Grabstelle eines im Ersten Weltkrieg (vermutl. um 1916) gefallenen kanadischen Soldaten
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Wie die Weltkriege entstanden


9.5.2014
Der Erste Weltkrieg war das Ergebnis einer europäischen Krise, an der viele Mächte ihren Anteil hatten. Zu Kriegsbeginn hatten sie meist keine klar formulierten Ziele. Die Krise des internationalen Mächtesystems ermöglichte es dem NS-Regime 1939, seinen Angriffskrieg zu beginnen.

Hinter dem tödlichen Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gattin Sophie am 28. Juni 1914 sieht Wien Serbien und stellt Belgrad ein Ultimatum. Zeichnung von Felix SchwormstedtHinter dem tödlichen Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gattin Sophie am 28. Juni 1914 sieht Wien Serbien und stellt Belgrad ein Ultimatum. Zeichnung von Felix Schwormstedt (© ullstein bild)
Als am Silvesterabend 1899 in London, Berlin und St. Petersburg die Sektkorken knallten, ahnte niemand etwas von Verdun, Stalingrad oder Auschwitz. Die Bürger Europas erwarteten im neuen Jahrhundert kein "Menschenschlachthaus" – das berühmte Buch des Hamburger Reformpädagogen und Schriftstellers Wilhelm Lamszus (1881-1965) mit dem Untertitel "Bilder vom kommenden Krieg" wurde ja auch erst 1912 geschrieben. Um 1900 erlebte Europa in der Hochphase der ersten Globalisierung einen ungeahnten ökonomischen Wohlstand. Hätten die Zeitgenossen am 31. Dezember 1899 die Zukunft voraussagen sollen, sie hätten wohl auf ein kommendes Zeitalter von Wirtschaftskriegen getippt. Ganz so wie der österreichisch-ungarische Außenminister Agenor Graf Goluchowski, der am 20. November 1897 in einer Rede gesagt hatte: "Wie das 16. und 17. Jahrhundert mit den religiösen Kämpfen ausgefüllt waren, wie im 18. Jahrhundert die liberalen Ideen zum Durchbruche kamen, wie das gegenwärtige Jahrhundert durch das Auftauchen der Nationalitäts-Fragen sich charakterisiert, so sagt sich das 20. Jahrhundert für Europa als ein Jahrhundert des Ringens ums Dasein auf handelspolitischem Gebiete an."

Selbst als im Sommer 1914 die Nachricht vom Attentat auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand um die Welt ging, dachten die wenigsten daran, dass fünf Wochen später ein Weltkrieg ausbrechen könnte. In Großbritannien war man auf den drohenden Bürgerkrieg zwischen Protestanten und Katholiken in Irland konzentriert, der kaum noch zu verhindern schien. In Paris war alle Aufmerksamkeit auf den Prozess gegen die Frau von Finanzminister Joseph Caillaux gerichtet, die wenige Wochen zuvor in einer spektakulären Aktion einen Enthüllungsjournalisten niedergeschossen hatte. Der europäische Hochadel begab sich Anfang Juli 1914 wie jedes Jahr auf Sommerfrische in die Bäderorte. Und selbst der preußische Kriegsminister Erich von Falkenhayn hatte in jenen Tagen nichts Besseres zu tun, als mit Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg über drittrangige verfassungsrechtliche Fragen zu streiten. Etliche Historiker wie Michael Salewski, Holger Afflerbach oder Friedrich Kießling haben aus den vielen Friedensbeteuerungen jener Tage geschlossen, dass der Ausbruch eines großen Krieges im Sommer 1914 ein gänzlich unwahrscheinliches Szenario gewesen sei. Allerdings muss dann ja doch etwas schiefgelaufen sein.

Das Attentat von Sarajevo und die Julikrise



Der Anlass des Ersten Weltkrieges war ein denkbar dilettantisch vorbereitetes Attentat. Als der österreichische Erzherzog Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 – einem Sonntag – im Verlauf einer Bosnienreise auch Sarajevo einen Besuch abstattete, warteten vier junge Attentäter auf ihn. Nur durch einen unglaublichen Zufall – das Auto des Thronfolgers bog aufgrund eines Verständigungsfehlers falsch ab – gelang es dem 19-jährigen bosnischen Serben Gavrilo Princip zwei Schüsse abzugeben, die Franz Ferdinand und seine Frau Sophie töteten.

