Grabstelle eines im Ersten Weltkrieg (vermutl. um 1916) gefallenen kanadischen Soldaten
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Der Totale Krieg

9.5.2014

Die Völker im Kampf um "Sein" oder "Nicht-Sein"



An allen Fronten scheiterten im Herbst 1914 die Auftaktoffensiven im Dauerfeuer der Maschinengewehre und im Geschosshagel der Artillerie. Die Verluste überstiegen alles Vorstellbare: Bis Jahresende 1914 waren auf den Schlachtfeldern Europas rund eine Million Mann gefallen, ganz zu schweigen von Verwundeten und psychisch Erkrankten. Es waren die verlustreichsten fünf Monate des gesamten Krieges, und die Ausfälle überstiegen damit bereits bei weitem den Blutzoll des vierjährigen Amerikanischen Bürgerkrieges. Eigentlich hätte es nun Frieden geben müssen. Die Munition war fast verschossen, die Soldaten waren desillusioniert und Politiker wie Militärs am Ende ihrer Weisheit. Niemand hatte ein schlüssiges Konzept, wie der Sieg errungen werden konnte. In früheren Jahrhunderten hätten sich die Monarchen eventuell auf ein Unentschieden geeinigt, den Status quo ante bekräftigt, opulent gespeist und wären friedlich auseinander gegangen. Doch Ende 1914 zog niemand eine diplomatische Lösung auch nur in Betracht.

Ausgleich war keine Option mehr. Dieser Krieg war kein Konflikt zwischen Monarchen oder Kabinetten. Es war ein Krieg der Völker, ein Krieg, der vom ersten Tag an zum Kampf um "Sein" oder "Nicht-Sein" überhöht wurde. Solche Sinndeutungen waren keineswegs nur von "oben" verordnet. Bereits im August 1914 fühlten sich Abertausende in ganz Europa dazu bemüßigt, in allen denkbaren publizistischen Formen den Kampf von "Gut" gegen "Böse" zu beschwören, "das Eigene" abzugrenzen vom vermeintlichen Wesen der verfeindeten Nationen, denen man die Schuld am Krieg zuschob. Der Feind wurde als absolut niederträchtig hingestellt, der unehrenhaft und heimtückisch kämpfe. Gemeinsame Werte schien es nicht mehr zu geben. Eifrig beteiligten sich Wissenschaftler und Intellektuelle an den Debatten und verhalfen der Hasspropaganda mit ihren Argumenten zu einer noch größeren gesellschaftlichen Anerkennung.

Auf diesem wohlbereiteten Boden konnte die staatliche Propaganda aufbauen. Sie wurde nach den Worten des Historikers Michael Jeismann zum "Schwungrad des Krieges" und forderte von der Bevölkerung immer mehr Anstrengungen für den Sieg. Selbst in der zweiten Kriegshälfte, als der Leidensdruck immer größer wurde, wirkte die anfangs hervorgerufene Sinndeutung noch lange nach. Die Massivität des Propagandakrieges war ein zweischneidiges Schwert, weil sie einerseits der Konstruktion einer geeinten Nation Vorschub leistete, andererseits aber die Politik unter Zugzwang setzte und es beinahe unmöglich machte, einen Kompromissfrieden abzuschließen.

Nach dem Scheitern der Anfangsoffensiven hatten Ende 1914 alle dieselbe Idee, wie es weitergehen sollte: den Gegner mit noch mehr Soldaten und noch mehr Artillerie zu zermalmen. Die Mittelmächte mobilisierten im Verlauf des Krieges 25,8 Millionen Soldaten, die Entente gar knapp 47 Millionen. In Deutschland und Frankreich wurden mehr als 80 Prozent der wehrfähigen männlichen Bevölkerung eingezogen. Ihren Platz in der Industrie und der Landwirtschaft nahmen Frauen, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene ein. Die Volkswirtschaften wurden umfassender denn je in den Dienst der Rüstung gestellt, die zivile Produktion erheblich gedrosselt. Es ging darum, wie Ludendorff in seinen Kriegserinnerungen schrieb, "dem Krieg zu geben, was des Krieges ist".

