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izpb Sozialer Wandel

16.12.2014 | Von:
Rainer Geißler

Bildungsexpansion und Bildungschancen

Höhere Erfolgsaussichten



Bildung ist in der modernen Gesellschaft eine zentrale Ressource für Lebenschancen. Sie ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Menschen ihre gesellschaftlichen Chancen wahrnehmen und soziale Risiken minimieren können. Die folgenden Beispiele sollen diese allgemeine Aussage konkretisieren:
  • Berufsposition: Der Einstieg oder Aufstieg in höhere berufliche Positionen ist immer häufiger an einen Hochschulabschluss gebunden. So hatten nach einer Studie von Erwin K. und Ute Scheuch (1997) zum Beispiel 82 Prozent aller leitenden Angestellten der deutschen Wirtschaft einen Hochschulabschluss – 36 Prozent waren sogar promoviert –, und nur 13 Prozent verfügten nicht über das Abitur. Unter den Jüngeren (bis 44 Jahre) hatten nur 4 Prozent keinen Hochschulabschluss vorzuweisen. Diese "Akademisierung" vollzieht sich in ähnlicher Form auch in anderen Berufsfeldern sowie in den höheren Ebenen des politischen Bereichs, zum Beispiel den Parlamenten, den Parteien und selbst in den Gewerkschaftsführungen.
  • Einkommen und Lebensstandard: Das individuelle "Bildungskapital" – wie es der französische Soziologe Pierre Bourdieu nennt – lässt sich in der Regel über gesellschaftliche Führungspositionen auch in entsprechend gute Einkommen und einen hohen Lebensstandard umsetzen. Nach der neuesten OECD-Studie verdienten 2010 Erwerbstätige, die ein mindestens dreijähriges Studium absolviert hatten, in Deutschland 82 Prozent mehr als Erwerbstätige mit einem Schulabschluss der Sekundarstufe II, zu denen auch die angelernten Fachkräfte gehören. Die Einkommensunterschiede zwischen den Gruppen mit unterschiedlichen Qualifikationen haben sich langfristig nicht verringert, wie manchmal angenommen wird, sondern zwischen 1984 und 2008 deutlich gespreizt.
  • Individuelle Lebensgestaltung: Eine gute Qualifikation schafft darüber hinaus auch die psychischen Voraussetzungen für ein höheres Maß an individueller Lebensgestaltung und Lebensstilisierung, ein Herauslösen aus überkommenen Traditionen und Bindungen, eine Lebensführung nach eigenen Wünschen und Vorstellungen. Die viel beschworene Individualisierung des Lebens in der Moderne vollzieht sich nicht etwa mit gleichmäßiger Intensität in allen Schichten, wie häufig in falscher Verallgemeinerung behauptet wird, sondern ist vor allem ein Phänomen im Umfeld akademischer Milieus.
  • Armut und Arbeitslosigkeit: Auch von den Risiken der modernen Gesellschaft sind nicht alle gleichmäßig betroffen – die modernen Risiken sind nicht "demokratisiert", wie es eine verbreitete, aber irreführende Formulierung behauptet. Eine gute Ausbildung bietet natürlich keinen absoluten Risikoschutz, aber sie kann Risiken erheblich herabsetzen. So war die Gefahr, unter die Sozialhilfegrenze zu rutschen, 2004 für Personen ohne Hauptschulabschluss um das 13-Fache höher als für Hochschulabsolventen; in den Jahren 2007 bis 2009 waren Geringqualifizierte (höchstens Hauptschulabschluss) 5,5-mal häufiger armutsgefährdet als Hochschulabsolventen. Das Risiko der Ungelernten, arbeitslos zu werden, lag in den vergangenen drei Jahrzehnten stets um das 3- bis 9-Fache über dem der Studierten – 2009 war die Arbeitslosenquote der Erwerbspersonen ohne beruflichen Abschluss mit 22 Prozent um das 8,8-Fache höher als bei Hochschulabsolventen mit 2,5 Prozent.
  • Krankheit und Lebenserwartung: Niedrigqualifizierte sind auch höheren gesundheitlichen Risiken ausgesetzt. Wer das Bildungssystem mit Volks- oder Hauptschulabschluss verlassen hat, ist häufiger von Herzinfarkt, Schlaganfall, Angina Pectoris, Diabetes, chronischen Rückenschmerzen, Arthrose, chronischer Bronchitis oder Krebs betroffen als Abiturientinnen und Abiturienten. Die Lebenserwartung steigt daher mit dem Bildungsniveau. Ursachen dafür sind die weniger belastenden Arbeitsbedingungen, bessere gesundheitsrelevante Kenntnisse sowie eine gesundheitsbewusstere Lebensführung (z. B. weniger Rauchen, mehr Sport) bei den besser Gebildeten sowie deren höhere Einkommen, die gesünderes Wohnen und eine gesündere Ernährung ermöglichen.
  • Kriminalität: Junge Gymnasiasten landen nur äußerst selten hinter Gittern: Circa zwei Drittel der Häftlinge im Jugendstrafvollzug haben die Hauptschule nicht abgeschlossen, und nur etwa jeder Tausendste hatte ein Gymnasium besucht.

