IzpB: Israel Cover

28.5.2018 | Von:
Stephan Stetter
Jenny Hestermann

Die internationalen Beziehungen Israels

Kontakte auf zivilgesellschaftlicher Ebene: Bereits im knappen Jahrzehnt zwischen 1957 und 1965 hatten sich auf zivilgesellschaftlicher Ebene, im gewerkschaftlichen, kirchlichen und wissenschaftlichen Bereich wechselseitiger Austausch und Kooperation entwickelt. Das persönliche Engagement vereinzelter Akteure auf beiden Seiten hatte solchermaßen die offizielle Politik erst möglich gemacht. Nach 1965 konnten auch diese zivilgesellschaftlichen Kontakte weiter ausgebaut werden.

Kulturelle Beziehungen blieben hingegen schwierig, da die deutsche Sprache in Theaterstücken und Literatur bei der noch lebenden Generation von Verfolgten des NS-Regimes auf heftige Ablehnung stieß. So gab es etwa Proteste gegen Günter Grass und eine durch den deutschen Botschafter organisierte "Kulturwoche" im Jahr 1971. Erst in den 1980er-Jahren änderte sich die gesellschaftliche Haltung allmählich. Wissenschaftliche Kooperationen hingegen – insbesondere im naturwissenschaftlichen Bereich und mit dem für seine naturwissenschaftliche Forschung und Ausbildung renommierten Weizmann-Institut in Rechovot, Israel – waren und sind seit Mitte der 1960er-Jahre sehr ausgeprägt.

"Normale Beziehungen mit besonderem Charakter"

Acht Jahre nach Aufnahme diplomatischer Beziehungen reiste Willy Brandt als erster deutscher Bundeskanzler im Juni 1973 zum offiziellen Staatsbesuch nach Israel. Damit erklang auch zum ersten Mal in Israel die deutsche Nationalhymne und beim Empfang am Flughafen wurde eine deutsche Fahne gehisst. Direkt nach seiner Ankunft in Israel legte Brandt als Geste der Trauer und Versöhnung einen Kranz in Yad Vashem nieder. Obwohl er sich in Jerusalem, knapp drei Jahre nach seinem international beachteten Kniefall in Warschau, in seinen Reden historisch sensibel zeigte, suchte er gleichzeitig die "Normalisierung" der deutsch-israelischen Beziehungen weiter voran zu bringen, indem er die Formel "normale Beziehungen mit besonderem Charakter" prägte.

In Israel stieß diese "Normalisierung" als Abkehr von der Vergangenheit auf Kritik. Der Vorwurf, eine von historischer Schuld bestimmte Außenpolitik durch Interessenspolitik ersetzen zu wollen, erhielt zusätzliche Nahrung, als die arabischen Länder im Zuge des Jom-Kippur-Krieges gegen Israel im Oktober 1973 mit einem Stopp ihrer Erdöllieferungen Druck auf die westlichen Länder ausübten und die Bundesrepublik diesem Druck erkennbar nachgab.

Der Verlauf der deutsch-israelischen Beziehungen war in den 1960er- und 1970er-Jahren von den Mächtekonstellationen im Kalten Krieg und den bundesdeutschen Bündnis- und Wirtschaftsinteressen geprägt. So spielten die deutschen Waffenlieferungen an arabische Staaten bereits seit 1965 eine Rolle in den andauernden Verhandlungen 1982 kam es zwischen Bundeskanzler Helmut Schmidt und Israels Ministerpräsident Menachem Begin zum offenen Konflikt über Panzerlieferungen nach Saudi-Arabien. Der Mauerfall im November 1989 und die deutsche Wiedervereinigung im Oktober 1990 wurden in den israelischen Medien und von Überlebendenverbänden äußerst skeptisch beobachtet. Die aufbrechenden nationalistischen Strömungen in Deutschland in den frühen 1990er-Jahren schienen die Sorgen nach einer "Wiederkehr der Vergangenheit" zunächst zu bestätigen.

Verlässliche Partnerschaft mit kritischen Tönen: Recht schnell zeigte sich jedoch, dass Deutschland die Rolle als verlässlichster Partner Israels in Europa auch weiterhin einnahm. Die Staatspräsidenten reisten zu gegenseitigen Besuchen, und die Städtepartnerschaften sowie der Austausch durch Bildungs- und Jugendreisen wurden weiter ausgebaut. Die politische Bedeutung des deutsch-israelischen Verhältnisses hob Angela Merkel in einer Rede vor der Knesset im Jahre 2008 hervor, als sie erklärte, die Sicherheit Israels sei Teil der deutschen Staatsräson und niemals verhandelbar. Diese Rede stieß in Israel auf ein positives Echo. Seit jenem Jahr gibt es auch regelmäßige Regierungskonsultationen der beiden Staaten und weiterhin enge wirtschaftliche, wissenschaftliche und militärische Beziehungen.

Auf der persönlichen und privaten Ebene bleiben die Beziehungen ambivalent. Während Israelis darin lange zurückhaltend blieben, hat sich in den vergangenen Jahren das Bild, das sie sich von Deutschland machen, deutlich verbessert. In Berlin gibt es seit ein paar Jahren eine stetig wachsende Gemeinde zumeist junger Israelis. Sie leben zum Großteil zwar nur auf begrenzte Zeit in der Stadt, doch sorgt ihr medienwirksames Auftreten in der israelischen Öffentlichkeit immer wieder für Aufsehen, da ihnen von einigen Regierungsvertretern Verrat an ihrem eigenen Land vorgeworfen wurde.

