Vorreiter: Ministerpräsident David Ben Gurion und Bundeskanzler Konrad Adenauer – hier 1966 im Speisesaal des Kibbuz Sde Boker – setzten sich auch gegen Widerstände in Politik und Gesellschaft in ihren Ländern für die deutsch-israelischen Beziehungen ein.

Normale oder asymmetrische Beziehungen?


8.4.2015
Die deutsch-israelischen Beziehungen unterliegen seit Jahrzehnten Schwankungen. Während in der Bundesrepublik die Meinung gegenüber Israel kritischer wird, ist das Deutschlandbild in Israel positiver geworden.

Deutsche Kritik an Israel und israelischer Deutschland-Hype

Gefühle der Deutschen gegenüber Israelis unterliegen extremen Schwankungen – und dies seit Jahrzehnten. Die ebenso rasche wie prinzipiell austauschbare Abfolge von Begeisterung, Kritik und Antisemitismus lässt vermuten, dass Stimmungen dieser Art mehr mit deutschen Zuständen als mit politischen Turbulenzen im Nahen Osten zu tun haben: Der Psychoanalytiker Hans Keilson stellte 1986 fest: "Aus dem Sündenbock war erst der Tugendbock geworden, beladen mit allen Idealen und Tugenden, die man in seiner eigenen Geschichte und bei seinen Eltern nicht antreffen konnte, und die Enttäuschung über die nicht gelungene Projektion eines moralischen Hochstandes – eines Übermenschen würdig – schuf schließlich den alt-neuen Sündenbock." Gewiss unterhält Deutschland ein engeres Verhältnis zu Israel als die meisten anderen europäischen Länder; doch die Verbundenheit mit Israel ist in hohem Maße ein Elitenprojekt. Seit 1981 sinken die Sympathiewerte für Israel – mit zunehmender Tendenz. Laut einer im Januar 2015 veröffentlichen Blitzumfrage der Bertelsmann-Stiftung haben 48 Prozent der Deutschen eine "ziemlich oder sehr schlechte Meinung über Israel" und nur noch 36 Prozent eine "sehr oder ziemlich gute Meinung über Israel". Diese Stimmungslage, die teilweise auch antisemitischen Haltungen in der Mitte der Gesellschaft geschuldet ist, prägt die öffentliche Meinung mehr als es die ansonsten guten offiziellen Beziehungen vermuten lassen.

Schwankende Gefühle sind auch unter Israelis anzutreffen, allerdings mit umgekehrter Tendenz: Aus der Schoah rührende Vorbehalte gegenüber Deutschland und den Deutschen sind immer dann abrufbar, wenn sich in Deutschland antiisraelische und antisemitische Affekte bemerkbar machen; doch zugleich droht das deutsch-israelische Verhältnis auf eine Weise asymmetrisch zu werden, wie man es noch im ausgehenden 20. Jahrhundert nicht für möglich gehalten hätte. "Israelis begegnen Deutschen [...] offener als umgekehrt, weil sie ihnen im Normalfall ‚nur‘ Vergangenes entgegenhalten können, sich aber dessen bewusst sind, dass es keine persönliche Verantwortung der Nachgeborenen gibt. Deutsche hingegen sind auch einzelnen Israelis gegenüber zunehmend distanziert, weil sie ihnen kollektive Verantwortung für Gegenwärtiges aufbürden. Das ist deshalb fatal, weil durch das israelische Zugehen bei gleichzeitigem deutschen Zurückweichen die Distanz gleich bleibt oder sogar größer wird." (Grisha Alroi-Arloser, israelischer Deutschland-Experte, 2011) Während sich viele Deutsche von Israel abwenden, ist das vormals sehr negative Image der Deutschen in der israelischen Öffentlichkeit seit Ende der 1970er-Jahre stetig positiver geworden. Ob es um Autos, Fußball oder um Ausdrucksformen deutscher Kultur geht – unter Israelis ist ungeachtet auch zwiespältiger Erfahrungen in den vergangenen Jahren ein regelrechter Deutschland- und vor allem Berlin-Hype entstanden. Seit ihrem Staatsbesuch in Jerusalem 2008 gehört Angela Merkel zu den populärsten ausländischen Politikern in Israel. Laut einer Bertelsmann-Studie von Januar 2015 haben 68 Prozent der jüdischen Israelis ein positives Deutschland-Bild.


Möglichkeiten und Grenzen der Kritik

Aufmerksame Mediennutzerinnen und -nutzer wissen, dass es in Deutschland kein Tabu gibt, Israel und die Politik der israelischen Regierung zu kritisieren. Der frühere Ministerpräsident Ariel Scharon wurde scharf kritisiert, zum Teil noch heftiger als Politiker wie zuvor Menahem Begin und heute Benjamin Netanjahu. Die Schlüsselfrage ist, ob Medien, Politiker und Kulturschaffende ein faires, kritisch-differenzierendes oder aber ein verzerrtes Israelbild zeichnen.
Der FDP-Politiker Jürgen W. Möllemann zeigte 2002 Verständnis für die Selbstmordkommandos palästinensischer Terroristen gegen den angeblichen "Staatsterrorismus" Israels. In einem Flugblatt setzte er seine Sicht des Nahostkonflikts als Argument im nordrhein-westfälischen Bundestagswahlkampf ein – dabei wurden zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte ein Israeli (Ariel Scharon) und ein deutscher Jude (Michel Friedman) zur gemeinsamen Zielscheibe in einem Wahlkampf.
In einem "Gedicht" äußerte 2012 der Schriftsteller Günter Grass die Befürchtung, die Israelis könnten "das iranische Volk auslöschen" und den "Weltfrieden" gefährden. Das Phantasma jüdischer Allmacht blitzt auch in Artikeln des Verlegers Jakob Augstein auf: "Wenn Jerusalem anruft, beugt sich Berlin dessen Willen. [...] [D]ie Regierung Netanjahu (führt) die ganze Welt am Gängelband."
Vorfälle wie diese lösen in Deutschland regelmäßig heftige Diskussionen aus, wann Kritik an Israel in Antisemitismus umschlägt. Mindestens in die Nähe zu antisemitischer Israelkritik gerät, wer ...
  • das Existenzrecht Israels als jüdischer und demokratischer Staat in Frage stellt (grundsätzliche Delegitimierung Israels);
  • Israel, die "zionistische Lobby" oder gar "die Juden" für allerlei Grundübel der Menschheit verantwortlich macht (Dämonisierung Israels);
  • umstrittene israelische Militäreinsätze im Antiterrorkampf mit den Verbrechen der Nazis gleichsetzt (Aufrechnung und Entsorgung der NS-Verbrechen);
  • die Handlungen Israels mit anderen Maßstäben als die Praktiken anderer internationaler Akteure misst und beurteilt (doppelter Moralstandard);
  • in Wort und Bild (zum Beispiel in Karikaturen) stereotype Hassbotschaften verbreitet.