Deutschland in den 50er Jahren

23.12.2002 | Von:

Gesellschaftliche Entwicklung

Wohnungsbau

Im Zweiten Weltkrieg waren mehr als 20 Prozent allen Wohnraums zerstört worden, und durch den anhaltenden Zustrom von Vertriebenen und Flüchtlingen hatte sich die Bevölkerungszahl Westdeutschlands gegenüber dem Vorkriegsstand um ein Fünftel auf etwa 51 Millionen erhöht. 1950 mußten sich statistisch jeweils drei Haushalte zwei Wohnungen teilen, und nur etwa die Hälfte der Haushalte verfügte über eine Kochstelle zur alleinigen Benutzung. Das Untermieterdasein war nicht mehr Kennzeichen alleinstehender Personen, sondern zum Schicksal mehrköpfiger Familien geworden. Erst Mitte der fünfziger Jahre stand statistisch wieder jeder Person ein Raum zu, aber noch 1960 war im Bundesgebiet ein Sechstel aller Wohnungen mit mehr als einem Haushalt belegt.

Die bedrückende Enge des durch die jeweiligen Ämter zugeteilten Wohnraums und der Zwang zur Gemeinschaft mit fremden Menschen ließen die Wiedererlangung und Sicherung privater Häuslichkeit zum zentralen Ziel der Westdeutschen werden.

Es wurde als Glücksfall angesehen, eine der Sozialwohnungen zu erhalten, deren Förderung das Kernstück des 1950 einmütig verabschiedeten Ersten Bundeswohnungsbaugesetzes bildete. Mehr als fünf Millionen Wohnungen wurden zwischen 1950 und 1960 errichtet, davon circa 60 Prozent als staatlich subventionierte Sozialwohnungen, deren Ausstattung bestimmte Standards nicht überschreiten durfte. Dem Gesetz zufolge sollten sie "für die breiten Schichten des Volkes" bestimmt sein. Einzugsberechtigt war jeder Haushalt, der ein bestimmtes Einkommen nicht überschritt (bis 1953 die Versicherungspflichtgrenze für Angestellte). Viele der neuen Mieter - etwa ein Fünftel - zahlten einen Baukostenzuschuß (in der Regel 20 Prozent eines Jahreseinkommens), um bei der Wohnungsvergabe berücksichtigt zu werden. Die Sozialwohnungen waren sehr klein, anfangs für eine vierköpfige Familie mit weniger als 50 Quadratmetern bemessen. Aber auch dies bedeutete meist einen räumlichen Zugewinn gegenüber dem vorherigen Wohnen in überfüllten Altbauquartieren oder behelfsmäßigen Unterkünften. Im Laufe der fünfziger Jahre erhöhte sich die durchschnittliche Quadratmeterzahl im Wohnungsbau stetig von etwa 55 Quadratmetern 1953 auf 70 Quadratmeter 1960 (bzw. von 53 auf 68 Quadratmeter im Sozialen Wohnungsbau), und seit Mitte des Jahrzehnts waren nicht mehr Drei-Raum-Wohnungen (Wohnungen mit drei Räumen einschließlich der Küche), sondern Vier-Raum-Wohnungen die Regel. Diese Raumausweitung konnte immer seltener im innerstädtischen Wohnungsbau realisiert werden. Nachdem die Großstädte bis zur Mitte der fünfziger Jahre wieder annähernd die Bevölkerungszahl der Vorkriegszeit (1939) erreicht hatten, verlagerte sich der Wohnungsbau an den Rand der städtischen Ballungszentren oder in gerade baulandmäßig erschlossene, zum Teil vormals landwirtschaftlich genutzte Regionen. Es wuchsen die "Schlafstädte" im Umkreis von bis zu einer Stunde Bahn- oder Autofahrt zur Innenstadt; während nach den Daten der Volkszählung 1950 etwa ein Sechstel der Bundesbürgerinnen und -bürger Berufspendler waren (das heißt in unterschiedlichen Orten arbeiteten und wohnten), registrierte die nächste Volkszählung 1961 bereits nahezu ein Drittel. Die Auflockerung und Gliederung in eine Art suburbane Stadtlandschaft und der allmähliche Wandel von deutlichen Stadt-Land-Kontrasten zu einem Stadt-Land-Kontinuum wurde seit der Mitte der fünfziger Jahre immer deutlicher erkennbar.

Eine Wohnung oder sogar das Eigenheim im Grünen, von staatlicher Seite mit dem Zweiten Bundeswohnungsbaugesetz (1956) steuerlich massiv gefördert, avancierte zum erfüllbaren Traum. Ungefähr ein Viertel der Bevölkerung, vor allem auf dem Lande, besaß Anfang der fünfziger Jahre ein Eigenheim, zehn Jahre später, bei der amtlichen Einkommens- und Verbrauchsstichprobe 1962/63, hatte mehr als ein Drittel aller Haushalte Wohneigentum vorzuweisen; bei Selbständigen waren es 60 Prozent, bei Arbeitern, Angestellten und Beamten jeweils etwa 30 Prozent.