In Europa wurde der Anschlag als terroristischer Akt verurteilt, der Österreich-Ungarn das Recht auf Vergeltung gab. In Wien war man davon überzeugt, dass Belgrad für den Mord verantwortlich sei. In der Tat hatte der Chef des serbischen Geheimdienstes, Dragutin Dimitrijevic´-Apis, den Attentätern die Waffen geliefert, und auch der serbische Ministerpräsident Nikola Pašic´ ahnte etwas von den Anschlagsplänen. Für das weitere Vorgehen Wiens war freilich die Haltung des deutschen Bundesgenossen entscheidend. Da ein Angriff auf Serbien die Gefahr eines Krieges mit dessen Schutzmacht Russland heraufbeschwor, musste man sich zunächst der Unterstützung Berlins versichern. Von dort kamen keine Appelle der Mäßigung, im Gegenteil: Sowohl Kaiser Wilhelm II. als auch Kanzler Theobald von Bethmann Hollweg machten am 5. und 6. Juli 1914 klar, dass es an Österreich-Ungarn liege, zu beurteilen, was geschehen müsse, um das Verhältnis zu Serbien zu klären. Wien könne "hierbei – wie auch immer [die] Entscheidung ausfallen möge – mit Sicherheit darauf rechnen, dass Deutschland als Bundesgenosse und Freund der Monarchie hinter ihr stehe".

Dies war der vielzitierte "Blankoscheck", mit dem Berlin den auf einen lokalen Krieg fixierten Bündnispartner, den man bislang im entscheidenden Moment stets zu bremsen verstanden hatte, losließ. Die Reichsleitung betonte gar, dass ein sofortiges Einschreiten Österreich-Ungarns gegen Serbien die radikalste und beste Lösung sei, zumal die internationale Lage für einen solchen Schritt momentan günstiger scheine als in Zukunft. Wenn nun aber wirklich ein Angriff auf Serbien erfolgte, kam alles darauf an, wie sich das Zarenreich verhielt. Die Entscheidung über Krieg oder Frieden lag somit in Wien und in St. Petersburg, während sich Berlin durch den "Blankoscheck" selbst die direkte Mitwirkungsmöglichkeit entzogen hatte und in der Julikrise erst spät und allzu halbherzig von dieser Haltung abwich. In Wien hatte man es jedoch nicht sonderlich eilig. Zahlreiche Soldaten waren im Ernteurlaub, aus dem man sie nicht ohne großen diplomatischen und volkswirtschaftlichen Schaden zurückrufen konnte. So wurde erst am 23. Juli in Belgrad ein Ultimatum übergeben, das ein Ende anti-österreichischer Propaganda und die Beteiligung österreichischer Behörden "an der Unterdrückung der gegen die territoriale Integrität der Monarchie gerichteten subversiven Bewegungen" sowie an der gerichtlichen Untersuchung des Attentates forderte. Diese Klauseln waren unannehmbar, da sie die Souveränität Serbiens unmittelbar tangierten.

Das Wiener Ultimatum an Belgrad schlug in den europäischen Hauptstädten ein wie eine Bombe. Wenngleich hier und da durchgesickert war, dass harte Forderungen aufgestellt werden würden, begannen die Ministerpräsidenten, Außenminister und Diplomaten nun zu begreifen, dass sich Europa auf einen großen Krieg zubewegte. In der Sommerhitze der Hauptstädte verbreitete sich hektische Betriebsamkeit. In rasender Geschwindigkeit eskalierte in der letzten Juliwoche die Lage. Die serbische Regierung verfasste am 25. Juli ein demutsvolles Antwortschreiben, das Kaiser Wilhelm II. zu der Bemerkung veranlasste, dass noch nie ein Staat so zu Kreuze gekrochen sei und damit der Grund für einen Krieg ja wohl entfallen sei. Da das Ultimatum aber nicht wie gefordert bedingungslos angenommen wurde, brach die Donaumonarchie die diplomatischen Beziehungen ab, machte einen Teil ihrer Truppen mobil und erklärte Serbien am 28. Juli 1914 den Krieg.

