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izpb Sozialer Wandel

16.12.2014 | Von:
Rainer Geißler

Materielle Lebensbedingungen

Vermögensungleichheiten



Polarisierung der individuellen Nettovermögen zwischen 2002 und 2007Polarisierung der individuellen Nettovermögen zwischen 2002 und 2007 (© Joachim R. Frick / Markus M. Grabka (DiW) 2009 (Datenbasis: SOEP))
Die Statistik unterscheidet drei wichtige Grundarten des Vermögens: das Geldvermögen (verschiedene Varianten von Sparanlagen wie Spar- und Bausparguthaben, Lebensversicherungen, Wertpapiere, Aktien u. Ä.), das Immobilienvermögen (Haus- und Grundbesitz) und das Betriebsvermögen.
Die Chancen, Ersparnisse und Vermögen zu bilden, sind sehr ungleich verteilt: Wer wenig verdient, kann nur wenig oder auch gar nichts zurücklegen. So ist es nicht verwunderlich, dass die Vermögensunterschiede noch erheblich stärker ausgeprägt sind als die Einkommensunterschiede. Der Wert des Gini-Koeffizienten für die Ungleichheit der individuellen Nettovermögen in Westdeutschland ist 2007 mit 0.785 mehr als zweieinhalbmal so hoch wie für die Ungleichheit der Nettoäquivalenzeinkommen mit 0.295.
Einerseits nähert sich die Zahl der Vermögensmillionäre (gemessen in US-Dollar) in Deutschland inzwischen der Millionengrenze: Nach dem World Wealth Report von Capgemini und Merrill Lynch stieg sie zwischen 2005 und 2009 um ein Fünftel von 767.000 auf 924.000 an; etwa jeder vierzigste Privathaushalt (2,5 Prozent) besitzt ein Vermögen von mindestens einer Million US-Dollar. Andererseits standen im Jahr 2007 30 Prozent der deutschen Bevölkerung ohne Vermögen da. Das ärmste Zehntel hatte nicht nur keinen Besitz, sondern wies eine Minusbilanz auf: Seine durchschnittlichen Schulden waren höher als sein Vermögen.

Ein Privileg der oberen Hälfte der Gesellschaft

Die Bildung von Vermögen ist ein Privileg der oberen Hälfte der Gesellschaft. Nach dem Vierten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (2013) sind 2008 lediglich 1,2 Prozent des Gesamtvermögens in der unteren Hälfte der Bevölkerung verblieben. Und auch in der oberen Hälfte sind die Chancen auf Vermögensbildung noch sehr ungleich verteilt. Dem Zweiten Armuts- und Reichtumsbericht (2005) ist zu entnehmen, dass das obere Fünftel 2003 über 68 Prozent des Vermögens verfügt und 8,5-mal mehr an Vermögen angehäuft hat als das mittlere Fünftel.

Für die Entwicklung zwischen 2002 und 2007 liegt eine Studie zu den individuellen Nettovermögen in Gesamtdeutschland vor. Sie teilt die Bevölkerung ab 17 Jahren in zehn gleich große Gruppen ein und zeigt deren Anteil am Gesamtvermögen. Die Analyse belegt eine zunehmende Polarisierung zwischen Arm und Reich. Gewinner sind ausschließlich die reichsten 10 Prozent der Bevölkerung – in Westdeutschland verfügen diese über mindestens 251.000 Euro und in Ostdeutschland über mindestens 91.000 Euro. Die anderen Zehntel haben gewisse Einbußen hinnehmen müssen oder sind bei ihren geringfügigen Anteilen geblieben. Das ärmste Zehntel ist noch tiefer in die Schulden gerutscht und die beiden Gruppen ohne Vermögen – das zweite und dritte Zehntel von unten – haben weiterhin kein Vermögen bilden können.

Auch der Vierte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (2013) belegt, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Zwischen 1998 und 2008 ist der enorme Anteil des reichsten Zehntels der Haushalte am Nettovermögen von 45 auf 53 Prozent gestiegen, während der ohnehin schon extrem geringfügige Anteil der unteren Hälfte der Haushalte von 3 Prozent auf den winzigen Rest von einem Prozent zusammengeschmolzen ist. Der Gini-Koeffizient ist in diesem Jahrzehnt um 9 Prozent von 0.686 auf 0.748 angestiegen.

