Grabstelle eines im Ersten Weltkrieg (vermutl. um 1916) gefallenen kanadischen Soldaten
1 | 2 | 3 Pfeil rechts

Der Totale Krieg


9.5.2014
Der industrialisierte Massenkrieg 1914 bis 1918 kostet Millionen Menschen, Soldaten wie Zivilisten, das Leben. Im Zweiten Weltkrieg wird die Radikalisierung der Gewalt noch einmal erheblich gesteigert – maßgeblich befördert durch menschenverachtende Ideologien wie den Nationalsozialismus.

Städte und Landstriche werden im totalen Krieg verwüstet. Von Oktober 1914 bis weit ins Jahr 1918 liegt die flandrische Stadt Ypern unmittelbar im Frontgebiet und nahezu täglich unter Granatenbeschuss. Luftbild der Zerstörungen von 1915Städte und Landstriche werden im totalen Krieg verwüstet. Von Oktober 1914 bis weit ins Jahr 1918 liegt die flandrische Stadt Ypern unmittelbar im Frontgebiet und nahezu täglich unter Granatenbeschuss. Luftbild der Zerstörungen von 1915 (© Scherl / Süddeutsche Zeitung Photo)

Ein Begriff und seine Definition



"La guerre que fait L’Allemagne est une guerre totale, une guerre de tous ses nationaux du dedans et du dehors contre les nationalités alliées." ("Der Krieg, den Deutschland führt, ist ein totaler Krieg, ein Krieg aller Deutschen im In- und außerhalb ihres Landes gegen die alliierten Nationen.")

Der französische Journalist Léon Daudet schrieb diese Zeilen am 9. Februar 1916 unter dem Eindruck deutscher Luftangriffe auf Paris und einer in Frankreich grassierenden Spionagefurcht. Der Krieg, der seit gut eineinhalb Jahren im Gang war, war auch in den Augen der Zeitgenossen kein herkömmlicher Krieg. Er war anders als alles andere zuvor, größer, brutaler, umfassender. Es schien keine Grenze zwischen Front und Heimat mehr zu geben. Alle wurden zu Kämpfern und zu Zielen des Feindes. Dieser Krieg war ein totaler.

Daudets Begriff verbreitete sich schnell in der französischen Publizistik. Er sollte der Bevölkerung verdeutlichen, dass dies ein Kampf auf Leben und Tod sei, in dem jeder die größten Anstrengungen zu leisten habe, um den Feind niederzuwerfen. In Deutschland wurde diese Bezeichnung erst viele Jahre später von Erich Ludendorff geprägt. Von 1916 bis 1918 hatte er als heimlicher Militärdiktator wie kein Zweiter für die Radikalisierung des Krieges gesorgt. Kurz vor seinem Tod veröffentlichte er 1935 das Buch "Der totale Krieg", in dem er die Mobilisierung aller gesellschaftlichen Kräfte für den nächsten Krieg forderte. Während des Zweiten Weltkrieges wurde der Begriff dann durch Joseph Goebbels’ Rede im Berliner Sportpalast am 18. Februar 1943 bekannt, in der er das deutsche Volk zu mehr Kriegsanstrengungen aufforderte.

"Guerre totale", "Totaler Krieg" oder japanisch "soryokusen (総力戦)" ist von den Zeitgenossen in unterschiedlichen Kontexten mit durchaus verschiedenen Bedeutungen verwendet worden. In der wissenschaftlichen Diskussion beschreibt der Begriff heute:
  • Totale Mobilisierung – des Militärs, der Volkswirtschaft und der Bevölkerung für den Krieg. Auch Frauen und Kinder wurden als Soldaten an der Front oder als Arbeiter in der Heimat für den Kampf mobilisiert.
  • Totale Kontrolle – aller gesellschaftlichen Bereiche durch den Staat (Freizeit und Kultur inklusive), um die totale Mobilisierung sicherzustellen.
  • Totale Kriegsziele – zur vollständigen Niederwerfung des Feindes. Der Kampf bis zur bedingungslosen Kapitulation konnte im Extremfall die physische Ausrottung des Feindes bedeuten.
  • Totale Kriegsmethoden – um in dem zum Kampf auf Leben und Tod hochstilisierten Krieg siegreich zu sein. Alles schien erlaubt, solange es nur dem eigenen Erfolg diente. Der Unterschied zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten, Kämpfern und Zivilisten, verschwamm zusehends, und die Zivilbevölkerung wurde immer mehr zum eigentlichen Ziel der Kriegshandlungen.
Schattenseiten der Moderne – der industrialisierte Massenkrieg