Einen Tag später beschoss die österreichisch-ungarische Artillerie Belgrad, um eine noch immer mögliche friedliche Lösung des Konfliktes zu torpedieren. Ein neuer Balkankrieg war ausgebrochen, seit 1912 der dritte. Noch war es nur ein lokaler Krieg, wie es seit 1815 in Europa viele gegeben hatte. Doch machte das mit Serbien liierte Russland am 30. Juli seine Truppen mobil. Deutschland, das seinen Verbündeten Österreich-Ungarn nicht im Stich lassen wollte, wertete dies als eindeutige Absicht zum Krieg, mobilisierte seinerseits und erklärte Russland am 1. August den Krieg. Es folgte schließlich die Kriegserklärung an das mit dem Zarenreich verbündete Frankreich. Der deutsche Kriegsplan sah zuerst nämlich einen Angriff im Westen vor, um sich nach einem entscheidenden Sieg gen Osten zu wenden. Damit hatte sich der lokale zum kontinentalen Krieg ausgeweitet. Schließlich erklärte das mit Russland und Frankreich verbündete Großbritannien am 4. August Deutschland den Krieg. Offiziell, weil deutsche Truppen mittlerweile auch in Belgien einmarschiert waren. Eigentlich ging es aber darum, in diesem großen Krieg nicht abseits zu stehen und eine deutsche Dominanz auf dem Kontinent zu verhindern. Wenige Tage später folgten dann die Kriegserklärungen der britischen Dominions Kanada, Südafrika, Australien und Neuseeland. Der kontinentale Konflikt war zum Weltkrieg geworden.

Quellentext

Der Balkankonflikt 1912/13

Das Osmanische Reich erstreckte sich am Anfang des 19. Jahrhunderts noch bis weit nach Europa, Nordafrika und den Nahen Osten. Es hatte freilich den Höhepunkt seiner Macht seit langem überschritten, und die machtpolitische Erosion dieses Riesenreiches war seit dem griechischen Aufstand gegen die Türkenherrschaft 1821 auch ein zentrales Problem der europäischen Politik. Gelöst wurde diese sogenannte Orientalische Frage erst mit der Zerschlagung des Osmanischen Reiches und der Reduzierung auf ein türkisches Kerngebiet im Friedensvertrag von Lausanne 1923. Die Zurückdrängung der Osmanen wurde in Europa einerseits begrüßt. Sie warf aber auch zahllose neue Probleme auf, insbesondere auf dem Balkan. Auf dem Berliner Kongress 1878 wurde die Unabhängigkeit Serbiens, Montenegros, Rumäniens und bald darauf auch von Bulgarien anerkannt. Die nationalen Interessen der Balkanvölker spielten für die Großmächte aber auch fortan keine Rolle – ihnen ging es stets nur darum, eigene Machtinteressen zu wahren und die kleinen Balkanstaaten dabei zu instrumentalisieren. Österreich-Ungarn und Russland betrachteten die Region traditionell als ihr Einflussgebiet und gerieten darüber immer wieder in ernsthafte Konflikte.

Als im Herbst 1912 das Osmanische Reich in einen Krieg gegen Italien verwickelt war, nutzten die Balkanstaaten die Gunst der Stunde, um die europäische Türkei – Albanien, Thrakien und Makedonien – unter sich aufzuteilen. Serbien, Bulgarien, Griechenland und Montenegro schlossen einen Balkanbund und erklärten im Oktober 1912 dem Osmanischen Reich den Krieg. Die türkischen Truppen erlitten schnell eine Serie von Niederlagen, sodass notgedrungen eine territoriale Neuordnung des Balkans ins Auge gefasst werden musste. Wien wollte aber keinesfalls einen Machtzuwachs Serbiens akzeptieren. Dies wiederum verlangte das Zarenreich, das sich unterdessen zur Schutzmacht des serbischen "Brudervolkes" aufgeschwungen hatte. Als Wien und St. Petersburg im November Kriegsvorbereitungen trafen, drohte die Lage zu eskalieren. Schließlich gelang es Großbritannien und Deutschland auf der Londoner Botschafterkonferenz am 17. Dezember 1912 die Lage zu entschärfen. Serbien erhielt keinen Hafen an der Adria – dies war eine Forderung Wiens –, und mit Albanien wurde ein Pufferstaat an der strategisch wichtigen Straße von Otranto errichtet. Doch die Lage drohte erneut zu eskalieren, als Serbien und Montenegro am 23. April 1913 die strategisch wichtige türkische Festung Skutari einnahmen, die eigentlich Albanien zugeschlagen werden sollte. Österreich-Ungarn drohte mit militärischer Intervention, falls sich die Truppen nicht zurückziehen würden. Erneut funktionierte das deutsch-britische Krisenmanagement: Eine internationale Flottendemonstration, der Russland zustimmte, ohne sich an ihr zu beteiligen, verdeutlichte den Willen der Großmächte, diese Provokation nicht zu dulden. Die Türkei musste im Londoner Präliminarfrieden am 30. Mai 1913 schließlich dem Verlust fast ihrer gesamten europäischen Besitzungen zustimmen. Es blieb ihr nur ein kleiner Landstrich um Konstantinopel.