Die Vermögensunterschiede nach beruflicher Stellung bergen keine Überraschungen und entsprechen in etwa den Einkommensunterschieden zwischen diesen Gruppen. Fast zwei Drittel der Arbeitslosen, aber auch ein knappes Drittel der Arbeiterschaft und der einfachen Angestellten stehen ohne Vermögen da. Im oberen Bereich ragen die großen Vermögensbestände der leitenden Angestellten und insbesondere der Selbstständigen heraus. Dabei ist zu beachten, dass das Vermögen für Selbstständige einen wichtigen Teil ihrer Altersvorsorge darstellt. Auch das Vermögen der gehobenen und höheren Beamten liegt deutlich über dem Durchschnitt – ein Vorsprung, der an den Vermögen der Pensionäre im Alter (das 2,2-Fache des Durchschnitts) sichtbar wird.

Die hohen Vermögensbestände haben in den vergangenen Jahren eine Welle von Erbschaften in bisher unbekanntem Ausmaß ausgelöst. Die Auswertung des Alterssurveys 2002 durch eine Arbeitsgruppe um den Soziologen Martin Kohli ergab, dass fast jeder dritte Westdeutsche im Alter von 40 bis 45 Jahren mehr als 13.000 Euro geerbt hat, jeder sechste mehr als 51.000 Euro und jeder dreißigste mehr als 256.000 Euro. Fast jeder Hundertste (0,8 Prozent) gibt an, D-Mark-Millionenerbe zu sein (mindestens 511.000 Euro). Nach einer neuen Studie dieser Arbeitsgruppe sind Erbschaften und Schenkungen in den Jahren 2002 bis 2007 umso größer, je höher die Bildung, der berufliche Status und das bereits vorhandene Vermögen der Empfangenden ist. Beim Vermögenstransfer von Generation zu Generation greift also der biblische "Matthäus-Effekt": "Wer da hat, dem wird gegeben." Dennoch hat die Weitergabe der Vermögen nach den neueren Berechnungen keine zunehmende Vermögenskonzentration zur Folge, sondern wirkt sogar eher "tendenziell nivellierend". Denn es profitieren davon auch vermögensarme Haushalte, die vorher über kein oder nur geringes Vermögen verfügten, und große Vermögen werden durch die Aufteilung auf mehrere Erben zum Teil "zersplittert".

