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28.12.2010

Analyse: Willy Brandt und Polen – Gemeinsames Gedenken der Präsidenten Komorowski und Wulff am 7. Dezember 2010 in Warschau

Zusammenfassung

Mit ihrem gemeinsamen Auftritt am 7. Dezember 2010 in Warschau haben der polnische Staatspräsident Bronislaw Komorowski und Bundespräsident Christian Wulff an ein entscheidendes Datum der deutsch-polnischen Zeitgeschichte erinnert. Die zutiefst menschliche und moralische Geste des Kniefalls Willy Brandts am Denkmal für die Helden des Aufstands im jüdischen Ghetto vor vierzig Jahren zählt zu den zentralen »europäischen Erinnerungsorten«. Der ebenfalls am 7. Dezember 1970 unterzeichnete deutsch-polnische »Normalisierungsvertrag« war ein erster wichtiger Schritt auf dem langen Weg zur endgültigen völkerrechtlichen Anerkennung der polnischen Westgrenze. Wenn Komorowski und Wulff diesen wichtigen Jahrestag gemeinsam in Warschau begingen, spricht dies für die inzwischen erreichte Qualität der deutsch-polnischen Beziehungen. Doch es wurden auch Unterschiede in der Bewertung deutlich.

Einleitung

In Deutschland gilt der Kniefall Willy Brandts vor dem Denkmal für die Helden des Aufstands im jüdischen Ghetto von Warschau im Frühjahr 1943 als einer der wichtigsten Momente deutscher Nachkriegsgeschichte. Der in den Vereinigten Staaten lebende jüdisch-deutsche Historiker Fritz Stern sieht die Geste Brandts am 7. Dezember 1970 sogar als wesentlichen Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses der Europäer.

In Polen ist das anders. Dort wird die nationale Erinnerungskultur vor allem durch die Vorgeschichte und den Verlauf des Zweiten Weltkriegs, die verschiedenen Erhebungen gegen das kommunistische System (1956, 1968, 1970 und 1976) sowie die Wirkungsgeschichte der Gewerkschaft Solidarnosc und den friedlichen Systemwechsel im Jahr 1989 dominiert. Willy Brandts Kniefall und der deutsch-polnische Normalisierungsvertrag von 1970 sind Bestandteil dieser Erinnerungskultur, stehen aber nicht an vorderster Stelle.

Es gibt aber in Warschau in der Nähe des Ghetto-Denkmals einen kleinen Platz (poln. Skwer Willy Brandta) und ein Gedenktafel, die an die Geste des deutschen Bundeskanzlers von 1970 erinnert. Marian Turski von der Wochenzeitung Polityka und andere setzen sich mit Nachdruck dafür ein, dass das ebenfalls in der Nähe des Ghetto-Denkmals entstehende Museum der Geschichte der polnischen Juden auch eine Abteilung erhält, in der an Willy Brandt erinnert wird.

Es sind vor allem polnische Historiker für neuere und neueste Geschichte, führende Politiker, Publizisten sowie Zeitzeugen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten, die ein seriöses und ehrenvolles Andenken an Willy Brandt bewahren - mitunter über politisch-historische Differenzen hinweg. Das gilt für politische »Schwergewichte« wie die früheren Staatsoberhäupter bzw. Ministerpräsidenten und Außenminister Aleksander Kwasniewski, Tadeusz Mazowiecki, Wlodzimierz Cimoszewicz, Andrzej Olechowski und Dariusz Rosati. Der verstorbene Bürgerrechtler und ehemalige Außenminister Bronislaw Geremek fühlte sich sehr stark mit Brandt verbunden, auch wenn er die Zwiespältigkeit seiner Ostpolitik in den 1970er und 1980er Jahren kritisierte. Auch der verstorbene Außenminister Krzysztof Skubiszewski, eher ein katholischer Konservativer, hatte eine hohe Meinung von Brandt. Für Publizisten wie Adam Michnik und Adam Krzeminski gehört der damalige Kanzler, SPD-Vorsitzende und Präsident der Sozialistischen Internationale zu den großen Europäern - in einer Reihe mit Jean Monnet, Robert Schuman, Jacques Delors, Konrad Adenauer und Charles de Gaulle.

Kurz vor dem 7. Dezember 2010 hat der Historiker Mieczyslaw Tomala, der schon 1970 bei den Gesprächen zwischen Brandt und der damaligen polnischen Führung als Übersetzer tätig war, seine Memoiren (»Niemcy - moja pasja«) veröffentlicht, in denen er sich an seine Begegnungen mit Brandt erinnert. Polnische Diplomaten mit einer besonders Affinität zu Deutschland zählen Brandt und seine Ostpolitik zu den Fixpunkten ihrer politisch-diplomatischen Sozialisation - etwa Marek Prawda, der als gegenwärtiger polnischer Botschafter in Berlin zum zweiten Mal »auf Posten« in Deutschland ist. Prawda und andere hatten sich für eine Gedenktafel für Willy Brandt in Warschau eingesetzt, die am 6. Dezember 2000 in Anwesenheit des damaligen polnischen Ministerpräsidenten Jerzy Buzek von Bundeskanzler Gerhard Schröder am Skwer Willy Brandta (Ecke ul. Karmelicka und ul. J. Lewartowskiego) enthüllt wurde.

