Opposition activists carry the Ukrainian national flag during an action of protest against the current regime in Kiev, Ukraine, Saturday, May 18, 2013. (AP Photo/Efrem Lukatsky)

9.3.2018 | Von:
Marcel Röthig

Analyse: Generation Z – eine Analyse der ukrainischen Jugend

Die repräsentative Jugendstudie der Friedrich-Ebert-Stiftung Ukrainian "Generation Z" von 2017 zeichnet ein differenziertes Bild vom Leben junger Menschen in der Ukraine. Dieser Beitrag stellt die zentralen Ergebnisse vor.

Die vielen Facetten der Stimmungslage der ukrainischen Jugend: Zwischen orientierungslos und optimistisch, zwischen patriotisch und europäisch, zwischen apolitisch und überzeugt.Die vielen Facetten der Stimmungslage der ukrainischen Jugend: Zwischen orientierungslos und optimistisch, zwischen patriotisch und europäisch, zwischen apolitisch und überzeugt. (© picture alliance / NurPhoto)

Die Studie beschreibt eine teilweise widersprüchliche Generation, die sich als apolitisch und desillusioniert begreift und trotzdem mit großem Optimismus in die Zukunft blickt. Die Studie kann als einer der bisher umfassendsten Versuche betrachtet werden, die Besonderheiten der ukrainischen Jugend nicht nur in Bezug auf die jüngere Vergangenheit, sondern in Bezug auf die gesamte Zeit der ukrainischen Unabhängigkeit seit 1991 zu beschreiben.

Einleitung

Gemeinsam mit dem New Europe Center und der Gesellschaft für Konsumforschung Ukraine befragte die Friedrich-Ebert-Stiftung im Sommer 2017 in der Ukraine insgesamt 2 000 junge Menschen zwischen 14 und 29 Jahren intensiv hinsichtlich ihrer politischen, sozialen, kulturellen und persönlichen Ansichten und Werte. Somit beschreibt die Studie die Generation der späten 1980er und 1990er Jahre, die bis heute drei Revolutionen erlebt hat beziehungsweise deren Kindheit in die Zeit der ersten beiden Revolutionen fällt. Heute macht diese Generation mit schätzungsweise acht Millionen Menschen ein Fünftel der ukrainischen Gesamtbevölkerung aus. Besonderes Augenmerk wurde in der Studie auf die Ansichten zum Krieg in der Ostukraine und zum Verhältnis zur Russischen Föderation vor dem Hintergrund der Krim-Annexion gelegt.

Die Methodik basierte dabei auf der in Deutschland seit Jahrzehnten etablierten Shell Jugendstudie. Die im vorliegenden Beitrag vorgestellte Untersuchung ist Teil einer Reihe von Jugendstudien, die die FES zunächst auf dem Westbalkan und in Südosteuropa sowie im Südkaukasus und in Zentralasien durchgeführt hat. Um die Vergleichbarkeit dieser Studien zu einem späteren Zeitpunkt zu ermöglichen, basieren sie alle auf einem einheitlichen Kernfragebogen im quantitativen Teil, der jeweils durch einen länderspezifischen Teil und besonders zugeschnittene qualitative Fokusgruppeninterviews ergänzt wird. Die Methodik der Shell Jugendstudie ermöglicht es zudem, über Folgeerhebungen mittel- und langfristig Trends und Entwicklungen zu beobachten. Die in der Ukraine befragten 2 000 jungen Menschen wurden repräsentativ ausgewählt: in Bezug auf Geschlecht, Alter, Region sowie Größe ihres Wohnortes. Es konnte allerdings keine Erhebung in der Autonomen Republik Krim sowie in den besetzten Gebieten des Donbass stattfinden.

Die quantitative Erhebung erfolgte mittels persönlicher Interviews im häuslichen Umfeld der Befragten. Die Fehlertoleranz dürfte bei dieser Vorgehensweise mit 2,2 Prozent bemessen werden. Zusätzlich zu dieser quantitativen Erhebung wurden im Oktober 2017 regionale Fokusgruppeninterviews mit 18- bis 29-jährigen in Tschernihiw, Lwiw, Odessa und Charkiw durchgeführt.

