Meine Merkliste Geteilte Merkliste PDF oder EPUB erstellen

Islam in Russland | Russland | bpb.de

Russland Politisches System Einleitung Verfassungsordnung versus politische Realität Dualismus der Macht Das "Tandem Putin-Medwedjew" und Russlands neues Politbüro Staat ohne Gesellschaft Opposition in Russland Justizsystem Die "Agentengesetze", ihre Evolution und Konsequenzen Wirtschaftseliten und Politik Föderalismus Außenpolitik Internationale Organisationen Europäische Union Vereinigte Staaten China Südkaukasus Ukraine, Belarus, Moldau Baltikum Zentralasien Klimapolitik Historische Ursachen und Hintergründe Russland als dominante Regionalmacht Russland und innerstaatliche Konflikte Russland: Großmachtstreben und Konfrontation mit dem Westen Geschichte Aufstieg zur europäischen Großmacht (850 - 1850) Gesellschaftliche Spannungen und Sturz des Zaren (1850 - 1917) Revolutionäre Neuordnung und Stalin-Diktatur (1918 - 1953) Reformen der Chruschtschow-Jahre (1953 - 1964) Stagnation, Entspannung, Perestroika und Zerfall (1964 - 1991) Russland in der Ära Jelzin (1992 - 1999) Geschönte Vergangenheit Die Kiewer Rus: Geteilte Erinnerung in der Ukraine und in Russland Russland und Ukraine Gesellschaft und Kultur Orthodoxe Kirche Islam in Russland Russkij mir Volkswirtschaft Identität zwischen Ost und West Russische Kultur (Literatur, Film, Musik) Staat und Kultur in Russland Die russische Medienlandschaft Russlandbild deutscher Medien Bevölkerungsverteilung und Demografie Umweltprobleme und Umweltpolitik Literatur Rockmusik in der Sowjetunion Geografie Geografie und Klima Landkarten Physische Übersicht Bevölkerungsdichte Wirtschaft Russland innerhalb der GUS Völker in Osteuropa und Nordasien Angaben zur Redaktion

Islam in Russland

Michael Kemper

/ 11 Minuten zu lesen

Der Islam gehört zu den traditionellen Religionen im multi-ethnischen und multi-religiösen Russland. Dennoch betont die Politik vor allem orthodoxe und russische Elemente. Der Islam spielt für den Staat vor allem als Instrument zur Gesellschaftskontrolle eine Rolle.

17 bis 20 Millionen Menschen in Russland rechnen sich dem islamischen Kulturkreis zu. Muslime beten während der Eid al-Fitr-Feierlichkeiten in Moskau. Im Hintergrund ist die Moskauer Kathedralenmoschee zu sehen, 21. April 2023. (© picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Alexander Zemlianichenko)

Was ist die Rolle des Islams und der Muslime in Putins Russland? Die Russische Föderation ist laut ihrer Konstitution ein betont multi-ethnischer und multi-religiöser Staat, wobei viele muslimische Minderheitenvölker ihre eigenen territorialen Autonomien haben. Neben der Russisch-Orthodoxen Kirche und dem Judentum ist auch der Islam als Religion anerkannt, die traditionell zu Russland gehört. Selbst der vielbesprochene Eurasianismus, dem ein Teil der russischen Eliten anhängen soll, sieht den Islam teilweise als der russischen Identität verwandt oder als zumindest mit ihren Werten kompatibel. Zudem pflegt Russland gute Kontakte zu vielen muslimisch geprägten Staaten. Faktisch jedoch wurde die Autonomie der Teilrepubliken im Erziehungswesen praktisch beseitigt, wird der Moscheenbau in Russlands Großstädten unmöglich gemacht, unterliegen muslimische Organisationen einer starken Kontrolle durch den Sicherheitsdienst, und hört man viel von Islamophobie und Diskriminierung von muslimischen Arbeitsmigranten im Alltag. Seit 2014, aber spätestens seit Februar 2022, ist zudem deutlich, dass der Kreml vor allem auf die Stärkung des russischen und orthodoxen Elements abzielt; in dieser „Russischen Welt“ haben Muslime nur Anteil, wenn sie (wie Tschetscheniens Präsident Ramsan Kadyrov) Milizen in den blutigen Krieg schicken. Dieser Beitrag beschreibt, wie der Staat versucht, den Islam als Instrument zur Gesellschaftskontrolle zu gebrauchen, und wie muslimische Geistliche sich in das System Putins einfügen.