Außerdem erhielt überall in Europa die Exekutive quasi diktatorische Vollmachten, die Parlamente spielten keine Rolle mehr. Und je länger der Krieg dauerte, desto stärker wurden die autoritären Tendenzen in der Politik und dies nicht nur in Deutschland, sondern etwa auch in Großbritannien. Nach Kriegsbeginn hatte das Parlament machtpolitisch abgedankt, und die liberale Wirtschaftsordnung ließ sich in einem Krieg dieses Ausmaßes nicht mehr aufrechterhalten. Die Folge war der Niedergang des Liberalismus und der liberalen Partei. Labour – als klassische Vertreterin der Arbeiterschaft – entwickelte sich fortan neben den Konservativen zur führenden politischen Kraft des Landes.

Mobilisierung und Kontrolle der Gesellschaft erreichten im Ersten Weltkrieg somit eine neue Qualität. Neu an den Kriegszielen war vor allem die Überzeugung, bis zur totalen Niederlage des Gegners kämpfen zu müssen und keinen diplomatischen Kompromiss zuzulassen. Nicht neu war hingegen die territoriale Dimension der Kriegsziele. Bereits im Krimkrieg (1853-1856) hatte der britische Premierminister Lord Palmerston vor, das Zarenreich auf das russische Kerngebiet zurechtzustutzen. Und Napoleon hatte bereits am Anfang des 19. Jahrhunderts zeitweise den ganzen europäischen Kontinent in eine Ansammlung französischer Vasallenstaaten verwandelt.

Der Wille zur Vernichtung

Eine regelrechte Zeitenwende war der Erste Weltkrieg vor allem aufgrund der Radikalität der Kriegsmethoden. Im 19. Jahrhundert hatte man noch versucht, durch die Schaffung eines verbindlichen Völkerrechts dem Krieg Regeln zu geben und ihn so einzuhegen. Diese Fortschritte schienen nun verloren. Die Unterscheidung zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten verwischte sich merklich. 40 Prozent aller Kriegstoten waren Zivilisten. Die britische Blockade, der uneingeschränkte U-Boot-Krieg der Mittelmächte und die Bombardierung britischer und französischer Städte durch deutsche Zeppeline verstießen allesamt gegen das Völkerrecht und richteten sich primär gegen die feindliche Zivilbevölkerung, die damit in einem nie dagewesenen Ausmaß zum Ziel wurde.

Die Beispiele machen des Weiteren deutlich: Wer über ein Kriegsmittel verfügte, setzte es auch ein. Die Briten kontrollierten die Nordsee, also schnitten sie das Deutsche Reich vom Überseehandel ab, auch wenn sie Schiffe mit rein ziviler Ladung eigentlich hätten passieren lassen müssen. Die Folgen waren verheerend: Die Sterblichkeit der deutschen Zivilbevölkerung stieg rapide an. Hunderttausende – vor allem ältere Menschen – starben an den Folgen der Mangelernährung, wozu allerdings auch die ineffiziente Verteilungsorganisation deutscher Behörden beitrug. Das Deutsche Reich erklärte im Gegenzug die britischen Inseln zum Blockadegebiet und griff mit seinen U-Booten britische Handelsschiffe immer wieder ohne Warnung an, was nach geltendem Seerecht strikt untersagt war. Ab dem 1. Februar 1917 wurden sogar neutrale Handelsschiffe gezielt attackiert, um diese vom Handel mit Großbritannien abzuhalten. 28 000 zivile Seeleute starben im Ersten Weltkrieg durch deutsche U-Boot-Angriffe.

Jede Kriegslist und jede neue Waffe wurde bald vom Gegner kopiert, und so etablierte sich jenseits der öffentlichen Empörung bald ein von allen Kriegsparteien getragener neuer Kriegsbrauch. Dies lässt sich etwa am Beispiel chemischer Waffen zeigen. Bereits im August 1914 setzte die französische Armee versuchsweise Granaten ein, die mit Tränengas gefüllt waren. Die Deutschen verwendeten im Januar 1915 an der Ostfront in größerem Umfang Gasgranaten und brachten im April 1915 bei Ypern zum ersten Mal Chlorgas zum Einsatz. Die Westmächte folgten bald darauf, und fortan gab es einen Wettlauf um das giftigste Kampfgas. Allein an der Westfront forderte der Gaskrieg etwa 20 000 Tote und 500 000 Verwundete.

