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6.11.2013 | Von:
Łukasz Krzyżowski

Analyse: Einsamkeit im Alter? Erwerbsmigration und der Generationenvertrag

Lösen sich durch die Erwerbsmigration, die im vergangenen Jahrzehnt in Polen deutlich gestiegen ist, die intergenerationellen Beziehungen in transnationalen Familien? Der Generationenvertrag unterliegt zahlreichen Modifikationen, aber er wird nicht aufgelöst. Er regelt das Funktionieren des transnationalen Systems der sozialen Sicherheit.

Ein Gastarbeiter aus Nordkorea arbeitet am 27.03.2006 auf einer Werft in Danzig. Die nordkoreanischen Arbeiter erhalten Billiglöhne. Foto: Stefan Kraszewski +++(c) dpa - Report+++Ein Gastarbeiter aus Nordkorea arbeitet am 27.03.2006 auf einer Werft in Danzig (© picture-alliance/dpa)

Nach den aktuellen Daten der Nationalen Volkszählung 2011 hat sich der Anteil der Menschen in Polen, die das erwerbstätige Alter überschritten haben, von 15 Prozent im Jahr 2002 auf 17 Prozent im Jahr 2011 erhöht. Im Vergleich zur Volkszählung 2002 ist die Zahl der Rentner um über 760.000 gestiegen. Die Daten von Eurostat (2009) zeigen, dass im Jahr 2007 zirka 3 Prozent der Gesamtbevölkerung in Polen 80 Jahre alt und älter waren, im Jahr 2035 können es fast 8 Prozent sein. Eine der breiter diskutierten Fragen, insbesondere in Gesellschaften mit einer nicht ausgeprägten formalen, d. h. "professionellen" und kostenpflichtigen, Betreuungsinfrastruktur, ist der Einfluss des Alterungsprozesses auf die Möglichkeit, eine erfolgreiche informelle Betreuung auszuüben, d. h. die Betreuung älterer Menschen durch Verwandte, Freunde und Angehörige der lokalen Gemeinschaft zu übernehmen. Befürchtungen, die sich häufig zur gesellschaftlichen Panik auswachsen, konzentrieren sich auf die Veränderungen im Bereich der Geburtenzahlen und infolge dessen der Größe der Familie, wovon unter anderem die Verfügbarkeit der Familienmitglieder abhängt, die die emotionale, finanzielle und instrumentelle Unterstützung gewährleisten. Anders gesagt: In alternden Gesellschaften wird es spürbar, wenn informelle Betreuung knapp ist. Die informelle Betreuung älterer Menschen wird zusätzlich noch komplizierter, wenn parallel zu der sich verringernden Anzahl der potentiellen Betreuenden die Dynamik der Erwerbsmigration hoch ist. Mit dieser Situation haben wir es in Polen zu tun. Das kulturbedingte Muss, dass die Kinder Verpflichtungen gegenüber den Eltern persönlich einlösen, wozu auch die Betreuung gehört, ist ein relativ beständiges Element im polnischen normativen System. Es wird zusätzlich durch die schwache öffentliche institutionelle Unterstützung aufrechterhalten. Um moralische Panik zu vermeiden, dass die Migranten ältere Menschen (vor allem die Eltern) ohne Unterstützung zurücklassen, muss unterstrichen werden, dass die intergenerationellen Transferleistungen nicht einseitig und auch nicht immer unabdingbar sind: Auch die Eltern helfen ihren Kinder, die im Ausland arbeiten, häufig, und nicht alle alten Eltern bedürfen intensiver Betreuung. Auch muss an die Dynamik solcher Verpflichtungen in den unterschiedlichen Lebensabschnitten einer transnationalen Familie erinnert werden. Im Falle der Erwerbsmigration und damit verbunden des Kontaktes zu einem anderen Betreuungssystem für ältere Menschen werden die Verpflichtungen gegenüber den Eltern und die Formen der Umsetzung zwar modifiziert, aber sie verschwinden nicht. Im Folgenden konzentriere ich mich auf die Perspektive der Eltern, die in Polen leben und von denen mindestens ein Kind migriert ist (s. Kurzinformation zum Forschungsprojekt auf S. 6). Dabei werden vor allem drei Phänomene der Betreuung der Eltern im Zusammenhang mit der Migration der Polen betrachtet. Erstens werden die Erwartungen der Eltern gewöhnlich über ihre frühere Unterstützung der Kinder legitimiert. Zweitens wird die Hilfe, die die Eltern von ihren migrierten Kindern erhalten, gewöhnlich von ihnen ausgeglichen – auch die Eltern helfen ihren migrierten (sowie auch den nicht migrierten) Kindern. Drittens führt die Migration eines Kindes selten zur sozialen Marginalisierung der Eltern. Im Gegenteil zeigen meine Untersuchungsergebnisse, dass sich die soziale Sicherheit der Eltern häufig erhöht. Dank der Unterstützung von Seiten der migrierten Kinder können sie außerdem den nicht migrierten helfen. So gesehen übernimmt die Migration eine modernisierende Funktion.

