izpb Sozialer Wandel

16.12.2014 | Von:
Rainer Geißler

Armut und Prekarität

Armut auf Zeit



Die ArbeitslosenDie Arbeitslosen (© Bergmoser + Höller Verlag AG, Zahlenbild 258 238; Quelle: Bundesagentur für Arbeit)
Armut und Obdachlosigkeit sind für den Einzelnen und für die Gesellschaft umso folgenschwerer, je länger sie andauern. Wenn Menschen über lange Zeit oder auf Dauer in Mangellagen leben müssen, verschlimmern und verfestigen sich die psychischen und sozialen Folgen. Es kann dazu kommen, dass extreme Benachteiligungen von Generation zu Generation weitergegeben werden.

Die sogenannte dynamische Armutsforschung ermöglicht genauere Einblicke in die Dynamik der Armut, in die Bewegungen über die Armutsgrenzen hinweg und damit auch in die Dauer von Sozialhilfebezug, relativer Armut und Obdachlosigkeit. Die letzte Studie zum Sozialhilfebezug, die bis 2003 über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren lief, kommt zu dem Ergebnis, dass knapp die Hälfte der Unterstützten nach diesem Zeitraum wieder finanziell auf eigenen Füßen stand, 60 Prozent von ihnen durch die Befreiung aus der Arbeitslosigkeit. 8 Prozent der Sozialhilfeempfänger war nur ein vorübergehender Ausstieg gelungen, und 43 Prozent waren ununterbrochen zweieinhalb Jahre lang auf Sozialhilfe angewiesen.

Genauere und neuere Daten zur relativen Armut liegen im Datenreport 2013 vor. Knapp zwei Fünftel (39 Prozent) der Menschen, die 2011 in der Armutszone leben mussten, waren auch in den Jahren 2007 bis 2010 dauerhaft von Armut betroffen. Weitere gut zwei Fünftel (42 Prozent) waren in den vier vorangehenden Jahren ein, zwei oder drei Jahre lang arm, und 19 Prozent glitten 2011 erstmals in die Armutszone ab. Ein Vergleich mit der Situation im Jahr 2000 macht deutlich, dass sich die Armut im letzten Jahrzehnt etwas verfestigt hat.

Die dynamische Armutsforschung hat deutlich gemacht, dass die Überwindung von Armut für einen Teil der Betroffenen – insbesondere für Menschen mit niedriger Schulbildung – nicht von Dauer ist. Sie geraten wiederholt in die Armutszone, ihr Lebenslauf ähnelt – so der Armutsforscher Hans-Jürgen Andreß (1999) – "einer ‚Achterbahn‘ mit zyklusabhängigen Höhen und Tiefen".

Die Dynamik unter Obdachlosen ist erheblich schlechter erforscht. Die BAG W hat 2010 in einer nicht repräsentativen Stichprobe 24.000 Obdachlose befragt. Die Studie liefert Hinweise darauf, dass die Dauer der Obdachlosigkeit erheblich kürzer ist als die Dauer der Armut und dass sich Wohnungsnot im letzten Jahrzehnt nicht verfestigt, sondern verkürzt hat. 2010 gab es einen harten Kern von 11 Prozent der Obdachlosen, die länger als fünf Jahre ohne eigene Wohnung leben mussten, und 69 Prozent waren vor weniger als zwölf Monaten in die Obdachlosigkeit abgeglitten.

Randständigkeit ist heute in der Regel kein Dauerschicksal mehr. In den sprichwörtlichen "Teufelskreis" von Armut und Obdachlosigkeit, aus dem es dann kein Entrinnen mehr gibt, gerät nur eine – derzeit allerdings wachsende – Minderheit der Betroffenen. Die bisherige Antwort der deutschen Wohlstandsgesellschaft auf das Problem der Armut ist nicht ihre Beseitigung, sondern ihre Befristung – die Armut auf Zeit.