Mit dem Luftkrieg wurde der Krieg in eine neue Dimension getragen. Aus bescheidenen technischen Anfängen entwickelten sich bald Streitkräfte, die mehrere Tausend Flugzeuge umfassten und vor allem unmittelbar über den Schlachtfeldern eingesetzt wurden. Schon im September 1914 griffen deutsche Zeppeline aber auch Paris und ab Januar 1915 englische Städte an. Die Schäden waren zwar überschaubar, dennoch trugen die Angriffe zur Totalisierung des Krieges bei. Die Intention war nämlich meist, die Zivilbevölkerung zu terrorisieren und so deren Durchhaltewillen zu schwächen. 1600 britische Zivilisten kamen im Ersten Weltkrieg durch deutsche Bomben ums Leben – alliierte Luftangriffe auf deutsche Städte forderten etwa 800 zivile Todesopfer. In Anbetracht des verheerenden Luftkrieges im Zweiten Weltkrieg (62 000 tote britische Zivilisten, ca. 500 000 deutsche, 300 000 japanische) mögen diese Zahlen nicht sehr beeindruckend sein. Es war gleichwohl nur die wenig ausgereifte Technik, die der Eskalation Grenzen setzte. Der Wille dazu war vorhanden. Zuallererst bei den im Zeppelinbau führenden Deutschen. Auch hier zeigte sich wieder: Sobald eine neue Waffe einen Vorteil versprach, wurde sie auch eingesetzt, und niemand scherte sich mehr um rechtliche (und moralische) Bedenken.

Quellentext

Luftkrieg

Am 1. November 1911 warf der italienische Leutnant Giulio Gavotti aus seinem Flugzeug des Typs "Taube" über einer Oase in der Nähe von Tripolis mehrere 2-kg-Bomben ab. Das Königreich Italien hatte vier Wochen zuvor Libyen angegriffen und es vier Tage später offiziell annektiert. Die neue Flugmaschine war eine Art Geheimwaffe im Kampf gegen die sich heftig wehrende einheimische Bevölkerung.

Dies war der erste Luftangriff der Geschichte. Welche Formen und Folgen der Kampf in der dritten Dimension einmal haben würde, konnte sich zu diesem Zeitpunkt vermutlich weder Giulio Gavotti noch sonst jemand vorstellen. Es war ein düsteres Kapitel, was im November 1911 aufgeschlagen wurde. Bereits im Ersten Weltkrieg bot das Flugzeug die Möglichkeit, den Krieg weiter in das Hinterland des Feindes zu tragen, als dies jemals zuvor möglich war. Der Unterschied von Front und Heimat verschwamm, alles wurde zum Kampfgebiet. Manche Strategen, wie der Italiener Giulio Douhet oder der Brite Hugh Trenchard, forderten bereits in den 1920er-Jahren, künftig alle Anstrengungen darauf zu richten, die Kraftquellen im Hinterland des Gegners zu zerstören, um künftig einen blutigen Stellungskrieg zu vermeiden. Ob es moralisch gerechtfertigt sei, nicht mehr gegen Soldaten, sondern gegen Zivilisten zu kämpfen, wurde dabei nicht diskutiert. In einem totalen Krieg schien es nicht opportun, solche Unterscheidungen zu machen. Entscheidend war nur, den Krieg zu gewinnen.

Die Folgen dieses Denkens sind bekannt. Der Luftkrieg prägte das radikale Gesicht des Zweiten Weltkrieges ganz erheblich. Über eine Million zivile Opfer, zerstörte Städte, wohin das Auge reichte, nicht nur in Deutschland und Japan, auch in Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich, Italien, Österreich, Polen und der Sowjetunion. Aufgrund der großen Zahl der zivilen Opfer kommt dem strategischen Bombenkrieg gegen Städte zweifellos mehr Aufmerksamkeit zu als dem Einsatz von Flugzeugen im Seekrieg oder bei der unmittelbaren Unterstützung der Bodentruppen. Die Analyse des Bombenkrieges mündete nach dem Krieg oftmals in eine emotional geführte Schulddebatte. Dabei wurde die Entwicklung von 1937 bis 1945 auf meist wenige vermeintlich besonders symbolhafte Angriffe reduziert. Guernica (1937), Warschau (1939), Rotterdam (1940), Coventry (1940), Hamburg (1943), Dresden (1945) und Hiroshima (1945) gelten als Ikonen der Zerstörung von Städten aus der Luft. Die meisten dieser Angriffe sind allerdings bereits zeitgenössisch von der Propaganda der kriegführenden Mächte herausgestellt worden, sodass sich der befremdliche Befund ergibt, dass heutige Debatten vielfach weniger die Realität des damaligen Luftkriegs als seine propagandistische Instrumentalisierung widerspiegeln.