Die Studie umfasst neun Themen: Alltag, Familie, Lebensstil, Bildung und Arbeit, Migration, Werte, die Beurteilung der politischen Lage, außenpolitische Wahrnehmungen sowie die Beziehungen zu Russland vor dem Hintergrund der Krim-Annexion und des Krieges im Osten der Ukraine. Innerhalb der Themen gab es Überschneidungen: So kam zum Beispiel Korruption immer wieder zur Sprache.

Ähnlich der Jugend in Westeuropa ist die ukrainische Jugend skeptisch gegenüber Politik im Allgemeinen. Dabei handelt es sich um eine Haltung, die europaweit messbar ist. Es zeigen sich aber auch Unterschiede zwischen der ukrainischen Jugend und jungen Menschen aus EU-Mitgliedsstaaten: Die ukrainische Jugend kann man im Allgemeinen als konservativer und weniger tolerant gegenüber Minderheiten charakterisieren. So ergab die Studie, dass Homosexualität die im Vergleich geringste Akzeptanz erfährt – eine deutlich geringere Akzeptanz als das Anbieten oder Annehmen einer Bestechungsleistung, als Abtreibung oder auch als Steuerbetrug. (zu den Ergebnissen der Studie siehe auch die Tabellen und Grafiken)

Generation Orientierungslos

Die meisten jungen Ukrainer interessieren sich nicht für Politik. Diejenigen, die politisch sehr interessiert oder eher interessiert sind, machen nur 13 Prozent der Befragten aus. Politisch aktiv zu sein, ist wichtig für nur einen von fünf jungen Ukrainern. Drei Viertel aller jungen Menschen in der Ukraine misstrauen der politischen Führung ihres Landes. Die niedrigsten Werte erhalten das Parlament, die politischen Parteien, die Regierung, das Justizwesen und der Präsident. Am meisten vertrauen junge Ukrainer hingegen der Kirche, Freiwilligenbewegungen und der Armee.

Als wichtigste politische Aufgaben werden der Kampf gegen Korruption und Kriminalität, die Schaffung von Wirtschaftswachstum und Wohlstand sowie der Abbau der Arbeitslosigkeit genannt. Das Misstrauen gegenüber Politik im Allgemeinen geht einher mit einer gewissen Orientierungslosigkeit: Es fällt der ukrainischen Jugend schwer, sich entweder als "rechts" oder "links" zu beschreiben. So konnten 38 Prozent der Befragten die Frage danach nicht beantworten. Eine relative Mehrheit von 37 Prozent verortete sich eher "rechts". Als die Befragten jedoch ihre Position zu einer Reihe politischer Grundsatzfragen darlegen sollten, zeigte sich, dass sie tatsächlich eher linken Positionen zugeneigt waren, etwa in Bezug auf wirtschaftliche Gleichheit, Umverteilung und die Rolle des Staates bei der Gewährleistung von sozialer Sicherheit.

Generation Ukraine

61 Prozent der jungen Ukrainer sind heute stolz darauf, Bürger der unabhängigen Ukraine zu sein. Auch wenn etwa ein Drittel der Befragten seine Einstellung zur Auflösung der Sowjetunion nicht angeben konnte oder wollte (22 Prozent fanden es schwierig, diese Frage zu beantworten, und 12 Prozent wollten sie nicht beantworten), so ist ein deutlicher Trend zur positiven Bewertung der Auflösung der Sowjetunion erkennbar. Regional zeigten sich allerdings Unterschiede: Befragte aus dem Süden und Osten wählten viel häufiger die Optionen "schwer zu beantworten" oder "nicht zu beantworten". Ungeachtet dieser Unterschiede bei der Vergangenheitsdeutung definierten sich 95 Prozent der Befragten als "ukrainisch" und 2 Prozent als "russisch". Ein ähnliches Verhältnis findet man im Osten (88 Prozent gegenüber 8 Prozent) und Süden (94 Prozent gegenüber 4 Prozent). Auch betrachten sich die allermeisten jungen Menschen im Osten und Süden der Ukraine selbst dann mehrheitlich als Ukrainer, wenn ihre Eltern die russische Staatsangehörigkeit besitzen. Die Studie ergab weiterhin, dass der Gebrauch der gesprochenen ukrainischen Sprache sowohl im professionellen als auch im privaten Alltag zunimmt, wobei hier regionale Unterschiede erkennbar bleiben. Während der Norden, der Westen und das Zentrum zu Hause hauptsächlich Ukrainisch sprechen, dominiert Russisch in Kiew, im Süden und im Osten. Im Allgemeinen spricht die Hälfte der jungen Ukrainer (50 Prozent) zu Hause Ukrainisch, ein Drittel (30 Prozent) spricht Russisch und etwa ein Fünftel (18 Prozent) beides. Außerhalb der Familie ist der Trend zum Ukrainischen ebenfalls zu beobachten, außer in Kiew, wo der Anteil derjenigen, die beide Sprachen sprechen, überwiegt (46 Prozent).

