Schnelltriebwagen auf einer Versuchsstrecke im 19. Jahrhundert

8.8.2012 | Von:
Prof. Dr. Jürgen Osterhammel

1880 bis 1914

Europa 1880-1914

Wirtschaftliche Dynamik und gesellschaftliche Differenzierung

Viele der allgemeinen Tendenzen, die sich in Deutschland erkennen lassen, charakterisieren die Entwicklung des europäischen Kontinents insgesamt. Sie waren regional unterschiedlich ausgeprägt. Während der letzten drei Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg wurden sämtliche Länder Europas in eine wirtschaftliche Wachstumsdynamik hineingezogen, die in der Geschichte ohne Beispiel war. Die statistisch erfassbaren Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf der Bevölkerung waren in Deutschland, der Schweiz, Frankreich und den skandinavischen Ländern am höchsten. Großbritannien fiel gegenüber dieser Gruppe ein wenig zurück; wegen seines hohen Ausgangsniveaus machte sich dies in der Praxis allerdings kaum bemerkbar. Die Schlusslichter waren Italien, Spanien, Portugal und die Balkanländer. Der gesamte europäische Süden hatte also Mühe, den Anschluss an den wirtschaftlichen Fortschritt des Nordens zu finden. In großen Teilen dieser Länder, etwa Süditalien und ganz Spanien außerhalb Kataloniens und des Baskenlandes, war von Industrialisierung kaum etwas zu spüren. Der Anteil der in der Landwirtschaft Beschäftigen lag bei 60 Prozent und mehr, während er in den entwickelten Ökonomien des Nordens inzwischen auf weniger als 30 Prozent gesunken war, in Großbritannien sogar auf unter 10 Prozent. Aus unterschiedlichen Gründen war die Landwirtschaft im Süden wenig produktiv. Dort, wo ein Agrarsystem kleinbäuerlicher Einzelwirtschaft vorherrschte, diente die Produktion vorwiegend der Selbstversorgung und nur zu einem kleinen Teil dem Erlös von Gewinnen auf dem Markt. Großbetriebliche Landwirtschaft konnte (etwa in England, Osteuropa oder in den USA) durchaus beträchtliche Wachstumsraten erzielen. Sie konnte aber auch eine bloße Rentenwirtschaft sein, bei der der Großgrundbesitzer von seinen Pächtern hohe Abgaben kassierte, ohne sich um die Verbesserung des Betriebs zu kümmern. Dies war in den wirtschaftlich rückständigen Regionen des Südens oft der Fall.
Ein ökonomischer Aufsteiger war das Zarenreich. Seine Wirtschaft war sehr lange fast ausschließlich agrarisch gewesen. Um 1860 lag das Volkseinkommen im russischen Teil des Imperiums bei etwa einem Viertel des britischen. Auch kurz vor dem Ersten Weltkrieg war Russland noch primär ein Agrarland, wo drei Viertel der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft beschäftigt waren. Das Bevölkerungswachstum war außergewöhnlich hoch, so dass sich die Einkommen pro Kopf der Bevölkerung gegenüber 1860 nicht dramatisch gesteigert hatten. Es waren aber in und um Moskau, im russisch beherrschten Polen und im ukrainischen Donez-Becken kleine, leistungsfähige Industrie- und Bergbau-Enklaven entstanden. Seit den 1880er-Jahren trieb die russische Regierung die Industrialisierung energisch voran, holte ausländisches Kapital ins Land und finanzierte damit den Ausbau der Eisenbahnen; so wurde zwischen 1891 und 1916 die Transsibirische Eisenbahn gebaut, die der wirtschaftlichen Erschließung Sibiriens und des Fernen Ostens dienen sollte. Als Ergebnis dieser Anstrengungen war Russland am Vorabend des Ersten Weltkriegs hinter Deutschland und Großbritannien und weit vor Frankreich zur drittgrößten Wirtschaftsmacht Europas geworden.
Vor dem Ersten Weltkrieg waren in Europa bereits die Anfänge von Entwicklungen erkennbar, die sich im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts verstärken sollten. Dazu gehörte der Ausbau des „tertiären Sektors“, also der Bereich von Dienstleistungen aller Art. Die Niederlande zum Beispiel verzichteten (anders als Belgien) auf eine starke Industrie und knüpften an ihre alten Handelstraditionen an. Ansonsten stand Europa im Bann der Industrie. Sie wurde allgemein als Symbol des Fortschritts und Motor des Wohlstands angesehen. Eine weitere neue Tendenz war die Nutzung von Erdöl in Ergänzung zur Kohle. 1886 wurden die ersten Automobile konstruiert, wenige Jahre später begann die fabrikmäßige Produktion des neuen Fahrzeugs. 1914 rollten bereits zwei Millionen Automobile auf Europas Straßen. Die technischen Grundlagen für das Motorflugzeug wurden kurz nach der Jahrhundertwende gelegt. Bereits 1912 richtete das britische Militär ein Fliegerkorps ein. Gleichzeitig kamen die ersten mit Öl betriebenen Schiffe zum Einsatz. Erst nach dem Krieg wurde die Motorenindustrie zu einer zentralen Triebkraft der Industrialisierung.
Dort, wo die europäische Wirtschaft bereits übermächtig von der Industrie geprägt wurde und wo die Arbeiterschaft vielfach das extreme Elend der Frühindustrialisierung hinter sich ließ, war man dennoch von einer spannungsarmen und komfortablen „Industriegesellschaft“, wie sie sich in Westeuropa in den 1950er-Jahren herausbilden sollte, weit entfernt. Vor allem drei soziale Krisenfelder blieben. Erstens war die Wohnsituation der handarbeitenden Bevölkerung nur dort erträglich, wo ausnahmsweise patriarchalisch denkende Unternehmer eigene Arbeitersiedlungen bauten (wie Krupp in Essen oder Ernst Abbe in Jena) – selbstverständlich auch eine Möglichkeit, Kontrolle über die Arbeiterschaft auszuüben. Sonst waren überall in Europa Arbeiterwohnungen überbelegt, schlecht ausgestattet und ungesund. Selbst wenn die schlimmsten Slums beseitigt wurden, traten an ihre Stelle keine staatlichen Programme des „sozialen Wohnungsbaus“. Zweitens folgten viele europäische Länder nicht einmal den deutschen Ansätzen einer Sozialversicherung. Gegen Arbeitslosigkeit gab es keine materielle Absicherung. Ein Unfall oder eine schwere Erkrankung des Brotverdieners konnte weiterhin für die Familie eine Katastrophe bedeuten. Massenhafte Altersarmut, vor allem in den Städten, blieb vor 1914 ein ungelöstes Problem. Drittens waren vor allem verheiratete Frauen in einfachen Verhältnissen einer extremen Belastung ausgesetzt. Bei nach wie vor hohen Kinderzahlen (und hoher Kindersterblichkeit), einer nur ganz rudimentären Mechanisierung der Hausarbeit und der Notwendigkeit, durch Nebenerwerb das Familienbudget aufzubessern, führten sie oft ein Leben, in dem an Feierabend und Ferien nicht zu denken war. Nur im gehobenen Bürgertum und in der Aristokratie wurde die Zeit um 1900 ihrem Namen als Belle Époque gerecht. Ein Spaziergang durch ein beliebiges Villenviertel einer deutschen Stadt zeigt, dass die Jahre unmittelbar nach 1900 die große Boomperiode des luxuriösen Wohnungsbaus waren. Damals wurde die Oberschicht um eine weitere Gruppe ergänzt: Manager oder „leitende Angestellte“ großer Firmen, denen das Unternehmen selbst nicht gehörte, deren hohe Gehälter ihnen aber den Lebensstil des wohlhabenden Wirtschaftsbürgertums ermöglichten.

