Opposition activists carry the Ukrainian national flag during an action of protest against the current regime in Kiev, Ukraine, Saturday, May 18, 2013. (AP Photo/Efrem Lukatsky)

1.2.2013 | Von:
Vlad Mykhnenko

Die räumliche Differenzierung der ukrainischen Wirtschaft. Die regionale Ebene.

Die Ukraine hat von ihrer imperialen und sowjetischen Vergangenheit eine der asymmetrischsten Wirtschaftslandschaften Europas geerbt. Dieser Beitrag behandelt die ökonomische Entwicklung der ukrainischen Regionen zwischen 1990 und 2012 und legt einen Schwerpunkt auf den Vergleich der Wirtschaftsleistung verschiedener Regionen in der Phase ökonomischer Expansion von 1999 bis 2008.

Einkaufszentrum in Odessa.Einkaufszentrum in Odessa. Lizenz: cc by-nc-sa/3.0/de (Wikimedia, Sebastian Klüsener)

Ungleiche post-sowjetische Entwicklung

Der Zerfall der Sowjetunion und die Unabhängigkeit der Ukraine hatten eine tiefe Rezession zur Folge, die 1990 begann und bis Mitte der 1990er Jahre andauerte. Nach der Wahl Leonid Kutschmas zum Präsidenten Ende 1994 und der Einführung eines Maßnahmenpakets zur makroökonomischen Stabilisierung verlangsamte sich die Rezession. In den 1990er Jahren schrumpfte die Wirtschaft (gemessen in realem BIP und konstanten Preisen) um 59 %. Ab dem Ende des Jahres 1999 erzielte die Ukraine bis 2008 wieder positive Wachstumsraten. Insgesamt konnte die Ukraine in den 2000er Jahren ein jährliches Wirtschaftswachstum von 5,6 % verzeichnen. Dessen ungeachtet blieb – sogar vor Beginn der großen Krise 2008 – die reale Produktion unter dem vor 1990 bereits erreichten Niveau. Die anhaltende post-sowjetische Depression verursachte einen stetigen Rückgang der ukrainischen Bevölkerungszahlen, was zu einem überproportionalen Anstieg des Prokopfeinkommens führte. Im Gegensatz zum BIP für die gesamte Volkswirtschaft erreichte das ukrainische BIP pro Kopf nach Kaufkraftparität 2006 das Niveau von 1990 und fiel sogar nach der Rezession von 2009 nicht mehr darunter. Der Kollaps der sowjetischen Volkswirtschaft und die darauf folgende Unordnung, Reallokation und Umstrukturierung wirkten in unterschiedlicher Weise auf die verschiedenen Regionen der Ukraine. Die regionale Verteilung der Einkommensschwankungen zwischen 1990 und 2007 zeigt, dass der wirtschaftliche Zusammenbruch besonders schwer auf dem Zentrum und dem Westen des Landes lastete. Während ein Drittel der ukrainischen Regionen verglichen mit dem nationalen Durchschnitt hinzugewann, verloren die anderen zwei Drittel. Die größten Verlierer waren zwei benachbarte zentralukrainische Regionen, Tschernihiw und Sumy. Im Großen und Ganzen erlitt die Zentralukraine, der weder Industrie noch Grenzverkehr zugute kamen, den größten relativen Verlust in der post-sowjetischen Epoche. Der Süden und der Osten schlugen sich besser, die Stadt Kiew jedoch war nach prozentualer Einkommenssteigerung (+168 %) der größte Gewinner, während Sewastopol und die Autonome Republik Krim im Vergleich mit den anderen Regionen am weitesten vorrücken konnten. Regionale Ungleichheit und nicht "aufholendes Wachstum" war so das Ergebnis der Erholungsperiode. Während dieser Zeit spielten zentripetale Mechanismen die wichtigste Rolle: nur drei von 27 Regionen holten auf, sechs verlangsamten das Wachstum, und 16 Regionen, vor allem im Zentrum und im Westen der Ukraine, fielen weiter hinter den Rest des Landes zurück. Die regionale Divergenz wurde angetrieben von in Kiew und Charkiw konzentrierten Dienstleistungen für Verbraucher und die Finanzbranche, sowie vom Industriesektor im Osten des Landes. Kiew verdankte seine außergewöhnliche Wirtschaftsleistung vor allem seinem Status als Hauptstadt und der damit verbundenen Konzentration öffentlicher wie privater Führungsfunktionen. Die Rekonstruktion territorialer Produktionskomplexe durch neu gebildete, regional ansässige und in die politische Machthierarchie integrierte Unternehmen sorgte dafür, dass die relativ hohe industrielle Wertschöpfung erhalten werden konnte (s. Grafik 3). Der Wohlstand des Landes war in zunehmendem Maße abhängig von zwei riesigen, schnell wachsenden Metropolwirtschaften und vier großen, langsam wachsenden, spezialisierten Industrieökonomien. Diesen Zustand beschreibt der Terminus der "zentripetalen Tendenzen". Das Hauptstadtgebiet (Kiew und die Kiewer Region) hatte einen Anteil von 22,5 % an der nationalen Produktion und erzeugte zusammen mit den vier östlichen Regionen Donezk (12,8 %), Dnipropetrowsk (9,9 %), Charkiw (6,1 %) und Saporischschja (4,6 %) über die Hälfte der ukrainischen Wirtschaftsleistung. Die 16 westlichen, zentralen und südlichen Regionen trugen weniger als ein Viertel dazu bei.