Es wird geschätzt, dass sich– bei einer Gesamtbevölkerung von ca. 143 Millionen – heute 17 bis 20 Millionen Menschen in Russland dem islamischen Kulturkreis zurechnen, davon vermutlich mehr als 90 Prozent dem sunnitischen Zweig des Islams. Die meisten von ihnen gehören einheimischen Nationalitäten an, deren Islamisierung teilweise im Mittelalter begann. Unter russische Herrschaft gelangten bereits im 15. und 16. Jahrhundert die Wolgaregion (v.a. mit Mischär- und Kasantataren), der Ural und Westsibirien (mit Baschkiren, Kasantataren, Sibirischen Tataren, Kasachen), im 18. Jahrhundert die Krim, Teile der Ukraine und das Kaukasusvorland (mit Krimtataren, Nogajern und Turkmenen), und schließlich der Nordkaukasus, der erst Mitte des 19. Jahrhunderts nach jahrzehntelangen blutigen Kriegen vollends unterworfen wurde. Der Nordkaukasus ist die Heimat der mehr als zwanzig kleinen muslimischen Völker Dagestans (darunter Awaren, Darginer, Kumüken, Lesgier, Laken, Tabassaraner, aber auch schiitische Aserbeidschaner im Süden) sowie der Tschetschenen und Inguschen, der turksprachigen Balkaren und Karatschajer, sowie der Tscherkessen, Kabardiner und Adygejer. Mehrere dieser Völker sind in zaristischer Zeit oder unter Stalin Opfer grauenhafter Vertreibungen und Zwangsdeportationen geworden (Tscherkessen, Krimtataren, Tschetschenen, Inguscheten, Karatschajer und Balkaren). Die nach ihnen benannten „autonomen“ Föderationssubjekte im heutigen Nordkaukasus stimmen nicht unbedingt mit ihren historischen Siedlungsräumen überein. Vor allem seit den 1990er Jahren wurde Russland auch die Heimat von Millionen muslimischer Arbeitsmigranten aus Tadschikistan, Kirgisistan und Usbekistan sowie Aserbeidschan. Dazu kommt die interne Migration, etwa vom Nordkaukasus in russische Städte. Zudem treten zunehmend ethnische Russen in die Öffentlichkeit, die den Islam angenommen haben.

Muftiate als regionale Islamverwaltungen und die Beziehungen zur Zentralregierung