Grundsätzlich sollten bei der Betrachtung des Bombenkrieges vier analytische Ebenen unterschieden werden:
  1. Was war die Intention des Angriffes? Welche Ziele sollten mit welcher Absicht getroffen werden?
  2. Welches gegebenenfalls hiervon abweichende Resultat wurde mit dem Luftangriff dann wirklich erzielt?
  3. Wie wurde der Angriff von der Propaganda der Kriegsparteien instrumentalisiert?
  4. Wie erlebten und interpretierten die Betroffenen am Boden und in den Flugzeugen die Angriffe?
Je nach Analyseebene ergeben sich dabei ganz unterschiedliche Befunde ein- und desselben Luftangriffs. Dabei fällt auf, dass durch die technische Unmöglichkeit präziser Bombenabwürfe die Unterscheidung von militärischen und zivilen Zielen sehr bald verschwamm – und dies führte auf keiner Seite zu moralischen Bedenken: wurden doch in Zeiten des totalen Krieges auch Zivilisten zuerst noch zögerlich, ab 1942 dann aber bedenkenlos als legitime Ziele definiert. Die Unterscheidung in "gute" und "böse" Luftangriffe ist dadurch außerordentlich problematisch – ein Befund, der für alle Kriegsparteien gilt, die Luftwaffe ebenso wie die US Army Air Force oder die Royal Air Force. Wendet man die skizzierte Analyseebene einmal auf die genannten Angriffe von Guernica bis Tokio an, so stellt man rasch fest, dass es sich um sehr unterschiedliche Phänomene des Bombenkrieges handelte.

Gleichwohl gilt, dass sich die militärischen und politischen Entscheider weder im Ersten noch im Zweiten Weltkrieg je durch moralische Argumente von ihrem Handeln haben abhalten lassen – es ging stets um eine nüchterne Kalkulation, was mit einem Luftangriff erreicht werden konnte. Diente das zu erwartende Ergebnis dazu, einen Beitrag zum Sieg zu leisten, standen rechtliche oder moralische Bedenken stets hintan.



Eines der häufigsten Kriegsverbrechen im Ersten Weltkrieg war die Ermordung von Zivilisten unmittelbar im Frontgebiet. Beim Einmarsch nach Belgien und Nordfrankreich im August und September 1914 töteten deutsche Soldaten rund 6400 Zivilisten. Ausgelöst durch eine Spionage- und Partisanenpsychose der unerfahrenen Truppen, die überall Hinterhalte witterten, kam es stellenweise zu wahren Gewaltexzessen. In Löwen exekutierten am 25. August 1914 deutsche Soldaten 248 Belgier und brannten zahlreiche Gebäude nieder, darunter die berühmte Universitätsbibliothek.

Quellentext

Kampf gegen Widerständler in Charleroi

Sonnabend, den 22. August 1914
[...] Nun befahl der Oberst, welcher zufällig bei unserm Bataillon war, die methodische Durchsuchung der Häuser, namentlich solcher, wo ausgehobene Dachpfannen und Schießscharten in den Fensterläden die Anwesenheit von Franktireurs vermuten ließ. Haus für Haus wurden die Türen mit dem Kolben eingeschlagen und die Bewohner herausgetrieben; wurde jemand mit der Waffe oder mit rauchgeschwärzten Händen gefunden, so wurde er über den Haufen geschossen oder mit dem Bajonett niedergestochen und das Haus den Flammen übergeben. [...] Es ist ja im höchsten Grade zu bedauern, daß bei solchen Gelegenheiten die eigentlichen Rädelsführer meistens nicht erwischt werden und daß dann Unschuldige dafür büßen müssen, denn davon bin ich überzeugt, obwohl ich es selbst mit eigenen Augen nicht gesehen habe, daß in diesem Wirrwarr auch Unschuldige ums Leben gekommen sind. Wenn die Leidenschaften und Urinstinkte erst einmal geweckt sind, wenn die Menschenbestie erst Blut geleckt hat, dann ist es schwer, ihr Zügel anzulegen, dann verwischen sich die schmalen Grenzen zwischen Notwehr und Totschlag. [...]

