Islam und Politik

Historische Entwicklung

12.2.2003
Der Islam kann auf eine lange Geschichte zurückblicken. Wo liegen seine Ursprünge? Welche Entwicklung hat er im Laufe der Zeit genommen?

Ein Muslim betet in der Omeriye Moschee auf Zypern anlässlich des Eid al-Adha-Festes.Ein betender Muslim in der Omeriye Moschee auf Zypern. (© AP)

Der englische Islamwissenschaftler Malise Ruthven nannte den Islam einmal eine Religion, die "zum Siegen geboren ist". Damit spielte Ruthven auf die Entstehungsgeschichte des Islam an. Denn anders als das Christentum, das nach dem Tod Jesu Christi noch über Jahrhunderte hinweg verfolgt blieb, begründete sich im Namen des Islam nur wenige Jahrzehnte nach seinem Entstehen ein ganzes Weltreich.

Islamische Gemeinde unter Mohammed

Als Mohammed (um 570–632) in Mekka seine ersten Offenbarungen von Gott empfing, fiel es ihm schwer, die Bevölkerung von Mekka zu überzeugen, der Verkünder einer neuen Religion zu sein. Besonders die reichen Geschäftsleute der Stadt weigerten sich, seiner Aufforderung nach Unterwerfung unter den strikten Monotheismus des Islam zu folgen. Die Offenbarungen aus der mekkanischen Zeit enthalten entsprechend warnende Beispiele für Ungläubige, die sich weigerten, den Propheten Gottes zu folgen. Auf der anderen Seite versprach Gott in seinen Offenbarungen den Anhängern des Propheten das ewige Leben und das Paradies.

Doch irgendwann wurde die Lage für die noch kleine islamische Gemeinde in Mekka zu schwierig, und Mohammed entschloss sich, in die 400 Kilometer nördlich gelegene Stadt Medina auszuwandern. Die so genannte Hidschra im Jahr 622, die Emigration von Mekka nach Medina, markiert den Beginn der islamischen Zeitrechnung.

Mohammed fand sich nun in einer völlig anderen Situation wieder. Die Bewohner von Medina empfingen ihn mit offenen Armen. Einige Stämme der Stadt befanden sich in einer Dauerfehde, die den sozialen Frieden störte. Mohammed bot sich als neutraler Vermittler an, verlangte aber im Gegenzug von der Bevölkerung Medinas die Unterwerfung unter seine religiöse Autorität.

So kam es, dass der Islam sich bereits in seiner frühen Entstehungsphase in der realen Welt beweisen musste. Mohammed konnte sich nicht mehr darauf beschränken, eine aufs Jenseits gerichtete Religion zu verkünden; er musste nun vielmehr im Namen des Islam ordnungspolitische und ethische Maßstäbe entwickeln, um die Gemeinde von Medina lenken zu können.

Entsprechend veränderten sich die Offenbarungen, die Mohammed in Medina empfing. Sie beinhalten teilweise detaillierte rechtliche Anweisungen, vor allem was das Personenstandsrecht betrifft, das heißt also Ehe-, Familien- und Erbschaftsrecht. In fünf Fällen finden sich im Koran auch mehr oder weniger genaue Strafrechtsverordnungen.

Mohammed gelang es schnell, sich als religiöse wie politische Autorität in Medina zu etablieren. In dieser Phase entsprach die Umma, die islamische Gemeinde, also durchaus einer Theokratie, einer Gottesherrschaft. Als Stellvertreter Gottes – dem allerdings keine göttlichen Eigenschaften beigemessen wurden – sorgte Mohammed dafür, dass der göttliche Wille auf Erden befolgt wurde.

Dennoch oder gerade deswegen macht der Koran keine klaren Aussagen darüber, wie die Umma politisch organisiert werden sollte. Er geht über vage Anweisungen nicht hinaus. So werden die Gläubigen etwa an einer Stelle dazu aufgerufen, sich vor wichtigen Entscheidungen untereinander zu beraten. Dieses Prinzip, auf arabisch Schura, nehmen reformorientierte Muslime heute als Beleg dafür, dass demokratische Elemente bereits im Koran angelegt und deswegen mit dem Islam vereinbar seien.

