IzpB: Israel Cover

28.5.2018 | Von:
Noa Lavie
Anat Feinberg
Dominik Peters

Medien und Kultur

ANAT FEINBERG

Literatur

Hebräisch? Jiddisch? Gar Arabisch und vielleicht Russisch? Es mag zunächst merkwürdig anmuten, doch die Bezeichnung "Israelische Literatur" umfasst Prosawerke, Gedichte und Bühnenstücke in diesen und weiteren Sprachen. Nicht minder faszinierend ist das Spektrum der Autoren mit ihren höchst unterschiedlichen biographischen Hintergründen: Einige sind vor der Staatsgründung geboren (Amos Oz, Abraham B. Jehoschua, Joshua Sobol), andere im souveränen Israel (David Grossman, Zeruya Shalev, Meir Shalev); einige stammen aus den GUS-Staaten, aber schreiben ihre Werke auf Hebräisch (Alona Kimchi, Marina Grosslerner, Alex Epstein), andere wiederum halten an ihrer russischen Muttersprache fest (Dina Rubina). Neben diesen Schriftstellern jüdischer Herkunft gibt es israelische Araber – manche definieren sich ausdrücklich als Palästinenser – die ihre literarischen Werke auf Arabisch (Emil Chabibi) oder auf Hebräisch (Anton Shammas, Sayed Kashua) verfassen.

Renaissance des Hebräischen und die Figur des "Neuen Juden"
Heute kaum vorstellbar: Noch vor genau 100 Jahren lebten die meisten Leser und Verleger der hebräischen Literatur ebenso wie die in dieser Sprache schreibenden Autoren in Ost- und Mitteleuropa. Dass die hebräische Sprache im jüdischen Staat eine einzigartige Renaissance erlebte, ist zweifellos einer der größten und eindeutigsten Erfolge der zionistischen Bewegung. Die Sprache, die jahrhundertlang als Sefat kodesch (Heilige Sprache) hauptsächlich im religiösen Ritus gebraucht wurde, ist in Israel zu einer lebenden Sprache, zu einem Kommunikationsmittel im Alltag wie auch zu einer den Zeitgeist widerspiegelnden Sprache der Literatur geworden. Aus einer Literatur fernab eines nationalen Territoriums, die voller Sehnsucht und Hoffnung das Land Zion idealisierte, wurde die Literatur einer Nation – eine Literatur, die die Wiedergeburt des jüdischen Volkes in der altneuen Heimat begleitete, gewiss teilweise auch überhöhte, sich aber auch mutig und oft vorausahnend mit den Problemen des Landes auseinandersetzte.

"Elik wurde aus dem Meer geboren" – dieser Einleitungssatz in Moshe Shamirs Roman "Mit eigenen Händen" (1951) formuliert die Quintessenz des neuen, mit Mythen beladenen Helden, der anspielungsreich aus dem Meer emporstieg und von Wellen getragen direkt in die erez-israelische Welt eintrat. Die Figur des "neuen Juden", des im Lande geborenen Israeli, dominierte die erste Phase der Literaturgeschichte des jüdischen Staates. Die mediterrane Landschaft der Heimat bildet den Hintergrund für das Werden und Wirken des Sabra-Helden, der das normale Leben eines freien Volkes im eigenen Land verkörpert. Der Israeli, der aus der Heimaterde Brot gewinnt und der Taten über Worte stellt, sollte eine Antwort auf das stereotype Bild sein, das man sich – in und außerhalb der Literatur – damals gemeinhin vom Juden in der Diaspora machte. Doch in der gegenwärtigen Literatur ist der heldenhafte Typus kaum noch zu finden; auch Naturverklärung und Kibbuz-Landschaften sind weitgehend verschwunden.

Thema Nahostkonflikt
In politischen Fragen waren es gerade die Schriftsteller, nicht die Politiker, denen bereits kurz nach der Staatsgründung die ersten Zweifel kamen. Weder das zionistische Projekt noch die israelische Politik konnten eine Lösung für das Zusammenleben mit den Arabern anbieten. Die Kriege hatte man zwar gewonnen, den Konflikt mit den Palästinensern aber nicht gelöst. Früh fand das moralische Dilemma im Nahostkonflikt Ausdruck in den meisterhaften Kurzgeschichten von S. Yizhar "Hirbet Hizaa" und "Der Gefangene" (1948). In seinem autobiografischen Roman "1948" (2010) erzählt Yoram Kaniuk die Geschichte eines jungen Israeli, der voller Heldenmut im Unabhängigkeitskrieg kämpft und Jahre später über Leid, Schuld und Sinnlosigkeit der Kriege reflektiert. Immer wieder setzten sich die Autoren – längst vor den "Neuen Historikern" – mit der zionistischen Geschichtsschreibung bzw. mit idealisierenden Narrativen auseinander und hinterfragten dabei die identitätsstiftenden Gründungsmythen des Staates. In jüngerer Zeit sind vermehrt Zukunftsromane erschienen – Dystopien, die ein düsteres Bild der israelischen Gesellschaft im Schatten von politischen Krisen, Terror- und Cyberspace-Katastrophen zeichnen (Asaf Gavron, Yali Sobol, Yigal Sarna).