Diese "Problemlösung" hat auch ihre Kehrseite: Das befristete Schicksal der Randständigkeit wird auf viele Schultern verteilt. Zwischen 1991 und 1997 gerieten immerhin etwa ein Fünftel der Deutschen zumindest kurzfristig unter die 50-Prozent-Armutsgrenze. Auch Angehörige der mittleren und sogar der höheren Schichten sind gewissen Armutsrisiken ausgesetzt. Allerdings führt die Vorstellung von einer "Demokratisierung der Risiken" im Sinne von "Gemeinsamkeiten der Risiken über unterschiedliche Einkommenshöhen, Bildungsabschlüsse hinweg" (Ulrich Beck 1986) schnell in die Irre, wenn dabei die deutlichen schichtspezifischen Risikounterschiede nicht beachtet werden.

Die Gefahr, in die Armutszone abzugleiten, war zum Beispiel in den Jahren 2009 bis 2011 für Un- und Angelernte dreieinhalbmal so groß wie für Facharbeiter, siebenmal so groß wie für qualifizierte Angestellte und siebzehnmal so groß wie für leitende Angestellte; und längere Armutsperioden tauchen bei Menschen ohne Ausbildungsabschluss relativ häufig, bei Abiturienten und insbesondere bei Akademikern nur noch in Ausnahmefällen auf.

Soziale und psychische Folgen



Die Grundsituation der Armut wird – auch bei längerer Dauer – von den Betroffenen sehr unterschiedlich bewältigt. Andreß (1999) dokumentiert die erheblichen Einschränkungen in der alltäglichen Lebensführung, insbesondere beim Konsum, aber auch bei der Ernährung, in vielen Einzelheiten. Die aus einigen Fallstudien bekannte "Isolationsthese" – Rückzug der Armen in die Familie und Abbruch der außerfamilialen Kontakte – lässt sich dagegen ebenso wenig quantitativ bestätigen wie die Vorurteile, Arme seien arbeitsscheu oder unfähig, mit ökonomisch prekären Situationen umzugehen.

Neuere Studien (Böhnke 2009; Böhnke/Dathe 2010) belegen, dass bei vielen Betroffenen mit dem Abstieg in die Armut auch Einbußen an Lebenszufriedenheit, politischem Interesse und kultureller Teilhabe (Konzert-, Theater-, Museumsbesuche) sowie ein Rückzug aus ehrenamtlichen Tätigkeiten in Vereinen, Verbänden oder sozialen Diensten einhergehen. Nach einer Expertise des Robert-Koch-Instituts von 2005 berichten Menschen in Armut erheblich häufiger als andere von starken Schmerzen und gesundheitsbedingten Einschränkungen im Alltagsleben. Zu den Ursachen gehören hoher Alltagsstress, aber auch häufigeres gesundheitsschädliches Verhalten wie Rauchen, ungesunde Ernährung und sportliche Inaktivität.

Obwohl sich die meisten Eltern große Mühe geben, ihre Kinder möglichst wenig unter der familiären Notlage leiden zu lassen, sind die Folgen der Armut auch für junge Menschen gravierend. Bei 12- bis 16-Jährigen aus unterversorgten Familien sind die Risiken, mit dem Leben unzufrieden zu sein, sich als Außenseiter zu fühlen und von den Mitschülerinnen und Mitschülern nicht akzeptiert zu werden, etwa doppelt so hoch wie bei Gleichaltrigen aus Durchschnittsfamilien. Auch Gefühle von Einsamkeit und Hilflosigkeit sowie Defizite im Selbstbewusstsein treten häufiger auf (Klocke 2001).

