30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
izpb Sozialer Wandel

16.12.2014 | Von:
Rainer Geißler

Materielle Lebensbedingungen

Einkommensungleichheiten und Polarisierung



Personelle Verteilung der NettoäquivalenzeinkommenPersonelle Verteilung der Nettoäquivalenzeinkommen (© Rainer Geißler: Die Sozialstruktur Deutschlands)
Vom enormen Anstieg des Wohlstands haben verschiedene Gruppen der Gesellschaft in unterschiedlichem Maße profitiert. Die Steigerung des Lebensstandards hat die sozialen Ungleichheiten nicht beseitigt. Alle Wohlstandsgesellschaften der Gegenwart zeichnen sich durch erhebliche Unterschiede im Einkommen und Besitz und den damit verbundenen Lebenschancen aus, alle kennen sie Reichtum und Armut.

Die Kluft zwischen Arm und Reich wird dem sozial sensiblen Beobachter immer wieder in drastischer Form vor Augen geführt: In großstädtischen Ladenpassagen finden Pelzmäntel für 12.000 Euro oder brillantbesetzte Uhren für 34.000 Euro ihre Käufer, während vor den Schaufenstern derselben exklusiven Boutiquen Menschen neben leeren Weinflaschen und Plastiktüten schlafen, in denen sie ihr ganzes Hab und Gut mit sich führen.
Der Wohlstand – gemessen am Nettoäquivalenzeinkommen – ist sehr unterschiedlich verteilt. 1,5 Prozent der Menschen in Deutschland fristen ihr Dasein mit weniger als 500 Euro und weitere 17 Prozent mit weniger als 1000 Euro in armen oder armutsnahen Lebensverhältnissen. Gut die Hälfte (52 Prozent) bewegt sich im Bereich zwischen 1000 und 2000 Euro und ein weiteres gutes Fünftel (21 Prozent) zwischen 2000 und 3000 Euro. Eine Minderheit von 8,6 Prozent gehört zu den Wohlhabenden und Reichen, die mit mehr als 3000 Euro pro Monat einen großzügigen, zum Teil auch luxuriösen Lebensstil pflegen können. Das Schaubild zeigt, dass aus dem "Durchschnittsbauch" der Normalverdiener eine Pyramide von Menschen mit überdurchschnittlichem Einkommen herausragt, die sich nach oben hin zunehmend verjüngt und schließlich bei den Spitzeneinkommen die Form einer spitzen Antenne annimmt.

Den Inbegriff des Reichtums stellen nach allgemeinem Verständnis die "Millionäre" dar. Als Folge der kontinuierlichen Geldentwertung dürfte man heutzutage mit den Superreichen eher die Einkommensmillionäre als die inzwischen sehr zahlreichen Vermögensmillionäre assoziieren. Die Zahl der DM-Einkommensmillionäre ist in Westdeutschland zwischen 1983 und 2001 um mehr als das 3-Fache gestiegen: 1983 deklarierten gut 10.000 westdeutsche Steuerzahler bei den Finanzämtern ein jährliches Einkommen von mindestens einer Million D-Mark, 2001 gaben gut 34.000 Steuerzahler über 500.000 Euro an, darunter 11.830 über eine Million Euro. Auch im vergangenen Jahrzehnt hat die Zahl der Euro-Einkommensmillionäre weiter zugenommen – bis 2008 auf 18.600. Nicht enthalten in diesen Zahlen sind die kriminellen Steuerflüchtlinge sowie reiche Deutsche, die ihren Wohnsitz in ausländische "Steuerparadiese" verlegt haben und sich damit "legal" ihrer staatsbürgerlichen Steuerpflicht in Deutschland entziehen.

Bildungs- und Berufsgruppen

Einkommen nach BildungsabschlussEinkommen nach Bildungsabschluss (© Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2012. Bildung in Deutschland 2012, S. 205)
Einen soziologisch etwas konkreteren Einblick in die Einkommensverteilung vermitteln die Unterschiede zwischen Bildungs- und Berufsgruppen. Eine gute Ausbildung zahlt sich finanziell nach wie vor aus. Hochschulabsolventen verdienen mehr als das Doppelte von Erwerbstätigen, die das Bildungssystem ohne Schulabschluss verlassen haben. Und die Abstände zwischen den Bildungsgruppen haben sich im Zuge der Bildungsexpansion nicht verkleinert, wie mitunter angenommen wird, sondern sind größer geworden. Nach den Berechnungen des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sind die Monatsverdienste der verschiedenen Qualifikationsgruppen 2008 deutlich weiter voneinander entfernt als 1984. Auch die Armutsrisiken variieren stark bildungsspezifisch. Zwischen 2009 und 2011 lebten 5 Prozent aller Hochschulabsolventen in Armut, von den Menschen ohne Hauptschulabschluss waren es 29 Prozent.

