Dossierbild Polen

16.10.2012 | Von:
Reinhold Vetter

Analyse: Mehr als ein Fußballfest – Die EM 2012

Für Polen war die Fußball-Europameisterschaft EURO 2012 ein wichtiger Erfolg. Die Infrastrutur des Landes wurde modernisiert, auch wenn manche Vorhaben nicht erledigt wurden. Die Organisation funktionierte trotz kleiner Pannen. Die innere Sicherheit wurde gewährleistet, ohne dass Polen als Polizeistaat auftrat. Polen präsentierte sich als weltoffenes, gastfreundliches Land.

POLEN , WARSCHAU : Fußball, WM-Qualifikation : Polen - England am 16.10.2012. Blick in das Nationalstadion in Warschau - aufgrund der sintflutartigen Regenfälle kann das Spiel nicht angepfiffen werdenDas Nationalstadion in Warschau (© picture alliance / Citypress 24 )

Man hatte sich viel vorgenommen und große Erwartungen gehegt. So prognostizierte der Chefredakteur der renommierten Wochenzeitung »Polityka«, Jerzy Baczyński, etwas vollmundig »die größte Veranstaltung in der Geschichte Polens« und auch die bislang größte Anstrengung, »das Bild des neuen Polen« zu prägen. Auch Ministerpräsident Donald Tusk fand starke Worte, als er von der »größten organisatorischen Herausforderung in unserer Geschichte« sprach. Ohne Zweifel stand von Anfang an fest, dass Polen gezwungen war, an seine Grenzen zu gehen, wollte es die Vorgaben der UEFA erfüllen. Die polnischen Medien heizten die Stimmung an, indem sie vor allem die Aspekte ins Visier nahmen, die über den rein sportlichen Rahmen hinausgingen, insbesondere die organisatorischen Vorbereitungen und den Stand des Baus bzw. der Renovierung von Stadien, Bahnhöfen und Straßen. Gut die Hälfte der Bevölkerung wertete es als großen Erfolg, dass Polen und die Ukraine den Zuschlag für die Fußball-EM 2012 bekommen hatten, und je näher das Ereignis rückte, desto besser beurteilten die Bürger den Stand der Vorbereitungen. Waren im Mai 2008 noch 69 Prozent der vom Meinungsforschungsinstitut CBOS Befragten der Auffassung, das Land sei schlecht oder gar sehr schlecht vorbereitet, erklärten im Mai 2012 51 Prozent, Polen sei sehr gut oder zumindest gut vorbereitet. Weniger optimistisch, anders ausgedrückt: eher realistisch, waren die Erwartungen an die eigene Nationalmannschaft. Ebenfalls im Rahmen einer CBOS-Untersuchung meinten 32 Prozent der Befragten, Polen werde die Gruppenphase nicht überstehen, während 30 Prozent glaubten, die Nationalmannschaft werde wohl im Viertelfinale ausscheiden. Die größten Chancen auf einen Sieg wurden Deutschland und Spanien eingeräumt. Reichlich unfair gebärdeten sich diverse ausländische Medien, insbesondere die britische BBC, die vor allem Angstparolen verbreiteten. Da war die Rede vom vorhersehbaren Verkehrschaos, der Ausbeutung der anreisenden Fans durch exorbitante Preise und von Prostituierten unter allen Hotelbetten. Die Fan-Milieus in Polen und der Ukraine wurden als Brutstätten für Gewalttäter, Chauvinismus und Antisemitismus dargestellt.