Neuere Studien aus dem vergangenen Jahrzehnt bestätigen diese Defizite. So kommen nach den Analysen des Frankfurter Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS) zum Beispiel arme Sechsjährige mitunter hungrig und ohne körperliche Pflege in die Kindertagesstätten. Sie zeigen häufiger Auffälligkeiten im Sprach-, Spiel- und Arbeitsverhalten, werden häufiger von anderen Kindern gemieden und haben häufiger gesundheitliche Probleme. Arme Zehnjährige sind seltener Mitglieder in Vereinen, haben erheblich seltener Zugang zum Internet, bringen seltener Kinder mit nach Hause und feiern seltener ihren Geburtstag. Sie nehmen ihre Mahlzeiten häufiger unregelmäßig ein, haben häufiger Gewichtsprobleme sowie frühzeitiger und häufiger Kontakt zu Zigaretten und Alkohol (Holz 2006).

Auch die deutliche Beeinträchtigung der Bildungschancen durch Armut wurde in neueren Studien bestätigt. So verlassen beispielsweise Jugendliche im Alter von 16 bis 19 Jahren, die mindestens zweimal vorübergehend von Armut betroffen waren, das Schulsystem dreimal so häufig ohne Abschluss wie ihre Altersgenossen, besuchen Haupt- und Förderschulen doppelt so häufig und erreichen das Abitur nur halb so häufig (Boeckenhoff u. a. 2012). In der Regel gilt für die skizzierten Folgen der Armut: Je länger die Armut dauert, umso intensiver wird die alltägliche Lebensführung eingeschränkt und belastet.

Prekarität



Im vergangenen Jahrzehnt ist das Konzept der Prekarität in Wissenschaft und Öffentlichkeit populär geworden. Der Begriff wird allerdings sehr unterschiedlich verwendet, unter anderem auch als Synonym für Armut. Im Folgenden wird er im Anschluss an den französischen Soziologen Robert Castel für die soziostrukturelle Zone der "sozialen Verwundbarkeit" verwendet, die der Armut vorgelagert ist. Prekär ist die soziale Lage von Menschen, die Gefahr laufen, in die Armut und die damit verbundene soziale Ausgrenzung abzugleiten. In diesem Sinne wird zum Beispiel in den Datenreports seit 2002 die sozialstatistische Kategorie des "prekären Wohlstands" benutzt. Sie erfasst Menschen, die mit einem Nettoäquivalenzeinkommen von 50 bis 75 Prozent des Durchschnittswerts auskommen müssen. Sie leben über der relativen Armutsgrenze, aber ihre Situation ist armutsnah und prekär im Sinne von "verwundbar, unsicher, heikel, instabil". Sie gleiten häufiger in die Armutszone ab als andere. Ihr Anteil an der Bevölkerung schwankte in den beiden vergangenen Jahrzehnten geringfügig zwischen etwa 22 und 25 Prozent, 2011 betrug er 25,5 Prozent (Datenreport 2013).

Die Diskussion über Prekarität hat ihren Ausgangspunkt in der Arbeitswelt, bei der sogenannten Entstandardisierung der Beschäftigungsverhältnisse. Der Anteil der erwerbstätigen Bevölkerung, die als Arbeitnehmer in einem Normalarbeitsverhältnis tätig sind – vollbeschäftigt, unbefristet, tariflich geregelt –, ist in den beiden vergangenen Jahrzehnten zurückgegangen; ausgedehnt haben sich die unbefristeten Teilzeitbeschäftigungen, geringfügige Beschäftigungsverhältnisse (sogenannte Minijobs) sowie die besonders prekäre Leiharbeit (2011 knapp 3 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten). Die Deregulierung des Arbeitsmarktes kommt den Flexibilitätsbedürfnissen des globalisierten Arbeitsmarktes entgegen und wird durch den Umbau des "versorgenden" zum "aktivierenden" Sozialstaat, zum Beispiel durch die Sozialreformen der "Agenda 2010" und die "Hartz-Gesetze", begünstigt.

