Während eine überwältigende Mehrheit bei einem Werftbesuch Adolf Hitlers 1936 die Arme zum " Deutschen Gruß" hebt, verschränkt ein einzelner Arbeiter seine Arme.

24.5.2012 | Von:
Michael Wildt

Verfolgung

Zwangssterilisation

Auch mit der Politik, ein erbbiologisch „gesundes“ Volk herzustellen, zögerte die Hitler-Regierung nicht lange. Wenige Monate nach der Machtübernahme, am 14. Juli 1933, erließ sie das Gesetz zur „Verhütung erbkranken Nachwuchses“, mit dem erstmals in Deutschland die Zwangssterilisation aus erbbiologischen Gründen erlaubt wurde, die ausdrücklich auch gegen den Willen der Patienten angewandt werden konnte.

Forderungen nach Einführung erbbiologischer Personalbögen, nach einem Eheverbot für „Asoziale“ bis hin zur Wegsperrung von Epileptikern, psychisch Kranken und Kriminellen aus rassenbiologischen Gründen, wie sie unter anderen selbst der Verfasser des gesundheitspolitischen Programms der SPD, Alfred Grotjahn, vertrat, und Sterilisation „Minderwertiger“ waren bereits in der eugenischen Diskussion der Weimarer Republik gang und gäbe gewesen. 1920 veröffentlichten der Strafrechtler Karl Binding und der Psychiater Alfred Hoche eine einflussreiche Broschüre mit dem Titel „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“, in der die jüdisch-christliche Achtung vor der Unantastbarkeit des Lebens mit Hinweisen auf antike Gesellschaften wie Sparta angegriffen wurde. Zwar blieb die Tötung angeblich „lebensunwerten Lebens“ unter den Eugenikern umstritten, aber die Debatte verlagerte sich zunehmend in Richtung auf Zwangsmaßnahmen.

Im November 1932 drängten die Ärztevertretungen auf ein Sterilisationsgesetz, nicht nur um damit einer „Verschlechterung des deutschen Erbgutes“ vorzubeugen, sondern auch um die öffentlichen Krankenkassen zu entlasten. Nach der Machtübernahme nahm der Druck auf die Ministerialbürokratie zu, und als im Mai 1933 außerdem der Nationalsozialist Arthur Gütt zum Medizinalreferent im Reichsinnenministerium ernannt worden war, kam das entsprechende Gesetz zur „Verhütung erbkranken Nachwuchses“ ins Kabinett.

„Wer erbkrank ist“, so lautete der Paragraph 1, „kann durch chirurgischen Eingriff unfruchtbar gemacht (sterilisiert) werden, wenn nach den Erfahrungen der ärztlichen Wissenschaft mit großer Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist, daß seine Nachkommen an schweren körperlichen oder geistigen Erbschäden leiden werden.“ Noch nicht einmal ein medizinischer Beweis war vonnöten, sondern allein aufgrund von Erfahrungen oder „großer Wahrscheinlichkeit“ konnte ein Mensch gegen seinen Willen sterilisiert werden. Als Erbkrankheiten nannte das Gesetz explizit „angeborenen Schwachsinn, Schizophrenie, zirkuläres (manisch-depressives) Irresein, erbliche Fallsucht, erblichen Veitstanz (Huntingtonsche Chorea), erbliche Blindheit, erbliche Taubheit, schwere erbliche körperliche Mißbildung“ und schweren Alkoholismus.

Eine große Öffentlichkeitskampagne in der Tages- und Fachpresse begleitete die Einführung des Gesetzes. Immer wieder wurde die „Beschaffenheit der Erbverfassung unseres Volkes“ beschworen, die aufgrund der unterschiedlichen Geburtenraten befürchten lasse, dass binnen drei Generationen „die wertvolle Schicht von der minderwertigen völlig überwuchert“ werden würde. Sterilisation sei daher nicht nur notwendig, sondern geradezu „eine Tat der Nächstenliebe und Fürsorge“, das Sterilisationsgesetz „eine wahrhaft soziale Tat für die betroffenen erbkranken Familien“ und der „Beginn eines neuen Zeitalters“. In den Schulen wurden 1933 die Fächer Rassenkunde und Vererbungslehre in den Unterricht eingeführt.

Über die Sterilisation, die von Ärzten, Krankenhausleitungen und Wohlfahrtsämtern beantragt werden konnte, hatten neu eingerichtete, sogenannte Erbgesundheitsgerichte zu entscheiden, die aus einem Richter, einem beamteten Arzt und einem Arzt, der mit der "Erbgesundheitslehre besonders vertraut" (§ 6) sein sollte, zusammengesetzt waren. Ohne die Mithilfe zahlreicher Ärzte in den Erbgesundheitsgerichten hätte diese Massenverfolgung von kranken Menschen nicht geschehen können. Nach NS-amtlichen Dokumenten wurden aufgrund des Erbgesundheitsgesetzes bis zum Kriegsbeginn 1939 etwa 300000 Menschen sterilisiert, wobei die Dunkelziffer derjenigen, die außerhalb des Gesetzes ohne ihren Willen oder gar ihr Wissen sterilisiert wurden, noch höher liegen dürfte. Allein in den ersten drei Jahren nach Erlass des Gesetzes fällten die Erbgesundheitsgerichte 224 338 Urteile und entschieden in 198 869 Fällen, also knapp 90 Prozent, auf Sterilisation.


Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache.

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