Vor allem aber schweigt sich der Koran darüber aus, wer nach dem Tod des Propheten die Führung der Umma übernehmen sollte. Und auch Mohammed selbst hinterließ diesbezüglich keine Anweisungen. Die ungeregelte Prophetennachfolge führte schnell zu politischen Konflikten, die die islamische Gemeinde bis heute spalten.

Mohammed starb im Jahre 632. Die islamische Gemeinde musste nun unvorbereitet eine Entscheidung treffen, wer die Führung der Umma übernehmen sollte. Man einigte sich auf Abu Bakr, einen frühen Weggefährten Mohammeds. Er bekam den Titel Kalif, Stellvertreter des Propheten. Auch die nächsten drei Kalifen waren Männer, die sich früh zum Islam bekannt hatten und deren Autorität sich aus ihrer Nähe zu Mohammed ableitete. Diese frühe Phase der islamischen Geschichte, die von 632 bis 661 dauerte, wird als die Zeit der rechtgeleiteten Kalifen bezeichnet. Weil mit dem Tod des Propheten die Quelle der Offenbarungen versiegt war, mussten die Kalifen nun Wege finden, wie sie die Umma im Sinne des Religionsstifters lenken konnten. Als wichtigste Anleitung diente ihnen der Koran, und wo die Heilige Schrift keine konkreten Aussagen machte, orientierten sie sich an den Handlungen und Aussprüchen des Propheten, zusammengefasst in der so genannten Sunna. Von ihr leitet sich auch der Name der größten islamischen Konfession ab, der Sunniten.

Ideal und Wirklichkeit während des Kalifats

Glaubensrichtungen des IslamGlaubensrichtungen des Islam
Die islamische Umma dehnte sich innerhalb weniger Jahrzehnte aus, von der Arabischen Halbinsel über den "Fruchtbaren Halbmond" (Palästina, Syrien und Irak) bis nach Persien und Nordafrika. Die islamischen Herrscher waren damit häufig vor Situationen gestellt, für die sich weder im Koran noch in der Sunna des Propheten konkrete Handlungsanleitungen finden ließen. So entwickelten sich zwei weitere Methoden der Rechtsfindung: Die eine ist der so genannte Konsens der Gläubigen. Wenn eine Mehrheit von Rechtsgelehrten darin übereinstimmte, dass eine bestimmte Handlung dem Geiste von Koran und Sunna nicht widersprach, dann galt sie als akzeptabel. Zur vierten wichtigen Quelle der Rechtsfindung entwickelte sich der so genannte Analogieschluss: Waren die Gläubigen vor eine Situation gestellt, die ihnen bis dahin unbekannt war, so suchten sie nach ähnlichen Fällen im Koran oder in der Sunna und versuchten aus diesen zu schließen, wie sich der Prophet in vergleichbarer Situation verhalten hätte.

Das betraf zum Beispiel den Umgang mit anderen Religionen. Mohammed war sowohl mit dem Christentum wie mit dem Judentum vertraut. Beide erkannte er als Offenbarungsreligionen an, deren Anhänger in einem islamischen Staatswesen Schutz erhalten sollten, ohne allerdings den gleichen rechtlichen Status wie Muslime zu genießen. Nach dem Tode Mohammeds trafen die Muslime bei ihren Eroberungszügen aber auch auf andere Religionsgemeinschaften, wie etwa die persischen Zoroastrier oder die Hinduisten. Anstatt diese Religionen zwangsweise zu islamisieren, setzte sich der Konsens durch, dass auch Zoroastrier und Hindus in einem islamischen Staat ihre Religion weiter praktizieren dürften.

Der göttliche Koran, die Sunna des Propheten, der Konsens der Gläubigen sowie der Analogieschluss sind die wesentlichen Bestandteile der Scharia, des islamischen Gesetzes. Die Scharia ist nach muslimischem Glauben göttlich. Aus der hier skizzierten Entwicklung wird allerdings bereits deutlich, dass die Scharia nicht zuletzt ein Produkt menschlicher Interpretation ist. Die Bezugspunkte der Rechtsgelehrten waren zwar immer Koran und Sunna, aber ihre Urteile beruhten letztlich auf ihrem Verstand und ihrem Vermögen, die Aussagen der Quellen auf die jeweils neue Situation anzuwenden. Selbst wenn die Quellen göttlich waren, bedurften sie der menschlichen Auslegung. Und diese Auslegung spiegelte die Verhältnisse der jeweiligen Epoche wider.

