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Deutschland in den 50er Jahren

24.12.2002 | Von:

Wirtschaft in beiden deutschen Staaten (Teil 2)

Wirtschaftliche Entwicklung und Lebenslage in der DDR

Industrielle Entwicklungsschwerpunkte ab 1955

Der industrielle Strukturwandel in Ost-Deutschland nach 1945 bewirkte eine Verschiebung der traditionellen, von Leichtmaschinenbau und Elektroindustrie geprägten Industriestruktur hin zur Metallurgie und zur Schwerindustrie. Bis 1955 galten Objekte der Schwerindustrie wie der Aufbau des Eisenhüttenkombinates Ost und des metallurgischen Produktionszentrums Calbe sowie der Ausbau der Stahlwerke Brandenburg, Hennigsdorf, Riesa, Gröditz und Freital als bevorzugte Investitionsprojekte der SED-Führung. Zugleich wurden 24 Betriebe des Schwermaschinenbaus ausgebaut.

Die anderen osteuropäischen Länder signalisierten aufgrund der dort parallel vorangetriebenen Industrialisierung nach sowjetischem Vorbild einen großen Bedarf an schwerindustriellen Ausrüstungen, die vor allem robust und technisch leicht zu handhaben sein sollten, so daß darüber hinaus kein Anreiz zu moderneren und auf dem westeuropäischen Markt absatzfähigeren Erzeugnissen gegeben war. Die großen Verlierer des Strukturwandels waren der Energiesektor, der Bergbau, die Textilbranche, verschiedene Bereiche der Konsumgüterindustrie, die polygraphische Industrie sowie die Sektoren Holz, Glas, Keramik, Zellstoff und Papier.

Die staatliche Investitionspolitik verschob ab Mitte der fünfziger Jahre diese Prioritäten, da der SED-Führung nicht verborgen geblieben war, daß die Konzentration der Ressourcen auf die Schwerindustrie die Leistungsfähigkeit anderer wichtiger Industriezweige beeinträchtigte und damit das Wirtschaftswachstum insgesamt gefährdete. Durch den Strukturwandel waren besonders bei der Elektroenergieerzeugung Schwierigkeiten aufgetreten, die im Rahmen der sogenannten "Kohle- und Energieprogramme" (1954-57 und 1957-60) behoben werden sollten. Gefördert wurden nunmehr auch Industriezweige wie der zivile Flugzeugbau (1954), der Leichtmaschinenbau und die chemische Industrie. Zugleich sollte die Nutzung der Kernenergie und die Automatisierung in der metallverarbeitenden Industrie vorangetrieben werden.

Von nicht unerheblichem Einfluß war hierbei, daß in den fünfziger Jahren in mehreren Wellen rund 3000 hochqualifizierte Fachleute auf den Gebieten der Kernphysik, Chemie, Optik, Elektrotechnik, Flugzeug- und Raketenentwicklung aus der Sowjetunion nach Deutschland zurückkehrten. Sie waren nach Kriegsende in die Sowjetunion verbracht worden, um dort vor allem an der Entwicklung militärischer Hochtechnologien zu arbeiten. Von ihnen versprach sich die SED-Führung die notwendigen innovationsfördernden Impulse bei der Errichtung einer modernen Industriestruktur. Zugleich sollte die Westabwanderung der wertvollen Rückkehrer verhindert werden, indem man versuchte, ihnen ein möglichst attraktives berufliches Betätigungsfeld anzubieten. Doch diese Rechnung ging vielfach nicht auf. Die Flugzeugindustrie wurde beispielsweise nach kaum siebenjähriger Existenz im Frühjahr 1961 wieder aufgelöst.

Da in der Kernenergie, der Flugzeugproduktion und der Automatisierung keine schnellen Erfolge zu erreichen waren, rückte die chemische Industrie in das Zentrum des staatlichen Interesses. 1958 wurde ein gewaltiges Chemieprogramm beschlossen, das der Bevölkerung "Brot, Wohlstand und Schönheit" versprach. Dieses Programm war zugleich Kernstück des Siebenjahrplanes (1959-1965), mit dem der westdeutsche Lebensstandard in die Wohnungen und vor die Haustüren der DDR-Bürger gebracht werden sollte.

