Opposition activists carry the Ukrainian national flag during an action of protest against the current regime in Kiev, Ukraine, Saturday, May 18, 2013. (AP Photo/Efrem Lukatsky)

24.4.2013 | Von:
Steffen Halling

Analyse: Zwischen Kalkül, Klientelismus und "Leidenschaft": Ukrainische Oligarchen als Wohltäter und Mäzene

Neben der Pluralisierung und Differenzierung, die die politische Einflussnahme der Oligarchen nach der Orangen Revolution charakterisiert haben und etwaige politische Affiliationen so oft nur vage bestimmbar machen, sticht vor allem auch ihr veränderter Umgang mit der Öffentlichkeit hervor. Diese Öffentlichkeit hatten sie lange Zeit weitgehend gemieden. Als sie jedoch verstärkt zum Gegenstand öffentlicher Kritik wurden und als "Banditen", deren Entmachtung zu einer zentralen politischen Losung avancierte, öffentlich an den Pranger gestellt wurden, distanzierten sie sich mit Nachdruck vom gängigen Bild der kriminellen Gewaltunternehmer. Viele Oligarchen starteten nun öffentlichkeitswirksame Versuche, um durch gesellschaftliches Engagement patriotisches und verantwortungsbewusstes Handeln zu demonstrieren.

Institutionalisierte Öffentlichkeitsarbeit

Bis heute stechen zwei Bereiche hervor, durch die Oligarchen ihr Erscheinungsbild steuern. Erstens handelt es sich um private Stiftungen, die im Namen der Oligarchen Wohltätigkeitsarbeit verrichten. Sie können als ein Korrelativ zu dem aus der Orangen Revolution hervorgegangenen öffentlich-konfrontativen Umfeld betrachtet werden, da ihre Gründung in den meisten Fällen ab 2005 erfolgte. Unter Präsident Wiktor Juschtschenko zeigte sich dabei sehr deutlich, dass ihre Wohltätigkeitsarbeit ihre Amnestierung begünstigen bzw. legitimieren sollte. Für eine Interpretation, die die indirekte Verpflichtung der Oligarchen zu verantwortungsbewusstem Handeln als eine einvernehmliche Form der symbolischen Kompensation für in der Vergangenheit begangene Rechtsbrüche wertet, spricht vor allem, dass der damalige Präsident nach der Unterzeichnung eines Memorandums, das u. a. Reprivatisierungen eine Absage erteilte, an die Ehre der Oligarchen als verantwortungsbewusste Geschäftsmänner appellierte und sie dazu aufforderte, ihrer nationalen Verantwortung nachzukommen. Später rief er per Dekret das Wohltätigkeitsprojekt "Gib dem Kind Wärme durch Liebe" ins Leben. Die Oligarchen erklärten sich bereit, das Projekt zur Unterstützung sozial schwacher Mehrkindfamilien sowie behinderter Kinder und Waisen auf regionaler Ebene zu realisieren. Neben der Wohltätigkeitsarbeit ragt zweitens ihr massenwirksames Mäzenatentum im Sport hervor. Nicht nur im Fußball, sondern auch in bislang weniger populären Sportarten, wie Eishockey oder Basketball, zeichnet sich eine zunehmende Präsenz der Akteure ab. Dabei ist sowohl im Bereich der Wohltätigkeitsarbeit als auch mit Blick auf das Mäzenatentum in den zurückliegenden Jahren eine Professionalisierung zu beobachten und sich durch eine gewachsene internationale Kooperations- bzw. Konkurrenzfähigkeit auszeichnet.


Ukraine