Die selbstständige Interpretation der göttlichen Quellen heißt auf arabisch Idschtihad. In den ersten Jahrhunderten der islamischen Geschichte machten die islamischen Rechtsgelehrten vom Idschtihad reichlich Gebrauch. Danach setzte sich jedoch die Meinung durch, dass zu viel menschliches Räsonieren die göttliche Botschaft verwässern könnte. Deswegen galt das "Tor des Idschtihad" seit etwa dem neunten Jahrhundert als geschlossen. Reformorientierte Muslime der Neuzeit halten es für ratsam, dieses Tor wieder zu öffnen, um den Islam an die Bedürfnisse der Moderne anzupassen.

Zu Lebzeiten Mohammeds, der als Prophet und Staatsmann in einer Person auftrat, entsprach die islamische Umma durchaus einer Theokratie, gehörten also Religion und Politik eng zusammen. Doch selbst wenn die islamische Gemeinde unter Mohammed das Vorbild für die ihm nachfolgenden Herrscher gewesen sein mag, so entwickelte sich doch in der Realität eine Trennung von Religion und Politik im islamischen Staatswesen. Nach dem Tod des letzten rechtgeleiteten Kalifen entstand mit den Umayyaden die erste in einer Reihe von weltlichen Herrscherdynastien im Islam. Gewiss sollte der Kalif seine Herrschaft an der Scharia ausrichten, doch wenn es die Staatsräson verlangte, handelte er auch gegen das klassische islamische Gesetz. "Die muslimischen Herrscher bedienten sich zwar der Theologen zur Legitimation ihres Handelns, wenn dies opportun erschien, handelten im übrigen aber aus rein machtpolitischen Überlegungen, wie anderswo auf der Welt auch", so der Hamburger Islamwissenschaftler Gernot Rotter. Der Staat bemächtigte sich also der Religion und nicht die Religion des Staates.

Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus

Das Verhältnis zwischen Europa und der islamischen Welt wurde Jahrhunderte lang von militärischen Auseinandersetzungen geprägt. Nach der muslimischen Expansion, die bis 732 auch große Teile Spaniens erfasste, folgten ab 1099 die Kreuzzüge, bei denen das christliche Europa mit Gewalt eine zeitweilige Herrschaft über die heiligen Stätten in Jerusalem errang, die 1187 durch den legendären Sultan Saladin wieder beendet wurde. Im Jahr 1683 unternahmen die türkischen Osmanen den letzten Versuch, ihr Reich Richtung Norden auszudehnen und belagerten vergeblich die Stadt Wien. Seitdem befindet sich die islamische Welt gegenüber dem Westen auf dem Rückzug – technologisch, wirtschaftlich, militärisch, aber auch politisch.

Der erste Europäer der Neuzeit, der als Eroberer in die arabische Welt kam, war Napoleon. Im Jahr 1799 hielten seine Truppen für kurze Zeit Ägypten besetzt und wurden so zu Vorboten des Kolonialismus, in dessen Zeichen England und Frankreich vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Ersten Weltkrieges große Teile der islamischen Welt unter ihre Herrschaft brachten. Der Kolonialismus beeinflusste das Denken der Muslime nachhaltig, wie der in Amerika lehrende deutsche Islamwissenschaftler Rudolph Peters schreibt. "Die Beherrschung der islamischen Welt durch den Westen und die einheimische Reaktion dagegen sind die Hauptfaktoren gewesen, die den modernen Islam gestaltet haben."

Bei muslimischen Denkern, aber auch bei den Herrschern setzte sich die Erkenntnis durch, dass die islamische Welt einer Reform bedurfte. Die Offenheit gegenüber den Errungenschaften der westlichen Zivilisation war dabei zunächst sehr hoch, sogar unter den später oft als rückständig geltenden Geistlichen. Ein Beispiel für die neue Aufgeschlossenheit war die Parisreise des ägyptischen Theologen Rifaa al-Tahtawi (1801–1873), der sich im Jahr 1826 aufmachte, um die "Wissenschaften und Künste jener glanzvollen Stadt" zu erlernen. Tahtawi, ein Absolvent der traditionsreichen Azhar-Universität in Kairo, war vom ägyptischen Herrscher Mohammed Ali als Vorbeter und Betreuer einer rund vierzig Köpfe zählenden Studentenschaft auserwählt worden, die die nächsten zehn Jahre in Frankreich verbringen sollte.