Zeittafel - Soziale Frage (Auswahl)Zeittafel - Soziale Frage (Auswahl)
Neue politische Orientierungen

Der schnelle gesellschaftliche Wandel und die Ausbreitung europäischer Herrschaft über die Erde ließen auch Mentalitäten, Weltsichten und Versuche, die Gegenwart theoretisch zu fassen, nicht unberührt. Eine neue Wissenschaft, die Soziologie, wie sie in Frankreich Émile Durkheim und in Deutschland Max Weber (1864-1920) und Georg Simmel (1858-1918) begründeten, unternahm eine systematische Analyse der „modernen“ Gesellschaft und ihrer historischen Voraussetzungen. Durkheim fragte danach, was eine Gesellschaft zusammenhält. Weber interessierte sich universalhistorisch für den Zusammenhang zwischen Weltbildern, Institutionen und Formen menschlichen Handelns. Simmel war ein feinfühliger Diagnostiker des menschlichen Zusammenlebens in den großen Städten der Gegenwart. Die Ökonomie wurde um die Jahrhundertwende zu einer Wissenschaft von den Gesetzmäßigkeiten des Marktes, von wirtschaftlichem Gleichgewicht und seiner Dynamisierung zu Wachstum. Die Historiker hatten mit der nationalen Entwicklung der einzelnen europäischen Staaten ihr großes Thema gefunden, erweiterten ihren Blick aber zunehmend von der Politik auf die Kultur. Die neue Wissenschaft der Ethnologie oder Völkerkunde befasste sich mit den „Naturvölkern“ oder „Primitiven“, die man in den eigenen Kolonien studieren konnte.
Wissen wurde nicht länger nur angehäuft und systematisiert wie in einer früheren Zeit des „Positivismus“. Es wurde zunehmend auch kritisch nutzbar gemacht. Nach dem Tod von Karl Marx 1883 wurde seine Kritik des Kapitalismus zur herrschenden Lehre der europäischen Arbeiterbewegung. Dabei machten sich Richtungsunterschiede bemerkbar, die schon im Denken von Marx angelegt waren. Während die eine Strömung sich auf die Prognose eines unvermeidlichen Zusammenbruchs des Kapitalismus aus dem Wirken seiner eigenen Widersprüche heraus verließ, griffen andere Marxisten auf die Lehre des Meisters vom Klassenkampf zurück. Nach ihrer Sicht musste das Ende des Kapitalismus durch revolutionäre Aktion beschleunigt werden. Die nationalen sozialistischen Bewegungen, auch im Innern uneins, unterschieden sich zunehmend nach dieser gewissermaßen geschichtsphilosophischen Haltung. In Spanien entstand eine große Nähe zwischen Sozialismus und Anarchismus, einer Lehre, die jeder Staatlichkeit misstraute. In Frankreich behauptete sich ein eher unpolitischer Sozialismus, der weniger die nationale Machtübernahme als die Organisation des Wirtschaftslebens in egalitären Genossenschaften anstrebte. Erst recht pragmatisch eingestellt war die britische Arbeiterbewegung, die keine Utopien verfolgte, sondern konkrete Verbesserungen der materiellen Situation der arbeitenden Bevölkerung im Auge hatte. Die deutsche Sozialdemokratie hielt lange an einem rhetorischen Marxismus fest, der mit seinem verbalen Radikalismus in einem gewissen Gegensatz zur allmählichen Annäherung der Arbeiterbewegung an die wilhelminische Ordnung stand. Unter dem Etikett des „Revisionismus“ vollzogen aber große Teile der Sozialdemokratie eine pragmatische Wende weg von revolutionären Zielen und hin zu Reformen innerhalb des bestehenden politischen und gesellschaftlichen Systems.
