Dossierbild Polen

4.7.2012 | Von:
Prof. Dr. habil. Marek S. Szczepański, Prof. Dr. habil. Anna Śliz, Soziologin

Analyse: Die Bewegung für die Autonomie Schlesiens (RAŚ)

Die Region Oberschlesien ist ein zentraler Ort deutsch-polnischer Geschichte. Die wechselnde staatliche Zugehörigkeit hat Oberschlesien stark geprägt und sorgte immer wieder für gesellschaftlichen Zündstoff. In dieser Analyse wird das Tätigkeitsfeld der "Bewegung für die Autonomie Schlesiens" beleuchtet und in den Kontext der entscheidenden geschichtlichen Hintergründe gestellt.

Town signs in Polish and German language, which inform that you are leaving Lubowice/Lubowitz town, were unveiled and blessed on Thursday, September 4, 2008. PAP/Andrzej Grygiel +++(c) dpa - Report+++Lubowice in Oberschlesien wurde 2008 die erste polnische Stadt mit zweisprachigem Ortsschild. (© picture-alliance/dpa)

Oberschlesien, der Wirkungsort von RAŚ, ist vor dem Hintergrund anderer Regionen in Polen eine spezifische Region. Es ist dies ein Landstrich mit einer ungewöhnlichen und schwierigen Geschichte, der sich in das Schicksal von mehreren Ländern einschreibt, und spezifischen zwischenmenschlichen Beziehungen und Wertesystemen. Seit der Zeit der Schlesischen Piasten (12. Jh.) stieg der Anteil der deutschen Bevölkerung systematisch, was bei den Polen Unzufriedenheit hervorrief, die sich »wie bei den Deutschen auf der linken Seite der Oder« fühlten (Szaraniec 2007: 7). Die Unterordnung der oberschlesischen Herzogtümer unter die Böhmische Krone verband diese Region mit dem Gebiet der böhmisch-deutschen Kultur, in der bis zum 18. Jahrhundert die tschechische Sprache verbindlich war, wobei ab dem 16. Jahrhundert die deutsche Sprache hinzutrat. In Folge der drei Schlesischen Kriege im 18. Jahrhundert fand sich die oberschlesische Region zum größten Teil in den Grenzen Preußens wieder. In der Region lebten Polen, Deutsche, Mähren (Tschechen), Juden sowie national indifferente Bürger (Szaraniec 2007: 7–8). Der Erste Weltkrieg, das Plebiszit und die drei Schlesischen Aufstände hatten zur Folge, dass sich der größere Teil der oberschlesischen Region dann in den Grenzen Polens befand. Polen wurde nach dem Zweiten Weltkrieg ein Teil des sozialistischen Systems, das von der UdSSR dominiert wurde. Die damaligen Machthaber strebten die Integration des kulturell und national ausdifferenzierten Oberschlesien an. Es wurde ein entsprechendes Schul- und Bildungssystem eingeführt und die Medien wurden entsprechend programmiert. Die Kultivierung der Traditionen der nationalen und ethnischen Minderheiten fand ausschließlich im privaten Bereich statt, in häuslicher Umgebung, oft unter dem Schutz der Kirche, vor allem der katholischen, wenn auch nicht ausschließlich. Das öffentliche Leben wurde von der polnischen Nationalkultur dominiert, und die Kultur der Minderheiten zu zeigen, war infolge der repressiven Politik nur in einem sehr begrenzten Bereich möglich. Erst als Polen den Weg der Freiheit und Demokratie betrat, entstand eine Atmosphäre des kulturellen Pluralismus, dessen Resultat das heutige Oberschlesien mit seiner nicht nur kulturellen, sondern auch politischen Vielfalt ist (Śliz 2009: 158–159). Erst da hat sich gezeigt, dass die bisher national und ethnisch einheitlichen Regionen Polens von verschiedenen Minderheiten bewohnt werden, zu denen man auch die Oberschlesier zählen kann.

Oberschlesien: eine kulturelle und politische Grenzregion

Die Geschichte Oberschlesiens bestimmt diese Region als eine kulturelle Grenzregion, d. h. im Verhältnis zu den politisch-administrativen Zentren an der Peripherie gelegen, aber gleichzeitig mit einem deutlichen Bewusstsein der eigenen Andersartigkeit. Trotz der Randlage stand diese Region als Industriegebiet neben dem Ruhrgebiet an zweitwichtigster Stelle zunächst in Preußen und später [ab 1871 – d. Red.] dem vereinigten Deutschland. Die Dampfmaschinen, die hier aufgestellt wurden, gehörten zu den ersten auf dem Kontinent, hier wurde die Nivea Creme entwickelt, die Dusche erfunden, und es wurden früh Straßenbahnen in Betrieb genommen. Hier wurde auch eine verbreitete Alphabetisierung festgestellt, und zwölf Bewohner des historischen Schlesien wurden mit dem Nobelpreis in den Bereichen Physik, Chemie und Ökonomie ausgezeichnet.

