Nächtliche Skyline von Shanghai

7.8.2008 | Von:
Dr. Gudrun Wacker

Olympischer Moment

Werden die Spiele China verändern?

Die Olympischen Spiele 2008 sollen nach dem Willen der chinesischen Führung zeigen, wie weit das Land mit seinem Modernisierungskurs in den vergangenen dreißig Jahren gekommen ist: Die Rückkehr des Landes auf die Weltbühne, die Integration in die Weltwirtschaft und in die internationale Staatengemeinschaft sollen zelebriert werden.

Vom chinesischen Militär freigegebene Luftaufnahme der olympischen Sportstätten in Peking vom 2. August 2008. Rechts das Nationalstadion, auch "Vogelnest" genannt, auf der linken Seite das nationale Wassersportzentrum, auch unter der Bezeichnung "Water Cube" (Wasserwürfel) bekannt. Das Vogelnest ist Gastgeber der Eröffnungsfeier und Austragungsort der Leichtathletik-Wettbewerbe der Olympischen Spiele 2008, die am 8. August beginnen. Im Water Cube werden die Schwimm-Wettbewerbe ausgetragen. Hinter dem Water Cube ist das nationale Hallenstadion, in dem die Turn-Wettbewerbe stattfinden; dahinter befindet sich die Fecht-Halle.Aus Sicht der chinesischen Führung sollen die Olympischen Spiele 2008 das Schaufenster sein. Hier eine Luftaufnahme des Olympiageländes in Peking. (© AP)

Seit die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) über die Ausrichtung der Sommerspiele 2008 zugunsten der Stadt Peking gefallen ist, bereitet sich China auf dieses sportliche Großereignis vor. Die Freude über die Entscheidung war in China umso größer, als eine frühere Bewerbung um die Austragung der Spiele 2000 im Jahr 1993 gescheitert war. Aus Sicht der chinesischen Führung sollen die Olympischen Spiele 2008 das Schaufenster sein, durch das China zeigen kann, wie weit es mit seinem Modernisierungskurs in den vergangenen dreißig Jahren gekommen ist: Die Rückkehr des Landes auf die Weltbühne, die Integration in die Weltwirtschaft und in die internationale Staatengemeinschaft sollen zelebriert werden.

Die Vision der Olympischen Spiele in Peking, die die chinesische Führung unter dem Motto "one world, one dream" (eine Welt, ein Traum) umsetzen will, sind ein perfekt organisiertes Spektakel für die internationale Öffentlichkeit, das harmonisch und ohne Zwischenfälle abläuft. Durch die Ereignisse im Umfeld der Unruhen in Tibet und des olympischen Fackellaufes ist bereits jetzt fraglich, ob sich diese Vision noch wird umsetzen lassen. Denn ein Schatten liegt nun schon über dem Ereignis, der sich unter Umständen noch weiter ausdehnen und verfinstern kann.

Im Folgenden geht es um die Erwartungen und Herausforderungen, mit denen China im Vorfeld der Spiele umzugehen hat und die das Land praktisch von Beginn an einem Dilemma ausgesetzt haben. Ein weiterer Teil wird sich mit der Frage befassen, in welchen Bereichen die Vorbereitung auf die Spiele bereits zu - dauerhaften oder vorübergehenden - Veränderungen in China geführt hat. Im letzten Teil werden mögliche Szenarien vorgestellt, welche Auswirkung die Olympiade auf China haben könnte.

