Dossierbild Polen

14.5.2012 | Von:
Annegret Haase

Analyse: Schrumpfung als Herausforderung für polnische Großstädte

Typical buildings on the Town Square in Poznan, Poland, EuropeDie Altstadt von Posen (© picture alliance/Robert Harding World Imagery )

Zusammenfassung

Stadtschrumpfung ist seit den 1990er Jahren in verstärktem Maße ein Thema für viele polnische Großstädte. Besonders altindustrielle Städte sind davon betroffen. Mittlerweile stellt der Bevölkerungsschwund – zumal aufgrund seiner alters- und berufsgruppenbezogenen Selektivität – ein ernstes Problem für zahlreiche Städte dar. Strategien für den Umgang mit der Schrumpfung zu finden, ist eine aktuelle Anforderung an Politik und Planung geworden. Damit reihen sich diese polnischen Großstädte in eine europäische Stadtlandschaft ein, in der Schrumpfung mittlerweile zu einem »normalen« Entwicklungspfad geworden ist – Mitte der zurückliegenden Dekade schrumpften 40 % aller Städte über 200.000 Einwohner. Vor diesem Hintergrund skizziert der vorliegende Beitrag die Situation der Stadtschrumpfung in Polen generell und bietet einen Überblick zu Zahlen, Trends und Ursachen. Der Fokus richtet sich auf die Großstädte. Anhand der Fallbeispiele Sosnowiec (Sosnowitz) und Bytom (Beuthen) in Oberschlesien werden die Folgen der Schrumpfung und der Umgang damit in den betroffenen Städten thematisiert.

Der Blick auf die postsozialistische Stadt in Polen wird noch immer stark vom Modell der nachholenden Modernisierung geprägt und damit implizit von der Annahme mehr oder minder kontinuierlichen Wachstums. Stadtentwicklungswege »jenseits des Wachstums«, welche durch Bevölkerungsverluste, Alterung und multidimensionale Schrumpfungsprozesse charakterisiert sind, werden kaum diskutiert.

In der Gegenwart vieler Großstädte Ostmitteleuropas und damit auch Polens bietet sich jedoch ein anderes Bild: Stadtschrumpfung wird hier seit den 1990er Jahren für viele Großstädte immer aktueller. Insbesondere altindustrielle Städte wie Łódź (Lodz) oder die oberschlesische Agglomeration sind davon betroffen, einige sogar bereits vor 1990. Im Zusammenhang mit den teilweise gravierenden Einwohnerverlusten entsteht allmählich auch eine Debatte um Stadtschrumpfung. Damit reihen sich die polnischen Städte in eine europäische Großstadtlandschaft ein, in der Schrumpfung mittlerweile zu einem »normalen« Entwicklungspfad geworden ist – internationalen Analysen zufolge schrumpften Mitte der zurückliegenden Dekade 40 % aller Städte über 200.000 Einwohner.

Während im westlichen Europa viele schrumpfende Städte über eine jahrzehntelange Erfahrung im Umgang mit diesem Phänomen verfügen, traf das Thema Schrumpfung die polnischen Städte nach dem Umbruch unvorbereitet. Zunächst wurden Einwohnerrückgänge eher als Erleichterung wahrgenommen, da die Wohnungsmärkte in Polen nach wie vor von einem akuten Nachfrageüberhang gekennzeichnet sind. Die mit wirtschaftlicher Schrumpfung einhergehenden Arbeitsplatzverluste, die rasche Zunahme von Industriebrachen sowie die immer mehr um sich greifende Suburbanisierung wurden als unvermeidliche Folgen der postsozialistischen Transformation interpretiert.