Die regionale Ausprägung der Kultur ist dabei, wie bereits erwähnt, ein Ergebnis der langjährigen Durchdringung vieler Kulturen und Traditionen unterschiedlicher Herkunft (Staszczak 1978; Kwaśniewski 1982; Rykiel 1990). Eine charakteristische Eigenschaft dieser Grenzregion ist die Tatsache, dass sie im Laufe der Jahrhunderte von unterschiedlichen kulturellen, politisch-administrativen und ökonomischen Systemen beeinflusst wurde. Infolge dessen kennzeichnen die hier lebende Bevölkerung uneindeutige und verschiedene nationale Optionen und ist die nationale Indifferenz keine marginale Erscheinung. Die sich ändernde staatliche Zugehörigkeit Schlesiens, die typisch für eine Randregion ist, ist ein wesentlicher und folgenschwerer historischer Prozess. Unternimmt man einen historischen Schnelldurchgang, dann befand sich Oberschlesien in den letzten zehn Jahrhunderten im großmährischen, böhmischen, polnischen, wieder im böhmischen, im österreichischen, preußischen und nach der Volksabstimmung im polnischen, deutschen und tschechischen politischen Einflussgebiet. Eine wesentliche Feststellung ist, dass Schlesien seit frühester Geschichte in kultureller und zivilisatorischer Hinsicht, und nicht nur in geografischer, ein Teil Europas war und dessen Schicksal teilte, wobei es gleichzeitig seine eigene Besonderheit bewahrte.

Die wechselnde staatliche Zugehörigkeit spielte bei der Desintegration und der Dekonstruktion der schlesischen regionalen Gemeinschaft eine besondere Rolle. Man kann sagen, dass das Plebiszit (20. März 1921) und die drei Schlesischen Aufstände (August 1919, August 1920, Mai bis Juli 1921) die Prozesse der Desintegration gewaltig beschleunigten. Die regionale Gemeinschaft, die mit Oberschlesien und den Kleinregionen stark verbunden war und deren nationale Optionen unterschiedlich, teilweise auch national indifferent oder labil waren, wurde zu eindeutigen Erklärungen ihrer nationalen Zugehörigkeit gezwungen. Die Einteilung infolge des Plebiszits war eine im damaligen Mitteleuropa nicht bekannte Vivisektion, denn im Ergebnis politischer Entscheidungen wurde ein territorial und gesellschaftlich geschlossenes Gebiet zerteilt. Der oberschlesische Stammeszusammenhalt wurde dauerhaft und unumkehrbar verletzt. An dieser Stelle sollen nicht die Dilemmata bewertet werden, die mit einer historischen Gerechtigkeit oder den dramatischen Folgen des Ersten Weltkriegs verbunden sind. Solche Dilemmata kann man ganz historiosophisch auf der Ebene der Interessen von Staaten und ganzer Nationen betrachten. Wir stellen nur die Teilung nach dem Ersten Weltkrieg und der Volksabstimmung heraus sowie deren Auswirkungen, die auf regionaler Ebene wahrnehmbar sind.

Mit Blick auf das politische Schicksal Oberschlesiens scheint die Gründung der Woiwodschaft Schlesien nach dem Ersten Weltkrieg die bedeutendste Entscheidung gewesen zu sein. Dies geschah durch ein Gesetz (15. Juli 1920) des Gesetzgebenden Sejm der Republik Polen. Diese administrativ-politische Einheit wurde als Vereitelung der Autonomiebemühungen und der separatistischen Bestrebungen betrachtet, die vorher in den Aktivitäten von Hans Georg von Praschma, Karl Ulitzka, Hans Lukaschek, Ewald Latacz und auch Wojciech Korfanty (1907 in den Reichstag gewählt), Adam Napieralski und Jan Kapica zum Ausdruck gekommen waren. Sie alle verfolgten – wenn auch aus sehr unterschiedlichen Gründen – in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts die Ablösung Oberschlesiens von der schlesischen Provinz und die Verleihung eines autonomen Status, zunächst in den Grenzen Preußens, dann in den Grenzen Polens.

Die Woiwodschaft Schlesien begann erst als selbständige administrative Einheit zu funktionieren, als das polnische Militär in den im Plebiszit Polen zugesprochenen Teil einrückte (zwischen dem 17. Juni und dem 4. Juli 1922). Der Gesetzgebende Sejm verlieh der neu geschaffenen Woiwodschaft Autonomie; symbolträchtige Institutionen waren der Schlesische Sejm und der Schlesische Fiskus, eine Art regionales Schatzministerium. Der Schlesische Sejm erhielt breitgefächerte Kompetenzen in der Innenpolitik und dem Alltag der Woiwodschaft, jedoch nicht in Außenangelegenheiten und Angelegenheiten des Militärs. Unterstrichen werden muss auch, dass der Schlesische Sejm, der zumindest formell mit ausgebauten gesetzgeberischen Kompetenzen ausgestattet war, nach dem Maiputsch (1926) durch den einflussreichen Woiwoden Michał Grażyński beschränkt wurde, den die Zentralregierung und Marschall Józef Piłsudski unterstützten (Klich 2007).