Zu den Berufsgruppen existiert nur die sehr grobe Einteilung nach der beruflichen Stellung in der offiziellen Statistik. In Westdeutschland erzielen die Selbstständigen seit jeher die höchsten Einkommen. Ihre Nettoeinkommen schwankten 1972 bis 1996 ungefähr zwischen dem 1,5-Fachen und dem 2,5-Fachen des Durchschnitts. Nach dem Datenreport 2008 betrugen ihre Nettoäquivalenzeinkommen in Gesamtdeutschland 62.900 Euro, das ist das 2,8-Fache des Durchschnitts. Arbeiterfamilien mussten sich mit 17.600 Euro bzw. 78 Prozent des Durchschnitts begnügen. Beachtenswert sind die großen Unterschiede innerhalb der Gruppe der Selbstständigen. So mussten 2010 in Westdeutschland 17 Prozent und in Ostdeutschland 23 Prozent der vollzeiterwerbstätigen Selbstständigen mit einem monatlichen Nettoverdienst unter 900 Euro auskommen.

Quellentext

Wer verdient wie viel?

[…] Das Jahresdurchschnittseinkommen eines normalen Arbeitnehmers ist in der vergangenen Dekade kaum gewachsen. Die Spitzengehälter dafür umso mehr. Hat der Chef eines großen Konzerns früher umgerechnet vielleicht eine halbe Million Euro bekommen, sind es heute im Durchschnitt fünf Millionen. […] Bricht man diese[s] Einkommen auf das Monatssalär runter, jene Einheit also, in der die meisten Menschen rechnen, dann bekommt ein Spitzenmanager im Monat etwa 400.000 Euro. Ein Manager im Mittelbau vielleicht 20.000 Euro. Ein Arzt durchschnittlich 7500 Euro. Eine Krankenschwester 3000 Euro. Eine Friseurin 1400 Euro. Ist das gerecht? Verträgt das die soziale Marktwirtschaft? […]


Was aber fällt aus dem Rahmen, was ist gerecht?

Aussagen dazu sind immer auch abhängig von den Gründen, die zu einer kritisierten Situation führen. So gibt es für die hohen Einkommen der Manager natürlich seriösere Begründungen als das Schlagwort "Abzockerei", das viele Kritiker im Mund führen. Eine Begründung zielt auf den Arbeitseinsatz ab. Manager arbeiten häufig beinahe rund um die Uhr in höchster Anspannung […]. Sie stehen unter Beobachtung der Finanzmärkte und der Öffentlichkeit, der körperliche und mentale Druck ist enorm hoch. Richtig – aber dennoch nicht das stärkste Argument. Der Einsatz rechtfertigt nach allgemeinem Verständnis vielleicht eine Erschwerniszulage, aber nicht die Multiplikation der Einkommen gegenüber dem Durchschnittseinkommen um das 100- oder Mehrfache. Auch Polizisten, Lehrer und Krankenschwestern gehen nicht selten an die Schmerzgrenze – ohne dass das entsprechend vergütet würde. […]
Gewichtiger ist ein weiteres Argument: das des Einflusses der Topmanager. So einer führt schnell 100.000 Mitarbeiter oder mehr, er beeinflusst Umsatz in Millionen oder gar Milliardenhöhe. […] In dieser Größenordnung sind strategische Entscheidungen Meilensteine. Eine einzige Fehlinvestition kann Milliarden Euro kosten, Arbeitsplätze im großen Stil gefährden und dem Staat hohe Steuerausfälle bescheren. So viel Verantwortung muss hoch entlohnt werden – das ist wohl das stärkste der bisher aufgezählten Argumente. […] [Es] gibt […] noch einen anderen, ganz fundamentalen Grund für die Gehälterspreizung. Er lautet: Der Markt bestimmt. Oder als Frage formuliert: Wer zahlt? Erfolgreiche Firmen verdienen viel Geld – je größer, desto mehr – und können deshalb ihre Mitarbeiter gut bezahlen, die Führung am besten. […]
Es ist kein Zufall, dass viele der Berufe am unteren Ende der Skala Berufe im öffentlichen Auftrag sind. Bei den Konzernen entscheiden die Aktionäre, also die Eigentümer. Das kann die Summe der Kleinanleger sein, aber auch das Wort eines Großaktionärs […]. Beim Staat entscheidet der Wahlbürger und Steuerzahler.
Abgesehen davon, dass das mühsam ist, fehlt in der Gesellschaft typischerweise auch eine klare Position: Will die Gesellschaft ihre Erzieher besser bezahlen? Will sie mehr und bessere Polizisten? Der Staat hat nie genug Geld, er hat aber immer Alternativen, das muss am Ende eine Gesellschaft für sich entscheiden. Wer also das steile Einkommensgefälle verändern will, muss an beiden Enden das Bewusstsein verändern – das dauert, wie alle gesellschaftlichen Orientierungen. […]
Freilich: Wer generelle Obergrenzen für Gehälter erwirken will, greift weit in eine Wirtschaftsordnung ein, die auf Freiheit und Eigentumsschutz beruht. Wer an die Marktwirtschaft als eine zwar unvollkommene, aber doch freie und für die meisten Menschen vergleichsweise erfolgreiche Wirtschaftsform glaubt, der hält es eher nicht für die Aufgabe des Staates, generell Gehälter festzulegen.
Es gäbe dafür auch keinen zwingenden Maßstab: Warum das 20-Fache? Warum nicht das 50-Fache? Oder am besten verdienen alle gleich viel – wer soll das entscheiden? Eine Marktwirtschaft kann diese Dinge nicht vorschreiben, sonst ist sie eine Planwirtschaft.

