Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

22.3.2011

Literatur zu Klimamigration: Rezensionen

Der Sammelband "Environment, Forced Migration and Social Vulnerability" von Tamer Afifi und Jill Jäger fasst die wesentlichen Erkenntnisse zur umweltbedingten Migration in einem breiten Ansatz praxisnah und anschaulich zusammen. Allerdings ist er auf dem Stand von 2008. Der Bericht "Climate Change, migration and critical international security considerations" der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zeigt, daß Migration infolge des Klimawandels bereits stattfindet, welche Regionen besonders gefährdet und welche Konsequenzen in diesen Regionen präventiv zu ziehen sind.

Rezension von "Environment, Forced Migration and Social Vulnerability"

Menschen, die wegen Umweltzerstörungen oder aufgrund des Klimawandels ihr Herkunftsland verlassen, rücken zunehmend in den Fokus von Migrationsexperten. Grund dafür sind nicht die intensiven Debatten um den Klimawandel, sondern die Rechtsunsicherheit, der diese Menschen ausgesetzt sind. Es fehlt bis heute an einer abschließenden Definition der klima- bzw. umweltbedingten Migration, aus der sich ein Schutzmerkmal für diese Menschen ableiten ließe. Daher werden die Betroffenen meist nicht als Flüchtlinge anerkannt, haben also kein Recht auf Asyl.

Die umwelt- bzw. klimabedingte Migration ist definitorisch nur schwer einzugrenzen, weil sich diese sog. "Climigration" gegen Eindeutigkeiten sperrt: Sie kann sowohl innerstaatlich als auch grenzüberschreitend stattfinden, kann vorübergehend oder dauerhaft sein, freiwillig und geplant oder zwangsläufig und fluchtartig erfolgen. Ferner ist sie kaum von Wanderungsbewegungen infolge politischer, sozialer oder ökonomischer Krisen zu trennen.

Dies belegt der von Tamer Afifi (UN Universität, Bonn) und Jill Jäger (Sustainable Europe Research Institute, Wien) herausgegebene Sammelband "Environment, Forced Migration and Social Vulnerability". Dieser ist das Ergebnis einer Konferenz, die 2008 an der Bonner UN-Universität stattfand. Der Band umfasst insgesamt 19 Beiträge, die sich den komplexen Zusammenhängen zwischen Klima- und Umweltveränderungen einerseits und Migration andererseits aus unterschiedlichen Perspektiven annähern.

Mit umfangreichen Daten und Fakten versuchen die Autoren, panischen Debatten entgegenzuwirken. Gleich in mehreren Aufsätzen wird der alarmierende Ton verurteilt, der bei klimabedingter Migration oft angeschlagen wird. Die Drohkulisse von Millionen Klimaflüchtlingen würde global nicht dazu führen, dass Maßnahmen und Strategien zur Verhinderung des Klimawandels entwickelt würden, sondern nur die Forderungen nach restriktiven Einwanderungsgesetzen in den "sicheren" Ländern untermauern. Zugleich dürfe man die Migrationsbewegungen aufgrund sich verschlechternder Umweltbedingungen oder wegen Ressourcenmangel nicht relativieren, denn sie spielen eine immer größere Rolle.

Die Herausgeber beweisen in ihrem Band ein großzügiges Verständnis von umweltbedingter Migration. In den Aufsätzen werden Umwelt- und Naturkatastrophen ebenso berücksichtigt wie die zu erwartende langsame Verschlechterung der Lebensumwelt infolge des Klimawandels.

Der Sammelband zeigt die zahlreichen Formen der umweltbedingten Migration, wobei die Flucht vor dem ansteigenden Meeresspiegel, wie sie wohl den Bewohnern einiger Inseln im Südpazifik droht, die offensichtlichste Form darstellt. In anderen Fällen verschlechtert der Klimawandel die Lebensbedingungen in ohnehin schon wasserarmen Regionen derart, dass Menschen ihre Heimat verlassen müssen. Außerdem kommt es zu Konflikten um knappe Ressourcen. Manche Infrastrukturprojekte wie der Bau eines Staudamms führen zu enormen Wanderungsbewegungen und Zwangsumsiedlungen.

Engagiert und fundiert führen die Autoren die Diskussion, ob ein besonderer Schutzstatus für diejenigen, die umwelt- oder klimabedingtem Stress ausgesetzt sind, notwendig ist. Nur ein Teil dieser Menschen genießt nach geltendem Recht internationalen Schutz, klagen die einen. Nur wenige werden aufgrund des Klimawandels ihr Herkunftsland verlassen, halten die anderen dagegen. Auf einen einheitlichen Nenner für einen möglichen Schutzstatus kommen die Autoren nicht.

In welchen Fällen Anpassungsstrategien an die sich verändernden Lebensbedingungen möglich sind und welche Maßnahmen ergriffen werden können, auch auf diese Fragen versuchen die Autoren Antworten zu finden. Interessant sind in diesem Zusammenhang insbesondere die Analysen aus sieben klimawandelsensiblen Regionen, darunter Mexiko, Ägypten, Bangladesch und Kirgisien, die im Rahmen des europäischen Forschungsprojektes EACH-FOR (Environmental Change and Forced Migration Scenarios) entstanden sind und in dem Band ausführlich beleuchtet werden.

Insgesamt ist dieser Sammelband lesenswert, denn er fasst die wesentlichen Erkenntnisse zur umweltbedingten Migration in einem breiten Ansatz praxisnah und anschaulich zusammen. Allerdings ist er auf dem Stand von 2008, die Argumente in der seither weiter engagiert geführten Debatte berücksichtigt er kaum.

Tamer Afifi & Jill Jäger (Hrsg.): Environment, Forced Migration and Social Vulnerability. Springer. 2010, Berlin. 106,95 Euro. ISBN: 3642124151

IOM Migration Research Series No. 42: Climate change, migration and critical international security considerations

Migration oder Anpassung – dies sind die sich bietenden Möglichkeiten einer wachsenden Weltbevölkerung, auf die Klimawandelfolgen zu reagieren. In einigen sensiblen Regionen wie den tief liegenden Küstengebieten, kleinen Inseln, Flussdeltas, Trockenzonen oder den arktischen Ökoregionen ist es wahrscheinlich, dass eine Anpassung langfristig nicht möglich sein wird und Wanderungsbewegungen stattfinden werden. Diese Migration infolge des Klimawandels findet bereits statt, wie der Bericht "Climate Change, migration and critical international security considerations" der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zeigt – sei es saisonal, vorübergehend oder dauerhaft, freiwillig oder gezwungenermaßen, individuell oder in Massen.

Davon, dass dieses Phänomen nachlässt, kann man nicht ausgehen, heißt es in der Studie. Dies kann zu Konflikten führen, etwa wenn lebenswichtige Ressourcen knapp werden, wie die Autoren zeigen. Die Autoren zeigen aber auch, wie der Klimawandel Konflikte um wertvolle Rohstoffe fördern und zu Migration führen kann. Sind Konflikte infolge des Klimawandels damit absehbar und für manche Regionen möglicherweise sogar unausweichlich? So weit gehen die Autoren nicht. Aber sie denken darüber nach, welche Regionen besonders gefährdet und welche Konsequenzen in diesen Regionen präventiv zu ziehen sind: Sie zeigen mögliche Maßnahmen auf, um zum einen die Klimawandelfolgen bestmöglich einzudämmen und um zum anderen mögliche Migrationsbewegungen infolge des Klimawandels zu steuern oder durch strukturelle Maßnahmen sogar ganz zu verhindern.
publications.iom.int/bookstore/free/MRS42.pdf