Infrastruktur: »70 Prozent der Aufgaben erledigt«

Schon ein Spaziergang durch Warschau zeigt, was sich im Zusammenhang mit der EURO 2012 alles verändert hat. So ist der Zentralbahnhof (Warszawa Centralna) durch eine aufwendige Renovierung heller und freundlicher geworden. Die Reisenden freuen sich über das neue digitale Informationssystem in der Halle und auf den Bahnsteigen. Nicht wiederzuerkennen ist der Ostbahnhof (Dworzec Wschodni), wo das alte Ambiente aus primitiven Verkaufsbuden, verrauchten, mitunter zwielichtig wirkenden Cafés, Fahrkartenschaltern aus sozialistischen Zeiten und trister Beleuchtung völlig verschwunden ist. Sowohl die Fassade als auch das Innere des Bahnhofs wurden komplett erneuert. Auch die seit langem geplante S-Bahnverbindung zwischen dem Chopin-Flughafen und dem Stadtzentrum wurde pünktlich zur EM fertiggestellt. Außerdem entstand neben dem neuen Stadion ein S-Bahnhof (Dworzec Stadion), der durch seine Funktionalität und Großzügigkeit (z. B. die sehr breiten Bahnsteige für die Massen der Fans) auffällt. Der wichtigste Blickfang ist natürlich das in den Nationalfarben weiß und rot gestaltete Nationalstadion (Stadion Narodowy) auf der rechten Seite der Weichsel, das in dieser Form auch in München, Dortmund, London oder Mailand stehen könnte. Zwar kann man sich fragen, ob es nicht besser gewesen wäre, dieses Stadion, etwa nach deutschem Vorbild, außerhalb des Stadtkerns zu errichten, weil dort mehr Raum für Anfahrtswege und Parkplätze besteht. So musste für die EM-Spiele in diesem Stadion die nahegelegene Poniatowski-Brücke gesperrt werden, wodurch das Verkehrschaos im Stadtzentrum noch vergrößert wurde. Andererseits steht die neue Arena an einem historischen Ort, nämlich auf den Fundamenten des alten Nationalstadions (Stadion Dziesięciolecia), das in den Jahren 1954/55 im Rekordtempo von elf Monaten aus dem Boden gestampft worden war. Auch wenn das alte Stadion aus der Zeit des Stalinismus stammte und im letzten Jahrzehnt durch den dort aufgebauten riesigen Basar verunstaltet wurde, nahm es doch einen wichtigen Platz im Bewusstsein der Bürger ein. Die Warschauer Zeitschrift »Stolica« hat unlängst mit einem lesenswerten Text an die Entstehung der alten Arena erinnert. Auch die anderen neuen Stadien in Danzig (Gdańsk), Posen (Poznań) und Breslau (Wrocław) entsprechen den Prinzipien moderner Fußballarenen und strahlen sogar eine gewisse Ästhetik aus. Zu den Pluspunkten in Sachen Infrastruktur zählt natürlich auch die Fertigstellung der A2 zwischen der deutsch-polnischen Grenze und Warschau, wodurch endlich die seit langem notwendige durchgehende Autobahnverbindung zwischen Berlin und der polnischen Hauptstadt besteht. Allerdings wurde dabei etwas geschummelt. Das Teilstück zwischen Lodz/Stryków und Warschau (Łódź/Stryków–Warszawa) war im Moment der Freigabe nicht wirklich fertig. Noch fehlten Parkplätze, Toiletten, Hinweistafeln und anderes mehr. Gebaut bzw. renoviert wurden auch einige Schnellstraßen in verschiedenen Regionen Polens sowie neue Flughafenterminals, Hotels und andere Infrastruktur- bzw. Dienstleistungseinrichtungen. So ist den polnischen Bürgern ein gewisser Stolz nicht zu verdenken. Die ganze Szenerie des Landes habe sich verändert, hieß es in der Wochenzeitung »Polityka«, und ihr Chefredakteur Jerzy Baczyński behauptete sogar, Polen habe den größten Sprung in der Geschichte hinsichtlich seiner Infrastruktur gemacht. Andererseits liegt noch vieles im Argen. Es fehlen die so dringend notwendigen durchgehenden Autobahnverbindungen zwischen einzelnen Landesteilen, etwa von Danzig nach Warschau und von Krakau (Kraków) zur polnisch-ukrainischen Grenze. Auch die Eisenbahn (Polskie Koleje Państwowe – PKP) hat den Sprung zu einem modernen und leistungsfähigen Dienstleistungsunternehmen noch nicht geschafft. Weiterhin behindern riesige Baustellen im ganzen Land den Straßen- und Schienenverkehr. Vermutlich kam Ministerpräsident Donald Tusk der Wahrheit nahe, als er in einem Interview in der »Polityka« feststellte, man habe etwa 70 Prozent der geplanten Infrastrukturmaßnahmen realisiert. Und Sławomir Nowak, Bau- und Transportminister, stellte in der Tageszeitung »Gazeta Wyborcza« in Aussicht: »Nach der EURO 2012 geht der Bau weiter.« Seit Jahren leidet Polen unter gravierenden Strukturproblemen, die bis heute nicht grundlegend angegangen wurden. Dazu zählen undurchsichtige Ausschreibungen, ein schleppender Grunderwerb, Korruption und die Schwächen der staatlichen bzw. der städtischen Bauaufsicht. Zu den Pluspunkten, die Polen mit der EM 2012 sammeln konnte, gehört die gute Organisation des Fußballfestes. Größere organisatorische Pannen, empfindliche Ausfälle des Verkehrsnetzes oder gar terroristische Anschläge blieben aus. Die »Neue Zürcher Zeitung« gab die diesbezügliche internationale Einschätzung richtig wieder, als sie schrieb, dass das meiste so funktioniert habe, wie es in einer Endrunde funktionieren solle. Wörtlich: »Das klingt nach wenig, ist aber viel, wenn man es an der schwierigen […] Vorbereitung misst.« Auch die große Mehrheit der Polen vertrat diese Ansicht. Aus einer Befragung von CBOS ging hervor, dass 89 Prozent der Befragten die Organisation der EM als sehr gut bzw. eher gut bewerteten. In kluger Voraussicht hatten die Regierung, die Woiwodschaftsbehörden und Stadtverwaltungen sowie Polizei und Militär, natürlich unter maßgeblichem Einfluss der UEFA, schon ein Jahr vor Beginn der Meisterschaft damit begonnen, Lageanalysen und Einsatzpläne auszuarbeiten und deren Umsetzung mit den Beteiligten zu diskutieren. Mehrere tausend Personen, von den Verantwortlichen über die Einsatzkräfte bis zu dem Heer der freiwilligen Helfer, waren im Einsatz. So war es nur recht und billig, dass Ministerpräsident Donald Tusk allen Beteiligten symbolisch die schulische Bestnote, nach polnischer Tradition eine Fünf, zugestand.


Polen

Dossier

Deutsch-polnische Beziehungen

Deutsche und Polen verbindet eine schwierige Beziehung, die noch immer überschattet wird von den deutschen Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs. Wie stehen die beiden Staaten heute zueinander?

Mehr lesen