Eine eigene Institution war der Schlesische Fiskus und der mit ihm verbundene Grundsatz der Tangente, d. h. die Einbehaltung von zirka 50 Prozent der schlesischen Einnahmen, während die übrigen 50 Prozent der Republik Polen zugeführt wurden. Das Ende der regionalen Autonomie Schlesiens wurde per Gesetz vom 6. Mai 1945 festgelegt. Viele regionale Forscher zweifeln allerdings die Rechtmäßigkeit dieser politischen Entscheidung an, die von den kommunistischen Machthabern der Nachkriegszeit getroffen wurde. Die Transformation Polens in den 1990er Jahren legte erneut die Träume von einer autonomen Region Schlesien frei.

RAŚ: Akteure und Ideen

Die Transformation des Systems der Republik Polen brachte wichtige Veränderungen in der gesellschaftlichen und politischen Landschaft der Region Oberschlesien mit sich. Am 14. November 1989 wurde eine deutsch-polnische Erklärung unterzeichnet, in der die Existenz der deutschen Minderheit bestätigt wurde, die vor allem, aber nicht nur, in Oberschlesien lebt. Im Juni 1991 wurde zwischen der Republik Polen und der Bundesrepublik Deutschland der Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit unterzeichnet. Dieses Dokument regelt auch Angelegenheiten der deutschen Minderheit und ihrer Repräsentanten, die ihre kulturelle Identität pflegen und aktive Teilnehmer des politischen Lebens wurden und gewählte Vertreter in den Sejm und in die lokalen Gremien entsenden.

Im Ergebnis der politischen Umgestaltungen fiel der Bewegung für die Autonomie Schlesiens (RAŚ) auf der politischen Bühne Oberschlesiens eine wichtigere Rolle zu. Diese Gesellschaft wurde im Januar 1990 von Menschen aus Oberschlesien gegründet, in der ersten Phase existierte sie unter dem Namen Ruch na rzecz Autonomii Śląska in Rybnik. Im Jahr 2001 entstand die Region Oppeln von RAŚ mit Sitz in Oppeln (Opole). RAŚ in Oppeln umfasst die Kreise von RAŚ auf dem Gebiet der Woiwodschaft Oppeln. Das Gründungskomitee von RAŚ bestand aus 16 gebürtigen Schlesiern und das Bergwerk Pniówek (im Dorf Pniówek) gilt als der Ort, wo die Bewegung entstand (Kijonka-Niezabitowska 2008: 507–508). Seit dem 27. Januar 2001 ist die Gesellschaft unter dem Namen Ruch Autonomii Śląska mit Sitz in Rybnik tätig. Seit einigen Monaten hat die Zentrale ihren Sitz in Kattowitz. Heute gehören zu RAŚ 7.000 Mitglieder, die in der Mehrheit in der Woiwodschaft Schlesien leben. Das grundlegende Ziel, das in den Statuten festgelegt wurde, ist die Gründung einer autonomen Region in den historischen Grenzen Oberschlesiens. Im Statut von RAŚ werden weitere Ziele ausgeführt: »[…] 1. die Erlangung der Autonomie Schlesiens im Kontext einer ausgereiften Dezentralisierung der Republik Polen; 2. die Weiterentwicklung der regionalen Identität unter den Einwohnern Schlesiens und anderer Regionen der Republik Polen; 3. die Gestaltung und Entwicklung einer aktiven zivilgesellschaftlichen Haltung in der Bevölkerung Schlesiens; 4. die Beteiligung an der Integration aller Einwohner Schlesiens ohne Rücksicht auf die ethnische Option; 5. Aktivitäten mit dem Ziel des Schutzes der Umwelt und des materiellen und geistigen Erbes der Vorfahren; 6. die Verbreitung der Menschenrechte und der bürgerlichen Freiheiten; 7. Aktivitäten zugunsten der europäischen Integration sowie die Förderung von Kontakten und der Zusammenarbeit zwischen den Gesellschaften; 8. Pflege kultureller und wirtschaftlicher Kontakte zur schlesischen Diaspora sowie emotionaler Bindungen zwischen dieser und der Heimat; 9. die Entwicklung und Gestaltung eines positiven Image von Schlesien; 10. die Förderung der vielfältigen schlesischen Sprache und Rede.« Um die klar formulierten Ziele umzusetzen, ruft RAŚ seine Mitglieder u. a. zu großem Engagement im öffentlichen Leben auf, zu Tätigkeiten zugunsten der lokalen Gemeinschaften, zur Unterstützung von Aktivitäten in den Bereichen Kultur, Bildung und Jugendarbeit sowie dazu, für die Idee der Autonomie und des Regionalismus einzutreten. In diesem Zusammenhang müssen die von RAŚ organisierten Oberschlesischen Tage des Erbes, die Aktionen zur Rettung postindustrieller Anlagen und zahlreiche (reale und virtuelle) Bildungsveranstaltungen genannt werden.


Polen

Dossier

Deutsch-polnische Beziehungen

Deutsche und Polen verbindet eine schwierige Beziehung, die noch immer überschattet wird von den deutschen Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs. Wie stehen die beiden Staaten heute zueinander?

Mehr lesen