Konsum

Das mit den fünfziger Jahren häufig verbundene Bild vom schlemmenden Michel, dem Wohlstandsbürger, der von der "Freßwelle" zu immer feineren sonstigen Genüssen und Vergnügungen überging, ist unzutreffend. In den meisten westdeutschen Haushalten ging es noch lange sehr bescheiden zu. Die Löhne und Einkommen von 1950 entsprachen von der Kaufkraft her etwa denen der besten Jahre der Zwischenkriegszeit (1928 und 1938). Allerdings hatten Krieg und Nachkriegswirren sehr häufig zum Verlust von Hausrat und Einrichtungsgegenständen geführt, so daß es einen großen Nachholbedarf gab.

Die ausgabefähigen Einkommen (das heißt sämtliche Einkommen abzüglich der Steuern und gesetzlichen Versicherungen) verdoppelten sich bei einem vierköpfigen Arbeitnehmerhaushalt (laut Statistischem Bundesamt) zwischen 1950 und 1960 auf monatlich 670 DM. Den größten Ausgabenposten bildeten die Nahrungsmittel, allerdings mit sinkendem Anteil (1950: 46 Prozent; 1960: 36 Prozent), während für Getränke und Tabakwaren 1960 relativ mehr ausgegeben wurde als ein Jahrzehnt zuvor.

Da auch die Ausgaben für die Wohnung mit neun bis zehn Prozent während des gesamten Jahrzehnts stabil blieben - Ergebnis gesetzlicher Mietpreisbindungen und staatlicher Wohnungsbaupolitik - überwog nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes Ende der fünfziger Jahre erstmals der sogenannte "elastische" den sogenannten "starren Bedarf" (Nahrungsmittel, Wohnung, Heizung und Beleuchtung). Die Summe der - in engen Grenzen - wahlweise für verschiedene Zwecke einzusetzenden Ausgaben wuchs an, in vielen Haushalten eine völlig neue Erfahrung.

Langlebige Gebrauchsgüter

Aber noch auffälliger war in den fünfziger Jahren der steile Anstieg der Sparquote (Anteil des gesparten an der Summe des verfügbaren Einkommens), die sich im Laufe des Jahrzehnts in etwa verdreifachte und 1960 bei 8,7 Prozent lag; das Bausparen verzwölffachte sich sogar. Man könnte die fünfziger Jahre pointiert als Jahrzehnt des Sparens bezeichnen. Bewußt wurde in vielen Haushalten auf vieles verzichtet, was man sich mit dem gesteigerten Einkommen hätte leisten können. Es handelte sich aber nicht um Konsumverzicht, sondern um die Konzentration auf die wichtigsten Wünsche wie die Erlangung der Wohnung oder des eigenen Heims und die Anschaffung langlebiger Konsumgüter.

Der Ausstattungsgrad mit solchen Gütern war in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre noch sehr niedrig. Nach einer Umfrage des Allensbacher Instituts für Demoskopie verfügten 1953 neun Prozent aller Haushalte über einen Kühlschrank und 26 Prozent über einen Staubsauger, 1962/63 waren es - laut Einkommens- und Verbrauchsstichproben des Statistischen Bundesamtes - 52 Prozent bzw. 65 Prozent. Und ähnlich verhielt es sich mit den Steigerungsraten vieler anderer Geräte, die zum größten Teil aber erst seit dem Ende der fünfziger Jahre angeschafft werden konnten.

Vor allem der Kauf eines Personenkraftwagens, für viele Berufspendler unabdingbare Notwendigkeit oder attraktive Alternative zur Fahrt in überfüllten Vorortzügen, rückte nun erst für breitere Schichten in den Bereich des Möglichen. Während 1959 jeder vierte Angestellten- und Beamten- und sogar erst jeder achte Arbeiterhaushalt über ein eigenes Auto verfügte, besaß bereits drei Jahre später ein Drittel aller Arbeitnehmerhaushalte einen "fahrbaren Untersatz" - überwiegend einen erschwinglichen Kleinwagen. Obwohl sich die Zahl der zugelassenen Personenkraftwagen schon während der fünfziger Jahre verachtfacht hatte, stand Westdeutschland mit vier Millionen zugelassenen Fahrzeugen 1960 erst am Beginn eines Automobil-Booms.

Sehr weit entfernt scheinen uns die fünfziger Jahre hinsichtlich des geringen Ausstattungsgrades mit einem heute obligatorischen Kommunikationsmedium zu sein, denn 1960 gab es erst in 14 Prozent aller Haushalte ein Telefon.