Marc Beise, "An der Schmerzgrenze", in: Süddeutsche Zeitung vom 23./24. März 2013


Zunehmende Polarisierung

Die Entwicklung der Einkommensungleichheit gehört zu den gesellschaftspolitisch bedeutsamen und immer wieder diskutierten Fragen: Sind die Einkommen heute gleicher oder ungleicher verteilt als früher? Ist der Abstand zwischen Arm und Reich größer oder kleiner geworden? Werden die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher, wie 76 Prozent der Deutschen im Jahr 2005 glaubten?

Verteilung des Nettoäquivalenzeinkommens auf BevölkerungsfünftelVerteilung des Nettoäquivalenzeinkommens auf Bevölkerungsfünftel (© Datenquellen: Hauser 1998 (1962-1988); Berechnungen durch GESIS – Zentrum für Sozialindikatorenforschung (1992-2012).)
Die Einteilung der Bevölkerung in Einkommensfünftel erhellt einen Aspekt dieser Frage auf empirischer Basis. Die Tabelle rechts zeigt in Westdeutschland leichte Tendenzen einer Umverteilung von oben nach unten in den 1960er- und 1970er-Jahren: Der Abstand zwischen dem oberen und dem unteren Fünftel ging vom 4,2-Fachen im Jahr 1962 auf das 3,4-Fache im Jahr 1978 zurück. Seit Anfang der 1990er-Jahre vollzieht sich jedoch eine Trendwende – eine Umverteilung von unten nach oben, die deutliche Züge einer zunehmenden Polarisierung trägt. 2006 erreicht diese Polarisierung ihren vorläufigen Höhepunkt: Das Nettoäquivalenzeinkommen im oberen Fünftel ist um das 4,6-Fache höher als das im unteren Fünftel; die Einkommensungleichheit zwischen dem armen und dem reichen Fünftel der Bevölkerung erreicht den höchsten Stand seit 1962, als sie erstmals in der westdeutschen Nachkriegsgeschichte gemessen wurde. Zwischen 2006 und 2012 gibt es dann gewisse kleinere Schwankungen, aber keine eindeutig rückläufige Tendenz. Verlierer dieser Polarisierung ist die untere Hälfte der Gesellschaft, insbesondere das arme Fünftel; gewonnen hat das reiche Fünftel. Zwischen 2006 und 2012 ist der Anteil des ärmsten Fünftels wieder minimal größer und der Anteil des reichsten Fünftels geringfügig kleiner geworden. Allerdings klaffen Armut und Reichtum auch 2012 immer noch weiter auseinander als in den Jahrzehnten vorher.

