Deutschland in den 50er Jahren

23.12.2002 | Von:

Gesellschaftliche Entwicklung

Lebensstil und Freizeit

In allen Untersuchungen zur Freizeit in den fünfziger Jahren wurde als auffälligster Grundzug die ausgeprägte Häuslichkeit und das Beisammensein innerhalb der Familie betont. Der private Rückzug prägte nicht nur den werktäglichen Feierabend, sondern auch das lange Wochenende. Arbeit in Haus und Garten, die Lektüre der Tageszeitung und das Radio bildeten das Zentrum der Freizeit.

Die Verstärkung nachbarlicher Bindungen, welche die Soziologen und Städteplaner sich von den Siedlungen des sozialen Wohnungsbaus erhofft hatten, wollte sich nicht einstellen, und auch in den neuen Eigenheimvierteln der Vor- und Satellitenstädte lebten die meisten Familien eher für sich. Für den besonders ausgeprägten Hang zum Familiären und Privaten gab es verschiedene Gründe. Vor allem ist der sehr lange Arbeitstag (Arbeitszeit plus Arbeitswegzeit) anzuführen. Wer zwischen sechs und sieben Uhr morgens aufstand und zwischen 18 und 19 Uhr abends nach Hause zurückkehrte - dies sind die Mitte der fünfziger Jahre ermittelten Durchschnittswerte für die erwerbstätige Bevölkerung - der suchte zunächst einmal Ruhe. Außerdem lag die Trennung vieler Familien durch die Abwesenheit des Vaters als Soldat und in der Gefangenschaft, der Söhne und Töchter durch die Evakuierung im Krieg, durch Ausbombung und Wohnungsnot noch nicht lange zurück.

Das Anwachsen des Wohlstands und der zur Verfügung stehenden Freizeit änderte zunächst wenig an der vorherrschenden Häuslichkeit, die durch steigenden Komfort immer attraktiver wurde, nicht zuletzt durch die Ausstattung mit elektronischen Massenmedien.

Die wichtigste außerhäusliche Unternehmung bildete für einen kleineren Teil der Bevölkerung der Sport. Etwa ein Viertel betätigte sich regelmäßig oder gelegentlich sportlich. Die Mitgliederzahl der Sportvereine erhöhte sich von vier Millionen (1954) auf 4,8 Millionen (1959). Etwa 40 Prozent davon waren Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Der Vereinssport stellte in den fünfziger Jahren eine männliche Domäne dar. Nur etwa ein Siebtel der erwachsenen Mitglieder waren Frauen.

Die fünfziger Jahre gelten als das deutsche Kinojahrzehnt. Allerdings hatte die Zahl der Kinobesuche mit 490 Millionen (das heißt etwa zehn je Einwohner) 1950 noch längst nicht den im Zweiten Weltkrieg bereits erreichten Höchststand eingeholt. In der ersten Hälfte der fünfziger Jahre erfolgte allerdings eine rasche Zunahme auf etwa 820 Millionen (= 15,6 Kinobesuche je Einwohner) 1956. Danach ging die Zahl der Kinobesuche allmählich wieder unter den Stand von 1950 zurück.

Schließlich soll als besonderes außerhäusliches Ereignis der Kirchgang - gewöhnlich am Sonntagvormittag - erwähnt werden, der während der fünfziger Jahre, entgegen dramatischen Klagen über eine fortschreitende Verweltlichung der Gesellschaft, gleichbleibend hoch blieb. Über die Hälfte der Katholiken und etwa ein Siebtel der Protestanten zählten zu den regelmäßigen Kirchgängern. Bei der traditionell höheren Gottesdienstaktivität der Katholiken muß zudem bedacht werden, daß sie eher in kleineren Ortschaften lebten, wo der sonntägliche Kirchgang stärker zum Lebensrhythmus der Bevölkerung gehörte als in der Stadt. Erst seit Mitte der sechziger Jahre verringerte sich die Zahl der Gottesdienstbesuche zuerst langsam, dann sehr rasch, Anzeichen eines Bruchs im kirchlichen Verhalten zwischen den Generationen.

Anfänge des Massentourismus

Zum häuslich geprägten Familien- und Privatleben, einem ruhigen Feierabend und unspektakulären Wochenende paßte der noch sehr geringe Stand des Tourismus - entgegen dem verbreiteten Bild vom deutschen Italienurlauber, das als typisch für die fünfziger Jahre assoziiert wird.

Die Urlaubsdauer war kurz und wurde nur unwesentlich ausgeweitet, weil die Verringerung der Wochenarbeitszeit Vorrang hatte. Erst 1963 kam es zu einer bundesgesetzlichen Regelung des Mindesturlaubs: 15 Tage bis zur Vollendung des 35. Lebensjahres, danach 18 Tage Urlaub im Jahr. Eine Urlaubsreise unternahm zu Beginn der fünfziger Jahre etwa ein Fünftel, Mitte des Jahrzehnts ein Viertel und 1960 ein Drittel der westdeutschen Bevölkerung (aber nur ein Viertel der Arbeiterhaushalte).