Es hieß, in der Hauptstraße läge ein schwerverwundeter Dragoner, welcher der ärztlichen Hülfe bedürfe. Begleitet von dem kleinen Sanitätsunteroffizier Roeder von der 11. Komp. ging ich sofort dorthin; […]. Der Dragoner lag mitten auf der Straße, so wie er vom Pferd gestürzt war, es war ein ganz junger Mensch, ich sah gleich, daß ihm nicht zu helfen war, ein Schrotschuß aus nächster Nähe war ihm durch die Brust gegangen; vorn und hinten klaffte ein faustgroßes Loch, durch das der stoßweise Atem pfeifend hindurchging. Das Gesicht war bläulich angelaufen und in höchster Atemnot verzerrt. Ich habe vorher und nachher selten einen Menschen so schwer sterben sehen wie dieses erste Opfer des Krieges; ich werde diese Mienen, auf denen sich die äußerste Todesangst spiegelte, niemals vergessen; der Eindruck war zu furchtbar, ich dachte immer, wenn das der Krieg ist, dann ist er ja entsetzlich. […] Ich kniete neben ihm auf der Straße und holte aus meinem Besteck die Spritze und eine Morphiumampulle hervor. Während ich ihm die Einspritzung machte, vernahm ich plötzlich ein klirrendes Geräusch; als ich den Kopf wandte, sah ich, wie im ersten Stock eines Hauses links an der Straße ein Fenster offengestoßen wurde; ein Zivilist, ich sah ihn deutlich, ein Mann in mittleren Jahren, mit dem typischen dunklen Knebelbart, schob sein Gewehr über die Fensterbrüstung und legte auf mich an. In der Erkenntnis der drohenden Gefahr warf ich die Spritze hin und riß meinen Revolver heraus, aber er kam mir zuvor; seine Kugel ging mir durch den Helmüberzug und zog eine Rinne über den Helm, ohne mich selbst zu verletzen […]. Ich erwiderte sofort den Schuß, und der Kopf verschwand. […] Ich habe später eidlich zu Protokoll gegeben, daß es zweifellos ein Zivilist war, der auf mich schoß, ferner, daß eine augenscheinliche Verletzung der Genfer Convention vorlag; […] so war [meine] weiße Armbinde mit dem roten Kreuz deutlich zu erkennen.

Wenn ich die Vorgänge in Charleroi, jetzt nach einem Jahre vorurteilslos betrachte, ohne mein Urteil durch Haß trüben zu lassen, so komme ich doch wieder zu dem Schluß, unser Vorgehen daselbst war hart aber berechtigt und wenn, was ich für ganz zweifellos halte, viele Unschuldige an Hab und Gut, an Leib und Leben dadurch geschädigt worden sind, so trifft die Schuld daran nicht uns, sondern diejenigen, welche das verblendete Volk zu diesen Akten der Selbsthülfe aufgefordert haben. Belgien hat schwer büßen müssen, aber es hat auch schwer gefehlt.
[...] Wie großzügig der Plan angelegt war, kann man daraus entnehmen, daß an demselben Tage die auf unserm linken Flügel in gleicher Höhe marschierende Garde in der Stadt Chatelet (Châtelet) in ganz ähnlicher Weise überfallen wurde. Die eigentliche Absicht war, uns ahnungslos in die Stadt einmarschieren zu lassen, dann die Klappe zuzumachen und uns durch die Civilbevölkerung, welche zu dem Zweck mit Bürgergarde, der "garde civique" und regulären Truppen in Civilkleidung vermischt wurde, überfallen zu lassen.