Ganz anders stellte sich die Lage dort dar, wo linke politische Bewegungen polizeistaatlich unterdrückt wurden und nur im Untergrund oder aus dem Exil wirken konnten. Hier war eine Radikalisierung der Ziele und Methoden unvermeidlich. Das wichtigste Beispiel dafür war das Zarenreich. Die 1883 gegründete Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands spaltete sich auf einem Exilparteitag, der 1903 in Brüssel stattfand. Die Mehrheitsgruppe (wörtlich „Bolschewiki“), in der Vladimir Iljitsch Uljanov, genannt „Lenin“ (1870-1924), die dominierende Figur war, votierte für den gewaltsamen Sturz der Zarenherrschaft durch eine Kaderpartei von kampferprobten „Berufsrevolutionären“. Dies war eine Weiterentwicklung des Marxismus, die in der westeuropäischen Linken nur geringe Resonanz fand. Sozialismus und Sozialdemokratie gehörten am Vorabend des Weltkriegs zur politischen Szenerie von Ländern wie Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Österreich. Wie sich nach Kriegsausbruch 1914 zeigen sollte, stellten viele Sozialisten ihr patriotisches Pflichtgefühl über das lange propagierte Ideal der internationalen Brüderlichkeit.
Nationalismus unterschiedlicher Schärfe war überhaupt ein verbindendes Element unter den verschiedenen politischen Strömungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Liberalismus war vielerorts, besonders ausgeprägt in Deutschland, zu einem nationalen Liberalismus geworden, der durch bürgerliche Reformen den Nationalstaat zu stärken beabsichtigte. Seine herrschaftskritische Spitze hatte er weitgehend verloren. Auch die Liberalen – und sogar viele Sozialisten – waren Verteidiger des Imperialismus. Sie fanden es selbstverständlich, dass der „weiße Mann“ zur Herrschaft über die „farbige Welt“ berufen sei und dass eine solche Herrschaft auch ein Glück für die Kolonisierten darstelle, die auf diese Weise „zivilisiert“ würden. Auf der rechten Seite des politischen Spektrums ging es nun nicht länger wie bei früheren Formen konservativen Denkens um die Verteidigung von Kirche, Monarchie und Grundbesitzerinteressen. Neue Strömungen kamen auf, die einen „integralen“ oder „völkischen“ Nationalismus propagierten. Die eigene Nation einschließlich der Angehörigen außerhalb der Landesgrenzen wurde „rassisch“ über alle anderen Völker gestellt. Minderheiten wie Juden oder Einwanderer aus dem Ausland sollten aus diesem Nationalverband ausgeschlossen bleiben.
Nun wurde Antisemitismus zu einem tragenden Bestandteil rechtskonservativer Weltbilder. Am wenigsten war dies in Großbritannien der Fall. Auf dem Kontinent hingegen kam seit den 1860er-Jahren eine antisemitische Literatur in Umlauf, die an ältere anti-jüdische Stereotype anknüpfte, aber den Juden nicht länger ihren Mangel an Anpassung an ihre christliche Umwelt vorwarf, sondern im Gegenteil ihre erfolgreiche Integration in die Gesellschaft. In pseudowissenschaftlichen Verschwörungsfantasien wurden Juden zu gut getarnten „inneren Feinden“ stilisiert, die auch durch die christliche Taufe nichts von ihrer „Fremdheit“ verlören. In Frankreich trugen in der Dreyfus-Affäre (1896-99) die Gegner des Antisemitismus einen juristischen und moralischen Sieg von großer Tragweite davon. Kein vergleichbarer Skandal stoppte den Antisemitismus in Deutschland. Allerdings gewann er vor 1914 noch keinen wirklich gewichtigen Einfluss auf die Politik des Reiches. Er blieb eine allgegenwärtige diskriminierende Stimmung. Ein besonders radikales antisemitisches Milieu braute sich in Österreich zusammen. Die gewalttätigste Judenfeindschaft entwickelte sich jedoch seit den 1880er-Jahren im Zarenreich, wo mehrere Wellen von Pogromen stattfanden.
Um 1900 war die Stimmung in Europa widersprüchlich. Einerseits nährten der zunehmende Wohlstand und die schnelle Veränderung städtischer wie ländlicher Lebenswelten Fortschrittsoptimismus und Technikbegeisterung. Andererseits hatten Kritiker seit dem Philosophen Friedrich Nietzsche (1844-1900) auf die Schattenseiten des Fortschritts hingewiesen. In ganz Europa machte sich ein Kulturpessimismus breit: ein Schwelgen in Dekadenz und Niedergang, apokalyptische Zukunftsvisionen vom „Ende der Zivilisation“ und die „sozialdarwinistische“ Idee, im Kampf der Nationen, Völker und „Rassen“ würden die Schwächeren zugrundegehen.