Quellentext

Unterschiedliche Lebenshaltungskosten

In deutschen Großstädten können sich viele Menschen immer weniger leisten. Dort ist das Risiko, in die Armut abzurutschen, stärker als in ländlichen Gebieten. Dies geht aus einer neuen Studie des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) hervor, bei der die Forscher die regionalen Preisunterschiede und die jeweilige Kaufkraft berücksichtigt haben. Demnach benötigt ein Alleinstehender in München 1030 Euro, um sich genauso viel kaufen zu können wie ein durchschnittlicher Bürger in Deutschland mit 870 Euro im Monat. Im ostdeutschen Stendal oder im Vogtland reichen dagegen schon knapp 800 Euro.
Wer schon einmal in einem Brandenburger Dorfgasthof und in Bayerns Landeshauptstadt einen Cappuccino gezahlt hat, weiß: Die Dinge des täglichen Lebens kosten innerhalb Deutschlands unterschiedlich viel. So sind in den Großstädten die Verbraucherpreise im Schnitt um mehr als sechs Prozent höher als in ländlichen Gebieten. Gleichzeitig fallen die Preise im Osten im Durchschnitt um sieben Prozent geringer aus als im Westen.
Bei der Diskussion um die Armut im Land spielte dies bislang aber keine große Rolle. Egal wo man wohnt: Als arm gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens (Median) zur Verfügung hat. Das ist jenes Einkommen, das von der einen Hälfte der Bevölkerung über- und von der anderen Hälfte unterschritten wird. Der bundesweite Schwellenwert für eine Single liegt dafür bei 870 Euro, für ein Paar mit zwei Kindern bei 1830 Euro, für Paare ohne Nachwuchs bei 1300 Euro, für Alleinstehende mit Kind bei 1130 Euro. Rechnet man auf diese Weise, teilt sich Deutschland im Prinzip in zwei Hälften: Beim Einkommen gibt es zwischen West und Ost ein starkes Gefälle. Berücksichtigt man – wie die IW-Wissenschaftler – die Preisunterschiede, liegen die Armutsquoten jedoch gar nicht mehr so weit auseinander. Thüringen weist danach zum Beispiel die drittniedrigste Quote aller Bundesländer auf. Und Brandenburg, das an Kaufkraft stärkste Bundesland unten den fünf Neuen, kann fast mit Hamburg gleichziehen. Das eigentliche Problem sei dann "das Stadt-Land-Gefälle", sagt IW-Direktor Michael Hüther.
So sind nach den IW-Berechnungen in ländlichen Regionen nur 14 Prozent der Bevölkerung kaufkraftarm. In Städten trifft dies auf mehr als jeden Fünften (22 Prozent) zu. Zugleich sind die zehn Regionen mit der höchsten Einkommensarmut Großstädte. Am schlechtesten schneidet Köln ab, dort lebt laut IW mehr als jeder Vierte unter der von dem Institut errechneten Armutsschwelle, dicht gefolgt von Dortmund, einigen Bezirken Berlins, Bremerhaven, Leipzig, Duisburg und Frankfurt am Main. Hüther führt das darauf zurück, dass die Ungleichheit in den Städten "besonders hoch ist". Dies erkläre sich damit, dass dort einerseits besonders einkommensstarke Gruppen, andererseits viele Arbeitslose, Alleinerziehende und Zuwanderer leben, die ein höheres Risiko haben, arm zu werden.
Unter den besten 20 befinden sich hingegen vor allem süddeutsche Landkreise wie Dillingen an der Donau, Erlangen-Höchstadt oder Landau in der Pfalz. Dort sind dem IW zufolge weniger als zehn Prozent kaufkraftarm. Land und Stadt driften dabei immer weiter auseinander: In den ländlichen Gebieten blieb laut dem Kölner Institut die preisbereinigte Armutsquote fast unverändert, während sie in den städtischen Regionen zunahm. Dies gilt vor allem für die Städte Nordrhein-Westfalens. Dieses Land-Stadt-Gefälle wird sich nach Angaben des IW eher vergrößern, weil die Mieten an gefragten Standorten zuletzt stark gestiegen sind und dies die Kaufkraft der Stadtbewohner weiter dämpfen wird. […]

Thomas Öchsner, "Der Preis der Großstadt", in: Süddeutsche Zeitung vom 26. August 2014


Unterschiede in Ostdeutschland

In der DDR waren die Vermögensunterschiede im Zuge der sozialistischen Nivellierungspolitik stark eingeebnet worden. Zu den wichtigen Maßnahmen gehörten Enteignungen der Großgrundbesitzer, Großbauern und Bergwerke, der Großunternehmer in Industrie und Handel, der Banken und Versicherungen sowie der Flüchtlinge, Verstaatlichung und Kollektivierung, Restriktionen für den kleinen Rest der Selbstständigen sowie die Entwertung des Immobilienbesitzes.

Auch die Einkommensunterschiede – zwischen Arbeitern, Angestellten und Genossenschaftsbauern, zwischen Genossenschaftsmitgliedern und Selbstständigen, aber auch innerhalb dieser Gruppen – wurden nach dem egalitären Prinzip der "Annäherung aller Klassen und Schichten" verkleinert. Arbeiter und Bauern erhielten dadurch vergleichsweise günstige Positionen im Ungleichheitsgefüge der DDR; die Opfer dieser "Annäherungspolitik" waren wichtige Leistungsträger wie Selbstständige und Hochqualifizierte sowie die Angestellten. Wohlstandsdefizit, soziale Nivellierung und die relativ günstige Soziallage von Arbeitern und Bauern rechtfertigen es, die DDR als eine nach unten – nicht zur Mitte hin – nivellierte Arbeiter- und Bauerngesellschaft zu charakterisieren.

