30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Ausdruck von Stolz und Hoffnung: Eine Wandmalerei im libyschen Tripolis, aufgenommen am 16. März 2012, zeigt Läufer mit den Flaggen Libyens, Ägyptens und Tunesiens. Sie bringen die „Flamme der Freiheit“ auf ausgestreckte Arme zu, die nach der Beschriftung Syrien und den Jemen versinnbildlichen.

13.12.2016 | Von:
Henner Fürtig

Zwischen Kolonialismus und Nationenbildung

Von der formalen zur realen Unabhängigkeit

Am 23. Juli 1952 stürzte eine Gruppe "Freier Offiziere" den probritischen König Faruq in Kairo und leitete damit eine neue Runde des arabischen Kampfes um nationale Unabhängigkeit ein. Auch in vielen anderen arabischen Ländern bildeten fortan Vertreter der unteren Mittelschichten, zumeist des Militärs, das Rückgrat der Befreiungsbewegung und der republikanischen Regime, die aus ihr hervorgingen.

Oberst Gamal Abdel Nasser, der Gründer der "Freien Offiziere" und der neue "starke Mann" Ägyptens, erzwang 1954 den Rückzug britischer Truppen aus der Suezkanalzone und verstaatlichte am 26. Juli 1956 die von Großbritannien und Frankreich betriebene Suezkanalgesellschaft, das Symbol westlicher Beherrschung Ägyptens. Im verzweifelten Bestreben, die Einnahmen als Betreiber und die Kontrolle über den strategisch wertvollen Transportweg über diese Wasserstraße vom Mittelmeer über das Rote Meer bis zum Indischen Ozean nicht zu verlieren, besetzten daraufhin französische und britische Truppen am 31. Oktober 1956 die Kanalzone. Bereits zwei Tage zuvor hatte Israel in Absprache mit London und Paris seinerseits Ägypten angegriffen (Suezkrise). Zwar eroberte Israel innerhalb weniger Tage die Sinaihalbinsel sowie den Gazastreifen, musste sich aber – genauso wie Großbritannien und Frankreich – zurückziehen, als die Sowjetunion drohte, zugunsten Ägyptens militärisch einzugreifen, und die USA und die UN klar gegen den Vorstoß votierten. Aus dem kurzfristigen militärischen Anfangserfolg Israels und der europäischen Kolonialmächte wurde ein langfristiger politischer Erfolg Ägyptens, das die ehemalige Kolonialmacht Großbritannien aus dem Land drängen konnte und den Suezkanal unter seiner Kontrolle behielt. Fortan wurde die israelisch-ägyptische Grenze von bewaffneten UN-Friedenstruppen gesichert.

Nach 1948 hatte damit ein weiterer Nahostkrieg eine Zeitenwende in der Region markiert. Die "klassische" Kolonialepoche ging zu Ende, die neuen Kräfte in der Region waren die selbstbewusster gewordenen arabischen Nationalisten sowie die gegnerischen Großmächte USA und Sowjetunion. Ihr "Kalter Krieg" bestimmte nun zu einem wesentlichen Teil die Geschicke des Nahen Ostens, er zwang die jeweiligen Regierungen zu einem "Balanceakt" zwischen den Fronten und in den meisten Fällen auch zu einer Parteinahme. Durch die Lagerbildung wurde der weitere Dekolonisierungsprozess stark beeinträchtigt. Schon 1955 war beispielsweise der Irak zum Kern eines antikommunistischen Militärbündnisses (Bagdad-Pakt: Großbritannien, Irak, Iran, Pakistan, Türkei sowie die USA als Beobachterin) auserkoren worden, während die Sowjetunion als Schutzpatronin der arabischen Befreiungsbewegungen auftrat. Ihr wandte sich nach dem Machtwechsel 1958 auch der Irak zu.

Durch ihr Votum zugunsten Ägyptens in der Suezkrise, dem Zweiten Nahostkrieg, war es den USA gelungen, ihre Weltkriegsalliierten Großbritannien und Frankreich im Nahen Osten als führende westliche Mächte abzulösen. Doch gleichzeitig eröffnete die Suezkrise der US-Administration auch einen neuen Blick auf die nahöstliche Konfliktlage. Hinter dem Bestreben nach nationaler Unabhängigkeit vermutete sie nun allzu oft den "langen Arm Moskaus", was den politischen Spielraum der USA erheblich einschränkte und viele der arabischen Führer geradezu auf die Seite des Ostblocks trieb.

Als besonders signifikant gilt in diesem Zusammenhang die "Eisenhower-Doktrin". Mit ihr erklärte der damalige US-Präsident Dwight D. Eisenhower (reg. 1953–1961) am 5. Januar 1957, dass sein Land an jedem Ort und mit allen Mitteln (also auch Nuklearwaffen) prowestliche Regime vor kommunistischer Unterwanderung oder einer Bedrohung durch die Sowjetunion schützen werde. Die Doktrin wurde zweimal ausdrücklich angewendet: im April 1957, als eine US-Flotte den jordanischen König Hussein I. vor der Opposition schützte, und in der Libanonkrise 1958, als US-Truppen den Sturz des prowestlichen christlichen Staatspräsidenten Camille Chamoun verhinderten. Die aggressive und kontraproduktive Wirkung seiner Doktrin veranlasste Eisenhower jedoch 1959, anlässlich eines USA-Besuchs des damaligen sowjetischen Ministerpräsidenten Nikita Chruschtschow, die Doktrin zugunsten der Koexistenz beider Machtblöcke aufzugeben. In geänderter Form begleitete der Kalte Krieg die Entwicklung im Nahen Osten jedoch bis zu seinem Ende zu Beginn der 1990er-Jahre.