Ungleiche Chancen



Gymnasiale Chancen und soziale HerkunftGymnasiale Chancen und soziale Herkunft (© Datenquelle: Bernhard Schimpl-Neimanns, Soziale Herkunft und Bildungsbeteiligung, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 2000, Jg. 52, S. 654)
Die Chancengleichheit beim Zugang zu Bildung als wichtigem gesellschaftlichem Gut ist ein Gebot der sozialen Gerechtigkeit. Unter Chancengleichheit wird in der Regel verstanden, dass alle – entsprechend ihren Fähigkeiten und Leistungen – gleiche Chancen zum Erwerb mittlerer oder höherer Ausbildungsabschlüsse erhalten. Leistungsfremde Kriterien wie zum Beispiel Geschlecht, soziale Herkunft, Wohnort, Religion oder Nationalität sollen bei der notwendigen Auslese im Bildungssystem keine Rolle spielen. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von "meritokratischer", das heißt leistungsbezogener Chancengleichheit.
In den 1960er-Jahren bestand unter Bildungsforschern und -politikern Einigkeit darüber, dass die Bildungschancen ungleich verteilt waren, oder anders formuliert: dass im deutschen Bildungssystem neben der Auslese nach Leistung auch eine leistungsfremde, "nicht meritokratische" soziale Auslese stattfand. Als wichtige benachteiligte Gruppen wurden Arbeiterkinder und Mädchen identifiziert. Ihre "Begabungsreserven" – wie es damals hieß – würden im Bildungssystem nur sehr unzureichend entwickelt und ausgeschöpft. Während die Bildungsdefizite der Mädchen inzwischen verschwunden sind, erweisen sich die schichttypischen Chancenunterschiede als außerordentlich widerstandsfähig. In Deutschland ist es bislang nicht gelungen, die Bildungsbenachteiligung der Kinder aus sozial schwachen Schichten im Zuge der Bildungsexpansion entscheidend abzubauen.

Auf der Ebene des mittleren Bildungsniveaus sind die Chancen durchaus zugunsten der benachteiligten Schichten umverteilt worden. Vom Ausbau der Realschulen profitierten insbesondere die Kinder von Arbeitern (einschließlich Arbeiterelite), Landwirten und ausführenden Dienstleistern. Anders sieht es dagegen an den Gymnasien aus. Die Hauptgewinner der gymnasialen Expansion in den 1970er- und 1980er-Jahren waren die Kinder – insbesondere die Töchter – des nicht landwirtschaftlichen Mittelstands sowie der höheren Dienstleistungsschicht, die bereits 1950 die besten Bildungschancen hatten. Recht gut mithalten konnten auch die Kinder der mittleren Angestellten und Beamten. Die Kinder von einfachen Dienstleistern und der Arbeiterelite dagegen und insbesondere die Arbeiterkinder haben trotz gestiegener Chancen gegenüber allen anderen Gruppen an Boden verloren. Beim Wettlauf um die höheren Bildungsabschlüsse haben sich die Chancenabstände zwischen privilegierten und benachteiligten Gruppen vergrößert – die Bildungschancen haben sich nach dem sogenannten Matthäus-Effekt entwickelt: "Denn wer da hat, dem wird gegeben" (Matthäus 25, Vers 29).

