Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

5.12.2005 | Von:
Hans Woller

Frankreich

Black – Blanc-Beurre

In ganz Europa schrieb man sich damals die Finger wund über die Symbolik und Bedeutung dieses Erfolgs einer bunt gemischten Nationalmannschaft - der Begriff "black, blanc, beurre" war in aller Munde.

Doch waren diese politisch korrekten Lobgesänge auf Multi-Kulti-Frankreich mehr als Augenwischerei in Fußballtrance? Im schnöden Alltag jedenfalls war keines der Probleme der Integration und Diskriminierung der farbigen Franzosen im Land gelöst, nur weil die Weltmeistermannschaft sich aus Hell- und Dunkelhäutigen zusammensetzte. Von wegen: "die Nationalmannschaft - ein Beweis für gelungene Integration". Die Spannungen und Probleme im Land waren um nichts geringer geworden. Vier Jahre später , 2002, bekam der rechtsextreme Le Pen bei den Präsidentschaftswahlen im ersten Durchgang mehr Stimmen als der Sozialist Jospin, 2005 brannten die Vororte, die vielfach zu 80% von farbigen Franzosen bewohnt werden. Und plötzlich konstatierte alle Welt das Versagen des französischen Integrationsmodells. Selbst der Fußball hat es in den Problemvororten seit einigen Jahren immer schwerer, seine Rolle als Ventil für aufgestauten Frust und Aggressionen zu erfüllen oder als Hilfsmittel für eine bessere Integration zu dienen. Jedes Wochenende müssen in den Vorstadtghettos Begegnungen wegen Schlägereien abgebrochen werden, andere kommen erst gar nicht zu Stande, weil sich keine Schiedsrichter mehr finden, die bereit sind, den Kopf hin zu halten.

Und: in den Vororten ist man heute sogar ein wenig verbittert, wenn man an den WM-Gewinn 98 und die Zeit danach denkt. "Man akzeptiert uns nur als Franzosen", sagen die jungen farbigen Staatsbürger dort, "wenn es um Sport, besonders um Fußball geht und wir da erfolgreich sind, nicht aber im normalen öffentlichen Leben des Landes und schon gar nicht in den Sphären der politischen und wirtschaftlichen Macht".

Ausdruck dieses Unwohlseins war der Verlauf eines Freundschaftsspiels im Oktober 2001 zwischen der französischen und der algerischen Nationalmannschaft im "Frankreichstadion" nördlich von Paris : die französische Nationalhymne wurde vom Vorstadtpublikum gnadenlos ausgepfiffen, französische Politiker auf der Ehrentribüne mit Wasserflaschen beworfen und in der 75. Minute musste das Spiel gar abgebrochen werden, weil Hunderte Zuschauer das Spielfeld gestürmt hatten . Staatspräsident und Premierminister machten betretene Minen, mussten feststellen: wenn der Gegner Algerien heißt , schlägt das Herz der jungen farbigen Franzosen ganz offensichtlich nicht für die Equipe Tricolore – auch wenn 9 der 11 Nationalspieler Eltern haben, die aus Nord- oder Schwarzafrika oder von den Antillen kommen.

Spieler, unter denen sich der 35 jährige Lilian Thuram von Juventus Turin im letzten Spätherbst hervortat, indem er Frankreichs Innenminister Sarkozy wiederholt und sehr bestimmt kritisierte , wegen dessen Verbalattacken gegen die Vorstadtjugendlichen vor und während der Krawalle. Auch wenn er heute Millionär sei, so Thuram, würden er, genau so wie viele seiner Nationalmannschaftskollegen doch nie vergessen, wie es war mit der Diskriminierung und dem Leben im Vorstadtghetto, als sie noch keine hoch bezahlten Fußballprofis waren. "Thuram - Innenminister Sarkozys gefährlichster Gegner", titelte daraufhin eine Tageszeitung.