Basilius-Kathedrale

1.9.2019 | Von:
Dr. Roland Götz

Russlands Volkswirtschaft

Vor Stagnation oder Aufschwung?

Auf den ersten Blick erscheint die Lage der russischen Wirtschaft trotz westlicher Sanktionen stabil. Soziale Indikatoren zeigen jedoch einige Defizite auf. Auch der Anstieg des Wirtschaftswachstums verläuft langsamer als gewünscht.

Das Bild zeigt im Hintergrund die Skyline von Moskau, im Vordergrund einfache Wohnblöcke.In Russland existieren zwei Welten: Moskau und der Rest des Landes. Während die Hauptstadt wächst, stagniert es im Rest von Russland. (© picture-alliance)

In den 1990er-Jahren fand in Russland ein Übergang von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft statt, der einen starken Rückgang der Wirtschaftsleistung mit sich brachte. Nach dem Ende dieser bis 2006 anhaltenden Transformationsrezession und einem durch die Finanzkrise 2008 verursachten Wirtschaftseinbruch wuchs die Produktion ab 2000 zunächst stark – angeregt durch einen starken Anstieg des Ölpreises und auf Grundlage unausgelasteter Produktionskapazitäten. Infolge von Ölpreisrückgängen und Finanzkrisen kam es dann 2009 und 2015 zu Produktionsrückgängen, auf die jeweils nur verhaltenes Wirtschaftswachstum folgte. Ab 2019 könnte entweder ein ausgeprägter Wirtschaftsaufschwung, oder aber auch fortgesetzt geringes Wirtschaftswachstum folgen (Abbildung 1).



Makroökonomische Stabilität, soziale Probleme

Gemessen an wichtigen makroökonomischen Kriterien – Wachstumsrate, Inflation, Arbeitslosigkeit, Staatsbudgetsaldo, Staatsschuldenquote – bot Russland 2017 und 2018 das Bild eines wirtschaftlich stabilen Landes: Die staatlich angeordnete Importsubstitution, mit der die westlichen Sanktionen aufgrund der russischen Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim und des de facto von Russland geschürte Krieges im Osten der Ukraine beantwortet wurden, verbesserte die Absatzmöglichkeiten für heimische Produkte im Inland. Hiervon profitierte vor allem die russische Landwirtschaft. Da die Zentralbank seit November 2014 keine Devisen mehr ankauft, um den Wechselkurs zu stabilisieren und den Leitzins hoch hält, ist es ihr gelungen, die Inflationsrate auf einstellige Werte zu drücken.

Die amtlich registrierte Arbeitslosigkeit war niedrig. Im Außenhandel wurde ein Überschuss erzielt. Der Staatshaushalt schloss 2017 mit einem geringen Defizit ab und erzielte 2018 einen Überschuss, die Staatsschulden im Ausland waren extrem niedrig. Auch für 2019 werden ähnliche Werte erwartet (Tabelle 1).



Während die makroökonomischen Daten Stabilität anzeigen, vermitteln soziale Indikatoren eine andere Seite der Realität: Der hohe Beschäftigungsstand wird durch niedrige Löhne erkauft, der Ausgleich des Staatshaushalts durch niedrige soziale Leistungen. Die 2018 beschlossene Erhöhung des Renteneintrittsalters soll das Staatsbudget entlasten. Weder von den Mindestlöhnen, noch von den Renten können die darauf angewiesenen Menschen mit Blick auf die Lebenshaltungskosten in Russland, vor allem in Moskau oder anderen Großstädten, leben (Tabelle 2).



Im Jahresdurchschnitt 2018 hatten 19 Millionen Personen (13 Prozent der Gesamtbevölkerung) weniger Geld zur Verfügung, als dem sehr niedrig festgelegten Existenzminimum entspricht. Sowohl die wirtschaftliche Entwicklung wie auch die Lebenslage der Menschen werden außerdem durch veraltete oder nicht vorhandene Infrastruktur beeinträchtigt – besonders augenfällig ist das Fehlen befestigter Straßen in weiten Teilen des Landes.

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