Deutschland in den 50er Jahren
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Gesellschaftliche Entwicklung


23.12.2002
Die fünfziger Jahre sind die Gründerjahre der Bundesrepublik, in der ein Großteil unserer heutigen politischen und gesellschaftlichen Institutionen und Strukturen wurzelt. Den einen erscheinen sie als "gute" Zeit, in der die Menschen ein gemeinsames Ziel kannten: den Wiederaufbau. Für die anderen sind es "bleierne Zeiten" voller spießigen Muffs.

Schwarz-Weiß-Foto (undatiert!): Brandenburger Tor im zerstörten Berlin nach der deutschen Kapitulation 1945. Davor: Zerstörte Fahrzeuge und nicht näher identifizierbare Personen.Das Brandenburger Tor im zerstörten Berlin nach der deutschen Kapitulation 1945. (© AP)

Einleitung



Die fünfziger Jahre genießen in der Öffentlichkeit eine sehr unterschiedliche Wertschätzung. Nicht selten dienten sie (seit den siebziger Jahren) in aktuellen politischen Debatten als negativ oder positiv besetztes Symbol. Die besondere Hervorhebung gerade dieser Zeit ist kein Zufall: Die fünfziger Jahre sind die Gründerjahre der Bundesrepublik, in der ein Großteil unserer heutigen politischen und gesellschaftlichen Institutionen und Strukturen wurzelt. Den einen erscheinen sie als einfache und "gute" Zeit, in der die Menschen ein gemeinsames Ziel kannten und mit Optimismus und Tatkraft verfolgten: den Wiederaufbau. Für die anderen sind es "bleierne Zeiten" voller spießigen Muffs, in denen sich eine weitgehend unpolitische Bevölkerung für nichts anderes interessierte als für die Mehrung ihres privaten Wohlstandes.

Jenseits von nostalgischer Sehnsucht und vehementer Ablehnung versucht die Zeitgeschichtsschreibung den schillernden Charakter der fünfziger Jahre zu verstehen und näher zu bestimmen. Einerseits handelte es sich um den Beginn eines demokratischen politischen Systems und um eine Phase rasanter wirtschaftlicher und sozialer Veränderungen, welche die Gesellschaft innerhalb kurzer Zeit zu einer noch nie vorher gekannten Wohlstandsblüte und Modernität führten. Andererseits gab es, trotz der Entnazifizierung, auch unübersehbare personelle Kontinuitäten beispielsweise in der Wirtschaft, in den Universitäten und in der Justiz - die berufliche Karriere vieler Angehöriger der Wiederaufbau-Generation hatte bereits vor 1933 begonnen und war im Dritten Reich fortgesetzt worden. Dies galt nicht nur für die "Funktionseliten", sondern auch für den Großteil der Bevölkerung. Es gab daher eine "Volkskontinuität" (Lutz Niethammer), die sich bis in kulturelle Vorlieben hinein äußerte. So wiesen etwa die Illustrierten, die Unterhaltungsmusik und die Filme der fünfziger Jahre nicht geringe Ähnlichkeiten zu jenen der dreißiger Jahre auf.

Die fünfziger Jahre waren ein Zeitraum, in dem die Menschen, denen der Krieg noch "in den Knochen steckte", vor allem Ruhe und Sicherheit erstrebten. Es war zudem der Abschluß einer Epoche, die etwa um die Wende zum 20. Jahrhundert begonnen hatte. Die Erwerbsstruktur mit einem hohen Anteil landwirtschaftlicher und sonstiger manueller Arbeit, ein geringer Anteil an höherer Bildung, autoritäre Wertmuster in Ehe, Familie und Schule lassen uns diese Zeit als weit entfernte Geschichte erscheinen. Andererseits zeigen sich die fünfziger Jahre in vielem als der Beginn der heutigen modernen Gesellschaft: Aufstieg des Fernsehens, Anfänge des Automobilbooms, des Massentourismus und der Teenagerkultur mögen als Stichworte ausreichen. Zwischen der Abschaffung der Lebensmittelkarten 1950 und dem ersten Auftritt der "Beatles" (in Hamburg) 1960 scheint jedenfalls weit mehr als ein Jahrzehnt zu liegen.

Entwicklungsphasen



Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die fünfziger Jahre in Phasen einzuteilen; dabei erweist sich auch, daß der zusammengehörige historische Abschnitt mehr als das Jahrzehnt von 1950 bis 1960 umfaßt:

  • Am leichtesten ist es, die grundlegenden politischen Einschnitte zu nennen: Der Bogen spannt sich von der Gründung der Bundesrepublik 1949 über den Beitritt zur NATO und die Gewinnung der staatlichen Souveränität 1955 (die aufgrund alliierter Vorbehaltsrechte allerdings erst 1990 vollständig erreicht wurde) bis zum Bau der Berliner Mauer und der damit vollständigen Abschottung der beiden deutschen Staaten 1961.
  • Für die wirtschaftliche Entwicklung wird man den Anfangspunkt bereits auf die Währungsreform 1948 legen; ein Endpunkt ist schwerer auszumachen. Der ununterbrochene wirtschaftliche Aufstieg reichte bis zur ersten Rezession Mitte der sechziger Jahre. Neuere Darstellungen betonen, daß der epochale wirtschaftliche Boom der Nachkriegszeit erst Anfang der siebziger Jahre endete.
  • Mit Blick auf die Gesellschaft Westdeutschlands fällt vor allem das letzte Drittel der fünfziger Jahre als entscheidender Anfangszeitraum moderner Entwicklung auf. In dieser Phase zeigten sich die ersten Konturen der Wohlstandsgesellschaft und ihrer charakteristischen Lebensstile und Konsummuster, begann der Personenkraftwagen-Boom und der Siegeszug des Fernsehens. In sozialkultureller Hinsicht ist deshalb auf die enorme Bedeutung gerade dieser "kurzen fünfziger Jahre" (Schildt/Sywottek) hingewiesen worden, in denen sich die westliche Moderne mit ihren massenkulturellen Produkten und Leitbildern gerade in der jüngeren Generation durchzusetzen begann. Zwischen wirtschaftlicher, politischer, gesellschaftlicher und kultureller Entwicklung gab es wiederum enge Zusammenhänge, die stets mitbedacht werden müssen, selbst wenn die einzelnen Stränge im folgenden getrennt geschildert werden. So wurde die parlamentarische Demokratie von der großen Mehrheit der Bevölkerung akzeptiert, auch weil im Zeichen der Sozialen Marktwirtschaft das "Wirtschaftswunder" begann. Und ohne die wirtschaftliche europäische Integration und die Verankerung in der westlichen Weltwirtschaft wäre die Bundesrepublik wohl nicht bereits in den fünfziger Jahren zu einer Gesellschaft westlich geprägten Zuschnitts geworden.

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