Herausforderungen und Erwartungen: Dilemma für China

Als Ausrichterland der Olympischen Spiele steht China verstärkt im internationalen Scheinwerferlicht von Medien, Öffentlichkeiten, Politikern und Parlamentariern, insbesondere im "Westen", also in Europa und den USA. Bereits einige Jahre vor dem sportlichen Großereignis entspann sich eine kontroverse Diskussion über die Vergabe der Spiele an China, über das Verkehrschaos in Peking, über die Qualität von Luft und Nahrungsmitteln, mit denen die Athleten vor Ort konfrontiert würden, über die Arbeitsbedingungen für ausländische und inländische Journalisten vor, während und nach den Spielen, aber auch über das Verhalten gegenüber Taiwan und die außenpolitische Rolle Chinas, beispielsweise im Sudan und der Krise in Darfur oder in Birma/Myanmar. Für jeden dieser Bereiche wurden, insbesondere von Nichtregierungsorganisationen (NGOs), Erwartungen formuliert und zum Teil für den Fall ihrer Nichterfüllung Boykottdrohungen in den Raum gestellt.

Auf die "handfesten" und praktischen Herausforderungen, die mit der Ausrichtung der Spiele verbunden waren, waren Peking und die chinesische Führung eingestellt: Der Bau von Sportstätten, Verkehrsinfrastruktur und neuen Hotels sowie die Begrünung der Stadt wurden in Angriff genommen, Pläne für die Milderung des Verkehrschaos erarbeitet, Schweine ohne Hormongaben (Doping!) für die Sportler gezüchtet, die Taxifahrer der Stadt zum Englischlernen angehalten und die Bewohner Pekings zu einem angemessenen Verhalten aufgerufen (nicht Spucken, ordentlich Schlangestehen). Um der mittlerweile dramatischen Wasserknappheit in Peking entgegenzuwirken, wurde seit Frühjahr 2008 Bauern in anderen Provinzen buchstäblich das Wasser abgegraben und in die Hauptstadt umgeleitet. China hatte "grüne Spiele" versprochen, nicht nur in botanischer Hinsicht, sondern auch mit Blick auf ökologische Standards bei den Bauten.

Offensichtlich sind mit dem Zuschlag des IOC für die Ausrichtung der Olympischen Spiele aber auch auf einem anderen Gebiet weit reichende Hoffnungen und Erwartungen geweckt worden: China sollte sich im Laufe der Vorbereitungen auf dieses Ereignis zum Positiven (aus westlicher Sicht) verändern. Häufig stützen sich solche Hoffnungen auf die Erfahrung der Sommerspiele im Jahr 1988 in Seoul, als Südkorea einen Öffnungsschub erlebte. China selbst hat dieser optimistischen Interpretation in gewisser Weise Vorschub geleistet, indem einer der Hauptverantwortlichen für die Organisation der Spiele in Peking, Vize-Bürgermeister Liu Jingmin, nach der Entscheidung des IOC für Peking erklärte, dies werde der Entwicklung der Demokratie und den Menschenrechten in China zugute kommen. Kritiker Chinas dagegen glaubten von vornherein nicht an eine solche Veränderung, sondern sahen die Gefahr, dass die chinesische Führung durch die Olympischen Spiele zusätzliche internationale Legitimation erhält. Sie zogen Parallelen zwischen Peking 2008 und Berlin 1936.

Durch die Ereignisse in Tibet im März 2008 hat sich die Debatte mittlerweile zugespitzt und massiv emotionalisiert. Die Zeremonie in Athen und der olympische Fackellauf wurden durch anti-chinesische Demonstrationen gestört, letzterer musste sogar abgebrochen, unterbrochen, umgeleitet und verkürzt werden. Offenbar symbolisiert die Fackel aus Sicht der Demonstranten nicht mehr die olympische Idee, sondern sie steht für das Regime in Peking, das durch sein Vorgehen gegen demonstrierende Tibeter einmal mehr sein wahres Gesicht gezeigt hat. Mittlerweile scheinen die Hoffnungen auf eine Wiederholung von Seoul 1988 zerstoben; der ebenso verfehlte Vergleich mit Berlin 1936 ist zum vorherrschenden Bild geworden.

