, wie gestiegene Arbeitslosigkeitsrisiken und schlechtere Berufsrückkehrchancen, für Frauen heute deutlich stärker aus als für Männer gleichen Alters und gleicher Bildung (Grunow 2006).


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