Der „offizielle” Islam in Russland manifestiert sich in der Form von zahlreichen Islamverwaltungen (Muftiaten), welche zum Teil überlappende regionale Ansprüche haben und miteinander um staatliche Ressourcen und gesellschaftliche Anerkennung konkurrieren. Praktisch unterhält jede Teilrepublik Russlands mit signifikanter muslimischer Bevölkerung ein eigenes Muftiat, welches den Anspruch erhebt, alle Moscheen auf dem jeweiligen Territorium zu verwalten. Russlands größtes Muftiat (mit angeblich 1.400 Moscheengemeinschaften) ist dasjenige der Republik Tatarstan, geleitet von Mufti Kamil Samigullin (geb. 1985). Weitere wichtige Muftiate gibt es zum Beispiel in den Republiken Baschkortostan und Tschuwaschien, aber auch in Städten und Regionen der Wolgaregion und Sibiriens, welche keinen Republikstatus haben (z.B. Nizhnii Novgorod, Saratov, Astrakhan, Omsk). Die Muftiate der Nordkaukasusrepubliken (darunter Dagestan, Interner Link: Tschetschenien und Inguschetien) haben darüber hinaus eine eigene Dachorganisation, die allerdings von der Rivalität zwischen seinen Mitgliedern geprägt ist – insbesondere die Republikführungen und Muftiate von Dagestan und Inguschetien sind bemüht, sich nicht in den Orbit des Präsidenten von Tschetschenien, Ramsan Kadyrov ziehen zu lassen. Kadyrov hat in Tschetschenien ein personalistisches Regime errichtet, welches den Islam zur Disziplinierung der Gesellschaft gebraucht. Kadyrovs zur Schau getragener “islamischer Machismo”, aber auch sein Bau großer Moscheen verschaffen ihm Einfluss auf Russlands Muslime auch jenseits der Grenzen seiner Republik. Moskau unterstützt Kadyrovs Regime mit großen Summen, um ein erneutes Abspaltungsstreben Tschetscheniens zu vermeiden. Auf übergeordneter Ebene sind einige der regionalen und städtischen Muftiate in konkurrierenden Kuppelorganisation zusammengeschlossen, die von prominenten tatarischen Muftis geleitet werden. Das ist zum einen die “Zentrale Geistliche Verwaltung der Muslime” (ZDUM) in Ufa (Baschkortostan) unter Talgat Tadschuddin (geb. 1948), der schon seit Leonid Breschnews Zeit im Amt ist. In den 1990er Jahren schlossen sich Tadschuddins Widersacher einem anderen Netzwerk von Muftiaten an, der “Geistlichen Versammlung der Muslime der Russischen Föderation” (DUMRF, Moskau), geleitet durch Ravil Gainutdin (im Amt seit 1996). Daneben gibt es noch einen weiteren Mufti mit gesamtrussischen Ambitionen, Albir Krganov, der in Cheboksary (Tschuwaschien) und Moskau eine “Geistliche Versammlung der Muslime Russlands” (DUMR) leitet. Die meisten dieser Muftis stammen direkt oder in zweiter Generation aus demselben spätsowjetischen Netzwerk von “offiziellen” (und stark vom KGB kontrollierten) Gelehrten des sowjetisch-russischen Muftiats in Ufa, dem Vorläufer von ZDUM. Dieses Geflecht von Muftiaten ohne klare Führungsstruktur wird von der Kreml-Präsidialverwaltung koordiniert. Bei Putins großen Reden zum Ukrainekrieg sieht man mal die einen und mal die anderen Muftis platziert. Eine vom Kreml initiierte Stiftung zur Förderung islamischer Kultur hilft ihnen bei der Finanzierung ihrer Vorzeigeprojekte, darunter große Moscheebauten, internationale Islam-Kongresse und Gedenkfeiern. Mit dieser staatlichen Finanzierung wird der Einfluss von ausländischen (v.a. türkischen und arabischen) Organisationen und Sponsoren praktisch unterbunden, die in den 1990er Jahren noch maßgeblich an der „Renaissance“ des Islams in Russland beteiligt waren. Die politische Vorgabe Präsident Putins ist es, einen “patriotischen” und “traditionellen“ Islam zu schaffen, der loyal zu Russland und unabhängig von ausländischen Einflüssen sein muss. Unter dieser Losung entstanden auch vom Staat akkreditierte Islamische Hochschulen und Universitäten (u.a. in Moskau, Kasan und Bolgary/Tatarstan, Ufa/Baschkortostan, Machatschkala/Dagestan, und Grosny/Tschetschenien), die der Ausbildung eines professionellen Kaders von Imamen dienen sollen. Daneben existieren zahlreiche kleine Islamschulen, die oft an Moscheen angeschlossen sind.

Islamisches Recht

Von der Lehre her gesehen folgen alle Muftiate dem, was sie jeweils als die historisch gewachsene regionale Form des sunnitischen Islams ansehen möchten. In Dagestan und Tschetschenien ist das die schafiitische Schule des Islamischen Rechts, die auch in Syrien und im Irak stark vertreten ist; diese Ausrichtung spiegelt die historische Orientierung der Muslime des Nordostkaukasus an der Arabischen Welt wider sowie die starke Rolle des Arabischen in der muslimischen Literatur der Dagestaner und Tschetschenen vor 1917. In den tatarischen Muftiaten Zentralrusslands vertritt man die hanafitische Rechtsschule, die von alters her bei den meisten Turkvölkern vorherrschend ist, darunter in der modernen Türkei. Zu den Tataren kam die hanafitische Gelehrsamkeit allerdings aus Mittelasien, vermittels der islamischen Medressen (“Seminare”) in Buchara und Samarkand (im heutigen Usbekistan), wo bis zur Interner Link: Oktoberrevolution 1917 viele tatarische Religionsstudenten ihre Ausbildung genossen. In der Praxis sind die Unterschiede zwischen dem Hanafismus der Wolga-Uralregion und dem Schafiismus des Nordostkaukasus gering; jede dieser sunnitischen Rechtsschulen kann mehr oder weniger konservativ (oder reaktionär) ausgelegt werden. In der öffentlichen Debatte kommt das islamische Recht vor allem in Fragen von Eheschließung (Arab. nikah) und Ehescheidung (talaq) zur Anwendung; während die schafiitische Rechtsschule die Heirat von muslimischen Männern und christlichen oder jüdischen Frauen ablehnt, lässt die hanafitische Schule diese großenteils zu. Die großen Muftiate erlassen fatwas (Rechtsgutachten), in denen sie ihre Imame anweisen, wie in den jeweiligen Fragen zu handeln sei. Diese Praxis steht jenseits des säkularen Rechts der Russischen Föderation. Während es offiziell nur um die Zeremonie der Eheschließung in der Moschee geht, vor oder nach der standesamtlichen Heirat, ist es für viele Ehemänner vorteilhaft, gar nicht erst zum Standesamt zu gehen. Dadurch sind auch Poligamien möglich, besonders unter mittelasiatischen Arbeitsmigranten, die in Russland eine zweite Familie gründen. Viele der mittelasiatischen Migranten leben sowieso in parallelen Welten, im Umkreis der Baustellen und Basare, wo sie eigene Hierarchien und Gebetsplätze haben. Ihre religiösen Praktiken orientieren sich an islamische Strömungen und Autoritäten in ihren Herkunftsländern und entziehen sich weitgehend dem Einfluss der russländischen (meist tatarischen) Muftiate.