Brief: nahe bei Charleroi, Sonntag, den 23. August 1914 morgens auf dem Marsch
Nun habe ich die Feuertaufe erhalten und zwar gründlich. Wir waren in Charleroi in einer Mausefalle, wie man sich schlimmer nicht denken kann. Alles erschien friedlich und als die Division drinnen war, da ging die Kanonade los aus allen Fenstern und Kellerlöchern und oben von den Dächern. Es war eine scheußliche Situation, wir mußten Haus für Haus erstürmen, alle Männer, die mit den Waffen gefunden wurden, wurden sofort über den Haufen geschossen; die Häuser angesteckt, die ganze Stadt war ein Feuermeer, dann stürmten wir die umliegenden Höhen, um aus dem Wurstkessel herauszukommen, wobei wir auch ziemliche Verluste hatten […].

Aus dem Tagebuch des Dr. med. Alfred Bauer sen., "Der Weltkrieg, wie er sich spiegelte im Gehirn von Alfred Bauer, Stabs- und Regimentsarzt im Res. Inf. Rgt. 78 später Feldlazarett 6", Eschau Elsass, Quelle: privat



Zu ähnlichen Vorfällen kam es im August 1914 beim Einmarsch russischer Truppen nach Ostpreußen – wo zwischen 1500 und 6000 deutsche Zivilisten getötet wurden – und österreichisch-ungarischer Einheiten nach Serbien, später dann auch in Galizien. Offenbar war dies ein Phänomen des Bewegungskrieges, das verschwand, sobald die Fronten erstarrten. Die Ermordung von Zivilisten kam daher vor allem an der Ostfront und auf dem Balkan vor, wo der Krieg bis Ende 1916 über große Distanzen hinweg geführt wurde. Die ausgeprägte ethnische und religiöse Vielfalt heizte hier die Gewalt weiter an. In Serbien, Montenegro und Albanien gab es – anders als in Belgien oder Frankreich – eine Kultur des bewaffneten Widerstandes. So kam es auf dem Balkan zu einem regelrechten Guerillakrieg gegen die Besatzungsherrschaft der Mittelmächte, der im Februar und März 1917 im serbischen Aufstand seinen Höhepunkt erreichte. Bulgarische, deutsche und österreichisch-ungarische Truppen schlugen ihn blutig nieder. 20 000 Menschen wurden getötet, die meisten von ihnen unbeteiligte Zivilisten.

Unterschiedliche Kulturen der Gewalt?

Geht man von den Zahlen aus, so waren Kriegsgefangene die größte Opfergruppe irregulärer Gewalt. Laut Haager Landkriegsordnung von 1907 hatten die Kriegsparteien ihre Gefangenen "menschlich" zu behandeln. Zwischen 6,6 und acht Millionen Soldaten gerieten zwischen 1914 und 1918 in Gefangenschaft. Niemand war auf ein solches Massenphänomen vorbereitet, und insbesondere die Mittelmächte und Russland hatten aufgrund der schwierigen Ernährungslage erhebliche Probleme, ihre riesigen Gefangenenheere zu versorgen. Knapp 136000 Gefangene starben in deutschem Gewahrsam, 650 000 in russischen und 400 000 in österreichisch-ungarischen Lagern.

Die Todeszahlen bei den anderen Gewahrsamsmächten lagen deutlich niedriger. Ob dies primär an den viel kleineren Kontingenten sowie der allgemein deutlich besseren Versorgungslage in Großbritannien und Frankreich lag oder aber an einer anderen Gewaltbereitschaft, ist in der Forschung nach wie vor umstritten. Niemand wird glauben, dass die Armeen des Ersten Weltkrieges kulturell identisch waren. Es gab denkbar unterschiedliche Traditionen, Wertesysteme, Strukturen und Wahrnehmungsmuster. Doch erklären diese unterschiedlichen Kulturen auch die Gewaltentwicklung? Brachten die deutschen Soldaten belgische Zivilisten um, weil sie in der preußischen Armee zu besonderer Härte erzogen worden waren? Starben so viele Gefangene in Russland, weil es dort eine außergewöhnliche Gewaltkultur gab? Und töteten Briten und Franzosen deswegen weniger Gefangene, weil ihre Armeen zivilisierter oder zumindest weit mehr als anderswo der zivilen Kontrolle unterworfen waren? Kämpften also letztlich die "Guten" gegen die "Bösen"?