Der Friede hielt jedoch nicht lange. Rasch gerieten die Sieger über die Verteilung der Beute in Streit. Bulgarien fühlte sich insbesondere von Serbien hintergangen und griff am 29. Juni 1913 überraschend zu den Waffen. Der geplante Coup scheiterte jedoch. Gegen die Übermacht von Serben und Griechen hatten die Bulgaren keine Chance, zumal auch Rumänien und die Türkei die Gunst der Stunde nutzten und gegen Sofia marschierten. Deutschland, Großbritannien und Italien wirkten mäßigend auf Österreich-Ungarn ein, das ursprünglich Bulgarien unterstützen wollte, um weitere territoriale Gewinne Serbiens zu verhindern. So musste sich Wien damit abfinden, dass im Vertrag von Bukarest am 10. August 1913 Bulgarien den Großteil seiner Beute aus dem Ersten Balkankrieg wieder verlor. Rumänien erhielt den Südteil der Dobrudscha, die Türkei konnte durch den Erwerb Ostthrakiens wieder in Europa Fuß fassen. (siehe a. Karte IV)

Der eigentliche Sieger der Balkankriege war ohne Zweifel Serbien, das seine Machtstellung erheblich ausgebaut hatte und zu einer Mittelmacht mit großen Ambitionen aufgestiegen war. Unterstützt wurde es von Russland, hinter dem wiederum Frankreich und Großbritannien standen. Österreich-Ungarn, dies hatten die Balkankriege gezeigt, beobachtete mit Argusaugen, was in Serbien vor sich ging. Da hinter Wien der große Bundesgenosse Deutschland stand, war der Balkan ein Brandherd, der schnell einen kontinentalen Flächenbrand entfachen konnte.


Quellentext

Erinnerungen an den Kriegsbeginn

Alfred Bauer 1915, aus der Rückschau nach zehn Monaten
Es kam die Stunde, wo wir vor die Entscheidung gestellt wurden, ob wir bereit waren, die Nibelungentreue für den Freund vor aller Welt mit dem Schwerte zu beweisen.
Am (28.) Juni wurde Franz Ferdinand in Sarajewo von serbischen Meuchelmördern ermordet. Es war der Schlußstein eines lange und sorgsam vorbereiteten Gebäudes. Im ersten Augenblick waren wir uns der ungeheuren Bedeutung der That nicht völlig klar; erst als die Verhandlungen eine weitverzweigte politische Verschwörung aufdeckten, deren sämmtliche Fäden in den serbischen Regierungskreisen zusammenliefen, da sah man plötzlich klar, denn daß hinter Serbien Rußland stand, darüber konnte kein Zweifel herrschen. Für Oesterreich konnte es jetzt nur noch heißen, biegen oder brechen; den unwürdigen Zuständen auf dem Balkan mußte ein für alle Mal ein Ende bereitet werden, wenn nicht das Ansehen Oesterreichs dauernd vernichtet sein sollte. [...] Rußland [...] erklärte offiziell, daß es bei dem Handel Oesterreichs mit Serbien "nicht uninteressiert" bleiben könne. Von dem Augenblick an, als ich das las, war ich der festen Überzeugung, daß eine friedliche Lösung ausgeschlossen sei, denn von nun an konnte Rußland nicht mehr zurück, ohne sein Ansehen auf dem Balkan einzubüßen; mit dieser Erklärung hatte es sein Wort verpfändet. Nun nahm das Schicksal seinen Lauf; die Ereignisse folgten einander Schlag auf Schlag.