Sufismus im Kaukasus

Insbesondere im Nordkaukasus ist der Sufismus bedeutsam, der vor allem mit Mausoleen von Heiligen verbunden ist. Bei den Sufi-Bruderschaften handelt es sich um lokale und regionale Netzwerke von Meistern und Schülern, welche regelmäßig mystische Rituale ausführen, in denen sie Gottes gedenken oder sich ihm sogar zu nähern denken. Diese Gruppen haben teilweise großen Einfluss auf Gesellschaft und Politik, sind aber auch das Angriffsziel der Salafisten und Islamisten, welche den Heiligenkult als Polytheismus verwerfen. Das islamische Establishment in Dagestan gehört zur Bruderschaft der Nakschbandija. Diese spielte im 19. Jahrhundert eine Rolle bei der Mobilisierung zum Dschihad gegen Russland, der vom berühmten Imam Schamil (reg. 1834-59) geleitet wurde; heute positionieren sich die Nakschbandis jedoch als loyal zu Moskau. In Tschetschenien und Inguschetien ist eine andere Bruderschaft dominant, die auf das Netzwerk des tschetschenischen Predigers Kunta-Hadschi zurückgeht (st. 1867). Diese Gruppen – verbunden mit bestimmten Clans – zeichnen sich durch Tanzrituale aus, die teilweise in der Öffentlichkeit stattfinden. In der Literatur findet man oft die Behauptung, der “Kunta-Hadschismus” sei gleichbedeutend mit dem tschetschenischen Islam. Dabei handelt es sich um eine starke Vereinfachung, welche allerdings durch Ramsan Kadyrovs Islampolitik verstärkt wird. Sein Vater und Vorgänger im Amt, Achmat Kadyrov (gestorben 2004), stand in der Tradition der Kunta-Hadschis, und der von Ramsan betriebene Kult um seinen Vater geht einher mit der Renovierung zahlreicher Schreine der Kunta-Hadschis.

Modernismus Während im Nordkaukasus die sufischen Netzwerke und patriarchalischen Strukturen trotz aller Unterdrückung auch in der Sowjetzeit erhalten blieben, war in der Wolgaregion gegen Ende der Sowjetzeit der organisierte Sufismus praktisch erloschen. In Kasan (Republik Tatarstan) berief man sich stattdessen zunächst auf das intellektuelle Erbe des sogenannten Dschadidismus (von usul-i jadid, ‘die neuen Unterrichtsmethoden’), worunter man eine fortschrittliche (modernistische) muslimische Bildungsbewegung versteht, die in den 1880er Jahren entstanden war. Der Dschadidismus umfasste vor allem eine Reform des traditionellen Bildungswesens, wobei das religiöse Kurrikulum durch “weltliche” Fächer ergänzt wurde. Einige dieser Gelehrten, Lehrer und Journalisten forderten auch eine Reform der islamischen Theologie und Praxis, die sie von Elementen befreien wollten, die ihrer Meinung nach nichts mit dem ursprünglichen Islam zu tun hatten. Im Zentrum stand der Versuch, die Vereinbarkeit von Islam und moderner Wissenschaft zu beweisen. Auch die Befreiung der muslimischen Frau stand auf ihrem Programm, und nach der Oktoberrevolution 1917 wurde sogar eine tatarische Lehrerin, Muchlisa Bubi, in ein Kadi-Amt gewählt – was unerhört war für die Islamische Welt. Wie die meisten ihrer männlichen Kollegen kam sie dann aber in Stalins Terror um. Nach dem Ende der UdSSR wurde dieser “progressive” Islam zunächst von Intellektuellen der tatarischen Nationalbewegung aufgegriffen, um einen fortschrittlichen tatarischen Islam zu postulieren, der nicht auf althergebrachten Strukturen, sondern auf liberaler Weltoffenheit und Rationalität beruht. Die meisten Imame und Islamgelehrten konnten solchen Konstrukten jedoch nichts abgewinnen, und wandten sich den konservativen Werten zu, die in der Türkei, Ägypten und der Golfregion dominierten; es kam mithin zu einer Retraditionalisierung. Diese konservative Linie fährt auch der gegenwärtige Mufti der Republik Tatarstan, Samigullin, der bei einer extrem frommen Bewegung in Istanbul studiert hatte. Offen “fortschrittsgesinnte” (d.h. sich als Erben des Dschadidismus präsentierende) islamische Gelehrte und Publizisten bestehen zur Zeit vor allem noch im Umfeld des Vize-Muftis von DUMRF in Moskau, Damir Muchetdinov; auch der syrischstämmige Moskauer Philosoph Tawfik Ibrahim propagiert in seinen zahlreichen russischsprachigen Schriften eine reformistische Theologie des “Koranischen Humanismus“, die allerdings van vielen Traditionalisten angefeindet wird.

