Sowjetunion II: 1953-1991

10.10.2014 | Von:
Susanne Schattenberg
Maike Lehmann

Stabilität und Stagnation unter Breschnew

Neue Utopien und Legitimationsverlust

Der Weltkriegskult seit 1965

Wie Chruschtschow stand auch Breschnew unter dem Druck, die Sowjetunion nach Stalin neu zu legitimieren und neue Identifikationsangebote zu schaffen. Eine Maßnahme war, den Kult um den "Großen Vaterländischen Krieg" neu zu beleben. Diesmal richtete sich der Kult aber nicht auf Stalin, sondern auf die gesamte Bevölkerung: Jede Frau und jeder Mann hatte dazu beigetragen, die Heimat zu verteidigen und Europa von Hitler zu befreien. Dieser neue Gründungsmythos bot gegenüber der Oktoberrevolution den großen Vorteil, dass tatsächlich nahezu alle Menschen mit diesem Ereignis Erinnerungen verbanden, es erst zwei und nicht fünf Jahrzehnte zurücklag und viel weniger ideologisch aufgeladen war. 1965 wurde der 9. Mai als Tag des Sieges erstmals zum arbeitsfreien Tag erklärt. Seit 1967 bekamen insgesamt 13 Städte den Titel "Heldenstadt" verliehen. An allen größeren Kampforten wurden "Gräber des unbekannten Soldaten" eingeweiht, es wurden Museen mit Dioramen eröffnet, die heroische Schlachtszenen zeigten, und monumentale Skulpturen zu Ehren von Volk und Sieg errichtet, wie 1967 die 85 Meter große Statue der "Mutter Heimat ruft" in Wolgograd.

Einerseits war der Weltkriegskult sehr erfolgreich und wurde bald Bestandteil des Alltagslebens vieler Menschen – bis heute legen Brautpaare Blumen am Grab des unbekannten Soldaten nieder. Andererseits gelang es der Partei nicht, sich als unverzichtbarer Teil dieser Siegesgeschichte darzustellen – der Kult lebte auch ohne sie nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion weiter. Problematisch war er dort, wo er der Jugend ein Schuldgefühl gegenüber der älteren Generation vermittelte. Ins Lächerliche kippte er seit 1976, als sich Breschnew, der im Krieg einfacher Politkommissar gewesen war, zum Marschall ernennen und in seinen Memoiren "Kleines Land" 1978 als Weltkriegsheld feiern ließ.

Der Bau der Baikal-Amur-Magistrale (1974-1985)

Während Breschnew einerseits auf Konsum und eine Anhebung des Lebensstandards setzte, versuchte er andererseits an den Enthusiasmus und Pioniergeist der 1930er-Jahre anzuknüpfen. Wie Chruschtschow mit der Neulandkampagne wollte auch er eine Utopie Wirklichkeit werden lassen und ferne, öde Gegenden zivilisieren. Exakt 20 Jahre nach dem Start der Neulandkampagne verkündete Breschnew 1974 den Baubeginn einer Entlastungstrasse für die Transsibirische Eisenbahn, die Baikal-Amur-Magistrale (BAM). Der propagandistische Aufwand war enorm: Wieder wurden junge Männer und Frauen aufgerufen, das Abenteuer des sowjetischen Aufbaus in Sibirien zu suchen, verpflichteten sich Arbeitskollektive, nur für die BAM zu produzieren, entwarfen Künstler Plakate und verfassten Schriftsteller Romane und Erzählungen. Die BAM wurde als sowjetischer "melting pot" propagiert, der die verschiedenen Ethnien der Sowjetunion zu einem harmonischen Arbeitskollektiv verschmolz. Doch das Ergebnis war niederschmetternd: Statt neuem Aufbruchsgeist brachte die BAM für Saisonarbeiter die Möglichkeit, schnelles Geld zu verdienen, statt Verständigung zwischen den Völkern gab es strukturelle Benachteiligungen und fremdenfeindliche Ausschreitungen, statt der Suche nach dem privaten Glück kam es vermehrt zu Vergewaltigungen der wenigen Frauen, die sich auf das "Abenteuer BAM" eingelassen hatten.

Der Kampf gegen Abweichung und Dissens

Es ist zu vereinfachend und letztlich falsch, von einer Restalinisierung unter Breschnew zu sprechen. 1969 sprach er sich auf einer ZK-Sitzung eindeutig dagegen aus, erneut die Methoden der Angst und "brutalen Administrierung" anzuwenden: Diese Zeiten seien vorbei. Gleichzeitig unterband er die noch unter Chruschtschow möglichen freieren Diskussionen und die Thematisierung "heikler" Themen. Der KGB verstand sich wie unter Chruschtschow als "Erziehungsbehörde", die ein abgestuftes System von Instrumentarien einsetzte: vom "prophylaktischen Gespräch" mit dem Delinquenten über die "Abschreckung" durch Schmutzkampagnen in der Presse oder Verlust des Arbeitsplatzes bis hin zu Haft, Zwangsunterbringung in der Psychiatrie, Verbannung und Exil.