Quellentext

Antisemitismus in der Kaiserzeit

Die Gründerjahre des Kaiserreichs waren begleitet von einer neuen Welle des Antisemitismus. Der Schock des Börsenkrachs von 1873 saß tief; bei der Suche nach den Verantwortlichen verfiel man auf die Juden, die als „Handlanger des internationalen Finanzkapitals“ galten. Sie wurden zu Sündenböcken gemacht für alle nachteiligen Folgen, die mit dem beschleunigten gesellschaftlichen und kulturellen Wandel verbunden waren. Vom älteren, religiös motivierten Judenhass unterschied sich der „moderne“ Antisemitismus dadurch, dass er der jüdischen Minderheit bestimmte, als unveränderbar geltende rassische Attribute zuschrieb, die sie angeblich zu einem „Fremdkörper“ in der gerade geeinten deutschen Nation machten. Die Juden seien und blieben „ein Volk im Volke, ein Staat im Staat, ein Stamm für sich unter einer fremden Rasse“, erklärte der Hofprediger Adolf Stoecker auf einer Versammlung im September 1879. Führen sie fort, „die Kapitalskraft wie die Macht der Presse zum Ruin der Nation zu verwenden“, so sei „eine Katastrophe zuletzt unausbleiblich“.
[...] Noch unheilvoller war die Wirkung des Historikers Heinrich von Treitschke. [...] [E]r prägte in diesem Zusammenhang jenen Satz, der zur Parole aller Antisemiten in Deutschland werden sollte. „Bis in die Kreise der höchsten Bildung hinauf ... ertönt es heute wie aus einem Munde: Die Juden sind unser Unglück.“ Treitschke trug entscheidend dazu bei, den Antisemitismus im Bildungsbürgertum gesellschaftsfähig zu machen. Besonders unter Studenten waren judenfeindliche Einstellungen verbreitet.
Seit Ende der siebziger Jahre gab es im Kaiserreich mehrere Parteien und Organisationen, die den Antisemitismus auf ihre Fahne schrieben. Zu ihren wichtigsten Programmpunkten gehörten die Aufhebung der Judenemanzipation, also der rechtlichen Gleichstellung der Juden, das Verbot jeglicher Zuwanderung von Juden aus Osteuropa sowie die Beschränkung des Zugangs zu bestimmten Berufen, in denen Juden nach Ansicht der Antisemiten überrepräsentiert waren. Auf der politischen Bühne spielten die radikalen Antisemitenparteien kaum eine Rolle; ihr Einfluss war seit den neunziger Jahren rückläufig. Dennoch sorgte ihre Agitation dafür, die angebliche „Judenfrage“ im öffentlichen Bewusstsein wach zu halten.
Obwohl die rechtliche Gleichstellung der Juden im Kaiserreich niemals ernsthaft gefährdet war, kam es doch zu zahlreichen Diskriminierungen. „In den Jugendjahren eines jeden deutschen Juden“, bemerkte Walther Rathenau, der Chef der AEG, 1911, „gibt es einen schmerzlichen Augenblick, an den er sich zeitlebens erinnert: wenn ihm zum ersten Male voll bewusst wird, dass er als Bürger zweiter Klasse in die Welt getreten ist, und dass kein Verdienst ihn aus dieser Lage befreien kann.“ Besonders drastisch trat die Zurücksetzung im Offizierskorps zutage. Es gab unter den Offizieren im preußischen Heer nicht einen einzigen Juden, und auch von dem begehrten Erwerb des Reserveoffiziers-Patents blieben Juden seit den achtziger Jahren ausgeschlossen.
Ein offener oder unterschwelliger Antisemitismus prägte auch den alltäglichen Umgang mit Juden. Auf Postkarten, in Karikaturen und Versen wurden ihnen bestimmte als „typisch jüdisch“ geltende Merkmale, etwa die Hakennase, zugeschrieben. Ebenso wurden jüdische Nachnamen wie Cohn oder Itzig zur Zielscheibe bösartiger Spottlust. [...]
Allerdings gab es von Anfang an auch Versuche von jüdischer wie von nichtjüdischer Seite, den Antisemitismus zu bekämpfen. An der Berliner Universität trat besonders der Althistoriker Theodor Mommsen den Angriffen Treitschkes entgegen. 1890 riefen liberale Politiker und Gelehrte einen „Verein zur Abwehr des Antisemitismus“ ins Leben, drei Jahre später folgte die Gründung des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“, der die Pflicht zur Selbstverteidigung verband mit dem Bekenntnis: „Ja, wir sind jüdischen Glaubens, und wir sind gerade so gut und gerade so schlecht wie alle anderen deutschen Staatsbürger.“ Doch blieb die aufklärerische Wirkung der beiden Abwehrorganisationen begrenzt. [...]

