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Japan 255

5.4.2002 | Von:

Gesellschaft und Kultur

Medien und Kultur

In Japan ist der Medienkonsum höher als in jedem anderen Land. Fünf große Tageszeitungen haben Millionenauflagen (die beiden auflagenstärksten Zeitungen Yomiuri shimbun und Asahi shimbun erschienen 1996 in 14,2 bzw. 12,8 Mio. Exemplaren) und geben Morgen- und Abendausgaben heraus. Dies sind auch keine Boulevardzeitungen, sondern anspruchsvolle Nachrichten- und Wirtschaftsblätter, für die man eine gute Schulbildung braucht. Die Zeitungen unterscheiden sich allerdings mehr durch ihre Betonung von politischen oder wirtschaftlichen Themen als durch unterschiedliche Meinungen. Sie geben selten ein Forum kritischer Öffentlichkeit ab und versuchen eher, zwischen Lesern, Fachleuten und Politikern zu vermitteln. Noch größeren Einfluß hat das Fernsehen mit seinem ganztägigen Angebot an Information und Unterhaltung.

Auch Bücher zu aktuellen Themen und Literatur werden in Japan viel gelesen. In den letzten Jahren haben aber die Zeitschriftenumsätze der Verlage diejenigen für Bücher sogar übertroffen. Das Zeitschriftenangebot umfaßt Monats- und Wochenzeitschriften zu Politik und Gesellschaft, Frauenzeitschriften, Reise- und Gourmetblätter bis hin zu Sonderheften mit Bildreportagen. Durch die Verbindung von Wort und Bild sind die sehr verbreiteten Comichefte (manga) hingegen leicht verständlich und werden von Jung und Alt - oft unterwegs in der Bahn - gelesen. Zeitschriftenlesen, Fernsehen und sogar Videospiele werden in Japan nicht als niveaulose Zeitverschwendung angesehen, sondern als beinahe meditative Entspannung und Entlastung, und manchmal auch als unterhaltsames Lernen.

Die japanische Kultur bewegt sich im Spannungsfeld von Tradition und Moderne. Die Auseinandersetzung mit den Veränderungen der Alltagswelt durch die Modernisierung des 20. Jahrhunderts kann vom japanischen Standpunkt aus als Dialog mit dem Westen geführt werden. Mit Elementen aus der Tradition wird eine eigene kulturelle Identität gegenüber dem Westen gebildet, den man sich ebenfalls als eine einheitliche, dem technischen Fortschritt verpflichtete Kulturwelt vorstellt.

Architektur

Zum Beispiel ist die Einrichtung eines Hauses mit einer Couchgarnitur im Wohnzimmer und Haushaltsgeräten in der Küche auch in Japan der Maßstab modernen Wohnens. Dennoch wird dieser moderne Wohnstil als "westlich" empfunden, während das japanische Wohnen aus zwei gegensätzlichen Gründen ebenfalls weitergepflegt wird. Erstens aus praktischen Erwägungen: Wegen der hohen Grundstückspreise in den Städten sind die Wohnungen oft sehr klein. Daher ist es notwendig, dieselben Räume für verschiedene Zwecke zu nutzen. Deshalb werden solche Räume in japanischer Weise nicht fest eingerichtet, sondern man stattet sie nach Bedarf mit Sitzkissen, Tisch oder Bettzeug aus. Die traditionelle Einrichtung mit Betten (futon), die tagsüber weggeräumt werden, und geräumigen Einbauschränken statt sperriger Möbelstücke ist hierfür in besonderer Weise geeignet. Zweitens wird japanisches Wohnen aber gerade auch als Luxus und kultureller Genuß geschätzt. Wer es sich leisten kann, reserviert einen Raum als japanisches Zimmer, in dem Bilder und Blumengestecke der Jahreszeit ausgestellt und Gäste mit Tee bewirtet werden.

Ein ganzes Haus im japanischen Stil besteht fast nur aus Holz und anderen natürlichen Materialien. Es erfordert viele pflegende Handgriffe und muß von spezialisierten Kunsthandwerkern in Stand gehalten werden. Nur wenige Privatleute können sich heute noch ein solches Haus leisten. Die meisten werden als Gasthaus oder als Teil einer Tempelanlage genutzt. Der Einfluß des Buddhismus hat die Ästhetik der japanischen Häuser besonders geprägt. Die Räume sollen nach außen durchlässig sein und vor allem den Blick in den kunstvoll gestalteten Garten eröffnen. Einige größere Gebäude entstanden dadurch, daß immer neue Pavillons und Räume angebaut wurden, so daß sie eine organisch gewachsene Struktur anstelle einer berechneten Symmetrie vorweisen. Diese Idee einer offenen, naturnahen Bauweise hat die moderne westliche Architektur wesentlich beeinflußt.

Im Dialog mit den westlichen Architekturströmungen entwickelte sich eine eigene moderne Architektur in Japan, die auch heute immer wieder durch unkonventionelle Entwürfe beeindruckt. Japanische Architekten profitieren davon, daß japanische Häuser ständig erneuert werden. Während traditionelle Häuser nach und nach renoviert werden, ist es bei einfachen Stadthäusern sinnvoller, sie nach zwanzig oder dreißig Jahren abzureißen und neu zu bauen. Daher können auch junge Architekten Aufträge bekommen und spielerische Ideen verwirklichen, wie sie im buntgewürfelten Stadtbild von Tokyo überall zu sehen sind.