Grabstelle eines im Ersten Weltkrieg (vermutl. um 1916) gefallenen kanadischen Soldaten
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Der Globale Krieg


9.5.2014
Im Ersten Weltkrieg kämpfen 36 Nationen gegeneinander, die Schlachtfelder liegen zumeist in Europa. Im Zweiten Weltkrieg ist neben Europa der pazifische Raum der zweite Hauptkriegsschauplatz. 63 Nationen sind an ihm beteiligt.

Die bei den Kämpfen Gefallenen werden zunächst nahe den Schlachtfeldern begraben (v. l. o. im Uhrzeigersinn P): Gräber deutscher Soldaten nahe Salla in Finnland 1941, alliierter Soldaten in Norwegen 1940, US-amerikanischer Soldaten in Kiribati, Zentralpazifik 1944 und japanischer Soldaten in Okinawa, Japan 1945.Die bei den Kämpfen Gefallenen werden zunächst nahe den Schlachtfeldern begraben (v. l. o. im Uhrzeigersinn P): Gräber deutscher Soldaten nahe Salla in Finnland 1941, alliierter Soldaten in Norwegen 1940, US-amerikanischer Soldaten in Kiribati, Zentralpazifik 1944 und japanischer Soldaten in Okinawa, Japan 1945. (© Popperfoto/ Fox Photos/ Peter Stackpole/ Time&Life Pictures / J.R. Eyerman / Time&Life Pictures / Getty Images)

Überall stößt man auf die Spuren der Weltkriege, ganz gleich wohin man reist. Schlachtfelder gab es in Spitzbergen ebenso wie in Namibia und auf Hawaii, in Alaska oder im Dschungel Papua-Neuguineas. Und nicht nur die Kämpfe an Land haben bis heute sichtbare Spuren hinterlassen. Mehr als 20 000 Schiffe sind in den beiden Kriegen versenkt worden, tausende von ihnen werden heute von Tauchern aus aller Welt besucht: vom St. Lorenz Strom in Kanada bis zu den chilenischen Juan Fernández’ Inseln, von der irischen Westküste über Ägypten, die Malediven bis zu den Küsten Australiens. Die Gräber derjenigen, die in den Kämpfen oder später in der Gefangenschaft starben, sind um den ganzen Globus verstreut. Allein der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge pflegt Friedhöfe in 64 Ländern. Die Bergtour in den Alpen, die Tauchreise zu den Philippinen, der Sprachurlaub auf Malta, die Safari in Tansania, die Kulturreise nach China – Hunderttausende Touristen stoßen auf ihren Reisen jedes Jahr auf die Spuren der Weltkriege. Nahezu überall ist das Leben der Menschen von diesen Kriegen geprägt worden. Und dies nicht nur in Europa, sondern praktisch überall auf dem Globus, ob in Grönland, den Tropen Afrikas oder der Inselwelt des Südpazifiks.

Dimensionen des Ersten Weltkrieges



Bereits 1914 war den Zeitgenossen sehr wohl bewusst, dass sie Zeugen eines Kampfes neuen Ausmaßes waren. Der Philosoph Ernst Haeckel sprach schon im September 1914 davon, dass dieser europäische Konflikt der "erste Weltkrieg im wahren Sinne des Wortes" werden würde, und der Afrikaforscher Hermann Frobenius publizierte noch 1914 ein kleines Büchlein mit dem Titel "Der erste Weltkrieg", das gleich mehrere Auflagen erlebte. Allerdings hat sich der Begriff zunächst nicht durchgesetzt. Man sprach vielmehr vom "Weltkrieg" oder dem "Großen Krieg". Erst der britische Offizier und Journalist Charles à Court Repington machte die Bezeichnung "First World War" mit seinem 1920 veröffentlichten Bestseller populär. In Großbritannien und in Frankreich ist "The Great War" oder "La Grande Guerre" bis heute aber die geläufigere Bezeichnung. Dass es sich bei den Feindseligkeiten in Asien 1937 und in Europa 1939 um den Beginn eines zweiten Weltkrieges handelte, ist den Zeitgenossen erst spät bewusst geworden. 1939 erschien zwar das Buch des britischen Politikers und Schriftstellers Alfred Duff Cooper "The Second World War", aber er fand wenig Nachahmer. Erst nach 1945 setzte sich diese Bezeichnung auch hierzulande durch.