Das Gift des Antisemitismus. In: Deutsche Geschichte 1: Wie wir wurden, was wir sind. Das 19. Jh. 1789-1918, S. 226-228. Erarb. v. Dr. Volker Ullrich © Ernst Klett Verlag GmbH Stuttgart, 2012

Probleme nationaler und imperialer Integration

In der Zeit zwischen den 1880er-Jahren und dem Beginn des Ersten Weltkriegs erreichten eine ganze Reihe europäischer Staaten einen neuartigen Grad an innerer Einheitlichkeit. Manche internen Konflikte entschärften sich. Alle europäischen Gesellschaften waren Klassengesellschaften mit strukturellen Gegensätzen zwischen Besitzenden und Besitzlosen. Diese Gegensätze hatten sich aber dort, wo wirtschaftliches Wachstum und gesellschaftliche Modernisierung wirksam wurden, abgeschwächt. Der einstweilen letzte gewaltsame Aufstand mit revolutionärer Stoßrichtung war 1871 in Paris nach drei Monaten niedergeschlagen worden. Die einzig andere größere Revolution des Zeitalters fand 1905 in Russland statt. Sie erreichte begrenzte Ziele, vor allem gewisse verfassungspolitische Zugeständnisse des Zaren, die 1907 weitgehend wieder zurückgenommen wurden. Die Abwesenheit von Revolutionen ist ein sehr grobes Kriterium für den Grad sozialer und politischer Harmonie. Sie lässt aber den Schluss zu, dass die politischen Systeme zumindest in der Mitte Europas flexibel genug waren, um jene Teile der Gesellschaft, die mit der wirtschaftlichen Entwicklung an Zahl und Bedeutung zunahmen, in den politischen Prozess einzubeziehen.
Die Kluft zwischen den christlichen Konfessionen, die das frühneuzeitliche Europa innergesellschaftlich wie zwischenstaatlich entzweit hatte, war schmaler geworden, ohne verschwunden zu sein. Auf dem Balkan bildeten Katholizismus, Orthodoxie und Islam zwar ein explosives Gemisch, und in Irland trafen der katholische Glaube der Iren und der protestantische Anglikanismus der englischen Oberschicht schroff aufeinander. Doch Religion wurde seltener zum Anlass für blutige Kämpfe. Religiöse Minderheiten, auch die Juden, waren vielfach nicht nur geduldet, sondern mit vollen Staatsbürgerrechten ausgestattet worden.
Eine andere Trennlinie gewann an Bedeutung: die zwischen aggressiv auftretenden Kirchen und einem Staat, der beanspruchte, über den Religionen zu stehen. Die Katholische Kirche blieb eine respektable Macht. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten in Europa 90 Millionen Protestanten neben 173 Millionen Katholiken. Die übernational organisierte Katholische Kirche, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts straffer als zuvor auf den Heiligen Stuhl hin zentralisiert worden war, konnte sich ihrer Gläubigen weitgehend sicher sein. Sie nutzte ihre Macht, um den wachsenden Kompetenzansprüchen der Regierungen entgegenzutreten. Die Streitpunkte waren überall ähnlich: Zivilehe, kirchliches Ehesakrament, staatlicher oder kirchlicher Einfluss auf das Schulwesen, staatliche Beaufsichtigung der Klerikerausbildung und Mitwirkung bei der Besetzung geistlicher Ämter, Fragen der Besteuerung von kirchlichem Immobilienbesitz. 1864 hatte Papst Pius IX. (1792-1878) in seinem Syllabus errorum die gesamte moderne Zivilisation frontal angegriffen. 1870 war das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes verkündet worden. In einer Epoche des ansteigenden Nationalismus musste die Kirche als fremde Macht erscheinen, die, von Rom aus gesteuert, ihre Mitglieder teilweise der staatlichen Souveränität zu entziehen versuchte. In dieser Lage gab es nicht nur in Deutschland „Kulturkämpfe“. Selbst in rein katholischen Ländern, etwa Spanien und Portugal, verlor die Kirche wegen ihrer extrem konservativen Haltung an Zuspruch und Einfluss. Im republikanischen Frankreich und im Königreich Italien, das gegen den Widerstand und auf Kosten des Kirchenstaates geeinigt worden war, verhinderte die Tatsache einer großen katholischen Bevölkerungsmehrheit nicht den Dauerkonflikt zwischen Kirche und „laizistischem“ Staat. Religion blieb also ein politisches Thema.