Einen ersten Höhepunkt erlebten Kundgebungen, Demonstrationen und Medienaufmerksamkeit bereits ein Jahr vor Eröffnung der Spiele am 8. August 2007, als verschiedene Gruppen in China demonstrierten: Reporter ohne Grenzen, eine internationale NGO, die sich für Meinungs- und Pressefreiheit einsetzt, entrollte ein Spruchband auf einer Brücke in Peking, eine andere Gruppierung demonstrierte an der Großen Mauer für ein freies Tibet, und eine Gruppe chinesischer Intellektueller und Aktivisten stellte in einem offenen Brief an die oberste politische Führung Chinas einen Katalog mit Forderungen im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen zusammen, wie zum Beispiel eine Amnestie für chinesische Dissidenten im Ausland, damit diese zu den Spielen nach Peking reisen können, mehr Rechte und Sicherheit für die Wanderarbeiter, die mit dem Bau der Sportstätten betraut sind, sowie die Einsetzung eines Bürgergremiums zur Aufsicht über die Finanzausgaben im Zusammenhang mit den Spielen.[1]

Spätestens zu diesem Zeitpunkt muss der Führung klar geworden sein, dass die Spiele eine ideale Plattform dafür bieten, die in- und ausländische Aufmerksamkeit auf Missstände in China zu richten, seien es nun Menschenrechtsverletzungen, fehlende Rechtsstaatlichkeit oder Korruption. Die Sicherheitsprobleme, die sich vor und während der Spiele stellen, wurden damit ebenfalls augenfällig: Es könnten terroristische Anschläge drohen, oder unerwünschte Personen, wie zum Beispiel Anhänger der in China verbotenen Sekte Falun Gong, könnten versuchen, einzureisen und die Spiele zu stören. Auch das Unruhepotential in China selbst ist hoch: Wanderarbeiter, deren Unterkünfte abgerissen wurden, von ihrem Boden vertriebene Bauern, die als Bittsteller in Peking Gerechtigkeit suchen, und andere Gruppen in der Bevölkerung machen ihrem Unmut zum Teil Luft - nach offiziellen Angaben des Ministeriums für öffentliche Sicherheit in China finden im ganzen Land jährlich circa 80 000 (2005: 87 000) kleinere und größere Protestaktionen statt.

Aber auch zur Erledigung der konkreten Aufgaben, die von Peking im Vorfeld der Spiele zu bewältigen waren, wurden Mittel eingesetzt, die im Ausland Kritik hervorriefen, wie beispielsweise die Zwangsräumung von Wohnungen in Peking, um unter anderem Platz für neue Straßen und den Ausbau der U-Bahn zu machen. Die Umgesiedelten, über deren Zahl die Angaben erheblich schwanken, wurden teilweise gut entschädigt, teilweise offenbar nicht oder nicht ausreichend.[2] Das Heer der Wanderarbeiter, die den Hauptteil der Bauarbeiten im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen verrichten, wird gegenüber der Stadtbevölkerung durch verschiedene Maßnahmen benachteiligt. Insbesondere sind sie üblicherweise ohne Sozial-, Arbeitslosen- oder Krankenversicherung, und ihre Kinder haben kein Anrecht auf Zulassung in den Schulen. Bittsteller, die nach Peking gekommen sind, um durch Petitionen zu ihrem Recht zu kommen, und andere "unliebsame Elemente" wie Bettler, werden aus der Stadt entfernt; die Einreise von bekannten china-kritischen bzw. -feindlichen Personen, wie Anhänger von Falun Gong, soll durch Aufstellung einer "Schwarzen Liste" und durch striktere Handhabung von Visumsvorschriften möglichst verhindert werden. In den Landesteilen, in denen Tibeter demonstriert haben, wird versucht, möglichst schnell "Ruhe und Ordnung" wiederherzustellen - unter anderem durch eine Erziehungskampagne. Die hier zum Einsatz kommenden Mittel rufen im Westen Kritik hervor und bieten weitere Anlässe für Boykottforderungen.