Mit dieser Mission, bis dahin einzigartig, verfolgte Mohammed Ali vor allem eines: Er wollte den Wissensvorsprung aufholen, den das Abendland gegenüber der islamischen Welt vorweisen konnte und der Napoleon dazu befähigt hatte, 1799 bis nach Ägypten vorzudringen. Als Rifaa al-Tahtawi 1831 nach Kairo zurückkehrte, hatte er fast nur Gutes zu berichten. In Frankreich, so Tahtawi, herrsche Gerechtigkeit, nicht zuletzt, weil das Volk sich selbst regiere und sogar seine eigenen Gesetze schaffe. "Wären die Muslime nicht von Gottes Allmacht unterstützt", so schrieb Tahtawi in seinem Reisebericht "Die Überlegenheit der Franken. Ein Muslim entdeckt Europa", "sie wären ein Nichts im Verhältnis zur Macht, dem Besitz, dem Reichtum, dem brillanten Können der Europäer."

Doch dieser unbefangene Blick auf den Westen ging den Muslimen im Laufe des 19. Jahrhunderts verloren. Je weiter der europäische Kolonialismus vordrang, desto stärker begannen sie sich mit ihrem Glauben zu identifizieren – nicht in erster Linie aus religiösen Motiven, sondern um ein kulturelles Gegengewicht gegen die fremden Eindringlinge zu schaffen. Die politische Dominanz der Europäer ging einher mit einer geistigen Bevormundung: So schrieben die Kolonialherren den Muslimen diverse negative Eigenschaften zu und sprachen ihnen die Fähigkeit ab, am Fortschritt der Moderne Teil haben zu können. Der Islam sei eine Religion, die ihre Anhänger zu Passivität und Gottergebenheit erziehe, so die in Europa verbreiteten Stereotypen, und die außerdem rationales Denken nicht zulasse. Diese negative Stereotypisierung eignete sich hervorragend, um die Eroberung fremden Territoriums zu rechtfertigen.

Sie drängte die muslimischen Gesellschaften zwangsläufig in die Enge. Diese gerieten gegenüber den Europäern in einen Erklärungszwang, der bis heute fortwirkt. Im 19. Jahrhundert reagierten muslimische Intellektuelle auf diese Herausforderung in zweifacher Weise: Die einen, die so genannten Reformer, beharrten darauf, dass der Islam sehr wohl mit der Moderne vereinbar sei. Demokratie, Meinungsfreiheit, wissenschaftlicher Rationalismus, das Prinzip der Gleichheit aller Menschen – all diese Dinge seien im Islam verankert, man müsse nur die islamischen Quellen im Geiste der heutigen Zeit neu interpretieren.

Andere muslimische Intellektuelle, wie der Ägypter Rashid Rida (1865–1935), hingegen beharrten auf den Eigenheiten des Islam und verteidigten sie gegenüber den vermeintlich höher stehenden Werten der westlichen Zivilisation.

Generell lässt sich sagen, dass der Kolonialismus im 19. Jahrhundert eine Politisierung des Islam verursachte, die allerdings erst einige Jahre später zu voller Entfaltung kam. So entwickelte der Perser Jamal ad-Din al-Afghani (1838/39–1897) das Konzept des Panislamismus, nach dem sich alle Muslime unter einem Dach vereinigen sollten, um den Ansturm der Europäer abzuwehren. Diese Gemeinschaft müsse aber nicht notwendigerweise politisch sein, sondern es reiche eine "Einheit des Herzens". Gleichzeitig glaubte Afghani, dass die Muslime von Europa viel lernen könnten, um dessen wissenschaftliches und gesellschaftliches Niveau zu erreichen und so den politischen Einfluss des Westens in der islamischen Welt zurückzudrängen.