Auf der anderen Seite der Bilanz stehen Integrationskräfte wie die Ausweitung der Elementarschulbildung, die Expansion nationaler Öffentlichkeiten durch die Massenpresse und die Erleichterung erschwinglichen Reisens durch die Eisenbahn. Es war eine weltgeschichtliche Neuerung, dass erstmals auf einem ganzen Kontinent die allgemeine Schulpflicht und ein kostenloses Elementarschulwesen zumindest in der Theorie eingeführt wurden. In den skandinavischen Ländern, Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden, Deutschland und Österreich war um 1910 der Analphabetismus bis auf kleine Reste verschwunden. Südeuropa (wozu im italienischen Fall nur der Süden des Stiefels gerechnet werden kann) blieb dahinter weit zurück. Primarschulen dienten dem Zweck, Staatsbürger mit elementaren Kulturtechniken und mit Qualifikationen für die Arbeitswelt auszustatten. Sie dienten auch dadurch der nationalen Integration, dass sie eine einheitliche Nationalsprache vermittelten. Selbst in dem kulturell ungewöhnlich einheitlichen Frankreich war erst gegen Ende des Jahrhunderts das Hochfranzösisch als allgemeines Verständigungsmedium durchgesetzt.
Die Herrscher von Imperien erkannten, dass Kommunikation dem Zusammenhalt ihrer Reiche zugute kam. Andererseits leisteten die Untertanen gegen eine solche Homogenisierungspolitik nicht selten Widerstand. In Irland, das seit 1801 zum Vereinigten Königreich gehörte, aber in vieler Hinsicht quasi-kolonial dominiert wurde, pflegten Nationalisten das Gälische und die keltische Kultur. Auf die Einführung russischsprachiger Elementarschulen in Polen reagierten die Katholische Kirche und die „Zivilgesellschaft“ mit dem Aufbau einer „Untergrundwelt“ von illegalen polnischen Schulen, die etwa ein Drittel der polnischen Familien erfasste und der vor allem Bauern ihre Lese- und Schreibkenntnisse verdankten.
Während die Nationalstaaten trotz aller Schwierigkeiten ihren inneren Zusammenhalt stärken konnten, hatten die politischen Zentren in den drei östlichen Vielvölkerreichen mit steigenden Integrationsproblemen zu kämpfen. Das Osmanische Reich befand sich seit etwa 1700 auf dem territorialen Rückzug. Um 1900 kontrollierte der Sultan nur noch Kleinasien, Armenien, Mesopotamien, die Levante, die Ostküste des Roten Meeres und den südlichen Balkan. Bis 1914 waren die Gebiete auf dem europäischen Kontinent bis auf Istanbul und sein Hinterland verloren. Die Habsburgermonarchie bewahrte ihre Grenzen, ja, erweiterte sie 1908 durch die Annexion Bosniens; das Zarenreich dehnte sich in Asien weiter aus. Dennoch befanden sich alle drei in einem ähnlichen imperialen Dilemma. In der modernen Welt genügte es nicht mehr, ein großes Reich durch die Loyalität regionaler Führungsschichten zum Kaiser in der Hauptstadt zusammenzuhalten. Eisenbahnbau, Industrialisierung (wie begrenzt auch immer) und die Ideologie des Nationalismus, die auf politischer Autonomie für einzelne Sprachgruppen beharrte, kamen destabilisierend hinzu. Je energischer eine imperiale Zentralregierung durch Reformen, die übrigens oft mit Steuererhöhungen verbunden waren, ihr Reich modernisieren und damit überlebensfähig machen wollte, desto größer wurden die Widerstände in den Provinzen und inneren Kolonien.