Freilich kann man die provokante Frage stellen, ob diese Begriffe überhaupt richtig gewählt sind. War der Krieg zwischen 1914 und 1918 überhaupt der "Erste Weltkrieg"? Auch der Siebenjährige Krieg (1756-1763) wütete schließlich nicht nur in Europa, sondern auch in Kanada, Indien und auf den Philippinen. Und während der 23 Kriegsjahre zwischen 1792 und 1815 wurde nicht nur bei Austerlitz, Leipzig und Moskau gekämpft, sondern auch um Washington, D.C., New Orleans, Buenos Aires, Kapstadt und auf Mauritius. Insofern war die Ausdehnung des Ersten Weltkrieges auf den ersten Blick nichts Neues.

Beteiligung außereuropäischer Mächte

Und doch war dieser Krieg nicht mehr nur ein Kampf der Europäer untereinander. Außereuropäische Mächte spielten eine entscheidende Rolle. Die neue Großmacht Japan beteiligte sich schon früh am Krieg, um die eigene Machtposition in Ostasien weiter auszubauen. Zur Unterstützung der verbündeten Briten entsandte Tokio Kriegsschiffe ins Mittelmeer. Noch wichtiger war die Rolle der Vereinigten Staaten. Ihr Einfluss auf den Verlauf des Ersten Weltkrieges kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Schließlich hat der amerikanische Kriegseintritt am 6. April 1917 den Kampf endgültig zugunsten der Entente (Kriegskoalition Frankreichs, Russlands, Großbritanniens u. a.) entschieden (siehe a. Karte V).
Aber auch den britischen Dominions kam eine neue Rolle zu. Obwohl sie formell keine eigene Außenpolitik machen durften, entwickelten sie sich immer mehr zu eigenständigen Akteuren. Insbesondere Südafrika stieg zu einer beachtlichen Imperialmacht auf. Deutsch-Südwestafrika, das heutige Namibia, wurde von südafrikanischen Truppen 1915 rasch erobert und bis 1990 besetzt gehalten. Damit war der Expansionswille aber noch nicht gestillt. Die Regierung in Pretoria wollte langfristig ein "Greater South Africa" schaffen, das bis an den Äquator reichen sollte. Doch dies scheiterte am Widerstand deutscher Truppen in Deutsch-Ostafrika. Vier Jahre lang tobten hier die Gefechte, die sich bald in einen Busch- und Guerillakrieg verwandelten, der vor allem unter der indigenen Bevölkerung gewaltige Opfer forderte. Schätzungen zufolge starben bis zu 750 000 Menschen in Deutsch-Ostafrika durch Hungersnöte, Seuchen und Krankheiten.

Vernetzte Welt – vernetzter Krieg

1914 war die Welt vernetzter als jemals zuvor. Von Southampton aus war New York per Schiff in nur fünf Tagen zu erreichen. Es gab einen regelmäßigen zweiwöchentlichen Linienverkehr nach Melbourne, die Überfahrt dauerte 45 Tage. Das Welthandelsvolumen war von 1800 bis 1913 um den Faktor 25 angestiegen. Die vernetzte Welt führte nun auch einen vernetzten Krieg. So konnten Truppen schnell vom einen Ende der Welt ans andere verlegt werden. Die britische Kriegswirtschaft konnte sich auf die Ressourcen des Weltmarktes stützen, Salpeter aus Chile, Rindfleisch aus Australien und Maschinenteile aus den USA importieren.

Quellentext

Afrikas "Beitrag" zum Zweiten Weltkrieg

Frankreich hatte bereits 1939 rund 100 000 Soldaten in den Kolonien ausgehoben, davon die meisten in Afrika, und 340 000 Mann standen 1943 in Nordafrika bereit für den alliierten Vorstoß nach Italien. Die Verluste unter den Rekruten aus den Kolonien waren hoch: 29,6 Prozent der Madagassen, die zum Einsatz kamen, fielen und 38 Prozent der sogenannten tirailleurs sénégalais.