Der polnisch-jüdische Historiker Feliks Tych hat wiederholt in Warschau daran erinnert, welch große innere Genugtuung der Kniefall Brandts damals bei ihm ausgelöst hatte. Gleiches gilt für den verstorbenen Arzt und Bürgerrechtler Marek Edelman, der 1943 zu den Anführern des Aufstandes im Warschauer Ghetto gehört hatte. Für Edelman war Brandts Geste erschütternd und ein deutlicher Hinweis darauf, wie sich das deutsche Volk verhalten sollte. Schon 1937 hatte er Brandt zum ersten Mal in Warschau getroffen.

Der ehemalige Außenminister und jetzige Staatssekretär für den Internationalen Dialog, Wladyslaw Bartoszewski, wertet Brandts Kniefall als große, eines Staatsmanns würdige Geste. Doch, so Bartoszewski, habe Brandt nicht aller damaligen polnischen Opfer gedacht, womit er vor allem die Kämpfer des Warschauer Aufstands im August/September 1944 meinte.

Im Rahmen des wissenschaftlichen Lebens in Polen erinnert nicht zuletzt das Willy-Brandt-Zentrum für Deutschland- und Europastudien der Universität Breslau/Wroclaw an den damaligen Bundeskanzler und SPD-Politiker. Die 1970er Jahre sind zunehmend Gegenstand der Forschung polnischer Wissenschaftler, wenn es um die Analyse der deutsch-polnischen Beziehungen geht.

Der Kniefall Willy Brandts und die Unterzeichnung des Normalisierungsvertrags am 7. Dezember 1970 werden auch in den Lehrbüchern für den Geschichtsunterricht in den polnischen Schulen erwähnt, wenngleich die Qualität der entsprechenden Ausführungen sehr unterschiedlich ist. Historiker wie Krzysztof Ruchniewicz vertreten die Auffassung, in den Lehrwerken müsse die gesellschaftspolitische und menschliche Dimension der Brandtschen Ostpolitik stärker herausgestellt werden. Nicht zufällig trägt die Deutsch-Polnische Begegnungsschule in Warschau den Namen Willy Brandts.

Es ist sicher verdienstvoll, dass die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung aus Anlasses des 40. Jahrestags des Brandtschen Kniefalls eine Ausstellung unter dem Motto »Willy Brandt und Polen« organisiert hat, die in Danzig, Breslau und Warschau gezeigt wurde. Im Rahmen der Breslauer Eröffnung der Ausstellung sprach auch der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder. Die Warschauer Organisatoren der Friedrich-Ebert-Stiftung loben das Interesse und die Kooperationsbereitschaft der Mitarbeiter des Museums des Warschauer Aufstands, in dessen Räumen die Brandt-Ausstellung gezeigt wurde.

Gedenken über Parteigrenzen hinweg

Angesichts des unterschiedlichen Blicks auf die Geschichte war es von großer Bedeutung für die deutsch-polnischen Beziehungen, dass der konservativ-liberale, der Freiheitsbewegung der Solidarnosc entstammende polnische Staatspräsident Bronislaw Komorowski, Christian Wulff als aus der CDU kommender Bundespräsident und der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel gemeinsam während der Konferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung zum 40. Jahrestag des Besuchs von Brandt im Warschauer Königsschloss auftraten. Gemeinsam besuchten die drei Politiker auch die Gedenktafel am Skwer Willy Brandta, das Denkmal für die Helden des jüdischen Aufstands 1943 sowie das Denkmal für den Warschauer Aufstand 1944.

In seiner Rede im Schloss bekannte sich der polnische Staatspräsident ausdrücklich zu Brandt, dessen Geste er als zutiefst menschlich und symbolisch bezeichnete. Sie habe, so Komorowski, ein differenziertes Bild der Deutschen gezeigt. Heute sei deutlicher erkennbar denn je, dass diese Geste der polnisch-deutschen Versöhnung gedient habe. Damals sei der Auftritt Brandts durch die wenig später an der polnischen Ostseeküste ausbrechenden Unruhen und die tödlichen Schüsse auf protestierende Arbeiter verdeckt worden. Als die wichtigsten Ereignisse der polnisch-deutschen Versöhnung bezeichnete Komorowoski allerdings die Botschaft der polnischen Bischöfe von 1965 an ihre deutschen Amtsbrüder (»Wir vergeben und bitten um Vergebung«), die Versöhnungsmesse in Kreisau/Krzyzowa 1989, an der die damaligen Regierungschefs Tadeusz Mazowiecki und Helmut Kohl teilnahmen, und die ein Jahr später erfolgte endgültige völkerrechtliche Anerkennung der polnischen Westgrenze. In diesem Rahmen sei auch Platz für die damaligen Anstrengungen Brandts. Zusammen mit Bundespräsident Wulff, so Komorowski, habe man den Kniefall Brandts jetzt ein wenig »korrigiert«, indem man auch dem Denkmal für den Warschauer Aufstand von 1944 Reverenz erwiesen habe, das 1970 noch nicht existierte.

