Internationale Beziehungen I
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Vom Kalten Krieg zur Ära der Entspannung

9.7.2004

Vietnam-Krieg



Die Verhandlungen über den Nichtverbreitungsvertrag waren jedoch nicht nur technisch schwierig, sondern wurden auch von der zunehmenden Verstrickung der USA im Vietnam-Krieg überschattet. Aus 20000 "Militärberatern", die unter Kennedy nach Indochina entsandt worden waren, um zu verhin-dern, daß sich von Vietnam aus kommunistische Regime über ganz Südostasien ausbreiteten (Domino-Theorie), wuchs unter Johnson eine Armee mit mehr als 500000 Soldaten an. Sie kämpften unmittelbar nur gegen den Vietcong, indirekt aber auch gegen die Sowjetunion und China, die Nordvietnam unterstützten. Die Entspannungspolitik, die sich im Juni 1963 bereits anzudeuten schien, war unter diesen Umständen nicht mehr tragfähig. Es kam zu einem "weltpolitischen Umweg" (Richard Löwenthal), der erst 1969 zu Ende ging.

Der Krieg in Indochina wurde bereits seit den vierziger Jahren geführt. Nachdem Ho Chi Minh am 2. September 1945 die Unabhängigkeit der "Demokratischen Republik Vietnam" ausgerufen hatte, versuchte Frankreich, seine alte Kolonialherrschaft wieder zu errichten. Im November 1946 kam es deshalb zum offenen Krieg, der erst nach der mit dem Fall von Dien Bien Phu sichtbar gewordenen militärischen Niederlage Frankreichs durch das Genfer Indochina-Abkommen vom 20. Juli 1954 beendet wurde.

Das Abkommen war ein Kompromiß, bei dem die USA und Großbritannien, aber auch die Sowjetunion und China dafür sorgten, daß Frankreich sein Gesicht wahren konnte. So wurde nur der Norden des Landes unter die sofortige Herrschaft Ho Chi Minhs gestellt, während das Gebiet südlich des 17. Breitengrades zum französischen Einflußgebiet erklärt wurde. Ho Chi Minh stimmte schließlich unter dem Druck der Sowjetunion und Chinas dieser Teilung Vietnams zu - allerdings nur mit der Aussicht auf gesamtvietnamesische Wahlen innerhalb von zwei Jahren. Für Laos und Kambodscha wurde Neutralität vereinbart.

Die Wiedervereinigung Vietnams sollte somit durch allgemeine freie Wahlen bis 1956 zustande kommen. Da sich dabei mit großer Wahrscheinlichkeit Ho Chi Minh in ganz Vietnam durchgesetzt hätte, bestand jedoch weder bei der südvietnamesischen Regierung unter Ngo Dinh Diem noch bei den USA sonderliches Interesse an den Wahlen, die deshalb nicht stattfanden. Im Dezember 1960 schlossen sich daraufhin einzelne Widerstandsgruppen in Südvietnam zur "Nationalen Befreiungsfront" (FNL) zusammen, die mit Unterstützung Nordvietnams zum Krieg gegen die Regierung in Südvietnam antraten. Da Ho Chi Minh und Nordvietnam als kommunistisch galten und von der Sowjetunion und China mit Waffen beliefert wurden, griffen die USA bald immer massiver auf seiten Südvietnams in die Kämpfe ein, so daß der Vietnam-Krieg zu einer direkten Konfrontation zwischen Ost und West ausuferte. Die USA kämpften dabei nicht nur in Südvietnam, sondern bombardierten auch den Norden des Landes, einschließlich der Hauptstadt Hanoi, um Nachschub und Moral des Gegners zu zerstören.

Quellentext

Amerikanischer Einsatz

Rede des Präsidenten Johnson, 7. April 1965

Warum mußten wir diesen schmerzhaften Weg wählen? Warum mußte diese Nation ihre Ruhe, ihre Interessen und ihre Macht für das Heil eines so fernen Volkes aufs Spiel setzen?

Warum sind wir in Südvietnam?

[...] Wir sind dort, weil wir ein Versprechen zu halten haben. Seit 1954 hat jeder amerikanische Präsident dem Volk von Südvietnam Hilfe angeboten. Wir haben geholfen aufzubauen, wir haben geholfen zu verteidigen. Durch viele Jahre hindurch haben wir versprochen, Südvietnams Unabhängigkeit verteidigen zu helfen. Und ich beabsichtige, dieses nationale Versprechen zu halten. Das Versprechen zu mißachten, die kleine, tapfere Nation ihren Feinden und dem dann folgenden Terror preiszugeben, wäre ein unverzeihlicher Fehler.

Wir sind auch dort, um die Weltordnung zu stärken. Rund um die Erde, von Berlin bis Thailand, leben Völker, deren Wohlergehen zum Teil auf dem Glauben beruht, daß sie auf uns zählen können, wenn sie angegriffen würden. Vietnam seinem Schicksal zu überlassen, würde das Vertrauen aller dieser Völker in den Wert einer amerikanischen Verpflichtung und den Wert von Amerikas Wort erschüttern. Das Ergebnis wäre wachsende Unruhe und Unsicherheit, schließlich sogar Krieg.