Radikalismus

Russlands Muftis wie auch Präsident Putin geben immer wieder an, dass der Islam eine friedliche Religion sei, und dass der „Extremismus“ muslimischer Dschihadisten nichts mit dem Islam zu tun habe. Der mit radikal-islamischer Propaganda einhergehende Terrorismus ist in Russland durch schreckliche Anschläge und Massengeiselnahmen bekannt geworden (v.a. Budjonnowsk, 1995; Nord-Ost Theater in Moskau, 2002; Schule von Beslan, 2004); er hat aber auch einigen dem Kreml gegenüber loyalen Islamgelehrten der Muftiate das Leben gekostet. Dieser Terrorismus erwuchs in den späten 1990er Jahren vor allem aus dem Tschetschenienkonflikt. Während der tschetschenische Separatismus im ersten Tschetschenienkrieg (1994 ˗ 1996) nationalistisch und weitgehend säkular motiviert war, kamen in der Zwischenkriegszeit vor allem tschetschenische Bandenführer ins Rampenlicht, die sich den Kampf für den Islam und für einen islamischen Staat auf die Fahne schrieben. Ein Angriff tschetschenischer Bandenführer auf das benachbarte Dagestan im August 1999 gab dem damaligen Premierminister Vladimir Putin den Anlass für eine erneute Invasion Tschetscheniens (und verhalf ihm zu dem Image eines hart durchgreifenden Retters Russlands, welches ihm im folgenden Jahr half, die Präsidentschaftswahlen zu gewinnen). Der islamische Widerstand ging indes im Untergrund weiter; 2007 führte dies zur Ausrufung des „Emirats Kaukasus“, eines virtuellen Islamstaates, der weite Territorien Russlands in sich vereinen wollte. Es ist dies dieselbe Abkehr vom Nationalstaatsgedanken, die man später beim IS sah, dem Islamischen Staat in Irak und Syrien. Den russischen und tschetschenischen Sicherheitskräften gelang jedoch die Tötung der prominentesten Terrorführer, und seit 2015 schlossen sich viele der überlebenden Dschihad-Kämpfer dem IS in Syrien an, wo sich russischsprachige Einheiten von erprobten Kämpfern bildeten. Der Kreml begründete sein direktes militärisches Eingreifen in den Syrienkrieg 2015 damit, dass man eine Rückkehr dieser Kämpfer nicht zulassen dürfe. Der Vorwand des Kampfes gegen den Extremismus wurden seit der Annexion der Krim 2014 auch benutzt, um die Organisationen der Krimtatarischen Autonomie zu zerschlagen, vor allem den Medschlis, dessen Führungspersönlichkeiten mittlerweile in anderen Teilen der Ukraine operieren. Gleichzeitig fördert der Kreml das krimtatarische Muftiat (unter Mufti Emirali Ablaev), welches heute als Kreml-loyale Vertretung der Krimtataren erscheinen will und damit dem Medschlis das Wasser abgraben soll. Andere islamische Organisationen, die unter ukrainischem Recht nicht verboten waren/sind (z.B. Hizb ut-Tahrir, welche mit friedlichen Mittlen auf einen islamischen Staat hinarbeiten), wurden ebenfalls eliminiert; ehemalische Medschlis- und Hizb ut-Tahrir-Aktivisten arbeiten heute zusammen, um mit ihren verbliebenen Mitteln gegen russische Menschenrechtsschändungen auf der Krim zu protestieren und den Hinterbliebenen von Gefangenen zu helfen. Die großen regionalen Muftiate in ganz Russland arbeiten eng mit den Sicherheitsbehörden zusammen, um durch Predigt und Erziehung „prophylaktische Aufklärung“ in ihren Gemeinden zu betreiben und – gemeinsam mit säkularen Experten – islamische Literatur und Medien auf Spuren von Extremismus hin zu untersuchen. Viele islamische Werke, darunter auch klassische Schriften und selbst Koranübersetzungen, sind ohne überzeugende Expertise von diversen russischen Gerichten verboten worden, was zuweilen Proteste von Gelehrten auslöste. Ein islamischer Aktivismus jenseits der vom Staat kontrollierten Muftiate, wie es ihn noch vor zehn Jahren in der russländischen Öffentlichkeit gab, ist heute nicht mehr zu erkennen; alternative Islam-Prediger haben Russland verlassen oder sind marginalisiert bzw. mundtot gemacht. Gleichzeitig sind Russlands Muslime durch die neuen Medien heute stark mit Trends in der gesamten Islamischen Welt verbunden, und sie zeigen ihre Frömmigkeit auch in der Öffentlichkeit durch Kleidung und Teilnahme an Ritualen. Auch die Halal-Industrie blüht. Zudem ist bekannt, dass gerade auch russische Gefängnisse Orte sind, an denen Menschen zum Islam kommen.