Die chinesische Führung befindet sich im Dilemma, denn ihre Vorstellung von perfekten Olympischen Spielen lassen solche Maßnahmen in ihren Augen notwendig und gerechtfertigt erscheinen. Die Kritik von außen (und teilweise von innen, wie im oben erwähnten offenen Brief) kann China nicht von seinem Weg abringen. Es kann aber auch nicht den Erwartungen gerecht werden, die im Zusammenhang mit den Spielen an sie herangetragen werden. Ein positiver Schritt war das Inkrafttreten von neuen Vorschriften für die Arbeit ausländischer Journalisten in China am 1. Januar 2007. Die Regeln sahen vor, dass ausländische Medienvertreter sich frei in ganz China bewegen und ohne vorherige Genehmigung durch die Behörden Interviews führen können. Ihre Geltungsdauer sollte zwar auf den Zeitraum bis zum Abschluss der Olympischen Spiele begrenzt sein, jedoch gab es Andeutungen aus offiziellen Kreisen, dass sie in Kraft bleiben könnten, wenn sie sich bewähren. Im Westen, insbesondere in Europa und den USA, wurden die verbesserten Arbeitsbedingungen zwar begrüßt, jedoch erschienen auch umgehend Artikel, die ihre zeitliche Beschränkung kritisierten sowie die Tatsache, dass die chinesischen Kollegen nicht in ihren Genuss kommen sollten. Aus chinesischer Sicht konnte dies so interpretiert werden, dass durch Zugeständnisse lediglich neue Forderungen erzeugt werden. Ähnlich war die Erfahrung mit den Konflikten um Sudan (Darfur) und Birma/Myanmar: China ernannte für Darfur im Frühjahr 2007 einen Sonderbeauftragten, der sich in Khartum für die Zulassung einer UN-Friedenstruppe einsetzte, und es erwirkte nach den Unruhen und Protesten der Mönche in Birma, dass der Sonderbeauftragte des UN-Generalsekretärs in das Land reisen konnte. Aber die Kritik an Chinas außenpolitischem Verhalten - der Unterstützung für autoritäre Regime trotz massiver Menschenrechtsverletzungen - verstummte nicht. Das Wort von der "Genozidolympiade", mit dem China praktisch für die Situation in Darfur verantwortlich gemacht wurde, macht weiterhin die Runde.


Publikation zum Thema

apuz

Sportpolitik und Olympia

Zweifellos wird China seine Chance als Gastgeber der Olympischen Spiele sportlich und ökonomisch nutzen. Ob die Spiele auch gesellschaftlich etwas bewirken, wird sich erst viel später zeigen. Weiter...

Zum Shop

Publikationen zum Thema

Volksrepublik China

Volksrepublik China

Die Volksrepublik China befindet sich mitten in einem rasanten wirtschaftlichen Wandel mit tief grei...

Coverbild Maos Großer Hunger

Maos Großer Hunger

Der von Mao Zedong initiierte "Große Sprung nach vorne" sollte China zu den großen Industrienation...

apuz

China

China hat 2009 den langjährigen Exportweltmeister Deutschland auf den zweiten Platz verwiesen und J...

Länderbericht China

Länderbericht China

Die Volksrepublik China ist zur Weltmacht aufgestiegen. Kenntnisse der geschichtlichen, politischen,...

Coverbild Die Große Mauer in den Köpfen

Die Große Mauer in den Köpfen

Entfremden sich China und der Westen mehr und mehr? Der Politikwissenschaftler Xuewu Gu konstatiert ...

Coverbild Wandkarte China

Wandkarte China

Die Volksrepublik China ist ein zunehmend wichtiger Akteur in der Weltpolitik und ein globaler ökon...

Coverbild Kulturrevolution

Kulturrevolution

Im Frühjahr 1966 entfesselte Mao Zedong, der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Chinas, die "Gr...

Zum Shop

Mediathek

Shanghai - Hauptstadt des 21. Jahrhunderts?

Mit dem aufstrebenden China rückt auch die Weltstadt Shanghai immer mehr in den Mittelpunkt. Vor welchen Herausforderungen steht die bedeutendste Industriestadt der VR China?

Jetzt ansehen