Der polnische Präsident ließ aber auch kritische Töne gegenüber der damaligen Entspannungspolitik von Willy Brandt anklingen. Diese, so Komorowski, habe sich vor allem auf die Versöhnung zwischen den politischen Führungen konzentriert. Als Dissident wäre er damals dankbar gewesen, wenn man von Seiten der SPD hin und wieder deutlicher gegen den Totalitarismus Stellung bezogen hätte.

Auch Bundespräsident Christian Wulff bekannte sich in seiner Rede im Warschauer Königsschloss zu Willy Brandt und machte damit deutlich, wie viel ihn mit dessen damaliger Politik verbindet. Brandts Kniefall als Geste der Demut und der Bitte um Versöhnung, so der Bundespräsident, habe ihn schon damals tief beeindruckt. Wie Komorowski betonte er, Brandt habe das Bild eines anderen Deutschland entwickelt, dies sei eine richtige Botschaft gewesen. Wulff erwies dem polnischen Geschichtsbewusstsein seine Reverenz, indem er auch am Denkmal für den Warschauer Aufstand, nicht nur am Ghetto-Denkmal, einen Kranz niederlegte. Der Normalisierungsvertrag, so der Bundespräsident, sei dem berechtigten Wunsch der Polen entgegengekommen, in gesicherten und unverletzlichen Grenzen leben zu wollen. Gleichzeitig verzichtete Wulff nicht darauf, an das Schicksal von Millionen deutscher Heimatvertriebener und an die damalige bange Frage vieler Deutscher zu erinnern, ob sich aus den Verträgen von Moskau und Warschau mehr Chancen oder mehr Risiken für die deutsche Wiedervereinigung ergäben. Diese Sorgen hätten sich mit der deutschen Wiedervereinigung nicht bestätigt. Wulff kam Polen entgegen, indem er die demokratische Revolution in Polen und in anderen Ländern Ostmitteleuropas würdigte, die eine wirkliche Aussöhnung zwischen Polen und Deutschland sowie eine abschließende Lösung der Grenzfrage ermöglicht habe, so der Bundespräsident. Die Solidarnosc sei die treibende Kraft dieser Revolution gewesen. Der Bundespräsident wies damit indirekt auf die damalige Schwäche der Ostpolitik der SPD hin, die sich mehrheitlich nur schwer mit der polnischen Freiheitsbewegung anfreunden konnte, nutzte dies aber nicht zu einer Attacke auf die Sozialdemokraten - und das vor den Augen der polnischen Öffentlichkeit, in der die SPD nach wie vor einen schweren Stand hat. Der gemeinsame Auftritt des Bundespräsidenten mit dem SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel passte genau in diesen Rahmen.

Gabriel selbst äußerte sich, zumindest im historischen Teil seiner Rede, differenziert und dem Jahrestag angemessen. Anschaulich berichtete er, wie sich sein Vater und seine Mutter als Heimatvertriebene in ihrer Einschätzung Brandts diametral unterschieden, und erinnerte damit an die erbitterte Auseinandersetzung zwischen den Befürwortern und den Gegnern der Brandtschen Ostpolitik in der Bundesrepublik in den frühen 1970er Jahren. Brandts Kniefall, so Gabriel, sei für ihn der Anstoß seines anhaltenden Interesses für Polen gewesen - ein Bekenntnis, das bis dato der deutschen Öffentlichkeit in dieser Deutlichkeit nicht bekannt war. Der SPD-Vorsitzende nannte Brandts Geste eine politische Ikone des 20. Jahrhunderts. Kein anderes Zeichen symbolisiere so sehr den Aufbruch zu Entspannung, Abrüstung und Frieden mit Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion.

Es spricht für Gabriel, dass er sich bei Bundespräsident Christian Wulff für den gemeinsamen Auftritt in Warschau bedankte, er verband dies mit der Bemerkung, dass viele deutsche Sozialdemokraten dem Bundespräsidenten dafür dankbar sein würden. Es sei ein großes Verdienst Helmut Kohls, so der SPD-Vorsitzende, dass er die Brandtsche Außenpolitik aktiv und engagiert fortgeführt habe.

Sehr zum Leidwesen des polnischen Staatspräsidenten Bronislaw Komorowski mochte sich Gabriel nicht zu einer selbstkritischen Haltung gegenüber den Schwächen der damaligen sozialdemokratischen Ostpolitik durchringen. Er pries diese Politik als einen der Motoren des KSZE-Prozesses, der im ehemaligen Ostblock aktives mutiges Handeln gesellschaftlicher Kräfte befördert habe, ignorierte dabei aber die bis heute anhaltende Kritik damaliger polnischer Oppositioneller, die diese Politik vorrangig als Entspannung zwischen den Machthabenden in Ost und West apostrophieren. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass die polnische Opposition spätestens seit dem Besuch Brandts in Warschau im Jahr 1985 kein großes Interesse mehr an Kontakten zur SPD hatte.


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