Quellentext

Kaufkraft und Arbeitszeit

Anfang 1950 mußte ein Industriearbeiter noch 22 Stunden und 37 Minuten arbeiten, um sich für seinen Lohn ein Kilogramm Bohnenkaffee kaufen zu können. Für ein Kilo Kotelett rackerte er vier Stunden und 35 Minuten, für ein Kilo Butter vier Stunden 13 Minuten, für ein Kilo Margarine zwei Stunden, für ein Kilo Zucker fast eine Stunde und für ein Kilo Mischbrot 23 Minuten. Auch andere Konsumgüter des täglichen Bedarfs waren, in Arbeitszeit ausgedrückt, recht teuer. Ein Herrenoberhemd zum Beispiel kostete mehr als einen Tageslohn, für ein paar Schuhe mußte der Durchschnittsverdiener den Arbeitslohn von zwei Tagen aufwenden, für ein Rundfunkgerät sogar 15 Tagewerke zu je acht Stunden. Ein Leichtmotorrad war für den Lohn von 56,5 Arbeitstagen fast unerschwinglich.

Als das bewegte Jahrzehnt zu Ende ging, hatte sich inzwischen die Kaufkraft des Arbeitsentgeltes durch kräftige Lohnerhöhungen und eine maßvolle Preispolitik so verbessert, daß der durchschnittliche Industriearbeiter schon nach 6,25 Stunden ein Kilo Kaffee verdient hatte. Das Kilo Kotelett war ihm nach zwei Stunden und 25 Minuten Arbeit sicher, das Kilo Butter nach zwei Stunden und 19 Minuten, das Kilo Margarine nach 47 Minuten, das Kilo Zucker nach 26 und das Kilo Mischbrot nach 18 Minuten.

Ein Herrenoberhemd kostete ihn 1959 nur noch fünf Stunden und 14 Minuten Arbeitszeit, ein Paar Schuhe noch zehn Stunden und 42 Minuten, ein Rundfunkgerät vom Typ Super 13,5 Tage und ein Leichtmotorrad gut 21 Tage harter Arbeit. Für einen Volkswagen hätte er 1950 den Lohn für 493 Tage hergeben müssen. 1960 bekam er den "Käfer" für das Arbeitsentgelt von 174 Tagen. Im Durchschnitt konnte der Industriearbeiter Ende der fünfziger Jahre für seine Arbeitsleistung doppelt soviel Konsumgüter kaufen wie zu Beginn des Jahrzehnts.

1950 1959

1 kg Bohnenkaffee 22 h 37 min. 6 h 15 min.

1 kg Kotelett 4 h 35 min. 2 h 25 min.

1 kg Butter 4 h 13 min. 2 h 19 min.

1 kg Margarine 2 h 47 min.

1 kg Zucker 1 h 26 min.

1 kg Mischbrot 23 min. 18 min.

Herrenoberhemd 9 h 5 h 14 min.

Schuhe 2 Arbeitst. 10 h 42 min.

Rundfunkgerät 15 Arbeitst. 13,5 Arbeitst.

Leichtmotorrad 56,5 Arbeitst. 21 Arbeitst.

Volkswagen 493 Arbeitst. 174 Arbeitst.



Dieter Franck (Hg.), Die fünfziger Jahre, München 1981, S. 56f.

Beim Tourismus handelte es sich zudem noch kaum um Urlaubsreisen ins Ausland - Mitte der fünfziger Jahre besaß überhaupt erst ein Fünftel der Bundesbürger einen Reisepaß, damals in der Regel Voraussetzung für einen Grenzübertritt. Auch 1960 reiste erst jeder dritte Tourist, also jeder zehnte Einwohner, ins Ausland. Abgesehen von Italien handelte es sich dabei überwiegend um die deutschsprachigen Nachbarländer, vor allem Österreich, wo die Sprache verstanden wurde und man sich heimisch fühlen konnte.

Seit dem letzten Drittel der fünfziger Jahre modernisierte sich der Massentourismus dann zusehends. Bis 1957 benutzte die Mehrheit der Urlaubsreisenden die Eisenbahn, ein Viertel den Personenkraftwagen. Bis zur Mitte der sechziger Jahre hatte sich dieses Verhältnis umgekehrt. Und während Mitte der fünfziger Jahre noch fast die Hälfte der Touristen bei Verwandten unterkam, waren es Anfang der sechziger Jahre weniger als ein Drittel. Die anderen zwei Drittel machten in Pensionen und Hotels Urlaub oder pflegten die aufkommende Camping-Kultur, deren Basis die individuelle Reise mit dem Auto oder mindestens mit dem Motorrad war. Die zunehmende Motorisierung war auch der Grund für die steigende Entfernung der Reiseziele.