Kein Krieg der Geschichte ist jemals vollständig total gewesen. Es gab immer auch Momente der Mäßigung, Phasen, in denen das Völkerrecht peinlich genau befolgt wurde. Insofern ist der totale Krieg in seiner absoluten Form allenfalls theoretisch denkbar. Die Totalisierung des Krieges begann nicht erst 1914, sondern reicht bis zu den Französischen Revolutionskriegen zurück. Seitdem vollzog sich eine stetig wachsende Radikalisierung, die erst durch die Angst vor der nuklearen Katastrophe beendet wurde. Der totale Krieg ist somit ein Phänomen der Moderne, also jener Phase der Geschichte, die mit den atlantischen Revolutionen 1776 und 1789 begann und mit den friedlichen Revolutionen von 1989/90 endete. In dieser Zeit veränderte sich die Welt in einem atemberaubenden Tempo. Doch die technischen, kulturellen und politischen Errungenschaften des 19. und 20. Jahrhunderts waren stets ambivalent, brachten zivilisatorische Höchstleistungen hervor ebenso wie schlimmste Verbrechen. Eines der herausragenden Symbole für den technischen Fortschritt der Moderne ist die Mondrakete Saturn V.

Sie war eine Weiterentwicklung der V-2 – jener deutschen Fernrakete, deren Bau und Einsatz in der letzten Phase des Zweiten Weltkrieges tausende KZ-Häftlinge und Zivilisten das Leben kostete. Beide Raketen wurden maßgeblich entwickelt von dem deutschen, später US-amerikanischen Ingenieur Wernher von Braun (1912-1977).

Der moderne Staat mit seiner städtisch-industriell geprägten Gesellschaft und der alle Einwohner erfassenden Idee des Nationalismus verwandelte die Welt auch durch Krieg. Zunächst bekamen dies die außereuropäischen Völker zu spüren, denn im 19. Jahrhundert waren die Europäer durch ihre technischen Errungenschaften erstmals in der Lage, alles, was sich ihnen in den Weg stellte, zu unterwerfen. Die Vorboten des industrialisierten Massenkrieges offenbarten sich indes nicht in den blutigen Kolonialkriegen, sondern beim Aufeinanderprallen hochgerüsteter Gegner. Im Krimkrieg (1853-1856), im Amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865), im Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) und im Russisch-Japanischen Krieg (1904/05) deutete sich die stetige Radikalisierung der Kriegsziele und Kriegsmethoden, von Mobilisierung und staatlicher Kontrolle bereits an. Und dennoch blieben die Kriege des 19. Jahrhunderts mehr oder minder "eingehegt", vor allem, weil sie so kurz waren und radikale Kriegsziele sich noch nicht durchsetzen konnten.

Doch übersteigerter Nationalismus, Rassismus und Sozialdarwinismus verschärften am Ende des 19. Jahrhunderts die Vorstellungen, wie ein Krieg zu führen sei. Dazu ließ das rasche Bevölkerungswachstum die Heere anwachsen, und die fortschreitende Industrialisierung sorgte für deren Ausrüstung. Ein kurzer Krieg wurde so immer unwahrscheinlicher. Helmut von Moltke, 1857 bis 1888 Chef des preußisch-deutschen Generalstabes, warnte 1890 in einer Reichstagsrede kurz vor seinem Tod, dass der nächste Krieg ein "siebenjähriger", wenn nicht gar ein "dreißigjähriger" werde. Allgemeingut waren solch pessimistische Ansichten allerdings nicht. 1914 zogen in ganz Europa viele Männer jubelnd in den Kampf, während die Generalstäbe aller Großmächte hofften, mit wuchtigen Angriffsoperationen ihre Gegner schnell besiegen zu können – obwohl sie es eigentlich besser hätten wissen können.



 

Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache. Weiter...