Mächtekonflikte und Rüstungswettlauf

Der Krieg, der mit der Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers am 28. Juni 1914 in Sarajevo sein auslösendes Moment fand und der ab dem 4. August ein Krieg war, an dem sich erstmals seit 100 Jahren sämtliche europäischen Großmächte beteiligten, brach in Europa aus. Koloniale Spannungen in Asien und Afrika spielten in seiner unmittelbaren Entstehungsgeschichte keine ausschlaggebende Rolle. Der Krieg war deshalb von Anfang an ein „Welt“-Krieg, weil das British Empire als Ganzes in ihn involviert war, Großbritannien also mit der Unterstützung durch die an Ressourcen reichen Dominions rechnen konnte. Indem Japan, das Osmanische Reich und 1917 schließlich auch die USA in ihn eintraten, wurde der Krieg Schritt für Schritt immer globaler. Seine Ursachen lagen in Europa. Sie können hier nur angedeutet werden.
Die seit jeher strittige „Kriegsschuldfrage“ lässt sich extrem vereinfacht so beantworten: Keine der Großmächte war „unschuldig“, und die Bereitschaft, einen gesamteuropäischen Krieg zu riskieren, war in Wien und Berlin besonders groß. Nur wenige Menschen in Europa ahnten vor dem Sommer 1914, wie fürchterlich ein allgemeiner europäischer Krieg werden würde. Andererseits wiegten sich nur Träumer in der Illusion, er würde sich bereits nach wenigen Wochen oder Monaten beenden lassen. Der Krieg war nicht unvermeidlich. Vieles sprach sogar kurz vor 1914 noch dafür, dass er ausbleiben könnte. Zwar gab es keine vereinbarte Weltfriedensordnung, keine politische Weltorganisation (wie sie erstmals 1919 mit dem Völkerbund, dem Vorläufer der Vereinten Nationen, entstehen sollte) und keine funktionierenden Mechanismen der Konfliktschlichtung. Doch es war den politischen und erst recht den wirtschaftlichen Eliten in allen europäischen Großmächten klar, dass die Fortsetzung von Wirtschaftswachstum und gesellschaftlichem Wandel Frieden voraussetzte. Seit 1871, als der letzte größere Krieg in Europa endete, hatte sich das internationale System als relativ wandlungsfähig und flexibel erwiesen. Krisen waren immer wieder durch Kompromisse gelöst worden. Wo lagen die Elemente der Destabilisierung?
  • Erstens bestanden, durch ein Klima des allgegenwärtigen Nationalismus gefördert, Misstrauen und Verfeindung fort, etwa im Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich, wo beide Seiten den anderen als „Erbfeind“ sahen, oder im Dauerkonflikt zwischen Österreich-Ungarn und dem Zarenreich. Chancen zu einer aktiven Vertrauensbildung, etwa im deutsch-britischen Verhältnis, blieben ungenutzt. Instrumente der Krisenprävention waren kaum entwickelt.
  • Zweitens hatte die Industrialisierung auch das Militär erfasst. Die technische und industrielle Entwicklung setzte einen Rüstungswettlauf in Gang. Nach der allgemein herrschenden Auffassung benötigte ein Staat, um seine Interessen zu schützen, ein möglichst großes, mit möglichst moderner Artillerie ausgestattetes Heer (nur Großbritannien glaubte, auf eine solche Riesenarmee verzichten zu können). Zusätzlich zum Wettrüsten auf dem Lande provozierte das Deutsche Reich durch seinen Schlachtflottenbau eine Rüstungseskalation zur See, die es trotz eines enormen finanziellen Einsatzes gegenüber der dominierenden Seemacht Großbritannien nicht gewinnen konnte.
  • Drittens unterlag das Militär nicht überall einer verlässlichen demokratischen Kontrolle. In Frankreich und Großbritannien war dies weitgehend der Fall. In Deutschland, Österreich-Ungarn und Russland bildete das Militär indes eine von der zivilen Politik kaum zu bändigende unabhängige Macht. Es fand Unterstützung durch einen öffentlichen Militarismus, der, obwohl unterschiedlich stark ausgeprägt, in keinem der europäischen Länder fehlte. Frieden wurde damals in Europa als moralischer und politischer Wert nicht sehr hoch geschätzt. Die Friedensbewegung (der Pazifismus), prominent vertreten durch Bertha von Suttner (1843-1914), hatte so gut wie keinen Einfluss auf die aktuelle Politik.
