IzpB Internationale Sicherheitspolitik

15.7.2015 | Von:
Stephan Bierling

Die USA: der müde Hegemon

Perspektiven für eine Führungsrolle



Der "unipolare Moment" der USA in der Weltpolitik, der von 1991 bis 2003 dauerte, war eine Anomalie im internationalen System und wird nicht zurückkehren. Gleichwohl werden die USA auf absehbare Zeit der zentrale globale Akteur bleiben. Dafür sprechen sieben Gründe:

Erstens verfügen die USA über eine einzigartige geografische Lage. Geschützt von zwei Ozeanen und mit zwei freundlich gesinnten, militärisch schwachen Nachbarn an ihrer Nord- und Südgrenze droht ihnen auf dem eigenen Kontinent keine Gefahr. Aus einer geopolitisch so vorteilhaften Lage können die USA freier als andere Mächte entscheiden, in welchen Regionen und Konflikten sie sich engagieren. Wenn hingegen China oder Russland ihren außenpolitischen Einfluss auszudehnen versuchen, müssen sie stets mit dem Widerstand ihrer vielen Nachbarn rechnen. Je stärker sie ihre Gebiets- oder Machtansprüche durchsetzen, desto stärker wird dieser Widerstand ausfallen.

Zweitens sind die USA nach wie vor die größte Militärmacht der Welt. 2014 kamen sie für 14 Prozent der globalen Verteidigungsausgaben auf. Zwar sinkt dieser Anteil im Zuge der Kürzungen in ihrem Militärhaushalt und der schnellen Aufrüstung Chinas und Russlands (Weltanteil 2013: 12 % bzw. 5 %) seit einigen Jahren. Aber die USA werden auf absehbare Zukunft die Nummer Eins bleiben und auch ihren technologischen Vorsprung bewahren. Gerade bei der Logistik, bei vom Radar nicht erfassbaren "Stealth"-Flugzeugen, bei Kampfdrohnen und beim Cyberkrieg (Cyber Warfare) sind die USA allen Rivalen bislang deutlich überlegen.

Drittens verfügen die USA über eine große Zahl von Verbündeten und Partnern. Nicht nur die NATO mit ihren 28 Mitgliedern, sondern auch bilaterale Verträge etwa mit Japan, Australien, Südkorea oder Israel stärken sie. Die Verbündeten bieten den Vereinigten Staaten Basen, militärische Unterstützung und politische Rückendeckung. Insgesamt kommen die USA mit ihren Partnern für zwei Drittel der weltweiten Verteidigungsausgaben auf. Dagegen haben die wichtigsten Konkurrenten Washingtons, China und Russland, keine erwähnenswerten Verbündeten. Trotz einer gewissen Kooperation gegen die USA stehen sich Peking und Moskau auch stets als Rivalen gegenüber. Schließlich treibt ihr zuletzt aggressives Verhalten weitere Länder wie Vietnam, Indonesien, Malaysia oder Schweden an die Seite der USA. Sie alle sehen in Washington die beste Garantie für die eigene Sicherheit.

Viertens gewinnen die USA an ökonomischer Stärke zurück. Sie bewältigten die schwere Wirtschaftskrise von 2008 besser als die EU-Staaten, in Zukunftsbranchen wie der Informations- oder Biotechnologie sind US-Unternehmen führend. Zugleich profitieren die Privathaushalte und Unternehmen von niedrigen Energiepreisen, weil die Fördermethode des Fracking riesige neue Gas- und Ölvorräte im Lande erschließt. Seit 2010 sind die USA der weltweit größte Produzent von Erdgas, seit 2014 auch von Erdöl. Dank der Forschungsstärke der Spitzenuniversitäten, der Zuwanderung von Fachkräften und der im Vergleich mit allen anderen Industriestaaten höchsten Geburtenrate sind die langfristigen Aussichten für die US-Wirtschaft positiv.

Fünftens verfügen die USA über ein Sendungsbewusstsein, das zu einer aktiven Außenpolitik verpflichtet. Es gibt kaum eine Rede eines US-Präsidenten, die nicht auf die besondere Verantwortung des Landes für die Ausbreitung von Demokratie, Freiheit und Menschenrechten verweist. Das klingt bisweilen wie eine Floskel, bietet aber einen Ansatzpunkt, eine skeptische Bevölkerung für ein internationales Engagement zu gewinnen.

Sechstens bleibt der "American way of life" attraktiv. Obwohl das Ansehen der USA durch Guantanamo, Abu Ghraib, Folter und die NSA-Spionageaffäre gelitten hat, so hat die US-Gesellschaft immer wieder bewiesen, dass sie politische Fehlentwicklungen überwinden und sich reformieren kann. Nach wie vor sind Filme, TV-Serien und Popmusik Made in America weltweit erfolgreich. Individuelle Freiheit, Konsumkultur, Aufstiegschancen und Demokratie bleiben anziehungskräftige Markenzeichen der USA.