Bruttorechnung und administrative Preisbildung

Die SED-Führung verstand in den fünfziger Jahren das Wirtschaftswachstum als Wirtschaftsexpansion. Ende der vierziger Jahre wurde die in ihrer Tradition bis in das 19. Jahrhundert zurückreichende Nettorechnung der amtlichen deutschen Produktionsstatistik, die nur die tatsächlich von einem Betrieb erbrachten Leistungen (Wertschöpfung) erfaßte, durch die sowjetische Bruttorechnung ersetzt. Bei dieser Erfassungsmethode konnte der Wert der Rohstoffe, Zwischenprodukte und des Zubehörs mehrmals gezählt werden, indem "Produkte" in der Stufenfolge der Verarbeitung, Weitergabe und Verteilung so oft zur Verrechnung kamen, wie sie den Produktionsprozeß durchliefen. Die unvollendete Produktion der einzelnen Betriebe wurde damit miteinbezogen und die Planerfüllung konnte verhältnismäßig einfach "gehandhabt" werden. Hatte beispielsweise ein Betrieb die Auflage bekommen, Drehbänke im Umfang von 40000 Tonnen zu produzieren, so konnte der Betrieb diese Auflage durch die Produktion weniger, aber sehr schwerer Drehbänke erfüllen. Dagegen hätte eine Auflage in Stückzahlen dazu führen können, daß der Betrieb viele und möglichst leichte Drehbänke produzierte.

Die "Tonnenideologie" brachte damit eine Unterbewertung der Qualität, Produktivität und Rentabilität mit sich. Real wurden so die Bruttosteigerungssätze in den fünfziger Jahren um etwa ein Drittel überhöht angezeigt, und die gesamtwirtschaftliche Rechnung beruhte auf einer unsicheren Grundlage, die sich deutlich in einer Scherenbildung zwischen Brutto- und Nettogröße offenbarte. Zusätzlich wurde das System durch die administrative Preisbildung meist willkürlichen Charakters negativ beeinflußt. Eine freie Preisbildung als ein zuverlässiger Knappheitsindikator und Vergleichsmaßstab blieb in der DDR ausgeschaltet. Es konnten sich dadurch nur schwer sinnvolle Orientierungsmarken für ökonomisch rationales Verhalten und intensives, ressourcensparendes Wachstum herausbilden.

In der Gesamtsicht erwies sich zwar das planwirtschaftliche System der fünfziger Jahre bei der Stimulierung des expansiven Wirtschaftswachstums recht erfolgreich; doch bei einem Umschalten auf intensives, das heißt ressourcensparendes Wachstum versagte es häufig. Die Betriebe und Ministerien schenkten dieser Seite des ökonomischen Handelns in den fünfziger Jahren wenig Beachtung, weil sie sich bei ihrer Berichterstattung auf die Planerfüllung in Form der Volumenabrechnung konzentrierten. Ein weiteres Dilemma zeigte sich darin, daß der Hauptteil des Gewinns an den Staatshaushalt abgeführt und der gesamte Bedarf wieder aus dem Staatshaushalt zugeteilt wurde. Dadurch fehlte die unmittelbare Abhängigkeit zwischen dem hergestellten Betriebsergebnis und den zur Verfügung stehenden Ressourcen. Wirksame Anreize zur Gewinnerwirtschaftung und Kostensenkung konnten sich deshalb nicht herausbilden. Insofern darf die Tendenz zur Produktion materialaufwendiger und qualitätsminderer Erzeugnisse nicht verwundern, da sich bei der Bruttorechnung die Zunahme der Materialkosten in einem höheren Gesamtpreis des Erzeugnisses niederschlagen konnte, der wiederum eine bequemere Planerfüllung ermöglichte.

Die Bruttoerfüllung bewirkte immer wieder, daß in den Betrieben kein echtes Interesse bestand, eine höhere Veredlung des Einsatzmaterials oder eine Verbesserung des Produktionsablaufes herbeizuführen. Mit anderen Worten, die Form der Abrechnung bedeutete eine Barriere, die den Betrieb davon abhielt, in der laufenden Produktion Verbesserungen vorzunehmen.