Verkirchlichung?

Die Gleichschaltung und bürokratische Organisation des Islams in Russland dient vorgeblich der Schaffung sozialer Stabilität. Gleichzeitig liefern die vom Staat geförderten Muftis dem Regime eine islamische Legitimation – so etwa, als nach dem Überfall auf die Ukraine im Frühjahr 2022 zahlreiche der genannten Muftis eine fatwa publizierten, der zufolge Muslime Russlands, die in Ukraine auf russischer Seite kämpfen und fallen, direkt als Märtyrer ins Paradies einziehen würden. Diese Formulierungen manipulieren die islamische Tradition, kopieren aber auch die Rhetorik des Moskauer Patriarchats. Unter dem Slogan des “Traditionalismus“ und “traditioneller Werte“ wird offiziell die Harmonie zwischen Orthodoxer Kirche und Islam betont, und in gewisser Hinsicht bewegt sich der organisierte Islam im Fahrwasser der Orthodoxen Kirche. Manche Beobachter sprechen deshalb von einer “Verkirchlichung” des Islams in Russland ; die Bürokratisierung der Muftiate verwandelt den Islam in eine Ressource des Staates, und zwar sowohl auf zentraler Ebene wie auch auf der Ebene der Teilrepubliken. Inwieweit Russlands Muslime sich wirklich durch ihre Muftis vertreten fühlen, bleibt indes unklar.

Quellen / Literatur

Michael Kemper (2022), “Ijtihad in Putin’s Russia? Signature Fatwas from Moscow and Kazan”, Journal of the Social and Economic History of the Orient 65.7, 935-960.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Sophie Roche (2018), “Status Translation: Central Asian Migrants between Ethnic Discrimination and Religious Integration”, Anthropological Journal of European Cultures, Vol. 27, No. 1, pp. 94-98.

  2. Gulnaz Sibgatullina (2023), “The Muftis and the Myths: Constructing the Russian ‘Church for Islam’”, Problems of Post-Communism, DOI: 10.1080/10758216.2023.2185899

Lizenz

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 4.0 - Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International" veröffentlicht.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.
Sie wollen einen Inhalt von bpb.de nutzen?

Weitere Inhalte

Russland-Analysen

Der Islam in Russland

Seit dem 7. Jahrhundert ist der Islam auf russischem Staatsgebiet im Nordkaukasus verbreitet. Damit ist er älter als die erste Christianisierung des Landes. Aber lässt sich die Religion mit dem…

Michael Kemper ist Professor für Osteuropäische Studien an der Universität von Amsterdam. Sein Forschungsgebiet sind Geschichte und Gegenwart der Muslime Russlands, der Ukraine und des Kaukasus, wobei er vor allem die Produktion und Zirkulation islamischer Texte in arabischer, tatarischer und russischer Sprache untersucht.