Siebtens gibt es auf absehbare Zeit keine Macht oder Gruppe von Mächten, die anstelle der USA treten könnten. Die EU, obwohl wirtschaftlich ähnlich stark wie die USA, ist außen- und sicherheitspolitisch nach wie vor uneinig und handlungsschwach. China erstarkt rasant, hat jedoch mit Japan, Indien, Vietnam oder Indonesien viele Nachbarn, die sich durch seinen Aufstieg bedroht fühlen und Peking eindämmen wollen. Russland kann vielleicht kleinere Nachbarn wie Georgien oder die Ukraine militärisch und energiepolitisch bedrängen, aber seine Wirtschaft ist völlig von Öl- und Gasexporten abhängig und nicht wettbewerbsfähig, seine Bevölkerung schrumpft und seine Annexionspolitik stößt weltweit auf Ablehnung. Brasilien, Indien und Südafrika, die drei demokratischen Mitglieder der BRICS-Gruppe, fallen entweder nach einem guten Jahrzehnt schnellen Wachstums derzeit wirtschaftlich wieder zurück oder haben massive innenpolitische Probleme und bisher nicht bewiesen, dass sie global Verantwortung übernehmen wollen.

Fazit: die unverzichtbare Nation



Die USA werden im 21. Jahrhundert nicht mehr so selbstverständlich als globale Führungsmacht auftreten, wie sie dies im Kalten Krieg und in den beiden Jahrzehnten danach noch taten. Das hat seine Ursachen in der Verschiebung der weltwirtschaftlichen und weltpolitischen Gewichte sowie im wachsenden Isolationismus ihrer Gesellschaft. Aber nur die Vereinigten Staaten verfügen über die Kombination aus militärischer und ökonomischer Macht, aus gesellschaftlicher Attraktivität und Sendungsbewusstsein, um dem Zerfall der internationalen Ordnung wirkungsvoll entgegenzuwirken.

Die USA werden diese Aufgaben am ehesten dann annehmen, wenn sie die Lasten stärker als in der Vergangenheit mit ihren Partnern teilen können. Diese sollten sich deshalb konzeptionell, politisch und militärisch auf ein Zeitalter vorbereiten, in welchem sie Washington ihren Wert als Bündnispartner nachweisen müssen, wollen sie die USA für eine gemeinsame Sicherheitspolitik gewinnen. Es wird wohl nie wieder wie im Kosovo-Krieg sein, in dem das US-Militär 85 Prozent der Angriffe gegen die serbischen Stellungen flog, oder wie in Afghanistan, wo die USA zwei Drittel der ISAF-Truppe stellten und die Kämpfe gegen die Taliban zu großen Teilen allein führten. Das Kooperationsmodell der Zukunft dürfte sich am Libyen-Einsatz orientieren, in dem Frankreich und Großbritannien die Führung übernahmen und die USA Logistik und Munition stellten. Für Europa heißt das, sich intensiver über Operationen Gedanken zu machen, bei denen es mit eingeschränkter oder ohne US-Beteiligung operieren muss, etwa bei der Sicherung von Seehandelsrouten oder beim Kampf gegen islamistische Rebellen in Nordafrika.

Europa wird auch deshalb öfter allein handeln müssen, weil sich die USA verstärkt auf die zentrale außenpolitische Herausforderung des 21. Jahrhunderts konzentrieren werden: den Aufstieg Chinas. Die Hinwendung (pivot) zum pazifischen Raum, genauer Ostasien, verfolgt die Obama-Regierung systematisch. Botschaften in der Region werden aufgestockt, Militärstützpunkte wie in Guam ausgebaut, Basen bei befreundeten Nationen wie Australien errichtet, alte Partnerschaften wie mit Japan, Australien, den Philippinen oder Indonesien intensiviert, neue wie mit Indien, Malaysia oder Vietnam vorbereitet. Aber auch die asiatischen Partner werden nicht umhinkommen, den USA zu demonstrieren, dass sie ihren eigenen Beitrag leisten, um die Sicherheit in der Region zu erhalten. Die Debatte in Japan über eine Reform der Verfassung, die der Verteidigungspolitik bisher enge Grenzen setzt, ist ein Schritt in diese Richtung. Die USA dürften im 21. Jahrhundert die einzige Macht mit globalem Führungsanspruch bleiben, allerdings werden verbündete, wohlhabende Mittelmächte wie Japan, Großbritannien, Deutschland und Frankreich gefragt sein, einen größeren Anteil an der Stabilisierung ihrer jeweiligen Weltregionen zu übernehmen.

