Nächtliche Skyline von Shanghai

5.10.2009 | Von:
Dr. Heike Holbig

Erinnerungskultur und Geschichtspolitik in China

Die Neuerfindung des Konfuzianismus

Ein ganz anderes Beispiel ist der Konfuzianismus, der seit den 1980er- Jahren ein überraschendes Revival erfahren hat. Hier lässt sich bislang keine dominante Master-Narrative ausmachen – vielmehr findet sich eine Vielzahl von philosophischen, religiösen und pädagogischen Deutungen und Praktiken aus dem In- und Ausland, auf die der Parteistaat wiederum reagierte. Den Anfang machten chinesischstämmige Philosophen in den USA wie etwa Tu Wei-ming, der am Beispiel der asiatischen Tigerstaaten argumentierte, dass der Konfuzianismus entgegen den Thesen Max Webers wirtschaftlicher Dynamik keineswegs widerspreche. Als Wissenschaftler in China in die Debatte einstiegen, wurde prompt ein offizielles Forschungszentrum gegründet, das eine sozialistische Lesart des Konfuzianismus erarbeitete. Diese konnte jedoch nicht verhindern, dass konservative Neokonfuzianer wie Jiang Qing, Kang Xiaoguang und andere vehement die Etablierung einer konfuzianischen Staatsreligion und die "Konfuzianisierung", wenn nicht gar Ablösung der KP Chinas forderten.

Aber auch in nichtakademischen Kreisen gewann der Konfuzianismus zunehmend an Attraktivität, zunächst über Meister-Schüler-Beziehungen und die Tradierung kollektiver Rituale (wie die jährlichen Feierlichkeiten zum Geburtstag des Konfuzius) in Hongkong und Taiwan, wo sie die Bilderstürmerei der Kulturrevolution überstanden hatten, später aber auch dank prominenter Fernsehstars wie Yu Dan, die erheblich zur Popularisierung konfuzianischen Denkens beigetragen hat. Für manche steht der alte Meister für Selbstkultivierung und die Erreichung persönlicher Zufriedenheit, andere sehen in der Lektüre der "Klassiker" die Möglichkeit zum Erwerb sozialen Kapitals, wie etwa Angehörige der neuen Wirtschaftseliten, die entsprechende Universitätskurse belegen, um dem Ideal des "konfuzianischen Unternehmers" ("rushang") nachzueifern. Die wohl weiteste Verbreitung hat der Konfuzianismus bei Kindern ab dem jungen Alter von drei Jahren gefunden, die immer öfter Unterricht im Rezitieren kanonischer Texte erhalten. Umfangreiche private Investitionen fließen in die Gründung von Privatschulen und Akademien nach traditionellem Vorbild, die von offizieller Seite teilweise gefördert, teilweise aber auch als Konkurrenz zu den staatlichen Bildungseinrichtungen wahrgenommen werden. Ob sich diese vielgestaltigen populären Erinnerungskulturen zur geradlinigen Narrative einer alten und neuen chinesischen Kulturnation homogenisieren lassen, wie dies in der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele im Sommer 2008 eindrücklich versucht wurde, bleibt abzuwarten.

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