Der mitunter geäußerte Vorwurf, israelische Schriftsteller zögen sich ins Private zurück und vermieden dadurch die Beschäftigung mit den "großen" politisch-gesellschaftlichen Themen, ist unzutreffend. Das Gegenteil ist der Fall. Neben Werken angesehener Autoren, in denen die persönliche mit der kollektiven Geschichte verschränkt wird – so beispielsweise Amos Oz’ "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" (2002) oder David Grossmans Meisterwerk "Eine Frau flieht vor einer Nachricht" (2008) – gibt es eine beachtliche belletristische Produktion weiterer Autoren, die von der intensiven Beschäftigung mit brisanten Themen zeugt.

Frauen und Geschlechterverhältnisse
Kaum mehr zu überschauen ist seit dem Anfang der 1990er-Jahre außerdem die Zahl von Romanen aus der Feder israelischer Schriftstellerinnen (Zeruya Shalev, Hila Blum). Deren Blick richtet sich häufig auf das Leid, die Leidenschaften und Ängste der Frau als autonomem Subjekt. Diese Literatur stellt eine späte Antwort auf die lange Zeit herrschende Ausgrenzung der Frau im männlich dominierten nationalen Diskurs und in der Belletristik dar. Beschrieben werden Ehe und Mutterschaft, sexuelle Erfahrungen und weibliche Intimitäten. Im Zeichen wachsender Aufgeschlossenheit und Toleranz werden zudem lesbische Beziehungen (Klil Zisapel) und die Erfahrungen männlicher Homosexueller beschrieben (Ilan Sheinfeld, Moshe Sakal).

Auseinandersetzung mit der Orthodoxie
Bemerkenswert sind ebenfalls eine Reihe von Romanen, die das orthodoxe Milieu mit seinen strengen Verhaltensregeln und Sitten beleuchten. Der Drang, aus diesem als hermetisch empfundenen Leben auszubrechen, sowie die Suche nach einer jüdischen Identität jenseits einer religiös bestimmten Tradition sind Themen, die beispielsweise in der Erzählprosa von Autoren wie Mira Magen, Haim Be'er und Dov Elbaum eine wichtige Rolle spielen.

In den vergangenen Jahren sind auch die unterschiedlichen ethnischen Gruppen, aus denen die israelische Gesellschaft besteht, immer stärker in den Mittelpunkt der Literatur gerückt. Getragen vom Wunsch nach kultureller Erinnerung unternehmen die Kinder und Enkelkinder der Einwanderer, insbesondere diejenigen orientalischer Herkunft (Orly Castel-Bloom, Almog Behar, Eli Eliyahu), den Versuch, die Geschichte ihrer Familie und das Leben der Vorfahren in der Diaspora aufzuarbeiten, nachdem dieses Erbe in Israel lange Zeit unter dem Druck eines monolithischen, eurozentrisch orientierten Identitätsmodells verschwiegen wurde. 2008 erschien "Asterei" von Omri Tegamlak Avera, der allererste Roman, der die Einwanderung eines äthiopischen Israelis schildert. Im In- und Ausland erfolgreich ist Etgar Keret, der in knappen, minimalistischen Texten, von Comic-Kultur und Kurzfilmästhetik inspiriert, diverse Sprachmodi aufgreift und spielerisch verarbeitet.

Das Deutschland-Motiv
Neben Werken der "Zweiten Generation", die das Schweigen über den Holocaust zu durchbrechen und sich literarisch dem Unbeschreiblichen zu nähern versuchen (Savyon Liebrecht, Nava Semel), gewinnt seit Anfang des Millenniums das Deutschland-Motiv an Bedeutung. Nach Yoram Kaniuks "Der letzte Berliner" (2002) und Fania Oz-Salzbergers Studie "Israelis in Berlin" (2001) erschienen zahlreiche Romane, die Erinnerungen an eine untergegangene Welt beschwören, dabei aber gleichzeitig auch das heutige Deutschland, insbesondere Berlin, erkunden, so etwa Haim Be'ers "Bebelplatz" (2007) oder Shifra Horns "Der Tanz der Skorpione" (2012).