"Prekarität ist überall" – auf diese Formel hat Pierre Bourdieu 1998 die Situation in Frankreich gebracht. Zehn Jahre später kommt Heinz Bude in seiner bekannten Analyse über die "Ausgeschlossenen" in Deutschland zu demselben Ergebnis: "Der Absturz ist überall möglich […]. Das passiert auf allen Ebenen und in den verschiedenen Milieus unserer Sozialwelt: In den Milieus der Unterprivilegierten genauso wie in den Arbeitnehmermilieus der Mitte, im […] Mittelstand der Ärzte, Therapeuten und Lehrer genauso wie im Bildungsbürgertum der Professoren, Pfarrer und Rechtsanwälte, in der Manager- und Bankerklasse genauso wie in den Reihen des Besitzbürgertums" (Bude 2008, S. 34). Allerdings suggerieren diese aus Einzelbeobachtungen abgeleiteten Aussagen ein falsches Bild der Zonen von Exklusion und Prekarität. Die verarmten, in einem sozialen Brennpunkt lebenden Banker und Professoren dürften Ausnahmefälle sein, aber es gibt Zigtausende von armen, arbeitslosen Ungelernten. Quantitative Analysen (z. B. Böhnke 2006; Groh-Samberg 2009) belegen, dass soziale Ausgrenzung und Prekarität sehr deutlich schichttypisch ungleich verteilt sind.

Eine aufsehenerregende Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (Grabka/Frick 2008) wies erstmals auf das Phänomen der "schrumpfenden Mittelschicht" hin. Als "Mittelschicht" wird in diesem Zusammenhang der Teil der Bevölkerung mit einem Einkommen von 70 bis 150 Prozent des Durchschnitts (Median) bezeichnet. In den 1980er- und 1990er-Jahren blieb der Umfang dieser "Einkommens-Mittelschicht" weitgehend stabil. Zwischen 2000 und 2010 schrumpfte er jedoch kontinuierlich von 63,8 auf 58,2 Prozent, weil Armut und Prekarität entsprechend zunahmen. Andere Studien (z. B. Geißler 2014) zeigen, dass Menschen aus der Mitte mit einem überdurchschnittlichen Einkommen nur selten in Armut oder Prekarität absteigen. Die Vorstellung der "schrumpfenden Mittelschicht" lässt sich daher noch weiter präzisieren: Es ist die untere Einkommens-Mittelschicht, die abbröckelt.

Die Einkommenssituation schlägt jedoch nicht auf die Selbsteinstufung in die Mittelschicht durch: Im Jahr 2000 stuften sich 61 Prozent und 2010 sogar 62 Prozent der Westdeutschen in die Mittelschicht ein; in Ostdeutschland stieg die Selbstzuordnung zur Mittelschicht in diesem Zeitraum von 45 auf 51 Prozent an. Allerdings breiten sich Ängste und Unsicherheiten auch in die gesellschaftliche Mitte hinein aus, und selbst die obere Schicht bleibt von Sorgen um ihre Arbeitsplätze und ihre wirtschaftliche Zukunft nicht völlig verschont. "Die Angst kriecht die Bürotürme hinauf" – so formuliert der Soziologe Stefan Hradil (2006) diesen Vorgang in einem anschaulichen Bild.

Individuelle Ängste und Sorgen sind subjektive Empfindungen, die nur zum Teil mit der "wirklichen", "objektiven" eigenen Situation zusammenhängen. So ist empirisch belegt, dass die starke Zunahme der Ängste in der unteren Mitte nicht auf tatsächliche Arbeitslosigkeit oder Vertragsbefristungen in der eigenen Erwerbsbiografie zurückzuführen ist. Es handelt sich um einen sogenannten spill over effect, was sich in etwa mit "Überschwapp-Effekt" übersetzen lässt: Die Risiken von Verarmung und Prekarisierung "schwappen" von den unteren Schichten, wo sie besonders häufig auftreten, in die gesellschaftliche Mitte und sogar in obere Berufsgruppen über und produzieren dort übertriebene Unsicherheit. Die Situation entspricht der unter Ökonomen gängigen Formel "Die Stimmung ist schlechter als die Lage."