Die Erwartungen der Eltern

Mit den unterschiedlichen Lebensphasen einer transnationalen Familie sind unterschiedliche Verpflichtungen verknüpft. Sie werden von den Mitgliedern des verwandtschaftlichen Netzes übernommen und jeder einzelne ist bzw. wird in das System der intergenerationellen Unterstützung einbezogen. Die Eltern der untersuchten Migranten beriefen sich sehr häufig auf die Hilfe, die sie ihren Kindern früher haben zuteilwerden lassen, und begründeten auf diese Weise ihre eigenen Erwartungen gegenüber den Kindern. Die Befragten verwiesen häufig auf ihre Investitionen für die Kinder und zählten darauf, dass sich ihr früheres Engagement für die Verbesserung des Lebensstandards der erwachsenen Kinder positiv in einer Situation existentieller oder gesundheitlicher Probleme auswirken wird. Dabei ist es wichtig, nicht um Hilfe zu bitten, die Erwartungen nicht zu verbalisieren – die Kinder sollten selbst wissen, wann sie Hilfe leisten und wie sie vorgehen sollten. In Bezug auf die Töchter, anders als im Falle der Söhne, werden die Erwartungen der Eltern als selbstverständlich betrachtet und nicht reflektiert. Dies ergibt sich teilweise aus der Regel der Gegenseitigkeit, wonach die Großeltern, vor allem die Großmütter, häufiger den Töchtern als den Söhnen bei der Betreuung der Enkelkinder helfen. Zwischen den Erwartungen gegenüber den Töchtern und den Söhnen treten große Unterschiede auf. Die persönliche Pflege, wozu auch die Hilfe bei der Körperhygiene gehört, wurde fast immer den Pflichten der Tochter zugeschrieben. Bei der praktischen Hilfe im Haus wird die Aufgabenverteilung unter den Geschwistern häufig von den Eltern vorgenommen. Den Gepflogenheiten der polnischen Gesellschaft entsprechend, wird das, was im Haus Frauensache ist, der Tochter zugeteilt und analog dem Sohn das, was der Mann im Haus verrichtet. Wenn die Tochter migriert, werden diese Erwartungen von Seiten der Eltern nicht zurückgenommen. Trotzdem unterstrichen die Eltern in einer solchen Situation häufig, dass der Sohn aufgrund der geographischen Nähe mehr, als es allgemein tatsächlich der Fall ist, im Haus helfen sollte. Berücksichtigt man den Faktor Zeit bei der Analyse der empirischen Daten, lassen sich zwei wichtige Ergebnisse ableiten. Erstens verändern sich die familiären Verpflichtungen im Laufe der Zeit. Der Prozess, dass jemand mehr und mehr auf Hilfe anderer angewiesen ist, dauert gewöhnlich sehr lang; relativ selten ereignen sich kritische Situationen, die sehr schnelle Veränderungen im Familienkreis erfordern. Die Erwartungen der Eltern tauchen nicht plötzlich auf, sondern werden bereits früher zur Sprache gebracht. Zweitens resultieren die familiären Verpflichtungen nicht allein aus den tatsächlichen Problemen der Eltern, sondern auch aus der Bewertung der früheren Beziehungen, worin die Bewertung der Hilfe, die die Eltern den Kindern zukommen ließen, enthalten ist. Frauen (Töchter) bewerten diese Beziehungen und den Umfang der von den Eltern gegebenen Hilfe deutlich besser als Männer (Söhne). Auf der Grundlage dieser Bewertungen lässt sich annehmen, dass die Töchter mit mehr Verpflichtungen den Eltern gegenüber belastet werden als die Söhne. Dies führt manchmal zu Spannungen unter den Geschwistern, wenn die Schwester aufgrund der Migration in ein anderes Land die Erwartungen der Eltern nicht erfüllt. In einer solchen Situation reagiert der Sohn, der sich auf die tatsächliche oder mutmaßliche größere Unterstützung der Tochter von Seiten der Eltern in der Vergangenheit beruft, negativ auf die an ihn gerichteten Erwartungen. Die Eltern finden dann relativ häufig einen Mittelweg, beispielsweise die Beschäftigung einer zusätzlichen Hilfe im Haushalt. Bei der Organisation dieser Art von Hilfe für die Eltern haben die migrierten Kinder sehr häufig Anteil, gewöhnlich kommen sie dafür finanziell auf. Hieraus lässt sich nun ein drittes Ergebnis ableiten, und zwar dass man sich in den intergenerationellen Beziehungen in den Gesellschaften, in denen das Modell Familie verwurzelt ist und als selbstverständlich betrachtet wird, um ein Gleichgewicht im Bereich der Unterstützung bemüht.


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