  • Viertens pflegten vor allem das Militär und seine Propagandisten die Vorstellung, aufgrund der industriellen und rüstungstechnologischen Dynamik würde sich die machtpolitische Position des eigenen Staates in näherer Zukunft verschlechtern. Chancen seien daher zu nutzen, so lange noch Zeit sei. Dies begünstigte ein Denken in Kategorien des Präventivkriegs, wie es in der deutschen Militärführung besonders stark ausgeprägt war. Nach dem Selbstverständnis der Beteiligten war eine solche Haltung defensiv, also „Vorwärtsverteidigung“. Das Präventivdenken konstruierte Zeitzwänge und begünstigte die Gefahr, unkontrollierbare Dominoeffekte auszulösen, wie es dann mit einer schnellen Kette von Mobilmachungen ab dem 28. Juli 1914 auch geschehen sollte. Es hing eng zusammen mit der paranoiden Vorstellung, von Gegnern „eingekreist“ zu sein oder sich durch einen „Befreiungsschlag“ neuen Handlungsspielraum schaffen zu müssen.
  • Fünftens verbreitete sich in den Jahren vor Kriegsbeginn in der europäischen Öffentlichkeit eine eigentümliche Stimmung, die man „heroischen Fatalismus“ nennen könnte: die Überzeugung, dass in einer immer komplizierter werdenden Welt durch Krieg eine gewisse Klärung und Vereinfachung der Verhältnisse herbeizuführen sei. Besonders auf der politischen Rechten wurden manche des langweiligen zivilen Lebens müde und sehnten sich nach neuen Gelegenheiten zu heldischer Bewährung. Diese Einstellung war keineswegs allgemein verbreitet; man sollte sie nicht zu einem „kollektiven Traum vom Krieg“ hochstilisieren. Immerhin jedoch machte sie Krieg denkbar. Als ab 1911 eine Reihe von Entscheidungen fielen, die den Krieg realistischer machten, fehlte in den maßgebenden Führungszirkeln – letztlich wurde über den Krieg in kleinsten Gruppen an den Staatsspitzen entschieden – und in der Öffentlichkeit die moralische Kraft zum Widerstand. Die neu auftretende Massenpresse wirkte selten als Stimme mäßigender Vernunft. Viel eher heizte sie aggressive Emotionen noch weiter auf.
  • Dieser heroische Fatalismus fand, sechstens, einen besonderen Nährboden in Vorstellungen von einem „Rassenkampf“, die über einen konventionellen Nationalismus hinausgingen. Französische und russische Politiker fürchteten einen expansiven „Pangermanismus“, deutsche und österreichische Staatsmänner sahen einen erstarkenden „Panslawismus“ am Horizont (und vermuteten russische Unterstützung hinter der Provokation Österreichs durch Serbien 1914); sogar ein „Panturkismus“ wurde zuweilen als Drohung empfunden. Die öffentlichen Verkünder solcher Visionen in den verschiedenen Ländern spielten sich gegenseitig in die Hände und heizten damit ein mentales Klima an, das Krieg zunehmend denkbar machte.
    Siebtens hatte der Krieg einen konkreten Entstehungsraum, den Balkan. Hier mischten sich mehrere Faktoren, die das internationale System an die Grenze seiner Belastbarkeit trieben: der aggressive Nationalismus der kleinen Balkanvölker; die allseitige Furcht, der beschleunigte Zerfall des Osmanischen Reiches würde ein Machtvakuum schaffen, von dem andere Großmächte profitieren könnten; schließlich die Angst der habsburgischen Führung, der Zerfall, ja die Zerstörung des Osmanischen Reiches nehme das kommende Schicksal Österreich-Ungarns vorweg.


Rüstungsausgaben 1905-1913Rüstungsausgaben 1905-1913
Die Verwendung dieser Grafik ist honorarpflichtig.

Truppenstärken der europäischen Armeen bei Ausbruch des Ersten WeltkriegesTruppenstärken der europäischen Armeen bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges
Die Verwendung dieser Grafik ist honorarpflichtig.