Ausdruck von Stolz und Hoffnung: Eine Wandmalerei im libyschen Tripolis, aufgenommen am 16. März 2012, zeigt Läufer mit den Flaggen Libyens, Ägyptens und Tunesiens. Sie bringen die „Flamme der Freiheit“ auf ausgestreckte Arme zu, die nach der Beschriftung Syrien und den Jemen versinnbildlichen.

Editorial

13.12.2016
Christine HesseChristine Hesse (© bpb)
2012 erschien die Vorgängerausgabe zu diesem Thema – ein Jahr nach Beginn der Protestbewegungen, die als "Arabischer Frühling" große Hoffnungen hervorgerufen hatten.

Die Menschen in der Nahostregion wünschten sich positive Veränderungen ihrer Lebenssituation, das Aufbrechen autoritärer, repressiver Machtstrukturen, Freiheit, soziale Gerechtigkeit und die Achtung ihrer Menschenwürde. Vor allem junge Menschen begehrten auf gegen die Perspektivlosigkeit, die ihnen die starren Verhältnisse aufnötigten.

Viele Hoffnungen im Westen richteten sich zugleich auf eine Demokratisierung der politischen Systeme.
Doch schon 2012 war die Euphorie zunehmender Ernüchterung gewichen. Denn die Schwächung der alten Herrschaftssysteme ging mit gewalttätigen Machtkämpfen einher und offenbarte innergesellschaftliche Konfliktlinien sowie strukturelle Probleme, die lange unter dem Deckel staatlicher Repression geschwelt hatten. Nun fehlten zumeist demokratische und zivilgesellschaftliche Strukturen, um diese Konflikte friedlich auszuhandeln.

So kam es teilweise zur Rückkehr oder Aufrechterhaltung der alten Machtverhältnisse, zu verstärkter Unterdrückung, teilweise aber auch zu Bürgerkriegen und Staatszerfall, der Gewaltakteure begünstigt. In einigen Staaten der Region wie in Syrien, im Irak, in Libyen und im Jemen ist der Kampf um eine neue Machtbalance in der Region entbrannt, an dem lokale, regionale, aber vor allem auch wichtige internationale Akteure beteiligt sind – und unter dem vor allem die Zivilbevölkerung leidet.

Die Folgen dieser Entwicklungen bekommen auch die westlichen Gesellschaften zu spüren, in erster Linie die EU als Nachbarregion. Sie müssen sich fragen, welche Rolle sie bisher gespielt haben, welche Verantwortlichkeiten ihnen erwachsen und welche Möglichkeiten sie haben, um den aktuellen Herausforderungen wirksam zu begegnen.

Die Brisanz der Konfliktlagen im Nahen Osten und in den Staaten Nordafrikas ist Anlass dafür, der Region eine Neuausgabe der "Informationen zur politischen Bildung" zu widmen. Mit ihr soll ein Grundverständnis für die Besonderheiten der Region geschaffen und die Entwicklung fortgeschrieben werden.

Einzelkapitel geben Einblicke in die Kultur- und Religionsgeschichte der arabisch-islamischen Welt und schildern, unter welchen Bedingungen sich die arabischen Staaten entwickelt haben. Vor diesem Hintergrund sowie in der Auseinandersetzung mit und um Israel bildeten sie ihre politisch-ideologischen Orientierungen heraus.

Eine Analyse ihrer Regierungssysteme beleuchtet die Legitimationsprobleme, der Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung unterstreicht die Bedeutung des Erdöls, während das Gesellschaftskapitel sozioökonomische Herausforderungen aufführt, die allen Ländern der Region gemeinsam sind.

Die konfliktreichen Verschiebungen der regionalpolitischen Machtkonstellation bis heute und eine Bilanz des Arabischen Frühlings bilden Ansatzpunkte zum Verständnis der aktuellen Krisensituation, die auch die europäischen Nachbarn vor neue Anforderungen stellt.