Mittlerweile stellt der Bevölkerungsschwund – zumal aufgrund seiner alters- und berufsgruppenbezogenen Selektivität – ein ernstes Problem für zahlreiche Städte dar. Strategien für den Umgang mit der Schrumpfung zu finden, ist eine aktuelle Anforderung an Politik und Planung geworden. In einigen Städten kommt es verstärkt zu selektivem baulichem Verfall und Leerstand, einer Zunahme brachliegender Flächen, für die keine Nachnutzung gefunden werden kann, einer Unternutzung der öffentlichen Infrastruktur, zu finanziellen Engpässen etc. Oft stehen wachsenden Problemen rückläufige Einnahmen durch Steuerbeiträge gegenüber.

Vor diesem Hintergrund skizziert der vorliegende Beitrag die Situation der Stadtschrumpfung in Polen generell und bietet einen Überblick zu Zahlen und Trends sowie zu den Ursachen. Der Fokus richtet sich auf die Großstädte. Anhand der Fallbeispiele Sosnowiec (Sosnowitz) und Bytom (Beuthen) in Oberschlesien werden die Folgen der Schrumpfung und der Umgang damit in den betroffenen Städten thematisiert.


Bevölkerungsentwicklung der großen Städte: Zahlen und Trends

Themen wie der demographische Wandel spielen vor dem Hintergrund zunehmender Alterung und sinkender Geburtenraten auch in Polen mittlerweile eine prominente Rolle in Wissenschaft und Öffentlichkeit. Jedoch blieb das Echo seitens der Stadtforschung und der städtischen Praxis darauf bislang eher gering. Zwar gibt es Arbeiten, in denen von »demographischer Depression«, »Entvölkerung« oder »Entleerung« (kaum jedoch über »Schrumpfung« wie in Deutschland) gesprochen wird, doch bleibt das quantitative Wachstumsparadigma der wichtigste Bezugsrahmen von Stadtentwicklung.

In den 1950er bis 1970er Jahren zählten Großstädte in Polen zu den Hauptgewinnern der Zuwanderung im Zuge der Industrialisierung. In den 1980er Jahren verringerte sich dieses dynamische Wachstum beträchtlich, vor allem als Folge wirtschaftlichen Niedergangs und einer demzufolge zurückgehenden Land-Stadt-Wanderung. Selbst die größten Städte wiesen nur noch geringe Zuwächse auf, einige stagnierten bereits. Textil- oder Bergbauzentren wie Lodz, Zabrze oder Beuthen hatten bereits vor 1989 immer wieder Einwohner verloren.

Mit Beginn der postsozialistischen Transformation beschleunigte sich der Bevölkerungsverlust in den meisten Städten. Von 1990 bis 2009 verloren polnische Großstädte mit über 100.000 Einwohner insgesamt etwa 432.000 Menschen bzw. 4 % ihrer Bevölkerung, derzeit etwa vergleichbar mit der Größenordnung von Gdańsk (Danzig) oder Szczecin (Stettin). Zu den Verlusten trugen sowohl die berufsbedingte Abwanderung als auch ein zurückgehendes natürliches Bevölkerungswachstum aufgrund einbrechender Geburtenraten bei. Anders als in vielen anderen europäischen Ländern wurden diese Verluste nicht durch ausländische Zuwanderung aufgefangen – bis vor kurzem war Polen noch ein Land, das für ausländische Zuwanderer wenig attraktiv war. Jedoch hat sich dies spätestens seit dem EU-Beitritt im Jahr 2004 geändert. Zuwanderung spielt nunmehr eine wachsende Rolle, nicht nur in Warszawa (Warschau) oder Kraków (Krakau). Allerdings steht sie rein zahlenmäßig in keinem Verhältnis zur Abwanderung.