Generation Dezentral

In allen Regionen ist die lokale und regionale Identifikation stärker als die nationale. 73 Prozent der jungen Ukrainer betrachten sich selbst als Einwohner ihrer Stadt oder ihres Dorfes, 69 Prozent sehen sich als Bewohner ihrer Region und nur 66 Prozent sehen sich als Bürger der Ukraine. Es überrascht nicht, dass die Identifikation mit der Ukraine am stärksten in den nördlichen (79 Prozent) und westlichen (70 Prozent) Regionen und am schwächsten im Osten (48 Prozent) ausgeprägt ist. 54 Prozent der jungen Ukrainer sehen sich als Bürger dieser Welt.

Generation Optimismus

Trotz der schlechten Bewertung des ukrainischen Bildungssystems und obwohl jeder fünfte Befragte angab, dass er oder sie gerade genug Geld habe, um Stromrechnungen zu bezahlen und Essen zu kaufen (während die Hälfte der jungen Ukrainer laut Studie ausreichend Geld hat, um Kleidung und Schuhe zu kaufen, nicht jedoch teurere Gegenstände wie einen Fernseher oder einen Kühlschrank), erwarten 71 Prozent der befragten jungen Menschen in zehn Jahren eine bessere Zukunft. Nur 2 Prozent sind pessimistisch. 83 Prozent sind generell zufrieden mit ihrem Leben, 72 Prozent in Bezug auf ihre Ausbildung und 56 Prozent in Bezug auf ihren Arbeitsplatz. Angst vor Krieg und vor allem vor Korruption stellen die größten Ängste dar. Junge Ukrainer sind jedoch aufgrund ihrer Alltagserfahrung, tendenziell dazu bereit, Korruption als notwendiges Übel zu tolerieren, was in den Fokusgruppeninterviews zur Sprache kam. Nur ein Drittel der jungen Ukrainer glaubt, dass Bestechung in keinem Fall zu rechtfertigen ist. Hier zeigen sich regionale Unterschiede: Während im Norden über 50 Prozent der Befragten Bestechung kritisch gegenüberstehen, liegen die entsprechenden Werte in Kiew und im Osten des Landes bei 19 beziehungsweise 15 Prozent. 72 Prozent aller befragten jungen Menschen sehen ihre Zukunft in der Ukraine, wohingegen sich 25 Prozent eine Migration ins Ausland vorstellen können. 5 Prozent der jungen Ukrainer haben den Wunsch, die Ukraine dauerhaft und für immer zu verlassen. Die Mehrheit möchte gerne nach Deutschland, darauf folgen die USA und Polen.

Generation Konservativ

Die ukrainische Jugend hat ein konservatives Familienbild. Eine deutliche Mehrheit sieht sich in der Zukunft verheiratet (86 Prozent), mit idealerweise zwei Kindern (48 Prozent). Nur 2 Prozent der Befragten können sich vorstellen, in einer "wilden Ehe" zu leben. Unverheiratete Frauen jenseits der 30 gelten als Anomalie. Die wichtigsten Werte der jungen Ukrainer sind wirtschaftlicher Wohlstand, Beschäftigung und Sicherheit. Dieser hohe Stellenwert von Sicherheit zeigt sich auch in der Religiosität der jungen Menschen: Die Mehrheit der jungen Ukrainer betet, was zur allgemein hohen Wertschätzung für die Kirche passt.