Andere Berechnungsmethoden bestätigen diese Tendenz, dass eine zunächst rückläufige Ungleichheit der Einkommen seit zwei Jahrzehnten von einer zunehmenden Polarisierung abgelöst wurde. Der Gini-Koeffizient – eine international gebräuchliche kompakte Messziffer für die Ungleichverteilung – erreicht mit 0.303 im Jahr 2006 und 0.298 im Jahr 2012 die Spitzenwerte in den letzten 50 Jahren.

Seit die Bundesregierung 2001 den ersten Armuts- und Reichtumsbericht vorgelegt hat, wird in Deutschland intensiver über Reichtum geforscht. Wer im Hinblick auf sein Einkommen zu den Reichen gehört, ist durchaus umstritten. In der Regel werden diejenigen Haushalte als reich eingestuft, deren Nettoäquivalenzeinkommen mindestens das Doppelte des Durchschnitts beträgt. Empirisch gut erkennen lassen sich damit zwei Entwicklungen in den beiden letzten Jahrzehnten. Diese belegen die bereits erwähnte zunehmende Polarisierung:
  • Die Reichen werden immer zahlreicher. Im Jahr 2000 lebten 3,1 Prozent der Deutschen in reichen Familien oder Haushalten; bis 2011 ist dieser Anteil laut Datenreport 2013 um fast die Hälfte auf 4,5 Prozent gewachsen.
  • Die Reichen werden nicht nur immer zahlreicher, sie werden auch immer reicher, ihr Abstand zum Durchschnitt nimmt zu. Nach den Angaben im ersten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (2001) und in der Studie des Reichtumsforschers Wolfgang Lauterbach (2009) lässt sich Folgendes berechnen: 1995 lebten die reichsten 5 Prozent von einem Nettoäquivalenzeinkommen, das um das 2,15-Fache über dem Durchschnitt lag; 2003 hatte sich diese Kluft auf das 2,38-Fache erweitert (Geißler 2014, S. 78).

Quellentext

Vermisst: Soziale Gerechtigkeit

Zwei Drittel der Deutschen glauben, dass die soziale Gerechtigkeit in den vergangenen drei bis vier Jahren abgenommen hat. 64 Prozent der Bevölkerung sind dieser Meinung. Das hat eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Allensbach im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft herausgefunden. […] Befragt wurden 3000 Deutsche ab 16 Jahren im Dezember 2012 und Januar 2013.
Als soziale Gerechtigkeit definieren die Bürger etwa, dass man von dem Lohn für seine Arbeit gut leben kann (91 Prozent), dass alle Kinder die gleichen Chancen auf eine gute Schulbildung haben (90 Prozent) oder dass der Staat für eine Grundsicherung sorgt, damit niemand in Not gerät (77 Prozent). […]

Die GerechtigkeitslückeDie Gerechtigkeitslücke (© Frankfurter Rundschau / Anja Kühl; Quelle: IFD-Allensbach)
Interessant ist jedoch, dass sich im internationalen Vergleich ein völlig anderes Bild ergibt. Zwar finden 34 Prozent der Deutschen, dass es in Schweden am meisten soziale Gerechtigkeit gebe – Deutschland folgt jedoch mit 23 Prozent auf Platz zwei. Die geringste soziale Gerechtigkeit sprechen die Befragten den USA (25 Prozent) und China (66 Prozent) zu. "Die Deutschen differenzieren also klar zwischen der Frage, wie nahe wir in Deutschland selbst der sozialen Gerechtigkeit kommen, und wie wir im internationalen Vergleich abschneiden", erläutert [Professorin Renate] Köcher [Geschäftsführerin des Allensbach-Instituts – Anm. d. Red.] diesen Unterschied. Als ungerecht empfinden die Deutschen, wenn Geringverdiener nur etwas mehr Geld bekommen als Arbeitslose (76 Prozent) oder wenn Unternehmen, die Gewinne machen, Menschen entlassen (75 Prozent). Um die Verteilungsgerechtigkeit zu verbessern, sollten Steuerschlupflöcher abgeschafft und Mindesteinkommen für Arbeitnehmer sichergestellt werden (beides 76 Prozent). […]