Es war am Sonnabend den 24. Juli, als die Nachricht von dem Ultimatum Oesterreichs und die Erklärung Rußlands von seiner Interessiertheit in Rothenfelde erschien. [...] Der nächste Tag, der Sonntag, brachte eine Verschärfung der Lage. Deutschland forderte Rußland auf, Oesterreich und Serbien ihre Privathändel allein ausfechten zu lassen; jede Einmischung seitens Rußland würde Deutschland veranlassen, Oesterreichs Sache zu der seinigen zu machen. Die Erregung im Volk stieg ungeheuer; jeder erkannte jetzt, um was es sich handelte. [...] [I]ch war mir klar darüber, daß wir nicht so leicht wieder einen Anlaß zum Kriege bekommen würden, der so wie dieser dem Volksempfinden entsprach, und die Volksstimmung ist einer der wichtigsten Faktoren eines modernen Krieges, wenn nicht der wichtigste. Wir schienen aber wieder im Begriff zu sein, wie schon oft, aus Friedensliebe den günstigsten Augenblick zu verpassen. Dieses Mal hatte ich aber glücklicherweise die Thatkraft der Regierung unterschätzt, und ich sah bald, daß sie mit einer bewundernswerten Entschlossenheit unbeirrt ihren Weg ging. [...]

Aus dem Tagebuch des Dr. med. Alfred Bauer sen., "Der Weltkrieg, wie er sich spiegelte im Gehirn von Alfred Bauer, Stabs- und Regimentsarzt im Res. Inf. Rgt. 78 später Feldlazarett 6", Eschau Elsass, Eintrag vom 17. Mai 1915 (beim Feldlazarett), Quelle: privat

H. V. Shawyer, No. 4142, 1st Bataillon, The Rifle Brigade, British Expeditionary Force über seine Erlebnisse auf dem Marsch durch Felixstowe, 5. August 1914
The place was full of holidaymakers lining the pavements to see us go by and come war, hell or high water they seemed determined to get a laugh out of things. Of course none of us could foresee the four terrible years that lay ahead of us, but I didn’t feel too generously disposed to some of them. There were bunches of men in the doorways of the public houses holding up their foaming tankards at us as we slogged along – mocking us! And there were we under the weight of all our equipment and not a wink of sleep had we had the night before. Of course a lot of them were young – young enough to be feeling the weight of a full pack on their own backs before long. I often wondered if they were laughing then!

But most of the people couldn’t do enough for us, and they were pretty loud in the doing of it. Cheering, shouting, singing, waving their handkerchiefs, and showering us with sweets and packets of cigarettes. Some of the young girls were even pelting us with flowers as if we were blooming Spaniards or something. One man rushed out of a newsagent’s with his arms full of copies of the morning papers – he must have bought up the shop! He was running alongside us and the lads were grabbing the papers as fast as he could hand them out. And the cheering and yelling!

I was on the outside of a flank of four. I turned up my head and found myself inches away from a woman who was staring straight into my face. Beeing nineteen and bashful I was terrified that she was going to kiss me – some fellows were surrounded by women kissing them! – but she didn’t. She just put her hand up to her mouth and as I went by I could see that she had tears in her eyes. […]

Lyn Macdonald, 1914. The Days of Hope, Penguin Books / Random House, London 1989, Seite 48 f.


Quellentext

Stimmung beim Kriegsbeginn 1914 …

[...] Sonnabend den 1. August. [...] Daß die Kriegserklärung kam, darüber bestand kein Zweifel, man wußte nur nicht, heute oder morgen. [...] [Am Schaufenster der] Redaktion des Osnabrücker Tageblatts [...] wurden die neuesten Telegramme angeschlagen, und die Menschenmenge staute sich davor in Erwartung eines besonderen Ereignisses. Auch meine Blicke hingen wie gebannt an dem Fenster [...] und plötzlich erschienen kurz nach 6 Uhr [...] in handgroßen Buchstaben die kurzen aber inhaltsschweren Worte: "S. M. der Kaiser und König haben die Mobilmachung von Heer und Flotte angeordnet. I. Mobilmachungstag Sonntag der 2. August."
Nun war es also so weit; still und ernst nahm die Menge die Botschaft auf; und bei den jungen Leuten sah man Erregung, die sich gern in Hurrahrufen Luft gemacht hätte. [...] Ja, jetzt hatten wir den Krieg, den Weltkrieg, in dieser Minute war es auch in der entlegensten Poststation Deutschlands bekannt, daß er unabänderlich war. Daß er in der Tat nicht zu umgehen gewesen war, das wußte jeder, das merkte man allen Menschen an, die nun mit fester Entschlossenheit nach Hause eilten, um ihr Haus zu bestellen, ihre Angelegenheiten zu ordnen und dann mit ruhigem Gewissen zu den Fahnen strömten, um ihren Platz einzunehmen und ihre Pflicht zu tun. […] Ich hatte ein Gefühl der Befreiung, der Lösung von einer ungeheuren Spannung; nun, wo es kein "zurück" mehr für uns gab, da lag unser Weg klar vor uns, und das gab mir das Gefühl der Ruhe und Sicherheit. [...]
Mit 3maligem brausenden Hurrah, unter Mützenschwenken und den Klängen der Wacht am Rhein fuhren wir aus dem Bahnhof, und nun begann ein Triumphzug sonder Gleichen. [...] Als wir so durch die jubelnden Städte und Landschaften fuhren, an jedem Fenster und an jeder Hecke standen Menschen und winkten uns zu, da quoll auch in unsern Herzen die Begeisterung hoch empor, und wir sprachen zu gleicher Zeit denselben Gedanken aus: "Könnte man das doch noch erleben, daß man wieder zurückkäme und erzählen könnte von diesen herrlichen Eindrücken". [...]