Generation Homophob

Am wenigsten Toleranz zeigen junge Ukrainer gegenüber Drogenabhängigen, ehemaligen Häftlingen, Roma und sexuellen Minderheiten. Sollten Menschen aus einer dieser vier Gruppen in die eigene Nachbarschaft ziehen, würde dies bei jeweils mehr als 50 Prozent der Befragten negative Gefühle auslösen. Homosexualität erfährt allgemein eine äußerst negative Bewertung: 44 Prozent der befragten jungen Menschen gaben an, dass Homosexualität unter keinen Umständen zu rechtfertigen sei. Zum Vergleich: Das Annehmen oder Anbieten eines Schmiergeldes ist für 29 Prozent unter keinen Umständen zu rechtfertigen, Abtreibung für 27 Prozent, Steuerbetrug für 26 Prozent und das Nutzen von persönlichen Beziehungen zur Jobsuche, im Gesundheitswesen oder bei Behördengängen für 15 Prozent der Befragten.

Generation Euroatlantismus

Nur 32 Prozent der jungen Ukrainer betrachten sich voll und ganz als Europäer. Das Gefühl, ein Bürger dieser Welt oder Europäer zu sein, ist in Kiew und im Westen der Ukraine am stärksten und im Osten und Süden am schwächsten ausgeprägt. Die meisten jungen Ukrainer (60 Prozent) sind der Ansicht, dass die Ukraine der Europäischen Union beitreten sollte. Dies sieht eine absolute Mehrheit in fast allen Regionen so. Nur im Süden und Osten wird diese Ansicht von weniger Menschen vertreten (42 Prozent beziehungsweise 33 Prozent). Andererseits vertraut nur ein Drittel der jungen Menschen (29 Prozent) der EU, während 28 Prozent ihr nicht vertrauen und 31 Prozent weder Vertrauen noch Misstrauen empfinden. Wie die Fokusgruppeninterviews gezeigt haben, basiert dieses Misstrauen teilweise auf der Überzeugung, dass die Ukraine in der EU nicht erwünscht sei, und darauf, dass die Mitgliedschaft als nicht mehr erreichbares Ziel betrachtet wird. Diese inzwischen immer häufiger anzutreffende Überzeugung ist Wasser auf die Mühlen populistischer Kräfte, die einen "dritten Weg" der Ukraine außerhalb der EU proklamieren, ohne diesen genauer zu definieren. Das Ergebnis der Befragung gibt – vier Jahre nach der "Revolution der Würde" – aber auch Anlass zur Sorge, dass Enttäuschung und Skepsis gegenüber der EU zunehmen könnten.

In Bezug auf die NATO ergibt sich folgendes Bild: Jeder dritte junge Ukrainer würde sein Land gern in der Allianz sehen – im Gegensatz zu 19 Prozent, die eine Mitgliedschaft der Ukraine nicht unterstützen, 21 Prozent, die der Mitgliedschaft neutral gegenüberstehen, und 22 Prozent, die die Frage nicht beantworten können. Verglichen mit den Einstellungen zur EU-Mitgliedschaft ist die Polarisierung in Bezug auf die NATO damit viel größer, insbesondere auf regionaler Ebene. Der Osten (13 Prozent) und der Süden der Ukraine (22 Prozent) zeigen wenig Unterstützung für eine NATO-Mitgliedschaft. Allerdings hat die Unterstützung für die NATO in diesen Regionen seit 2014 zugenommen.

Generation Krieg

65 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass sich die Ukraine und Russland de facto im Krieg befinden. Im nördlichen (und somit in einem an Russland größtenteils angrenzenden) Teil der Ukraine wird diese Auffassung von fast 80 Prozent der Befragten geteilt, während im (ebenfalls an Russland angrenzenden) Osten nur 35 Prozent dieser Ansicht sind. 61 Prozent aller Befragten sind der Auffassung, dass allein Russland für den Beginn des bewaffneten Konflikts in der Ostukraine verantwortlich sei. Die Ukraine wird dafür nur von 5 Prozent verantwortlich gemacht. Im Süden und Osten der Ukraine vermeiden jedoch die meisten Befragten eine direkte Antwort auf diese Frage (51 Prozent beziehungsweise 58 Prozent). Betrachtet man die Fokusgruppenbefragungen im Süden und Osten, muss man davon ausgehen, dass die Bewohner dieser Regionen es vermeiden, potenziell schwierige Fragen zu diskutieren, und dass eine gewisse Verwirrung in Bezug auf die jüngere Geschichte vorherrscht: Die Menschen haben mit Russland lange sympathisiert und wissen nicht, wie sie das Thema nach den Ereignissen der letzten Jahre bewerten sollen, vom möglichen Einfluss russischer Medien ganz zu schweigen. Die ukrainische Jugend lässt sich trotz der schicksalhaften Ereignisse der letzten Jahre nicht pauschal als "russophob" bezeichnen. Für 41 Prozent der jungen Ukrainer würde es sich gut oder sehr gut anfühlen, Russinnen oder Russen als Nachbarn zu haben, 21 Prozent würden dies als negativ empfinden.

