Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

5.12.2005 | Von:
Hans Woller

Frankreich

Kuriosum

Das anerkannt beste dieser Ausbildungszentren findet sich im burgundischen Städtchen Auxerre mit seinen gerade mal 40.000 Einwohnern. Der Verein dort, AJ Auxerre – 4 Mal Pokalsieger und 1996 französischer Meister- ist das Kuriosum schlechthin in der französischen Fußballszene: erst 1974 tauchte er in der 2. Liga auf, ist seit 1980 erstklassig und konnte sich seitdem dank seiner eigenen, selbst herangezogenen Talente in der ersten Division halten. Für den Club ist das Ausbildungszentrum sein eigentliches Kapital, die 20 Millionen Euro Jahresbudget gehören zu den kleinsten der französischen Liga. Diese Erfolgsgeschichte ist untrennbar mit einem Namen und einem Mann verbunden: Guy Roux, das Trainerurgestein in Person. Sage und schreibe 44 Jahre lang hat er AJ Auxerre geleitet, bevor er 2005 mit 67 als Trainer dann doch abtrat. Der Mann mit dem Aussehen eines gutmütigen Großvaters, der schiefen Nase im Gesicht, der immer gleichen blauen Mütze auf dem Kopf und den abgetragenen Trainingsanzügen, verkörpert in Perfektion den Durchschnittsfranzosen, wie man sich ihn am Tresen einer Dorfgaststätte vorstellt.

Der Werbebranche ist das nicht entgangen: vom Rasendünger bis zum Handy, vom Kleinwagen bis zur Alarmanlage – Guy Roux´s Konterfei erscheint in Spots und auf Werbeplakaten seit 10 Jahren mindestens so häufig, wie die der größten französischen Fußballstars. Der Mann, der mit Präsident Mitterrand ebenso tafelte wie mit Jacques Chirac besitzt nicht nur eine gute Portion Bauernschläue und viel Sinn für Humor, er ist bis heute auch eine kritische Stimme im französischen Fußball geblieben, unermüdlich wetternd gegen das große Geld und für Disziplin , den seiner Ansicht nach wichtigsten Grundwert im Fußball.

Guy Roux wird, wie seit 2 Jahrzehnten, bei der WM in Deutschland wieder mit leicht sauertöpfischer Mine als Co- Kommentator beim französischen Fernsehen agieren und mit Frankreichs neuem Nationaltrainer, Raymond Domenech, nicht gerade zart umspringen.

Aussichten


Der hat zwar vorgegeben, das Ziel bei der WM laute 9. Juli, sprich das Endspiel, doch so richtig glauben will im Vorfeld niemand daran. Es herrscht eine Stimmung im französischen Lager, die nicht gerade von Harmonie geprägt scheint. Domenech, der etwas untypische Intellektuelle, der auch als Schauspieler schon mehrmals auf der Bühne stand, vermittelt nicht gerade den Eindruck, er habe seinen über ganz Europa verstreuten Haufen hoch bezahlter Stars wirklich im Griff. So schüchtern und zurückhaltend, wie er sich gibt, hat man den Eindruck, er habe kaum etwas zu sagen, wenn ein Zidane oder Thuram damit beschäftigt sind, die Mannschaft aufzustellen oder die Spieltaktik festzulegen. Trotz einer nicht all zu schweren Gruppenauslosung mit Togo, Südkorea und der Schweiz als Gegner ist von Siegsgewissheit bei den Blauen relativ wenig zu spüren.

Sollte die Equipe Tricolore bei der WM 2006 in Deutschland am Ende nicht ganz vorne mit dabei sein, geht für Frankreich aber die Welt nicht unter. Denn Fußball hat hierzulande als Mannschaftssport bei weitem nicht die Exklusivität, was die Begeisterung der Massen angeht – Frankreich ist in Sachen Fußballverrücktheit nicht Italien, Deutschland oder die Niederlande. Besonders im Südwesten des Landes hält sich Rugby als ernsthafte Konkurrenz und die Tatsache, dass Frankreich 2007 erstmals die Rugby-Weltmeisterschaft im eigenen Land ausrichtet, ist vielen wichtiger, als die Teilnahme der Fußballnationalmannschaft bei der WM in Deutschland.

Ja es gibt sogar Wochenenden, da spielt der Pariser Rugby-Club "Stade Francais" vor 80.000 Zuschauern im Frankreichstadion nördlich von Paris gegen die Fünfzehn aus dem kleinen Hafenstädtchen Biarritz, während sich der Fußballklub "Paris Saint Germain" mit nur 30.000 Fans im Prinzenparkstadion begnügen muss.