Quellentext

Codewort "Pazifisches Jahrhundert"

[…] Robert D. Kaplan: […] Das "pazifische Jahrhundert" ist so etwas wie ein Codewort. In Wirklichkeit handelt es sich um den Indo-Pazifik, also um das Gebiet zwischen Indien und Japan. Den Begriff "Indo-Pazifik" würde allerdings niemand verstehen. Man könnte auch sagen, es ist eine Verlagerung weg vom Nahen und Mittleren Osten.

IP: Warum ist der Indische Ozean oder der Indo-Pazifik so wichtig?

Kaplan: Der Indische Ozean ist die wichtigste Energieautobahn der Welt, über die das Erdöl und das Erdgas des Mittleren Ostens zu den hunderten Millionen Konsumenten in Ostasien transportiert wird, die nach dem Status einer Mittelschicht streben. Der Indische Ozean verbindet den Mittleren Osten mit Asien. Der Indo-Pazifik ist das maritime Ordnungsprinzip Eurasiens.

IP: Welche strategischen Folgen hat diese Verlagerung?

Kaplan: Nun, ich glaube, im Moment ist der Schwenk in Richtung Asien noch mehr ein Bestreben als eine tatsächliche Entwicklung […]. […] Die Rede vom "pazifischen Jahrhundert" dient […] als Rückversicherung für die asiatischen Verbündeten, offizielle wie Japan und Südkorea sowie inoffizielle wie Vietnam, Malaysia und natürlich Indien. Die Botschaft für sie lautet: Trotz gekürzter Rüstungsausgaben wird es in der Region auch weiterhin eine gleichwertige Militärpräsenz der USA geben.

IP: Wie wird das amerikanische Engagement in der Region aufgenommen?

Kaplan: Die Vereinigten Staaten sind in Asien schon immer beliebter gewesen als im Nahen Osten oder in Europa. […] Die Vereinigten Staaten haben dort […] kein Imageproblem. In Südasien spielt eher ein anderes Problem eine Rolle: die Angst vor dem Machtverlust der USA. Die asiatischen Partner fürchten, Amerika könnte sich zurückziehen, und sie wären dann China ausgeliefert, ihrem größten Handelspartner, der direkt nebenan wohnt.

IP: Sie haben außerdem von einem "New Great Game" in der Region geschrieben […]

Kaplan: […] das zwischen Indien und China ausgetragen wird, die sich in einem heftigen Konkurrenzkampf um Einfluss in Ländern wie Sri Lanka, Bangladesch oder Nepal befinden. Es hat etwas von "wie du mir, so ich dir": Die Chinesen bauen einen Hochseehafen in Gwadar in Pakistan, also bauen die Inder Hochseehäfen entlang ihrer Ostküste. Manche Länder sind sehr geschickt darin, beide Seiten gegeneinander auszuspielen. Bangladesch hat es geschafft, in beachtlichem Maße sowohl chinesische als auch indische Entwicklungshilfen zu beziehen, Birma auch.

IP: Spielen die USA auch eine Rolle in diesem "New Great Game"?

Kaplan: Die amerikanischen Interessen stimmen mit denen der Inder völlig überein. Die bloße Existenz Indiens ist ein strategischer Glücksfall für die USA. Allein der Platz, den die Inder auf der Landkarte einnehmen, beschert Indien eine Schlüsselrolle. […]

IP: Wie wichtig ist der Faktor "Furcht vor China"?

Kaplan: Aus amerikanischer Perspektive betrachtet ist "Furcht" nicht das richtige Wort. Der Aufstieg Chinas ist normal und legitim. China ist kein "Schurkenstaat" wie der Iran, der die Existenz anderer bedroht. In vielerlei Hinsicht ähnelt Chinas Aufschwung dem der Vereinigten Staaten nach Ende des Bürgerkriegs 1865. Das Problem ist nur, dass neue Großmächte das System internationaler Beziehungen durcheinander bringen können. Es sollte also vor allem darum gehen, das aufstrebende China friedlich in das internationale System zu integrieren. Einige Länder in der Region, insbesondere die unmittelbaren Nachbarn, fürchten jedoch Chinas Aufstieg. Sie haben Angst vor einer "Finnlandisierung", also einem Szenario, in dem die Chinesen eine Vetomacht über die Außen- und Sicherheitspolitik ihrer Nachbarstaaten erlangen.

IP: Spielt Europa eine Rolle in diesen Entwicklungen?

Kaplan: Vergessen Sie nicht, dass Europa Chinas größter Handelspartner ist. Europa spielt also eine wichtige Rolle, jedoch nur in wirtschaftlicher Hinsicht. […]

Interview von Henning Hoff mit Robert D. Kaplan, einem der renommiertesten US-Auslandsreporter und Korrespondent von Atlantic Monthly und Fellow am Center for a New American Security, in: Internationale Politik 2., März /April 2012, S. 52 ff.




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