Der ägyptische Erfolg beflügelte die arabische Nationalbewegung in den Folgejahren in ihren Bestrebungen um vollständige Souveränität. Am 14. Juli 1958 folgten irakische "Freie Offiziere" dem Beispiel ihrer ägyptischen Vorbilder, stürzten die probritische Monarchie, riefen die Republik aus und wiesen britische Militärs aus dem Land. In Nordafrika hatte Libyen schon 1951 die Unabhängigkeit erreicht, 1956 folgten Tunesien und Marokko. In Algerien tobte zu diesem Zeitpunkt allerdings schon seit zwei Jahren einer der längsten und blutigsten Kolonial- und Bürgerkriege im arabischen Raum, der erst nach acht Jahren im März 1962 mit der Souveränität Algeriens endete. Frankreich hatte Algerien als Siedlungskolonie, letztlich als Teil des "Mutterlandes" betrachtet. Auf der Arabischen Halbinsel war Saudi-Arabien seit seiner Gründung 1932 souverän gewesen, von den dortigen britischen Domänen machte Kuwait 1961 den Anfang, während die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Arabischen Emirate am 2. Dezember 1971 den Schlusspunkt unter das Kapitel europäischer Kolonialgeschichte im Nahen Osten setzte.

Erdöl als historischer "Wirkstoff"

Die frühen 1970er-Jahre markierten auch das Ende eines weiteren Abhängigkeitsverhältnisses, das die Geschicke der Region seit Beginn des 20. Jahrhunderts entscheidend geprägt hatte: die Unterdrückung und Ausbeutung der Förderländer durch ausländische Erdölkonzerne.

Nachdem 1908 in Südwestpersien (heute Iran) die ersten Erdölvorkommen im Nahen Osten gefunden worden waren, setzte der internationale Wettlauf um ihre Kontrolle ein. Der Erste Weltkrieg und die Nachkriegskrise unterbrachen den Wettlauf kurzzeitig, ehe er Ende der 1920er-Jahre mit erneuter Heftigkeit ausbrach. Mit der Entdeckung gewaltiger Erdölfelder auf der Arabischen Halbinsel kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde die Region endgültig zum ertragreichsten Fundort des wichtigsten Einzelrohstoffs für das 20. Jahrhundert. Nach dem Zweiten Weltkrieg teilten die wichtigsten internationalen Erdölunternehmen die Fördergebiete untereinander auf. In Widerspiegelung der politischen Machtverhältnisse dominierten dabei zunächst britische, später US-amerikanische Unternehmen, aber Dauerrivalität herrschte auch mit französischen, niederländischen und italienischen Konkurrenten.

Einigkeit bestand lediglich in einem Punkt: den Herkunftsländern die Verfügungsgewalt über ihre wertvollste Ressource zu verweigern. Als der iranische Ministerpräsident Mohammed Mossadegh 1951 die Erdölproduktion seines Landes zu verstaatlichen suchte, setzten die westlichen Erdölunternehmen daraufhin bei ihren Regierungen einen nahezu lückenlosen Boykott iranischen Erdöls durch. Mossadegh wurde schließlich im August 1953 durch einen von der CIA mitorganisierten Putsch gestürzt. Das sicherte den Ölfluss zu den gewohnten Bedingungen, und den USA gelang es gleichzeitig, die Monopolkontrolle der Briten über das Öl zu brechen.

Vor diesem Hintergrund gestaltete es sich für die Förderländer außerordentlich mühsam, den westlichen Erdölmultis nach und nach Zugeständnisse abzutrotzen und die eigenen Gewinnmargen schrittweise zu erhöhen. 1960 gründeten sie die Organisation erdölexportierender Staaten (OPEC= Organization of the Petroleum Exporting Countries), der nahezu alle Nahostländer angehören. Der Zusammenschluss von Irak, Iran, Katar, Kuwait, Saudi Arabien, VAE markierte einen wichtigen Zwischenerfolg, der die Verhandlungsmacht der Förderländer gegenüber dem Westen erheblich stärkte. Es sollte allerdings noch ein gutes Jahrzehnt dauern, bis alle namhaften Förderländer uneingeschränkt über ihre Erdöl- und Erdgasressourcen verfügen konnten. Damit übernahmen sie allerdings auch die Aufgabe und die Kosten, die inzwischen veralteten Erdölförderanlagen nachzurüsten. Im Ergebnis hatten die Staaten des Nahen Ostens Mitte der 1970er-Jahre jedenfalls sowohl ihre politische als auch ihre wirtschaftliche Souveränität erreicht.
Die Arabische LigaDie Arabische Liga (© picture-alliance, dpa-Grafik 10477, Quelle: Auswärtiges Amt, Arabische Liga; Stand: August 2015)