Basilius-Kathedrale

14.6.2018 | Von:
Prof. Dr. Hans-Henning Schröder

Revolutionäre Neuordnung und Stalin-Diktatur

(1918 - 1953)

Diktatur Stalins

Seine beherrschende Position erlaubte es ihm, Ende der Zwanzigerjahre eine Politik forcierter Industrialisierung durchzusetzen, die prioritär die Schwerindustrie ausbaute und die Entwicklung der Konsumgüterproduktion vernachlässigte. Damit wurde der Grundstein für das Missverhältnis der Industriezweige gelegt, das die sowjetische Wirtschaft bis 1991 und darüber hinaus belastete. Die Führungsgruppe um Stalin reagierte mit diesem Schritt auf etwas, das sie als „Krise der NÖP“ wahrnahm. In ihrer ideologischen Fixierung interpretierte sie die - am Markt orientierten - Versuche der Bauern, Höchstpreise zu erzielen, als konterrevolutionäres Verhalten und antwortete mit Zwangsmaßnahmen. Zwischen Juli 1929 und Juli 1932 wurden fast 15 Millionen Höfe zwangsweise "kollektiviert", das heißt mit Land, Vieh und Gerätschaften in eine kollektive Großwirtschaft überführt. Da die Bauern diese Maßnahmen, die sie als Enteignung verstanden, ablehnten, nahm die Kollektivierung bald den Charakter eines "Kriegs gegen das Dorf" an. Durch Strafmaßnahmen, Deportation, Krankheit und eine politisch induzierte Hungersnot kamen in dieser Phase mehrere Millionen Bauern ums Leben. Die sowjetische Landwirtschaft wurde auf lange Sicht geschädigt, die verfehlte Agrarpolitik erschwerte auch die Industrialisierung.

Der erste Fünfjahresplan (1928-1932) sah für die Wirtschaftsentwicklung exorbitante Zuwachsraten und hohe Priorität für die Produktionsgüterindustrie vor. Eine zentrale Planung, die sich im Lauf der Zeit zu einem kaum überschaubaren, hochbürokratisierten System der Wirtschaftsverwaltung entwickelte, sollte rasches Wachstum garantieren. In der Tat gelang es in einer bemerkenswerten Mischung von Massenmobilisierung, Enthusiasmus und Repression, ganz erhebliche industrielle Zuwächse zu erzielen. Die Sowjetunion verwandelte sich in dieser Phase unter großen Opfern in ein Industrieland. Die Gesellschaft geriet in Bewegung - Urbanisierungsprozesse, Alphabetisierung und der Ausbau der Hochschulen schufen soziale Aufstiegsmöglichkeiten. Damit und durch die massive Repression veränderte sich der Charakter des Landes.

Die zerstörerische Verstaatlichung des Agrarsektors und die industrielle Mobilisierung wurden begleitet vom Ausbau eines Repressionsapparates, der bald sogar die herrschende Partei selbst marginalisierte. Die politische Polizei (bis 1934 OGPU, Allgemeine Staatliche Politische Verwaltung, dann in das NKWD, Volkskommissariat für Inneres, überführt) verschärfte die Überwachung und baute ein System von Zwangsarbeitslagern auf, das eine eigene ökonomischen Bedeutung hatte und unter Leitung der Hauptverwaltung für Lager (GULag) neben dem Personenkult zum konstitutiven Bestandteil des Stalin-Regimes wurde. Die Repression wandte sich auch gegen die Führungskader der Partei. In den großen "Säuberungsaktionen" der Jahre 1937 und 1938 wurde fast die gesamte militärische und politische Elite ausgelöscht. Eine Generation von Aufsteigern, der auch die späteren Sowjetführer Nikita Chruschtschow und Leonid Breschnjew angehörten, ersetzte die liquidierten Kader.

Anfang der Vierzigerjahre beherrschten Stalin und sein Repressionsapparat die Sowjetunion unangefochten. Indes hatte sich die internationale Lage alarmierend zugespitzt. In Italien und in Deutschland hatten sich mit Faschisten und Nationalsozialisten rechtsradikale Terrorregime durchgesetzt. Das Münchener Abkommen von 1938 zeigte, dass die westlichen Demokratien nicht bereit waren, Hitlers aggressiver Expansionspolitik ernsthaft Widerstand zu leisten. In dieser Situation vollzog die Stalinsche Führung im Laufe des Jahres 1939 eine außenpolitische Wende und ging eine Allianz mit dem nationalsozialistischen Deutschland ein. Der Schritt verschaffte der Sowjetunion nicht nur eine Atempause, sondern auch politische Handlungsfreiheit in Ost- und Nordeuropa. Während Deutschland durch den Angriff auf Polen einen Weltkrieg auslöste, eignete sich die UdSSR (Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken) Teile Polens sowie die baltischen Republiken an, zwang Rumänien zur Abtretung Bessarabiens und begann einen Krieg mit Finnland.

Als sich Deutschland im Sommer 1941 gegen die Sowjetunion wandte, war die Stalinsche Führung aber letztlich doch überrascht. Die Rote Armee erlitt in den ersten Kriegsmonaten eine verheerende Niederlage, die Wehrmacht drang bis Moskau und Leningrad (das heutige St. Petersburg) vor. Erst nach vierjährigem harten Ringen konnte die UdSSR gemeinsam mit den Westalliierten das nationalsozialistische Deutschland niederwerfen. Die Unterzeichnung der Kapitulationserklärung durch die Vertreter der Wehrmacht am 9. Mai 1945 um 0.16 Uhr in Berlin-Karlshorst, dem Hauptquartier der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland, beendete einen Krieg, den die deutsche Seite als Rassen- und Vernichtungskrieg geführt und der die Sowjetunion 27 Millionen Leben gekostet hatte. Die westlichen Teile des Landes waren zerstört, erhebliche Anstrengungen notwendig, um die Wirtschaftsleistung wieder auf den Vorkriegsstand zu bringen. Dazu kamen in breitem Umfang auch Kriegsgefangene sowie weibliche und männliche Zwangsarbeiter aus dem GULag zum Einsatz. Bis 1948 wurde das Vorkriegsniveau erreicht, 1952 war die Gesamtproduktion doppelt so hoch wie 1940. Da der Schwerpunkt aber nach wie vor auf der Produktionsgütererzeugung lag, stieg der Lebensstandard nicht fühlbar.

Die Hoffnungen, die kollektive Leistung der Gesellschaft bei der Abwehr des deutschen Angriffs würde nach Kriegsende zu einer Liberalisierung des Stalinschen Regimes führen, erfüllten sich nicht. Die Mythisierung Stalins, der sich trotz der katastrophalen Fehlleistungen des Jahres 1941 als Urheber des Sieges feiern ließ, nahm bizarre Ausmaße an. Gestützt auf seine Privatkanzlei und den NKWD (ab 1946 MWD), dem seit 1938 Lawrentij Berija vorstand, deckte Stalin eine Reihe von "Verschwörungen" auf und lancierte neuerliche Säuberungskampagnen, denen eine Reihe hoher Parteiführer zum Opfer fielen, unter anderem Nikolaj Wosnesenskij, der während des Krieges in den Führungsgremien von Partei und Staat für die sowjetische Wirtschaft zuständig gewesen war. Diese neue Repressionswelle endete erst mit Stalins Tod am 5. März 1953.

Auszug aus: Hans-Henning Schröder: Vom Kiewer Reich bis zum Zerfall der UdSSR, in: Russland (Informationen zur politischen Bildung, Heft 281), Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2003, S. 8ff., aktualisiert 2018.
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