Nächtliche Skyline von Shanghai

1.10.2005 | Von:
Prof. Dr. Thomas Heberer

Gesellschaft im Umbruch

Medien und Internet

In China gibt es mehr als 2000 Tages- und Wochenzeitungen sowie circa 3000 Rundfunk- und Fernsehstationen. Der Markt hat ganz neue Strukturen der Medienlandschaft geschaffen. Heute müssen sich vor allem die Printmedien stärker an den Interessen ihrer Kunden orientieren, um auf dem umkämpften Markt überleben zu können. Abgesehen von den Parteizeitungen sind politische Inhalte dadurch stärker in den Hintergrund getreten. Presse und Fernsehen berichten zunehmend auch über lokale Skandale, Korruptionsfälle und Ungerechtigkeiten. Sie werden allerdings nach wie vor strikt kontrolliert und zensiert, was ihre Berichterstattung sowie Kontrollfunktion deutlich einengt.

Die meisten städtischen und ländlichen Familien verfügen bereits über ein eigenes Fernsehgerät. Die größeren Tageszeitungen und Magazine stehen den Beschäftigten in der Regel in der Arbeitseinheit zur Verfügung. Ausgesprochen populär sind die vielen Abendzeitungen, die sich besonders um marktgerechte Informationen bemühen.

Alternative Informationsmöglichkeiten bietet das Internet. In den Städten besitzen immer mehr Menschen einen eigenen Computer und haben damit Zugang zum Internet. 2005 gab es in China über 100 Millionen Internetnutzerinnen und -nutzer. Einer chinesischen Untersuchung von 2003 zufolge nutzten 46 Prozent das Netz zur Informationsgewinnung, 32 Prozent zur Unterhaltung.
Nicht wenige Wissenschaftler in und außerhalb Chinas sehen das Internet als ein Instrument des politischen Wandels. Auch wenn der Staat sich um eine strenge Kontrolle des Internet bemüht, wächst die Zahl der Internetportale mit Nachrichten und aktuellen Informationen kontinuierlich. Gleichzeitig steigt der Anteil virtueller Gemeinschaften. Immer mehr Menschen beteiligen sich im Internet an politischen Diskussionen (wobei "politisch" nicht mit "regimefeindlich" gleichzusetzen ist) und definieren damit das Verhältnis Staat-Gesellschaft auf ganz neue Weise. Das Internet als zumindest partiell anonymes Instrument schafft eine kritische Öffentlichkeit. Aktive Internetnutzer greifen soziale Ungerechtigkeiten, vertuschte lokale Katastrophen, Straftaten oder Korruptionsfälle auf, informieren darüber und stellen sie zur Diskussion.
Inzwischen sind auch organisierte Formen der Interessendurchsetzung entstanden wie Online-Petitionen (etwa gegen die "Regulierung", das heißt Zensur von Internet-Veröffentlichungen, oder für die Unterstützung der Tian?anmen-Mütter - einer Initiative von Müttern, deren Kinder bei der Niederschlagung der städtischen Protestbewegung im Juni 1989 ums Leben gekommen waren). Gleichwohl bemüht sich der Staat um Kontrolle des Internets. Vor allem systemkritische ausländische Websites werden blockiert. Neben der Zensur werden zu Abschreckungszwecken von Zeit zu Zeit auch Cyber-Aktivisten verhaftet und zu hohen Haftstrafen verurteilt.

Situation der Frauen

Rechtlich sind Frauen den Männern gleichgestellt. Auch sind weit über 80 Prozent der Frauen im Erwerbsalter (16 bis 55 Jahre) berufstätig. Doch eine tatsächliche Gleichberechtigung setzt sich nur langsam durch. Dies gilt in stärkerem Maße für den ländlichen Raum, zeigt sich aber auch an den politischen Strukturen. In hohen politischen Ämtern finden sich nur wenige Frauen. Erst auf der mittleren Funktionärsebene wird ihr Anteil größer (20 bis 30 Prozent).

Die Mehrheit der Analphabeten der Altersgruppe zwischen 12 und 40 Jahren sind Mädchen und Frauen vom Land. Noch immer gilt eine Schulerziehung für junge Bäuerinnen als unwichtig. Bei Arbeitseinstellungen und Hochschulaufnahmen werden Frauen oftmals benachteiligt. Betriebe wollen vielfach keine Frauen einstellen. Dies wird mit der finanziellen Mehrbelastung der Unternehmen begründet, die durch bezahlten Schwangerschaftsurlaub und durch die Renten entstehen, die Frauen fünf Jahre früher als Männer erhalten. Zudem dürfen Frauen mit Säuglingen oder Kleinkindern keine Nachtschichten fahren. Auch unter den Schulabgängern, die keine Arbeit finden, überwiegt der Anteil an Frauen. Dies führte in Teilen der Bevölkerung zu der Auffassung, Frauen mit Kindern sollten besser zu Hause bleiben und ihren Arbeitsplatz Männern überlassen.

Frauen, so schrieb die zeitgenössische Schriftstellerin Zhang Jie in einem ihrer Romane, müssten doppelt so fleißig, intelligent und energisch sein, um das Gleiche wie ihre männlichen Kollegen erreichen zu können. Frauen mit Erfolg werden argwöhnisch betrachtet. Viele halten sie für aggressiv, kalt und rücksichtslos, ein Zeichen dafür, dass den Frauen berufliche Erfolge von Männern immer noch missgönnt werden.
Der Beitrag erschien zuerst in den Informationen zur politischen Bildung (Heft 289).