Die Bevölkerungsverluste waren und sind vor allem in altindustriellen Städten ein Thema. So verloren zum Beispiel Lodz oder Kommunen im oberschlesischen Industriegebiet bereits seit Ende der 1970er bzw. Anfang der 1980er Jahre Bevölkerung. Durch den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturwandel nach 1989 beschleunigten sich diese Prozesse, denn neue »Motoren« wie Suburbanisierung und Abwanderung kamen hinzu. Die altindustriellen Großstädte waren in besonders starkem Maße betroffen: So verringerte sich die Einwohnerzahl in Lodz zwischen 1990 und 2009 um 12 %, in Katowice (Kattowitz) um 16 %, in Sosnowiec um 15 % oder in Beuthen sogar um 21 % (siehe Tabelle 3). Diese Zahlen lassen Parallelen zu Entwicklungen in Ostdeutschland nach 1990 erkennen. Allerdings sind bislang keine vergleichbaren Wirkungen auf dem Wohnungsmarkt festzustellen. Wohnungsleerstände als Folge der Schrumpfung spielen in Polen noch kaum eine Rolle. Ein Abriss von Wohngebäuden findet nur aufgrund baulicher und technischer Mängel statt.

Ausnahmen bildeten bislang die im Sozialismus stark gewachsenen Städte in den östlichen (und teilweise auch westlichen) Landesteilen – Städte wie Białystok, Lublin, Rzeszów oder aber Zielona Góra (Grünberg), die nach der Grenzverschiebung 1945 zu neuen Regionalzentren aufgestiegen waren und von der Industrialisierung profitiert hatten. Hier findet nach wie vor eine (vor allem junge bzw. jüngere) Land-Stadt-Wanderung statt oder aber die Bevölkerung bleibt zumindest weitgehend stabil.

Zahlen zur Bevölkerungsentwicklung polnischer Städte lassen sich zum einen aus Zensusdaten, zum anderen aus Registerdaten ermitteln. Diese stimmen jedoch nicht immer überein. Damit wird es schwierig, die tatsächliche Entwicklung zu erfassen, vor allem dann, wenn Realentwicklung und Statistik in unterschiedliche Richtungen zu laufen scheinen. Das betrifft insbesondere wirtschaftliche prosperierende Großstädte wie Warschau, Krakau, Poznań (Posen) oder Wrocław (Breslau), wo sich aus den Zahlen der Interzensusperiode ein Zuwachs erkennen lässt, während die Registerdaten eine Bevölkerungsabnahme für den gesamten Zeitraum veranschlagen. Für Warschau beläuft sich der Unterschied zwischen Zensus- und Registerzahl für das Jahr 2002 auf etwa 65.000 Einwohner, eine beträchtliche Zahl an »real existierenden« Einwohnern also, die erfasst wurden, ohne dass sie offiziell registriert waren. Für Krakau und Breslau lagen diese Zahlen bei 18.000 bzw. 7.000. Diese Entwicklung lässt sich damit begründen, dass die genannten Städte nicht zu den Zentren der Bergbau-, Schwer- und Textilindustrie zählten, die die größten Verluste zu verzeichnen haben, und dass sie gleichzeitig Universitäts- und Dienstleistungszentren ersten Ranges in Polen darstellen, die vor allem junge Zuwanderer anziehen, die sich jedoch häufig nicht registrieren lassen und somit in den Registerdaten nicht auftauchen, wohl aber beim Zensus.

Schrumpfung beherrscht nicht nur die Gegenwart zahlreicher polnischer Städte – sie könnte auch in Zukunft ein wesentlicher, vielleicht sogar der dominierende Stadtentwicklungspfad in Polen sein. Prognosen des Statistischen Hauptamts (Główny Urząd Statystyczny – GUS) in Warschau gehen für zahlreiche große Städte Polens von weiteren dramatischen Bevölkerungsverlusten bis 2035 aus, insbesondere für altindustrielle Städte wie Lodz oder Städte in Oberschlesien, jedoch werden ebenso für das boomende Posen weitere deutliche Verluste angenommen. Dies wird mittelfristig zu einschneidenden Konsequenzen für die lokalen Wohnungs- und Arbeitsmärkte, die Auslastung der städtischen Infrastruktur, die kommunalen Haushalte und öffentliche wie private Investitionen führen. Danzig, Krakau oder Breslau sollen mehr oder weniger stabil bleiben, Warschau dagegen soll weiter wachsen (siehe Tabelle 2).


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