Der Abbau der Einkommensungleichheit war im letzten Jahrzehnt der DDR nicht unumstritten. Auf der Suche nach den "sozialen Triebkräften" des Wirtschaftswachstums distanzierten sich der Sozialstrukturforscher Manfred Lötsch und andere Wissenschaftler von traditionellen kommunistischen Gleichheitsvorstellungen und von einem starren "gleichmacherischen" Gehaltssystem. Sie kritisierten die Missachtung des Leistungsprinzips und entwickelten die These von der Triebkraftfunktion sozialer Unterschiede, die stark an die Argumente der amerikanischen Funktionalisten erinnert. Nach dieser These wirkt eine übertriebene Nivellierung leistungsfeindlich; sie bremse die sozioökonomische Entwicklung, da bestimmte Unterschiede im Einkommen und in den Lebensbedingungen als Leistungsanreize erforderlich seien.

Angleichung nach 1990

Nach dem Zusammenbruch der DDR wurde der Wohlstandsschub von einer Zunahme sozialer Ungleichheit in den neuen Ländern begleitet; leistungshemmende soziale Nivellierung kehrte sich um in zunehmende soziale Differenzierung. Die Hintergründe dieser Trendumkehr sind die Reprivatisierung der Wirtschaft und des Immobilienmarktes, der Neuaufbau des Mittelstandes von Selbstständigen und Freiberuflern sowie die Spreizung der Lohn- und Gehaltsstrukturen. In ihrem Gefolge vergrößern sich die Einkommens- und Vermögensunterschiede und die damit verknüpften Unterschiede in den Lebensbedingungen und Lebenschancen. Im Zusammenhang mit dem Wohlstandsschub bedeutet dies Differenzierung und Polarisierung nach oben: Die sozialen Abstände zwischen oben und unten werden auf einem insgesamt höheren Niveau größer.

Zu den materiellen Gewinnern der Einheit gehören neben der großen Mehrheit der Rentnerinnen und Rentner die Freiberufler wie Ärzte, Rechtsanwälte oder Steuerberater, deren Abstand zum Durchschnitt größer ist als in den alten Ländern. Die größeren Unternehmer sind dagegen von den Einkommensprivilegien ihrer westdeutschen Konkurrenten noch ein erhebliches Stück entfernt. Auf der Seite der relativen Verlierer finden sich – neben den Risikogruppen am gesellschaftlichen Rand (Langzeitarbeitslose, Teile der Alleinerziehenden und der Kinderreichen) – Arbeiter sowie Un- und Angelernte. Auch viele der neuen kleinen Selbstständigen müssen sich mit unterdurchschnittlichen Einkommen begnügen. Ein Fünftel aller Selbstständigen lebte laut Datenreport 2013 in den Jahren 2009 bis 2011 in Armut; ihre Armutsquote ist erheblich höher als unter Facharbeitern (7 Prozent) und einfachen Angestellten (12 Prozent).

Aus gesamtgesellschaftlicher Sicht hat die Wohlstandsungleichheit in den neuen Bundesländern seit der Vereinigung langsam, aber stetig zugenommen; sie ist jedoch noch deutlich vom westdeutschen Ungleichheitsniveau entfernt.
Die Tabelle auf S. 19 macht die "nachholende Spreizung" im Nettoäquivalenzeinkommen deutlich: 1992 stand dem oberen Fünftel das 2,8-Fache des unteren Fünftels zur Verfügung, 2012 war der Abstand auf das 3,9-Fache angestiegen und lag damit in etwa auf dem Westniveau in den 1990er-Jahren, aber noch deutlich unter dem Westniveau von 2012, das sich inzwischen auf das 4,4-Fache erhöht hat. Die nachholende Spreizung und fortbestehende ausgewogenere Verteilung des Wohlstands spiegelt sich auch in der Entwicklung des Gini-Koeffizienten wider. Er steigt in den neuen Ländern von 0.208 im Jahr 1991 auf 0.265 im Jahr 2012, hat sich aber in diesem Zeitraum den sich polarisierenden Verhältnissen im früheren Bundesgebiet nur wenig angenähert: 1991 lag er bei 84 Prozent des Westniveaus und 2012 bei 89 Prozent.

