IzpB: Israel Cover

28.5.2018 | Von:
Johannes Becke

Israel und seine Beziehungen zu den Nachbarstaaten

Israel als klassischer Minderheiten-Staat

Israel ist einer der vielen Minderheitenstaaten, die nach dem Ende der Osmanischen Herrschaft im Vorderen Orient entstehen. Im Gegensatz zu Israel hatten die meisten
Minderheitenstaaten allerdings keine allzu lange Lebensdauer.Israel ist einer der vielen Minderheitenstaaten, die nach dem Ende der Osmanischen Herrschaft im Vorderen Orient entstehen. Im Gegensatz zu Israel hatten die meisten Minderheitenstaaten allerdings keine allzu lange Lebensdauer. (© mr-kartographie, Gotha 2018)

Jüdische Nationalisten waren nicht die einzigen, die nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs gegen Ende des Ersten Weltkriegs versuchten, inmitten des Konflikts zwischen europäischem Kolonialismus und arabischem Nationalismus einen eigenen Minderheiten-Staat zu begründen. Das gleiche Ziel verfolgten ethnische Minderheiten wie die Kurden und die Berber, die sich – trotz ihrer Zugehörigkeit zum Islam – in Sprache und Geschichte von den Staatsvölkern der Türken, Araber und Perser unterschieden. Daneben entstanden nationalistische Bewegungen unter religiösen Minderheiten wie den Maroniten, den Drusen und den Alawiten, die zwar Arabisch sprachen, aber ein eigenes Territorium kontrollierten und ebenfalls ein eigenes Geschichtsbewusstsein besaßen. Beide Formen von Minderheiten, ob ethnisch oder religiös, hatten sich häufig vor dem Zugriff der Zentralstaaten in die unwegsamen Gebirgszüge ihrer Regionen zurückgezogen: die Berber in das Atlasgebirge Marokkos, die Kurden in das Taurus-Gebirge zwischen der Türkei und dem Iran, die Maroniten und die Drusen in das Libanon-Gebirge.

Viele dieser Minderheiten verstanden das aufkommende Zeitalter der Nationalstaaten (genau wie die jüdischen Nationalisten) als Chance zur Befreiung und Selbstbestimmung. Doch nicht alle neugegründeten Minderheiten-Staaten waren von Dauer:
Im heutigen Nord-Marokko errichtete Mohammed Abd al-Karim zwischen 1921 und 1926 die Rif-Republik, einen autonomen Staat der Rif-Berber. Kurdische Nationalisten proklamierten 1927 eine kurzlebige kurdische Republik Ararat (auf dem Gebiet der heutigen Ost-Türkei) sowie eine nur unwesentlich dauerhaftere Republik Mahabad im Jahr 1946 (auf dem Gebiet des heutigen West-Iran). Die französische Kolonialherrschaft in Syrien und Libanon nach dem Ersten Weltkrieg wiederum zielte systematisch auf die Errichtung von Minderheiten-Staaten, um diese eng an sich zu binden: Während der Libanon als Fluchtstaat der Frankreich-treuen, katholischen Maroniten vorgesehen war, wurden zwischen 1920 und 1936 auch den religiösen Minderheiten der Drusen und Alawiten eigene Nationalstaaten zuerkannt, die erst relativ spät mit der Syrischen Republik zwangsvereinigt wurden.

Alle genannten Minderheiten-Staaten wurden entweder von europäischen Kolonialmächten (Rif-Republik) oder von arabischen, türkischen oder persischen Nationalisten (Drusen-Staat, Alawiten-Staat, Republik Ararat, Republik Mahabad) zerschlagen. Der Staat Israel kann daher als vorerst einziger klassischer Minderheiten-Staat des Vorderen Orients verstanden werden, also als ein Staat, in dem eine ethno-religiöse und bis dahin staatenlose Minderheit sich als Mehrheitsbevölkerung eines Nationalstaats organisiert.

Vorbild für weitere Staatsbildungen

Als Minderheiten-Staat besitzt Israel eine gewisse Vorbildfunktion für andere nationalistische Bewegungen der Region, derzeit insbesondere für die Kurden: Das arabische Aufrüsten und die Propaganda gegen das zionistische Projekt richteten sich daher auch immer gegen mögliche Nachahmer, also separatistische Bewegungen von Minderheiten auf dem eigenen Territorium.

Häufig fand die Auseinandersetzung zwischen jüdischem und arabischem Nationalismus allerdings nicht zwischen "Mehrheit" und "Minderheit" statt. Vielmehr waren es hier Vertreter unterschiedlicher Minderheiten, die sich uneins darüber waren, ob ihre Gemeinschaft besser durch kulturelle Assimilation oder durch einen eigenen Nationalstaat geschützt werden könnte. Der arabische Nationalismus zielte auf die politische Vereinigung aller Arabischsprachigen der Region, unabhängig von ihrem religiösen Hintergrund. Gerade für religiöse Minderheiten, die als Nicht-Muslime im Osmanischen Reich nur Untertanen zweiter Klasse gewesen waren, gewann das neuartige Selbstverständnis als "Araber" so an Bedeutung: Herausragende Vertreter des arabischen Nationalismus wie Butrus al-Bustani, George Antonius, Michel Aflaq, Constantin Zureik bis hin zu George Habasch und Edward Said waren als arabischsprachige Christen mit den Schwierigkeiten von Minderheiten wohlvertraut. Ihre scharfe Absage an die Errichtung ethnischer oder religiöser Kleinstaaten war daher auch ein Ausdruck der Hoffnung, ein säkularer Staat möge seine Minderheiten effektiver schützen als der Rückzug in eine bewaffnete Enklave.

Über lange Zeit konnten beide Staatsmodelle, also der arabisch-nationalistische und der jüdisch-nationalistische Staat, als Erfolgsgeschichten bezeichnet werden: Israel ermöglichte einer ethno-religiösen Minderheit das Leben als selbstbestimmte Mehrheit im eigenen Nationalstaat; Staaten wie Syrien oder Irak ermöglichten ethno-religiösen Minderheiten entweder relative Gleichberechtigung (etwa den chaldäisch-assyrischen Christen im Irak) oder gar die Möglichkeit, die Kontrolle über den Staats- und Militärapparat zu erlangen (wie den Alawiten in Syrien).

Mit dem Zerfallen arabisch-nationalistischer Flächenstaaten im Rahmen des sogenannten Arabischen Frühlings rückt allerdings die Minderheiten-Frage des Vorderen Orients erneut in den Mittelpunkt der regionalen Staatenordnung. Gerade verstreut lebende und unbewaffnete religiöse Minderheiten (wie beispielsweise Christen und Jesiden) sind häufig zur Auswanderung in den Westen gezwungen, um der religiös motivierten Gewalt in Bürgerkriegen zu entgehen. Für Minderheiten mit einem einheitlichen Siedlungsgebiet und einem robusten Militär (wie die Kurden) besteht dagegen die Chance auf Autonomie bis hin zur Eigenstaatlichkeit.