IzpB: Israel Cover

28.5.2018 | Von:
Gisela Dachs

Schmelztiegel oder Mosaik? Israelische Gesellschaft

Menschen, die aus den verschiedensten Weltregionen nach Israel einwandern und auf die einheimische Bevölkerung Palästinas stoßen, machen Integration in das Gemeinwesen zugleich zur Herausforderung und zu einem vordringlichen staatlichen Anliegen. Eine wichtige Kollektiverfahrung ist dabei für Männer wie für Frauen der Dienst in der Armee.

Passanten bevölkern die moderne Innenstadt Jerusalems im Mai 2017Passanten bevölkern die moderne Innenstadt Jerusalems im Mai 2017. (© Reuters)

Gesellschaftliche Visionen, Werte und Ideale

Schon Jahrzehnte vor der Schoah hielt der Visionär des Staates, Theodor Herzl, die Normalisierung jüdischer Existenz für unumgänglich. Israel sollte auf Verfolgung und Minderheitendasein in aller Welt eine Antwort sein. Als Herzl Ende des 19. Jahrhunderts sein berühmtes Buch "Der Judenstaat" verfasste, schwebte ihm ein Modell vor, das ein Gegenentwurf sowohl zur assimilierten Lebensweise der westeuropäischen Juden als auch zur stark von der Religion geprägten, traditionellen Lebensform der osteuropäischen Juden sein sollte. Zu den Grundprinzipen dieses neuen – israelischen – Kollektivs gehörte die Abkehr von einer von Verfolgung geprägten Diaspora-Vergangenheit.

Integrationserfolge
Konzipiert als sicherer Hafen und Sehnsuchtsort für Juden und ihre Nachkommen aus aller Welt war der Staat Israel von Anbeginn herausgefordert, Menschen aus den unterschiedlichsten Herkunftsländern aufzunehmen und zu integrieren. In vielfacher Hinsicht ist das auch auf erstaunliche Weise gelungen. In den ersten Jahren nach der Staatsgründung – zwischen Mai 1948 und Ende 1951 – zog es fast 700.000 Juden nach Israel. Das waren mehr Menschen, als die gesamte jüdische Bevölkerung am 14. Mai 1948 gezählt hatte. Ende 1968 waren es bereits 2.841.000. Knapp neun Millionen werden es 2018 sein. Doch hat der vielbeschworene Schmelztiegel in Wirklichkeit nie existiert.

Zu den verschiedenen Immigrantenwelten kommen heute noch andere Gesellschaftsgefüge hinzu. Vielfältige Bruchlinien verlaufen zwischen säkularen, religiösen und ultraorthodoxen Israelis, zwischen Linken und Rechten, Armen und Reichen, Zentrum und Peripherie, Alteingesessenen und Neuankömmlingen. Schließlich gibt es noch die Kluft zwischen der jüdischen Mehrheit und einer nicht-jüdischen Minderheit: Zu den angestammten arabischen Israelis kommen neuerdings auch Arbeitsmigranten aus Asien und Flüchtlinge aus Afrika hinzu.

Es scheint deshalb angebrachter, von einer Mosaikgesellschaft zu reden, deren sozialer Zusammenhalt permanent herausgefordert wird. Spannungen gibt es heute verstärkt auch zwischen liberalen Israelis, die sich für einen demokratischeren Staat einsetzen, und jenen, die sich mit den jüngsten, in eine andere Richtung weisenden Entwicklungen zufriedengeben. Es herrscht letztlich kein Konsens darüber, was Zionismus bedeutet oder in seinem Namen erlaubt oder erforderlich wäre. Nirgendwo sonst mag es so viele Staatsbürgerinnen und Staatsbürger geben, die sich permanent über die Verhältnisse in ihrem Land aufregen und engagiert darüber streiten, wie die Dinge anders laufen könnten oder sollten.

Politisches Engagement
Dabei zeigt sich generell ein hoher Grad an aktiver Beteiligung, die zugleich Zugehörigkeit signalisiert. Sie gilt einem nationalen Projekt, das immer noch ein Unterfangen "in der Mache" ist, ein ongoing project, das sich durch viel Dynamik auszeichnet. Nach dem jüngsten Economist Intelligence Unit’s Annual Democracy Index, der 167 Länder untersucht, die als moderne Demokratien gelten, rangiert Israel insgesamt nur an 30. Stelle, allerdings gehört es zu den vier Top-Ländern (neben Norwegen, Island und Neuseeland), wenn es um "politische Partizipation" geht. Das schließt Faktoren wie Wahlbeteiligung mit ein, ebenso wie die Teilnahme und Repräsentation von Frauen und Minderheiten, öffentliches Politikengagement, Demonstrationsfreiheit undLesekompetenz von Erwachsenen.

Ideale der Pionierzeit
Kollektive Werte werden in Israel immer noch großgeschrieben. Es brauchte Jahrzehnte, bis die verschiedenen Einwandererkulturen mit ihren Traditionen Platz im nationalen Narrativ bekamen, das der israelischen Gesellschaft gemeinschaftsstärkenden Sinn und Orientierung vermitteln wollte. Erst in den 1990er-Jahren begann man damit, sich den eigenen Familiengeschichten in der Diaspora zuzuwenden, für die bis dahin nur spärlich Platz in der Öffentlichkeit war. Im Rahmen des Unterrichts beschäftigen sich Schülerinnen und Schüler seither ein gesamtes Jahr lang mit ihrer Herkunft. Sie befragen die Großeltern und Urgroßeltern nach ihren Kindheitserfahrungen – wo immer sie herkommen.

Die zionistischen Pioniere vor der Staatsgründung stammten vor allem aus Russland und Osteuropa; sie und ihre Familien bilden bis heute eine Art israelische "Aristokratie". Plakate, die damals im Jischuv gedruckt wurden, zeigen einen jungen Mann und eine junge Frau mit blonden Haaren und slawischen Gesichtszügen, in Arbeitskluft und mit geschulterter Hacke. Die im Land geborenen Nachkommen der jüdischen Einwanderer hatten sogar eine Kollektivbezeichnung, die bis heute aktuell ist: Zabar (oder Sabre) wurden sie genannt, das ist das hebräische Wort für "Kaktusfeige". Diese Frucht, die in fast allen Ländern rund ums Mittelmeer angebaut wird, ist außen stachelig, ihr Inneres aber süß und einzigartig. So entstand eine ganz neue jüdische Gemeinschaft mit auf den Kopf gestellten Normen. Ganz oben in der sozialen Hierarchie standen fortan die Bauern und Soldaten.