IzpB: Israel Cover

28.5.2018 | Von:
Guy Katz

Wirtschaftliche Grundzüge und Entwicklungen

Eine "Gastarbeiterpolitik", ähnlich wie die Bundesrepublik Deutschland sie in den 1960er-Jahren betrieben hatte, konnte Israel keine langfristige Lösung bieten. Zudem ist die dauerhafte Zuwanderung von Personen, die nicht jüdisch sind oder keine familiären Bindungen zu Juden bzw. Israelis vorweisen können, in Israel gesetzlich schwierig, sodass zwei Drittel dieser Arbeitskräfte "illegal", so der hebräische Ausdruck, weiter im Land arbeiten. Schließlich führte die Zuwanderung von Arbeitskräften dazu, den ökonomischen Abstand zwischen Israelis und Palästinensern zu verschärfen, was die wirtschaftlich notwendige Komponente eines Friedensprozesses untergräbt.

Neben dieser ökonomischen Asymmetrie erregen der Ausbau der israelischen Siedlungen im Westjordanland und israelische Firmen, die sich dort niederlassen, zunehmend internationale Kritik. Diese führt mitunter zu einer Kennzeichnung ihrer Produkte und zu generellen Boykottaufrufen, die sich nicht nur auf israelische Produkte aus dem Westjordanland beschränken.

Bekannt dafür ist die "Boycott, Divestment and Sanctions"-Bewegung (BDS), eine Gruppierung dutzender palästinensischer Organisationen, die weltweit an Universitäten, in Parlamenten und vor allem in sozialen Netzwerken zum generellen Boykott der israelischen Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft aufruft. Obwohl BDS den Rückzug einiger internationaler Firmen aus dem Westjordanland, teilweise sogar komplett aus Israel, als eigene Erfolge feiert, sind diese Maßnahmen, bis auf vereinzelte Ausnahmen, nicht eindeutig auf die Aktionen dieser Bewegung zurückzuführen. Problematisch ist, dass über BDS allerdings auch israelische und palästinensische Wissenseliten beschädigt werden, die eine friedliche Koexistenz anstreben.

Quellentext

Lebensmittel Nr. 1

[…] Im Wesentlichen stützt sich Israels blaue Revolution auf die drei Säulen Meerwasserentsalzung, Abwasseraufbereitung und Technikeinsatz bei der landwirtschaftlichen Bewässerung sowie der Vermeidung von Wasserverlusten. Zentrales Element ist die Meerwasserentsalzung, die Israel in seiner Trinkwasserversorgung weniger abhängig von Regenfällen und unterirdischen Wasservorkommen macht. Heute werden rund zwei Drittel des gesamten Trinkwassers durch Entsalzung gewonnen. Zwischen 60 und 90 Minuten dauert es, bis das gefilterte Wasser aus dem Mittelmeer in entsprechender Qualität als Trinkwasser entnommen werden kann – in urbanen Regionen werden so 80 Prozent der Haushalte versorgt. […]

Zudem setzt Israel bereits seit Mitte der neunziger Jahre auf die Wiederaufbereitung von Abwasser aus den Haushalten, das vor allem als so genanntes Grauwasser in der Landwirtschaft zum Einsatz kommt. Aus diesem Verfahren stammen etwa 70 Prozent des im Agrarsektor verwendeten Wassers – das qualitativ nicht den hohen Trinkwasserstandards genügen muss. Israel recycelt über 80 Prozent seiner Haushaltsabwässer und ist damit Spitzenreiter im weltweiten Vergleich […].

Ein weiteres Schlüsselelement der israelischen Wasserversorgung war und ist die Vermeidung von Wasserverlusten, vor allem von Lecks in den Leitungen. In vielen Ländern sind hierbei Verluste von 35 bis 50 Prozent keine Seltenheit. In Israel dagegen werden seit einigen Jahren Sensoren an den Hydranten in größeren Städten installiert, die nachts, wenn es ansonsten vergleichsweise ruhig ist, Wasserschäden und kleine Risse in Wasserleitungen anhand von Geräuschen zuverlässig identifizieren und bis auf einen Meter genau melden. Mit diesem Verfahren hat Israel seine Leitungsverluste auf 10 Prozent gesenkt, in einigen Städten gar auf 7 bis 8 Prozent. […]

Doch diese bemerkenswerte Entwicklung hat auch ihre Schattenseiten; […] etwa der immense Energiebedarf der Entsalzungsanlagen und die damit verbundenen CO2-Emissionen. […]

Hinzu kommt, dass infolge der steigenden Wasserverfügbarkeit strukturelle Grundprobleme oder notwendige Reformen im Wassersektor in den Hintergrund rücken. In Wüsten- und Halbwüstengebieten werden weiterhin sehr wasserintensives Obst und Gemüse, vorwiegend für den Export, angebaut, etwa Zitrusfrüchte, Tomaten und Gurken. Ein höchst unvernünftiges und aus Wasserperspektive unrentables Geschäft: Während die Landwirtschaft über 60 Prozent der Wasserressourcen verbraucht, beläuft sich ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt auf gerade einmal 2 Prozent. […]

Besonders problematisch bleibt auch aufgrund von Wasserfragen das Verhältnis zu Palästina. Im Zentrum der Kritik steht die extrem ungleiche Verteilung und Nutzung der gemeinsamen Wasserressourcen. […] [D]ie palästinensischen Gebiete [profitieren] bislang nicht von der israelischen Erfolgsgeschichte in Sachen Wasserversorgung […]. Israel macht dafür das schlechte Wassermanagement der dortigen Behörden verantwortlich. […] Die Palästinensische Autonomiebehörde führt dagegen an, dass sie gar nicht in die Lage versetzt werde, eine adäquate Wasserversorgung aufzubauen: Infolge der seit 1967 bestehenden Besetzung des Westjordanlands und der seither verhängten Militärgesetzgebung müssten Maßnahmen wie die Bohrung neuer Brunnen oder die Einfuhr von schwerem Gerät und Technologie zur Gewinnung von Trinkwasser genehmigt werden, was Israel in der Regel verweigere. […]

Allen Streitigkeiten zum Trotz hat Israel eine lange Kooperationshistorie im Wassersektor mit seinen Nachbarn vorzuweisen. In den vergangenen 50 Jahren hat man eine Reihe von teils geheimen Vereinbarungen für ein gemeinsames Wassermanagement abgeschlossen. […]

Tobias von Lossow, Blaues Wunder, in: IP Länderporträt Nr. 2/2016, Israel, S. 52 ff.