Eine populäre Meinung ist, dass der Konflikt zwischen der Ukraine und Russland für die jeweiligen politischen Eliten gewinnbringend sei, und die Verantwortung wird oft den Behörden zugeschrieben. Die meisten Befragten sind davon überzeugt, dass nur die politischen Eliten für den Konflikt zwischen der Ukraine und Russland verantwortlich, die normalen Bürger jedoch unschuldig seien. ​​In Kiew unterstützen 84 Prozent diese Aussage, im Westen sind es immerhin 41 Prozent. Dieselbe Meinung zu den Ursprüngen des Konflikts haben 45 Prozent der Befragten im Osten, 52 Prozent im Zentrum, 59 Prozent im Süden und 62 Prozent im Norden der Ukraine.

Der Norden ist der neue Westen

Die jungen Befragten im Norden scheinen "prowestlicher", "proeuropäischer", "proukrainischer" und "antirussischer" zu sein als ihre Altersgenossen im Westen – einer Region, deren Bewohnern derartige Haltungen traditionell besonders zugeschrieben werden. Zum Beispiel zeigt der Norden eine höhere Ablehnungsrate gegenüber der Annexion der Krim durch Russland als der Westen (85 Prozent gegenüber 77 Prozent). Darüber hinaus sind mehr junge Menschen im Norden davon überzeugt, dass die russische Aggression gegenüber der Ukraine nicht zu rechtfertigen sei (70 Prozent gegenüber 50 Prozent). Der Anteil derjenigen, die sich voll und ganz als Europäer sehen, ist im Norden und Westen am größten (40 Prozent). Die Bewohner des Nordens betrachten sich selbst sogar als bessere Kenner der ukrainischen Sprache als die "Westler" (82 Prozent im Norden nutzen Ukrainisch täglich, gegenüber 74 Prozent im Westen) und zeigen die größte Intoleranz gegenüber Korruption und Steuerhinterziehung (mehr als die Hälfte der Bewohner des Nordens gegenüber etwa einem Drittel der Befragten in westlichen Regionen).

Unglücklicher Osten

Die Jugend im Osten unterscheidet sich deutlich von Gleichaltrigen anderer Regionen, allerdings nicht ideologisch oder sprachlich. Im Osten ist das Glücksempfinden wesentlich geringer, und das geht weit über die Lebensbereiche hinaus, die vom bewaffneten Konflikt betroffen sind. Zum Beispiel sind junge Ukrainer im Osten im Vergleich zu jungen Menschen aus anderen Regionen mit ihrem Familienleben am unzufriedensten. Nur etwa die Hälfte der Befragten im Osten (51 Prozent) ist zufrieden mit ihrem Familienleben, gegenüber 77 Prozent im Westen. Außerdem sind die jungen Menschen im Osten am wenigsten mit der Qualität der Bildung in der Ukraine zufrieden sowie mit dem Leben im Allgemeinen. Sie sind auch am wenigsten optimistisch in Bezug auf ihre Zukunft: Nur 54 Prozent erwarten eine Verbesserung ihres Lebens in der Zukunft, während der entsprechende Wert im Süden bei 62 Prozent und in anderen Regionen zwischen 70 und 86 Prozent liegt. Was die allgemeine Situation im Land angeht, so erwartet im Osten nur ein Drittel der Befragten eine Verbesserung – im Süden dagegen fast die Hälfte der jungen Menschen.

Die komplette Studie ist hier abrufbar. Alle bisher vergleichbaren Jugendstudien der FES in den Regionen Ost- und Südosteuropa, Zentralasien und Kaukasus findet man hier, ebenso wie die SPSS-Datei sowie den Fragebogen des quantitativen Teils der Studie zur Ukraine.

Gemeinsam herausgegeben werden die Ukraine-Analysen von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V., dem Deutschen Polen-Institut, dem Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, dem Leibniz- Institut für Ost- und Südosteuropaforschung und dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) gGmbH. Die bpb veröffentlicht sie als Lizenzausgabe.

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