Die neuen Vermögen der Ostdeutschen hinken zwar vom Umfang her noch weit hinter den westdeutschen her, sind aber ähnlich ungleich, zum Teil sogar noch ungleicher verteilt als in Westdeutschland. Besonders benachteiligt sind die älteren Rentnerinnen und Rentner. Sie haben einen großen Teil oder auch ihr gesamtes Erwerbsleben in der DDR verbracht und konnten daher von der Einkommensexplosion nach der Vereinigung nur wenig oder gar nicht profitieren. Auch der Anteil von überschuldeten Personen, deren Verbindlichkeiten höher sind als ihre Vermögen, ist in Ostdeutschland größer als in Westdeutschland.

Die Konturen der sozialen Ungleichheit treten auch deshalb schärfer hervor, weil die nivellierenden Rahmenbedingungen des sozialistischen Alltags verschwunden sind. Unterschiede bei den zur Verfügung stehenden Finanzen ermöglichen stärker als zuvor eine verschiedenartige Lebensgestaltung, unterschiedliche Konsum- und Freizeitchancen. Die nach unten nivellierte "Gesellschaft der kleinen Leute" hat sich nach und nach in eine Mittelschichtengesellschaft mit stärkeren sozialen Abstufungen auf gehobenem Wohlstandsniveau verwandelt.

Die Privatisierung und Reprivatisierung (Rückübertragung an Alteigentümer) des ostdeutschen Produktivvermögens hatte eine radikale Veränderung der Besitzverhältnisse zur Folge. Beim Verkauf von gut 12.000 ehemaligen "volkseigenen" Unternehmen durch die Treuhandanstalt hatten betriebswirtschaftliche Gesichtspunkte absolute Priorität. Da es den Ostdeutschen weitgehend an Kapital und marktwirtschaftlich-unternehmerischem Know-how mangelte, kamen die neuen Eigentümer überwiegend aus Westdeutschland, ein Teil auch aus dem Ausland.

Wenn ostdeutsche Privatpersonen als Käufer auftraten, dann geschah dies im Wesentlichen im Rahmen des sogenannten Management-Buy-out, das heißt, Unternehmen wurden von leitenden Mitarbeitern oder Teilen der Belegschaft übernommen. Etwa ein Drittel der privatisierten bzw. reprivatisierten Betriebe haben diese Form; meist handelt es sich dabei um kleine mittelständische Dienstleistungsunternehmen. Am Gesamtwert der von der Treuhandanstalt abgeschlossenen circa 35.000 Kaufverträge sind sie mit nur etwa 3 Prozent beteiligt. Rund 84 Prozent der Gesamtkaufsumme brachten westdeutsche Eigentümer und circa 8 Prozent ausländische Unternehmer auf; etwa 5 Prozent entfielen auf ostdeutsche Gebietskörperschaften, vor allem auf die Länder. Experten wie der Sozialökonom Richard Hauser (1996) vermuten, dass die Privatisierungsaktion "eher zu einer Konzentration des Produktivvermögens als zu einer breiteren Streuung geführt" hat.

Ein Gegengewicht gegen den "Ausverkauf" des ostdeutschen Produktivvermögens an Westeigentümer bildeten der Gründerboom und die Vielzahl von Betriebsneugründungen durch Ostdeutsche in den 1990er-Jahren. 2010 haben immerhin 72 Prozent der Betriebe in den neuen Ländern ostdeutsche Eigentümer und weitere 5 Prozent sind im Besitz der öffentlichen Hand. Da die Ostdeutschen in der Regel die Inhaber von kleineren Betrieben sind, beschäftigen sie nur 44 Prozent der Arbeitnehmer, weitere 19 Prozent arbeiten in den öffentlichen Unternehmen (Wahse u. a. 2011).