Großbritannien holte in Ost- und Zentralafrika nahezu 200 000 Mann in die Armee, rekrutierte in der Goldküste 65 000 für die Schlachtfelder in Europa und Südostasien und forderte, ebenso wie Frankreich, Beiträge für die Kriegskasse: Die Goldküste z. B. brachte über 360 000 britische Pfund (£) für den britischen Kriegsfonds auf (von einigen Millionen £ insgesamt, die Großbritanniens afrikanische "Untertanen" in die Kriegskasse einzahlten); dazu kamen Kriegsanleihen, für die Großbritannien seinen afrikanischen Kolonien nach Ende des Krieges mehr als 200 Mio. £ schuldete. Auch in den französischen Territorien wurde gesammelt: Französisch Westafrika (AOF) etwa trug rund 1,5 Milliarden Francs zu den Kriegskosten bei.

Afrikaner und Afrikanerinnen erbrachten einen Beitrag zu einem Krieg, der nicht der ihre war. Im Belgischen Kongo hatte die männliche Bevölkerung der ländlichen Gebiete 60 Tage Zwangsarbeit pro Jahr zu leisten; der Zinnabbau in Nigeria florierte ebenso wie die Sisalproduktion in Tanganyika vor allem aufgrund der zwangsverpflichteten Arbeitskräfte. […]
Die Rohstoffe aus Afrika waren für die Alliierten von entscheidender Bedeutung: Der Kontinent lieferte während der Kriegsjahre 50 Prozent des Goldaufkommens, 19 Prozent der Manganerze, 39 Prozent bei Chrom, 24 Prozent bei Vanadium und etwa 17 Prozent des Kupfers, dazu fast 90 Prozent des verarbeiteten Kobalts, die gesamte Uraniumproduktion und 98 Prozent der Weltproduktion an Industriediamanten.

Die Produktion der Kupferminen in Katanga stieg von 122 000 Tonnen (t) (1939) auf 165 000 t (1944). Ghanas Manganproduktion verdoppelte sich in den Kriegsjahren, und Nigeria erzeugte um 41 Prozent mehr Zinn. Südafrika verdiente am meisten am Gold, wurde zum drittgrößten Lieferanten von Platin und sicherte sich eine dominierende Stellung im Handel mit Diamanten, die zu dieser Zeit vor allem aus dem Belgischen Kongo kamen.

Während Südafrika und die britischen Kolonien ihre Rohstoffe in erster Linie an Großbritannien lieferten, wurde der Belgische Kongo zu einem wichtigen Wirtschaftspartner der USA. Auch die Landwirtschaft und die industrielle Produktion waren in die Kriegswirtschaft eingebunden. Die Produktion von Baumwolle, Erdnüssen und Palmöl stieg mit Kriegsbeginn signifikant. Den europäischen Pflanzern und Farmern garantierte Großbritannien hohe Preise für ihre Produkte, zahlte im Voraus und zahlte selbst dann, wenn aus Mangel an Transport- und Lagermöglichkeiten die angekauften Produkte – wie es bei Bananen oder Kakao geschah – verbrannt oder ins Meer gekippt werden mussten.

Die Kenya Farmers Association wurde zur staatlichen Vermarktungsorganisation für Mais; sie bestimmte in dieser Funktion die Ankaufspreise und vergab auch Kredite. Während weiße Farmer für ihre Produkte über dem Marktpreis bezahlt wurden, erhielten einheimische Bauern deutlich weniger – den afrikanischen Baumwollproduzenten in Uganda bezahlte man 1943 nur noch 28 Prozent des Exportpreises.
In vielen Kolonien, die von Europa und anderen überseeischen Lieferanten nicht mehr versorgt werden konnten, entstand eine Ersatzgüterproduktion; die höheren Kosten der Produkte (wie Seife und andere Dinge des täglichen Gebrauchs) hatten nicht zuletzt die afrikanischen Verbraucherinnen und Verbraucher zu tragen. Mit wenigen Ausnahmen hielt diese Industrialisierung der Öffnung des Marktes nach 1945 nicht stand. […]

Walter Schicho, Geschichte Afrikas, Konrad Theiss Verlag Stuttgart 2010, Seite 102 f.



