Nächtliche Skyline von Shanghai

1.10.2009 | Von:
Dr. Dirk Schmidt

China und die internationale Finanzkrise

Kurzfristige Auswirkungen und mittelfristige Folgen des chinesischen Krisen-Managements

Die internationalen Bewertungen zum chinesischen Krisenmanagement und insbesondere zum Stimulus-Plan könnten unterschiedlicher kaum ausfallen. Während von den einen die Schnelligkeit und der Umfang der chinesischen Maßnahmen als international vorbildlich gelobt werden, weisen Kritiker den Stimulus-Plan rundweg als "alten Wein in neuen Schläuchen" zurück. Solange die Dynamik der gegenwärtigen Krise aber noch nicht zur Gänze verstanden und deren weiterer Verlauf noch völlig offen ist, sind vereinfachende Urteile zum chinesischen Krisenmanagement und dessen Folgen mit Skepsis zu begegnen.

Was die kurzfristigen Wirkungen des chinesischen Stimulus-Pakets für die einheimische Wirtschaft angeht, so sind sowohl positive als auch negative Aspekte zu erkennen: Der chinesische Stimulus hat zunächst einmal seine ihm ursprünglich zugedachte Wirkung erbracht: Das Wirtschaftswachstum der VRC wird sich 2009 wohl in einer Größenordnung von etwa acht Prozent, also der offiziell deklarierten staatlichen Zielvorgabe, bewegen. Massenarbeitslosigkeit und dadurch hervorgerufene soziale Spannungen sind zurzeit nicht erkennbar. Selbst wenn man aus guten Gründen an der Verlässlichkeit der offiziellen chinesischen Statistiken zweifeln mag, sind diese beiden Umstände angesichts der noch zum Jahreswechsel 2008/2009 kursierenden Krisenszenarien für China keine geringe Leistung.

Diese Erfolge werden aber selbst in den Augen chinesischer Medien und kritischer Experten teuer erkauft, da sie bestehende strukturelle Defizite der chinesischen Wirtschaft verstärken (vor allem investitionsgetriebenes Wachstum, Vernachlässigung des privaten Konsums) und bereits durch die Zweckentfremdung von Geldern aus dem Stimulus-Plan zu neuen Spekulationen an den Immobilien- und Wertpapiermärkten geführt haben. Auch die auf Anordnung der Zentralbank durch die Geschäftsbanken bis zum Juli 2009 betriebene massive Ausweitung der Geldmenge wird wegen des ihr innewohnenden inflationären Potenzials und möglicherweise rapide steigender uneinbringbarer Kredite in China argwöhnisch beobachtet.

Die kurzfristigen realwirtschaftlichen Auswirkungen der auf das chinesische Stimulus-Paket zurückgehenden Investitionen sollten indes nicht überbewertet werden, da sie für das Jahr 2009 gerade einmal zwei Bio. von insgesamt 13 Bio. Yuan ausmachen. Die eigentliche Bedeutung des chinesischen Krisenmanagements liegt wohl eher in einer politischen Signalfunktion nach innen und außen. Nach innen, indem die chinesische Zentralregierung die allgemein bis zum Sommer 2008 auf wirtschaftliche Abkühlung und Inflationsbekämpfung ausgerichtete kontraktive allgemeine Wirtschaftspolitik quasi "über Nacht" in ihr Gegenteil verkehrte und alle staatlichen Akteure auf das Hauptziel, acht Prozent Wirtschaftswachstum und Verteidigung von Arbeitsplätzen, verpflichtete. Von diesem Schritt ging auch ein Signal nach außen aus: Die VRC signalisierte als eines der ersten Länder weltweit den absoluten Willen, entschlossen gegen die realwirtschaftlichen Konsequenzen der Finanzkrise vorzugehen. Gerade die internationalen Rohstoff- und Kapitalmärkte nahmen dieses Signal als erste auf und begannen danach ihren Aufschwung.

China als weltweite Konjunkturlokomotive?

Über diese Signalwirkung hinausgehende Charakterisierungen der Volksrepublik als "Konjunkturlokomotive", welche die asiatisch-pazifische Region und insgesamt die Weltwirtschaft aus der Krise ziehe, sind jedoch zumindest im Herbst 2009 noch mit Vorbehalten zu versehen. Die Importe Chinas aus der asiatisch-pazifischen Region liegen weiterhin zum größten Teil deutlich unter den Zahlen für 2008, auch wenn sie insgesamt nach oben weisen. Nach jetzigem Erkenntnisstand erscheint es eher so, dass sich die ostasiatischen Nachbarstaaten Chinas durch ihre eigenen Krisenmaßnahmen aus der Rezession herausbewegen, dies aber weniger auf die Nachfrage aus China zurückzuführen ist.

Auch was die mittelfristigen Folgen einer erfolgreichen chinesischen Krisenbewältigung angeht, so ist Zurückhaltung angebracht: Sollte die weltwirtschaftliche Erholung im Jahr 2010 weiter voranschreiten und China das globale Wachstum anführen, sind durchaus weitreichende Verschiebungen innerhalb Asiens und im globalen Mächtegleichgewicht zu erwarten. Das Szenario einer G2, also einer engen Abstimmung zwischen den USA und der VRC, welche die Weltpolitik und Weltwirtschaft bestimmt, gewänne unter diesen Voraussetzungen an Konturen. Andererseits sind angesichts der strukturellen Defizite der chinesischen Volkswirtschaft und der Unsicherheit über die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft Rückschläge für die Volksrepublik China auf dem Weg zu einer Weltmacht weiterhin nicht ausgeschlossen.