IzpB: Israel Cover

28.5.2018 | Von:
Johannes Becke

Israel und seine Beziehungen zu den Nachbarstaaten

Regionale Allianzsysteme

Im Gegensatz zu Europa besitzt der Vordere Orient keine umfassende Regionalorganisation wie die Europäische Union. Es gibt nur einen lockeren Verbund zwischen den arabischen Staaten, die Arabische Liga, in der jedoch weder Israel, noch die Türkei oder der Iran Mitglied sind.

Auch wenn die Arabische Liga im Gegensatz zur Europäischen Union nie in der Lage war, einen einheitlichen Markt zu errichten oder auch nur grundlegende Konflikte zwischen ihren Mitgliedern zu lösen, so diente die Organisation zumindest zur Koordination der arabischen Politik gegenüber dem Staat Israel. So wurde im Jahr 1964 während ihres ersten gemeinsamen Gipfeltreffens beispielsweise die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) gegründet. Als nicht-arabischer Staat und Gegner im Krieg um Britisch-Palästina (1948–1949) war Israel ausgeschlossen von der ägyptisch dominierten Arabischen Liga – als nicht-muslimischer Staat und Gegner im Sechstagekrieg (1967) war Israel zudem ausgeschlossen von der saudisch dominierten Organisation für die Islamische Konferenz (gegründet 1969).

Seit seiner Gründung war der Staat Israel daher auf eine kluge Allianzbildung angewiesen, um die eigene regionale Isolation zu durchbrechen und dem umfassenden arabischen Boykott zu trotzen. Um jede Normalisierung mit Israel zu vermeiden, verweigerten die arabischen Staaten die Aufnahme von Beziehungen in den Bereichen von Politik, Wirtschaft, Kultur und Tourismus. So ist es bis heute Israelis verboten, in die meisten arabischen Staaten einzureisen – selbst Nicht-Israelis, die nur einen israelischen Stempel in ihrem Pass haben, wird häufig die Einreise in arabische Länder verweigert.

Bei seiner Allianzbildung war Israel auf die Unterstützung auswärtiger Großmächte angewiesen: Konnte der Sieg im Sechstagekrieg (dritter Nahostkrieg, 1967) noch mit Kampfflugzeugen errungen werden, die Frankreich ebenso zur Verfügung gestellt hatte wie umfangreiche Aufbauhilfen für das israelische Nuklearprogramm, so wurde das siegreiche Israel zunehmend ein attraktiver Bündnispartner für die Vereinigten Staaten von Amerika im Rahmen des Ost-West-Konflikts mit der Sowjetunion. US-amerikanische Unterstützungsleistungen für den Staat Israel, denen die Sowjetunion Militärhilfen für Ägypten und Syrien entgegensetzte, trugen so zu einer nachhaltigen Aufrüstung und Zuspitzung des arabisch-israelischen Konfliktes bei; er war nun nicht mehr nur eine Auseinandersetzung zwischen dem jüdischen und dem arabischen Nationalismus, sondern ein lokaler Stellvertreterkonflikt des Kalten Krieges.

Neben der Unterstützung auswärtiger Mächte benötigte der Staat Israel aber auch Verbündete innerhalb der Region des Vorderen Orients. Zwei außenpolitische Konzepte prägen dabei bis heute die israelische Geostrategie – die Allianz der Peripherie und die Allianz der Minderheiten. Die Allianz der Peripherie zielte auf enge Verbindungen zwischen dem Staat Israel und anderen nicht-arabischen Staaten der erweiterten Region – dazu zählen die Türkei, der Iran (vor der islamistischen Machtergreifung 1979) sowie das christlich geprägte Äthiopien (vor dem Militärputsch 1974). Sowohl die Türkei als auch der Iran erkannten 1950 den Staat Israel an; in der Folge konnten in beiden Fällen enge wirtschaftliche und militärische Verbindungen geknüpft werden, welche erst durch die "Islamische Revolution" im Iran (1979) und den Aufstieg der islamistischen AKP (seit 2002) schwer belastet oder sogar vollständig unterbrochen wurden.

Die Allianz der Minderheiten zielte dagegen auf Bündnisse mit ethnischen und ethno-religiösen Bewegungen, die nach israelischem Vorbild Minderheiten-Staaten errichten wollten – beispielsweise mit den Maroniten im Libanon, den Kurden im Irak und christlichen Sezessionisten im heutigen Südsudan. Ähnlich wie die Allianz der Peripherie war auch die Allianz der Minderheiten nur eingeschränkt erfolgreich: Das israelisch-maronitische Bündnis scheiterte mit der durch Syrien veranlassten Ermordung des pro-israelischen libanesischen Staatspräsidenten Bashir Gemayel 1982. Sein Tod war das erste Vorzeichen der umfassenden maronitischen Niederlage im libanesischen Bürgerkrieg (1975–1990). Das israelisch-kurdische Bündnis besteht dagegen fort – enge (wenngleich inoffizielle) politische und wirtschaftliche Beziehungen gibt es insbesondere zu den Kurden im Nordirak.