Massenpropaganda

Der Erste Weltkrieg war aber nicht nur ein Kampf der Fabriken, sondern auch ein Krieg der Worte. Die Entstehung der Massenpresse, das weltweite Kabelnetz und die politische Liberalisierung mit der Abschaffung der staatlichen Vorzensur hatten Ende des 19. Jahrhunderts zum ersten Mal eine echte Weltöffentlichkeit geschaffen. Im Krieg der Worte und Bilder waren insbesondere die Briten weit erfolgreicher als die Deutschen. Sie verfügten durch die Kontrolle der Unterseekabel über das globale Nachrichtenmonopol und konnten so die öffentliche Meinung in Übersee, vor allem in den USA, für sich günstig beeinflussen. Die "deutschen Barbaren und Hunnen" avancierten so in San Francisco, Santiago de Chile und Sydney gleichermaßen rasch zu einem einprägsamen Feindbild, dem die deutsche Propaganda nichts entgegensetzen konnte.

Internationale Massenheere

Im Ersten Weltkrieg kämpften zum ersten Mal regelrechte Massenheere aus Übersee auf den europäischen Schlachtfeldern. Zwei Millionen Amerikaner, 620 000 Kanadier, 331 000 Australier, 100 000 Neuseeländer und 32 000 Südafrikaner fochten in Europa gegen die Deutschen. Ein noch stärkeres Symbol, dass nun auch die Neue Welt in der Alten kämpfte, war der Einsatz nicht-weißer Soldaten. So setzten die Franzosen 485 000 Soldaten aus Algerien, Tunesien, Marokko, Westafrika, Madagaskar und Indochina ein, während die Briten 160 000 zumeist indische Soldaten aufboten.

In Deutschland sorgte der Einsatz dieser Truppen für erhebliches Aufsehen. Als "Menschenfresser" und "Wilde" diffamiert, warf man ihnen vor, besonders grausam zu kämpfen. Viele Tausend wurden von den deutschen Truppen gefangengenommen, was bemerkenswerte Folgen hatte. So wurde die erste Moschee Deutschlands 1915 südlich von Berlin für muslimische Gefangene errichtet, und Berliner Ethnologen nutzten die Gelegenheit zu umfassenden völkerkundlichen Forschungen. Noch heute befindet sich eine skurril anmutende Laut- und Sprachsammlung im Archiv der Humboldt-Universität, Berlin.

Unter den zwei Millionen US-Soldaten, die seit 1917 in Frankreich eingesetzt waren, befanden sich etwa 400 000 Afroamerikaner, von denen allerdings nur einige Zehntausend an der Front kämpften, während die anderen zu Unterstützungsdiensten eingeteilt waren. Zum australischen und neuseeländischen Kontingent zählten auch einige Tausend Aborigines und Maori, über deren Erlebnisse wir nur wenig wissen. Die Briten setzten Schwarzafrikaner in Arbeitsbataillonen ein, wo sie unter unmenschlichen Bedingungen hinter der Front schuften mussten.

Deutschland griff auf afrikanische Soldaten nur in den Kolonien selbst zurück. Eine Überführung nach Europa musste schon aus logistischen Gründen scheitern und ist aufgrund rassistischer Vorbehalte auch vor dem Krieg nie erwogen worden. Kaum ein Dutzend der sogenannten Askaris (Suaheli für "Soldat", Bezeichnung für afrikanische Soldaten und Polizisten in europäischen Kolonialtruppen) lebten nach dem Krieg in Deutschland, wo sie in der Regel negative Erfahrungen machten. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Bundesrepublik einigen hundert ehemaligen Askaris noch die einst versprochene Pension ausgezahlt – bis Ende der 1990er-Jahre die letzten schwarzafrikanischen Soldaten des Deutschen Reiches gestorben waren.

Die Vielzahl von neuen Kulturkontakten während des Ersten Weltkrieges hatte die rassistische Einstellung der Weißen kaum verändert, allerdings in den Kolonien den Wunsch nach Unabhängigkeit deutlich vorangetrieben – allen voran bei den Arabern und Indern. Trotz einzelner Aufstände, die von Briten und Franzosen mit großer Brutalität niedergeschlagen wurden, konnten die Europäer aber nach 1918 vorerst die Kontrolle über ihre Kolonialreiche bewahren.
Am Ersten Weltkrieg nahmen offiziell 36 Staaten teil. Aufgrund der ausgedehnten europäischen Kolonialreiche und der zumindest wirtschaftlichen Beteiligung der Neutralen blieb kaum ein Flecken der Erde unberührt. Die Schlachtfelder lagen aber zumeist in Europa und im Nahen Osten. Trotzdem trägt der Konflikt seinen Namen zu Recht. Es war der Krieg einer globalisierten Welt.




 

Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache. Weiter...