Der Vergleich der Mittelmächte mit der Entente wird freilich schon deshalb erschwert, weil sich deren Streitkräfte in sehr unterschiedlichen Situationen befanden: Frankreich und Großbritannien waren nie Besatzungsmächte und hatten auch keine Versorgungsengpässe zu beklagen.

Bezieht man zumindest ansatzweise vergleichbare Rahmenbedingungen mit ein, so erscheinen die Gewaltausbrüche im Ersten Weltkrieg – mit Ausnahme des Genozides an den Armeniern – ähnlich. Panikhafte Reaktionen auf das Auftreten von Guerillakämpfern gab es überall dort, wo ein schneller Bewegungskrieg geführt wurde, Massensterben von Kriegsgefangenen, wo die Verwaltung unterentwickelt und die Versorgungslage schlecht war, Ermordung von Zivilisten insbesondere dort, wo es reale oder vermeintliche Aufstände gegen Besatzungsmächte gab. Und vor allem trifft man auf etwas, das trotz aller Radikalität später im Zweiten Weltkrieg gerade auf deutscher Seite vielfach fehlte: das Moment der Mäßigung. Nach Protesten im In- und Ausland wurden die 60 000 ins Reich verschleppten belgischen Zwangsarbeiter 1917 zurückgeschickt. Und nach Gewaltausbrüchen bei der Aufstandsbekämpfung in der Ukraine mäßigten sich deutsche Truppen im Kampf gegen die Bolschewiki 1918 spürbar, nachdem sie noch im Juni in Taganrog über 1500 Gefangene exekutiert hatten.

Die in der britischen und amerikanischen Forschung diskutierte These der besonders brutalen deutschen Gewaltkultur, die im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 ihren Ausgang nahm und sich dann im Ersten Weltkrieg voll entfaltete, erscheint allzu verkürzt, da sie sich lediglich radikale Beispiele herausnimmt und zu wenig international vergleichend arbeitet. Spürt man nationalen Gewaltkulturen nach, so lohnt sich durchaus ein Blick über den Ersten Weltkrieg hinaus. Der von den Briten überaus hart geführte Buren-Krieg 1899 bis 1902 oder die wenig bekannte Aufstandsbekämpfung im Irak 1920 lassen etwa die Vorstellung einer prinzipiell gemäßigten britischen Militärmacht fragwürdig erscheinen. Letztlich verhielten sich die Briten im Irak 1920 ähnlich wie die Deutschen in der Ukraine 1918. Gewiss gibt es nationale Spezifika hinsichtlich der Formen, der Massivität und der Kontrolle militärischer Gewaltanwendung. Insgesamt überwogen zur Zeit des Ersten Weltkrieges aber die Gemeinsamkeiten.

Eine Vielzahl von soziologischen, sozialpsychologischen und historischen Studien hat verdeutlicht, dass es keine einfachen Erklärungen für Kriegsverbrechen gibt, "Gut" und "Böse" keine analytischen Untersuchungskategorien sind. Es gilt vielmehr, die komplexe Wechselwirkung persönlicher Dispositionen von Soldaten mit der Befehlslage und den spezifischen Situationen zu analysieren, in denen die Gewaltveranlagungen überhaupt zum Tragen kamen. Zweifellos gab es in den Armeen des Ersten Weltkrieges unterschiedliche Sitten und Gebräuche und auch wechselnde Befehlslagen, etwa darüber, wie mit realen oder vermeintlichen Guerillakämpfern zu verfahren sei. Und dennoch scheint der wirkungsmächtigste Faktor die konkrete Situation gewesen zu sein, in der Armeen und Soldaten unterschiedlicher Kulturen dann sehr ähnlich – nämlich meist gewaltsam – reagierten.

Kriegsverbrechen waren nicht das primäre Merkmal des Ersten Weltkrieges. Dies war vielmehr der industrialisierte Massenkrieg in den Schützengräben. Die tagelange Kanonade von über tausend Geschützen, die jeden Flecken Erde in eine leblose Mondlandschaft verwandelten, die Sturmangriffe zehntausender Soldaten, die von Maschinengewehren niedergemäht wurden – diese Szenarien prägten das eigentliche Schreckensbild des Ersten Weltkrieges.




 

Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache. Weiter...