Wirtschaftswachstum und Arbeitslosigkeit

Das Wirtschaftswachstum wurde zwischen 1999 und 2008 von einem starken aber unregelmäßigen Rückgang der Arbeitslosigkeit begleitet, der im Durchschnitt fünf Prozentpunkte betrug. Die Arbeitslosenrate, wie sie die International Labour Organisation definiert, halbierte sich und fiel während der Expansionsphase in allen Regionen. Im Jahr 2012 allerdings stieg die Arbeitslosenrate wieder auf relativ hohe 7,9 %. Dabei reicht die regionale Bandbreite von 10,4 % in Riwne, Ternopil und Tschernihiw bis zu 5,2 % in Kiew. Die Arbeitslosigkeit blieb in westlichen und zentralen Regionen, wo der landwirtschaftliche Sektor nur unzureichende Beschäftigungsmöglichkeiten bot, auf beständig hohem Niveau. Zudem wurde Arbeit in der Landwirtschaft wesentlich schlechter bezahlt als in industriell geprägten Regionen und den angrenzenden Metropolen. Die überdurchschnittlich leistungsstarken Regionen, die das Wachstum des Inlandskonsums stützten, umfassten zum einen die vier östlichen Industrieregionen Donezk, Dnipropetrowsk, Poltawa und Saporischschja. Diese exportierten industrielle Erzeugnisse, erwirtschafteten Deviseneinnahmen und leisteten so der wirtschaftlichen Erholung Vorschub. Dagegen wurde das Wachstum in den Regionen Kiew und Charkiw primär von Inlandsinvestitionen in Dienstleistungen und die öffentliche Verwaltung (Regierung) angetrieben. Die ungleiche regionale Entwicklung der Ukraine zwischen 1999 und 2012 erklärt sich durch Veränderungen in Produktivität und Beschäftigung, die wirtschaftliche Performanz verschiedener Wirtschaftssektoren und die räumliche Arbeitsteilung. Nicht Vergrößerung der Erwerbsbevölkerung, sondern Produktivitätssteigerungen ermöglichten ukrainischen Regionen wirtschaftliches Wachstum. Folglich wurde das ukrainische Wachstum vor der großen Rezession von 2008/09 von der Intensivierung der Wirtschaft angetrieben, nicht etwa durch den Verkauf von Teilbereichen (asset-stripping) oder die Wiederinbetriebnahme ungenutzter Produktionsanlagen. Die Produktivität stieg in allen 27 Regionen, dabei besonders stark in Kiew, Wolynien, Charkiw und Dnipropetrowsk, wo der Anstieg zwischen 1999 und 2007 über dem nationalen Durchschnitt lag. Die überwältigende Mehrheit der Regionen erlebte eine beschäftigungsintensive wirtschaftliche Erholung von der Depression der 1990er Jahre, wenn auch in manchen Regionen die Produktivität das Ergebnis von Entlassungen war.


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