Wir sind auch dort, weil es um hohe Einsätze für das Gleichgewicht geht. Niemand soll glauben, daß der Rückzug aus Vietnam das Ende des Konflikts brächte. Der Kampf würde in dem einen und dann dem anderen Land erneuert. Die wichtigste Lehre unserer Zeit ist, daß der Appetit der Aggression niemals befriedigt ist. Rückzug von dem einen Schlachtfeld bedeutet nur Vorbereitung des nächsten. Wir müssen in Südostasien wie in Europa mit den Worten der Bibel sagen: "Bis hierher und nicht weiter."

Es gibt Leute, die sagen, daß all unsere Anstrengungen nutzlos sein werden, daß Chinas Macht zwangsläufig Südostasien beherrschen muß. Aber für dieses Argument gibt es kein Ende, bis alle Nationen Asiens geschluckt sind. Es gibt Leute, die sich fragen, warum wir dort Verantwortung tragen. Nun, wir haben dort aus demselben Grund Verantwortung wie in Europa. Im Zweiten Weltkrieg kämpften wir sowohl in Europa als auch in Asien, und als er endete, fanden wir uns in fortdauernder Verantwortung für die Verteidigung der Freiheit. [...]

Quelle: W. Lautemann/M. Schlenke (Hrsg.), Die Welt seit 1945, a. a. O., S. 601 f.


Angesichts dieser Situation war an eine Fortsetzung der unter Präsident Kennedy begonnenen Friedenspolitik nicht mehr zu denken. Erst die unerwartet heftige kommunistische Tet-Offensive Ende Januar 1968 sowie die Einsicht Präsident Johnsons, daß der Krieg offenbar auch mit mehr als einer halben Million amerikanischer Soldaten nicht zu gewinnen war, bewirkten ein Umdenken: Am 31. März 1968 stellten die USA die Bombardierung Nordvietnams ein, um die wichtigste Bedingung des Nordens für die Aufnahme von Verhandlungen zur Beendigung des Krieges zu erfüllen, die daraufhin am 13. Mai 1968 in Paris begannen. Zugleich erklärte Präsident Johnson seinen Verzicht auf eine erneute Kandidatur für die Präsidentschaft. Damit war der Weg nicht nur für eine Lösung des Vietnam-Problems, sondern auch für eine politische Entspannung zwischen Ost und West frei.

Beginn der Entspannungspolitik



Die Entspannungspolitik, die 1969 begann, bemühte sich im Rahmen des Ost-West-Verhältnisses um eine Verbesserung der politischen Atmosphäre, um größere Rationalität und Transparenz im Rüstungswesen, um eine verstärkte Zusammenarbeit im Bereich von Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur sowie um Erleichterungen im humanitären Bereich und um mehr Freizügigkeit für Menschen, Informationen und Meinungen. Durch die Schaffung gegenseitiger Abhängigkeiten und durch Interessenverflechtung sollte ein Netz von Beziehungen geknüpft werden, das beiden Seiten Vorteile brachte, an dessen Aufrechterhaltung deshalb beide Seiten interessiert waren und dessen Zerstörung von keiner Seite ohne Beeinträchtigung wichtiger eigener Interessen unternommen werden konnte.

Anders als der Kalte Krieg, der den machtpolitischen und ideologischen Gegensatz zwischen Ost und West als gegeben, sogar als unvermeidlich hingenommen und lediglich den Gegner durch die Bereitstellung eines starken militärischen Drohpotentials von einem Angriff abzuschrecken gesucht hatte, war die Entspannungspolitik ein Versuch, den Spannungsgrad des Ost-West-Konflikts zu reduzieren und auf der Basis des Status quo zu einer Zusammenarbeit zu gelangen. Militärische Faktoren sollten eine zunehmend geringere Bedeutung bekommen und die militärische Konkurrenz schrittweise durch andere, friedlichere Formen des Wettbewerbs ersetzt werden.

Die Entscheidung zur Beendigung des Vietnam-Krieges war ein wichtiger Schritt zur Einleitung dieser neuen Politik. Mit dem Amtsantritt von Präsident Richard M. Nixon am 20. Januar 1969 und der Ernennung des Harvard-Professors Henry A. Kissinger zum Nationalen Sicherheitsberater der USA begann nun eine Phase der amerikanischen Außenpolitik, die einerseits durch die Suche nach einem "ehrenvollen Frieden" in Vietnam und andererseits durch Bemühungen um eine Annäherung an die Sowjetunion und China gekennzeichnet war. Die damit eingeleitete "Ära der Verhandlungen" bezog sich jetzt nicht mehr nur auf den Bereich der Rüstungskontrolle, sondern umfaßte bald ein weites Spektrum in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Die Sowjetunion war an solchen Verhandlungen ebenfalls interessiert, weil sie Ende der sechziger Jahre in der Entwicklung von lnterkontinentalraketen und in anderen Bereichen der Nuklearrüstung einen ungefähren Gleichstand mit den USA erreicht hatte, so daß es sinnvoll schien, diese "Parität" vertraglich festzuschreiben. Außerdem benötigte die stagnierende sowjetische Wirtschaft dringend den Import westlicher Technologie. Und im Mächtedreieck zwischen Moskau, Washington und Peking waren die Fronten nach Gefechten zwischen chinesischen und sowjetischen Grenztruppen am Ussuri im März 1969 und nach ersten Anzeichen einer Annäherung zwischen den USA und China so sehr in Bewegung geraten, daß der Sowjetunion auch in machtpolitischer Hinsicht daran gelegen sein mußte, sich rechtzeitig neu zu orientieren.