Schulbesuch und KlassenzugehörigkeitSchulbesuch und Klassenzugehörigkeit (© Datenquelle: Timo Ehmke / Nina Jude, Soziale Herkunft und Kompetenzerwerb, in: Eckhard Klieme u. a. (Hg.), PISA 2009, Münster u. a. 2010)
Die Kinder der Ungelernten sind die stark benachteiligten Schlusslichter im Bildungswettlauf geblieben. Die erste PISA-Studie aus dem Jahr 2000 hat gezeigt, dass sie häufiger als die Jugendlichen aus anderen sozialen Klassen die Hauptschule besuchen, und die Minderheit unter ihnen, die eine Sonderschule besuchen musste (7 Prozent), war fast so groß wie die Minderheit, die ein Gymnasium besuchen durfte (11 Prozent). Der nachfolgende "PISA-Schock" hat etwas Bewegung in die Struktur der schichttypischen Bildungsungleichheit gebracht; die Chancen der Jugendlichen aus den stark benachteiligten Klassen – PISA arbeitet mit einem Klassenschema (vgl. Geißler 2014, S. 105 ff.) – haben sich etwas verbessert. Zwischen 2000 und 2009 ist der Anteil der 15-jährigen Gymnasiasten aus Familien von un- und angelernten Arbeitern von 11 auf 15 Prozent gestiegen, bei Facharbeitern, Meistern und Vorarbeitern von 16 auf 20 Prozent, bei Routinedienstleistern von 24 auf 31 Prozent und bei kleinen und mittleren Selbstständigen von 26 auf 32 Prozent.

Studienanfängerquote an Universitäten und soziale HerkunftStudienanfängerquote an Universitäten und soziale Herkunft (© Datenquellen: Soziologischer Almanach 1979; Sozialerhebungen des Deutschen Studentenwerks)
Der Matthäus-Effekt lässt sich auch beim zunehmenden Run auf die Universitäten gut erkennen: Den Ausbau der Hochschulen nutzten ebenfalls insbesondere junge Menschen aus Gruppen, deren Studienchancen bereits 1969 vergleichsweise gut waren – Söhne und in noch stärkerem Maße Töchter von Selbstständigen (Zuwachs unter den Studienanfängern bis 2000 um 30 Prozentpunkte), von Beamten (26 Prozentpunkte) und von Angestellten (11 Prozentpunkte). Trendanalysen mit einem feineren Schichtmodell liegen leider nicht vor, aber es dürfte sich bei den Gewinnern der Hochschulexpansion um dieselben Schichten handeln, die auch von der Ausdehnung der Gymnasien in besonderem Maße profitierten. Der Zuwachs bei den Arbeiterkindern nimmt sich dagegen mit 4 Prozentpunkten sehr bescheiden aus. Nur jedes fünfzigste Kind eines Ungelernten begann Ende der 1980er-Jahre mit einem Universitätsstudium, im Vergleich zu 82 Prozent der Kinder von Freiberuflern (Ärzten, Rechtsanwälten, Wirtschaftsprüfern etc.) – die Chance, an einer Universität zu studieren, war für die Letztgenannten also einundvierzig (!) Mal so hoch wie für die Kinder von Ungelernten. 1990 kletterte die Studienanfängerquote bei den Arbeiterkindern zwar mit 7 Prozent erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik über die Fünfprozentmarke. Dennoch war diese Jahrhundertquote bei den Arbeiterkindern nur halb so hoch wie allein die Zunahme der entsprechenden Quote bei den Kindern von Selbstständigen zwischen 1990 und 2000 (14 Prozentpunkte).

Höchster beruflicher Abschluss der Eltern von Studierenden in West und OstHöchster beruflicher Abschluss der Eltern von Studierenden in West und Ost (© Datenquelle: HIS – Institut für Hochschulforschung Hannover)
Die skizzierten Entwicklungen lassen sich leider nicht über das Jahr 2000 hinaus verfolgen, weil keine Studienanfängerquoten mehr erhoben wurden. Stattdessen berechnet das Hannoveraner Hochschul-Informations-System (HIS) die Sozialprofile der Studierenden nach dem höchsten beruflichen Abschluss der Eltern. 2012 stammten von den Studierenden an westdeutschen Universitäten 49 Prozent aus Akademikerfamilien (Ost 55 Prozent), 22 Prozent hatten Väter und/oder Mütter mit Fachschul-, Meister- oder Technikerabschluss (Ost 18 Prozent) und 27 Prozent mit abgeschlossener Lehre (Ost ebenfalls 27 Prozent). Den jungen Menschen von Eltern ohne abgeschlossene Berufsausbildung ist der Zugang zu den Hochschulen mit einem Prozent (Ost 0 Prozent) so gut wie versperrt. Offensichtlich macht der Rückgang der sozialen Auslese im Schulsystem vor den Toren der Hochschulen halt.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Bildungsexpansion ein paradoxes Ergebnis produziert hat: Sie hat die Bildungschancen aller Schichten verbessert, ohne zugleich die gravierenden schichttypischen Ungleichheiten zu beseitigen.