Als verantwortlich für Gerechtigkeit sehen die Befragten die Politiker. 73 Prozent sind überzeugt, dass die Politik viel tun kann, um Gerechtigkeit voranzubringen. […] Konkret wünschen sich die Bürger, dass der Staat die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessert (71 Prozent). […] Vom Staat fordern 70 Prozent der Befragten, dass Schüler besser auf das Berufsleben vorbereitet werden. Das Steuersystem hingegen wird immer mehr als gerecht wahrgenommen. Während vor knapp zehn Jahren noch 78 Prozent das Steuersystem als ungerecht empfanden, teilen diese Meinung heute nur noch 49 Prozent der Bürger. Da in den vergangenen Jahren keine Veränderungen im Steuersystem stattgefunden haben, erklärt sich Renate Köcher diese große Veränderung mit dem Aufschwung der vergangenen Jahre. "In unseren Umfragen geben viele an, dass sich ihre materielle Lage verbessert hat." Wer mehr Geld auf dem Konto hat, empfindet das Steuersystem also plötzlich nicht mehr als ungerecht.

Angela Sommersberg, "Vermisst: Soziale Gerechtigkeit", in: Frankfurter Rundschau vom 15. Februar 2013


Internationaler Vergleich

Die zunehmende Polarisierung der Einkommen in Deutschland hat auch im internationalen Vergleich ihre Spuren hinterlassen. Die internationalen Daten erleichtern die Einschätzung darüber, ob die Einkommen in Deutschland besonders gleich oder besonders ungleich verteilt sind. Innerhalb der Europäischen Union (EU-15) gehörte Deutschland 2001 zu den Ländern mit relativ geringen Unterschieden im Äquivalenzeinkommen zwischen dem reichsten und dem ärmsten Fünftel der Bevölkerung. Lediglich in den drei skandinavischen Gesellschaften (Dänemark, Schweden und Finnland) und in Österreich waren die Unterschiede kleiner. Zwischen 2001 und 2008 ist Deutschland dann innerhalb der EU-15 von Rang 5 in die untere Hälfte auf Rang 10 abgerutscht. Neben den vier erwähnten Ländern gehören nunmehr auch die Niederlande, Belgien, Luxemburg, Frankreich und Irland (in dieser Reihenfolge) zu den Gesellschaften, in denen die Nettoäquivalenzeinkommen weniger ungleich verteilt sind als in Deutschland.

Ursachen

Als Ursachen für die Einkommenspolarisierung spielen offensichtlich viele Entwicklungen eine Rolle, deren Zusammenhänge und relative Bedeutung nicht eindeutig geklärt sind.
  • Ökonomen verweisen auf den Angebot-Nachfrage-Mechanismus des Arbeitsmarktes im Informationszeitalter: Der technische Wandel hat dazu geführt, dass die Nachfrage nach hoch qualifizierten Arbeitskräften wie IT-Spezialisten, Managern oder Beratern stark zugenommen hat, sodass der Bedarf das Angebot übersteigt. Genau umgekehrt ist die Situation bei den handwerklichen Tätigkeiten.
  • Immer häufiger sind Arbeitsplätze nicht mehr durch kollektive Tarifverträge gesichert; minderbezahlte befristete Arbeitsplätze nehmen zu. Die Abnahme der Tarifbindung von Löhnen und Gehältern sowie die Ausdehnung des Niedriglohnsektors weisen auf die begrenzte Verhandlungsmacht der Gewerkschaften hin, deren Organisationsgrad seit 1980 zurückgegangen ist. In den vergangenen Jahren ist er jedoch auf einem mittleren europäischen Niveau konstant geblieben; bei der IG Metall gibt es insbesondere bei den jüngeren Jahrgängen wieder leichte Zuwächse.
  • Auch die zunehmende Globalisierung der Arbeitszusammenhänge verstärkt den Druck auf die Verdienste der Geringqualifizierten. Deren relative Wettbewerbsposition in Deutschland wird dadurch beeinträchtigt, dass niedrig qualifizierte Arbeiten immer häufiger in Billiglohnländer ausgelagert werden.
  • Auch die schrittweise Absenkung des Spitzensteuersatzes von 53 Prozent im Jahr 1999 auf 42 Prozent seit 2005 hat Umverteilungseffekte zugunsten der hohen Einkommensschichten ausgelöst.
  • Eine weitere Ursache der Einkommenspolarisierung sind die Veränderungen der Haushaltsstrukturen, nämlich die Zunahme von einkommensstarken Paaren ohne Kinder und von einkommensschwachen Alleinerziehenden.