Aus dem Tagebuch des Dr. med. Alfred Bauer sen., "Der Weltkrieg, wie er sich spiegelte im Gehirn von Alfred Bauer, Stabs- und Regimentsarzt im Res. Inf. Rgt. 78 später Feldlazarett 6", Eschau Elsass, Eintrag vom 17. Mai 1915 (beim Feldlazarett), Quelle: privat


Wilhelm Dettmer, geb. 1898:
Ich weiß noch, als der Krieg erklärt wurde, habe ich meinen Vater das einzige Mal im Leben weinen sehen. Er war gedienter Soldat und wusste, was Krieg bedeutete. Er wurde jetzt nicht mehr Soldat, erstens weil er sich beim Militär einen Bruch geholt hatte und zweitens war er auch zu alt. Er war 1871 geboren, damals also schon 43 Jahre alt. Aber das hat ihn doch so erschüttert und mitgenommen, dass er geweint hat. Wir als Kinder haben hurra gerufen. […]

Wolf-Rüdiger Osburg, Hineingeworfen. Der Erste Weltkrieg in den Erinnerungen seiner Teilnehmer, Osburg Verlag Hamburg 2009, Seite 101


… und 1939
Berlin, 3. September 1939
Ich stand am Wilhelmplatz, als die Lautsprecher gegen Mittag plötzlich verkündeten, daß England Deutschland den Krieg erklärt habe. Etwa 250 Menschen hatten sich in der Sonne versammelt. Sie hörten gespannt zu. Nach Beendigung der Durchsage gab es nicht einmal ein Murmeln. Sie standen unverändert dort. Betäubt. Die Leute können es noch nicht fassen, daß Hitler sie in einen Weltkrieg geführt hat.

Wiliam L. Shirer, Berliner Tagebuch. Aufzeichnungen 1934-41, A. d. Amerikanischen und hg. von Jürgen Schebera. Aufbau-Verlag GmbH & Co. KG, Berlin 1994, für die Übersetzung


3. September […]
[...] Volksstimmung absolut siegesgewiß, zehntausendmal überheblicher als 14. Dies gibt entweder einen überwältigenden, fast kampflosen Sieg, und England und France sind kastrierte Kleinstaaten, oder aber eine Katastrophe, zehntausendmal schlimmer als 1918. Und wir mitteninne, hilflos und wahrscheinlich in beiden Fällen verloren. […] Und doch zwingen wir uns, und es gelingt auch auf Stunden, unsern Alltag weiterzuleben: vorlesen, essen (so gut es geht), schreiben, Garten. Aber im Hinlegen denke ich: Ob sie mich diese Nacht holen? Werde ich erschossen, komme ich ins Konzentrationslager? [...]

4. September […]
[...] Heute früh Bestätigung durch den Briefträger. Der Mann entsetzt: "Ich bin 1914 verschüttet worden und muß nun als Landwehrmann wieder heraus. Ist das notwendig gewesen, ist das menschlich? Sie sollten die düsteren Gesichter der Truppentransporte sehen – anders als 14. Und haben wir 14 mit Knappheit der Lebensmittel begonnen? Wir müssen unterliegen, es kann nicht wieder vier Jahre dauern" – Im Bienertpark der Krämer Berger, Soldat von 1914, jetzt Funker: "Sie haben es gut jetzt!" – "Ich? Ich rechne mit Totgeschlagenwerden." – "Sie sind aus allem heraus – wir armen Hunde müssen wieder ran!" [...]

Victor Klemperer, Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933-1945. Hg. v. Walter Nowojski unter Mitarbeit von Hadwig Klemperer. Aufbau Verlag, Berlin 1995





 

Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache. Weiter...