Als Geburtsstunde des Dissenses gilt die Verhaftung der Publizisten Andrei Sinjawski (1925-1997) und Juli Daniel (1925-1988) 1965, die im Ausland unter Pseudonymen Satiren auf die Sowjetunion publiziert hatten. Als ihnen Anfang 1966 ein Schauprozess wegen des "tamizdats" (im Ausland auf Russisch verlegte, in die Sowjetunion zurück geschmuggelte Werke) gemacht wurde, fürchteten Angehörige und Freunde eine Rückkehr zu Stalins Zeiten und organisierten verschiedene Protest- und Solidaritätsbekundungen, mit denen sie die Einhaltung der sowjetischen Gesetze forderten. Im Vorfeld des XXIII. Parteitags im Frühjahr 1966 richteten 25 Intellektuelle und Gelehrte einen Brief an das Parteipräsidium, in dem sie vor einer Rehabilitierung Stalins warnten. Sie bezeichneten sich selbst als "Unterstützer" oder "Unterzeichner" von Petitionen, nicht als "Dissidenten", wie sie im Westen genannt wurden. Sie beriefen sich auf sowjetische Gesetze, wenn sie argumentierten, Auslandspublikationen seien nicht verboten, Gerichtsverhandlungen öffentlich und die freie Meinungsäußerung durch die Verfassung von 1936 gedeckt. Am 5. Dezember 1966 versammelten sich einige Dutzend am Puschkindenkmal in Moskau zu einer Schweigedemonstration, um die Einhaltung der Verfassung anzumahnen. Als 1968 die UNO das Jahr der Menschenrechte ausrief, gründeten sie im Selbstverlag (russ.: samizdat) die Zeitschrift "Chronik der laufenden Ereignisse", die aus den Gerichtssälen von den politischen Prozessen und über die Haftbedingungen in den Lagern, Gefängnissen und Psychiatrien berichtete. Obwohl zwischendurch die gesamte Redaktion verhaftet wurde, erschien die "Chronik" bis 1983 in 63 Nummern. Samizdat entwickelte sich in den 1960er- und 1970er-Jahren zu einer eigenen, unzensierten, inoffiziellen Kultur, in der verbotene Gedichte, Romane, religiöse Texte, politische Pamphlete und vieles mehr zirkulierten.

Die "Dissidenten" umfassten ein Spektrum höchst unterschiedlicher Gesinnungen: von dem antisowjetischen wie auch antiwestlichen Solschenizyn, der 1970 den Literaturnobelpreis erhalten hatte und für die Veröffentlichung seines Werks "Archipel Gulag" im Tamizdat 1974 ausgewiesen wurde, bis hin zum prosowjetischen Vater der sowjetischen Atombombe Andrei Sacharow (1921-1989), der wegen seines Manifests "Gedanken über den Fortschritt, die friedliche Koexistenz und die geistige Freiheit" 1968 seinen Arbeitsplatz verlor, 1975 den Friedensnobelpreis erhielt und 1980 in die geschlossene Stadt Gorki verbannt wurde, aus der ihn Gorbatschow 1986 persönlich befreite.

Allerdings waren zum Amtsantritt Gorbatschows 1985 bereits die meisten Dissidenten ins ausländische Exil vertrieben, verhaftet oder verbannt worden. Wie groß ihr intellektueller Einfluss auf die Reformen Gorbatschows war, ist umstritten.

Arbeitsverweigerer und Underground

Alexandra Oberländer

Das 1961 verabschiedete Gesetz gegen "Parasitismus" gab nicht nur den Behörden eine Handhabe gegen missliebige Personen, sondern diesen auch die Möglichkeit, sich auszurechnen, wie sie sich einer regulären Arbeit repressionsfrei entziehen konnten. Vor allem der gut vernetzte subkulturelle Underground der 1970er- und 1980er-Jahre begnügte sich oft mit einfachen Jobs als Hausmeister, Hilfsarbeiter oder Fassadenstreicher und wenig Geld, um sich in erster Linie zeitliche Freiräume zu schaffen. Inoffizielle Netzwerke sorgten für die notwendigen nachzuweisenden Stempel in den Arbeitsbüchern – nach dem Pass das wichtigste Dokument sowjetischer Bürgerinnen und Bürger. Viktor Zoy (1962-1990) etwa war an ein bis zwei Tagen der Woche Heizer in einem Leningrader Wohnblock und den Rest der Tage Rockmusiker und Frontsänger der Gruppe "Kino".

Derartige Versuche, weniger zu arbeiten, waren allerdings kein Privileg des subkulturellen Undergrounds. Viele Menschen richteten sich ihre Nischen in der sowjetischen Arbeitswelt ein. Derart leisteten sich auch durchschnittliche Sowjetbürger und Sowjetbürgerinnen ihren Teil der Arbeitsverweigerung. Mittagspausen wurden genutzt, um Einkäufe zu erledigen, die oft etwas länger dauerten, da man lange in den Schlangen anstehen musste. Oder aber die Arbeitszeit selbst wurde zweckentfremdet, um illegal in die eigene Tasche zu wirtschaften. Auch die unabdingbaren persönlichen Netzwerke, die einem Ersatzteile, Kleidung, Westzigaretten oder andere Konsumprodukte besorgten, pflegte man gerne zur Arbeitszeit.