Während in Deutschland vor allem in den 1960er- und 1970er-Jahren eine große Begeisterung für den jüdischen Staat herrschte, macht sich in den vergangenen Jahrzehnten eine immer stärkere Kritik breit. Sie bezieht sich meist auf das Zusammenbrechen des Friedensprozesses und die fortdauernde Besatzung des Westjordanlandes, ist mitunter allerdings auch nicht frei von antisemitischen Vorurteilen.

Gemessen am historischen Hintergrund ist das hohe Maß an engen wechselseitigen Verbindungen in der jüngeren Generation bemerkenswert. Dabei bleibt das Gedenken an die Schoah ein essenzieller Bestandteil deutsch-israelischer Beziehungen.

Quellentext

Israelis in Deutschland

Seit 1990 wandern immer mehr Israelis in Deutschland ein, in Israel wird das mit Sorge gesehen, in der deutschen Gesellschaft eher als ein hoffnungsvolles Zeichen. Vor allem Berlin scheint gerade unter jungen Israelis ein Sehnsuchtsort zu sein. Deren Zahl wird jedoch überschätzt, wie Dani Kranz von der Bergischen Universität Wuppertal festgestellt hat, die dort ein Forschungsprojekt zur israelischen Emigration nach Deutschland leitet.

Berliner Zeitung: Wenn man in Berlin lebt, hat man das Gefühl, dass die Zahl der Einwanderer aus Israel in den vergangenen Jahren gestiegen ist. Deckt sich das mit Ihren Erkenntnissen?
Dani Kranz: Ja, sie ist gestiegen, aber proportional kaum mehr als die Einwanderung aus anderen Ländern. Der Anteil der Israelis wird immer hemmungslos überschätzt. Es gibt keine 30.000 Israelis in Berlin, es waren 2014 knapp 4000 und 2015 genau 4398, dann kommen noch 2532 mit doppelter Staatsbürgerschaft dazu, das heißt es leben weniger als 7000 Israelis permanent in Berlin.
BZ: Und deutschlandweit?
Kranz: Da waren es zum Stichtag 31. Dezember 2015 genau 12835 israelische Staatsbürger. Wenn man dann noch die Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft oder israelischem Migrationshintergrund dazu nimmt kommt man auf etwa 16.000, zusätzlich schätzen wir, dass noch 4000 mehr Menschen unter dem Radar fliegen, allerdings sind es nicht mehr als 20.000 Menschen, die im näheren oder weiteren Sinne Israelis sind. […]
BZ: Können Sie die Auswanderer näher beschreiben?
Kranz: Es sind in der Mehrheit – etwa 70 Prozent – Aschkenasim, also europäische Israelis, mehr als 80 Prozent sind nach 1974 geboren, mehr als 50 Prozent sind ledig, 54 Prozent der Verheirateten haben deutsche Ehepartner, mehr als 60 Prozent haben einen Bachelor oder einen höheren akademischen Abschluss, gelten also als hoch qualifiziert. Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaftler sind mit 72 Prozent überrepräsentiert, politisch gesehen sind 80 Prozent moderat bis links. Wobei links säkular bedeutet, aber nicht antizionistisch. Der Anteil von Nachfahren von Jeckes, also deutschen Juden, liegt bei 30 Prozent, 70 Prozent bezeichnen sich als säkular.
BZ: Was sind die Gründe, Israel zu verlassen? Die Politik, die zunehmende Bedeutung der Religion, der Konflikt mit den Palästinensern?
Kranz: Alles zusammen. Vorgeschoben werden berufliche und ökonomische Gründe und auch die deutsche Kultur. Deutschland hat einen sehr hohen Status in Israel. Dann spielen Bildungsmöglichkeiten eine Rolle, oder dass man einen deutschen Partner hat oder Verwandte, die aus Deutschland kommen. Für 40 Prozent ist die politische Lage in Israel Grund für die Auswanderung, dann wird auch die Unmöglichkeit, ökonomisch weiterzukommen, genannt. Die israelische Wirtschaft ist besonders gelagert. Im Ausland gilt Israel als Hightech-Land, aber viele Entwicklungen kommen aus dem Militärbereich, der Konflikt im Nahen Osten beeinflusst also die Ökonomie, deshalb gibt es auch so viele Auswanderer aus dem Kulturbereich. Die Religion wird von mehr als 46 Prozent als übergriffig erlebt. Diesen Israelis wird Israel zu jüdisch, sie sehen sich in erster Linie als Israelis, nicht als Juden. Ein Migrant muss aber immer mit dem Land, das er hinter sich lässt, unzufrieden sein, denn Auswanderung birgt ein immenses Risiko – wirtschaftlich und emotional.
BZ: Wie stellt man sich denn Deutschland in Israel vor?
Kranz: Das ist teilweise sehr naiv. Man denkt, dass das Leben sehr viel leichter ist, man stellt sich nicht vor, wie stark die kulturellen Unterschiede sind. Europäischer Jude in Israel zu sein, ist etwas ganz anderes, als israelische Aschkenasi in Deutschland zu sein. Ungefähr 20 Prozent der von uns Befragten suchen in Deutschland das Abenteuer. Aber man braucht in Deutschland spezifische Abschlüsse. Solche Abschlüsse anerkennen zu lassen, ist extrem schwierig und wenn ich die deutsche Sprache nicht kann, komme ich nicht weit. Das Gros der Israelis ist zwischen ein und sechs Jahren hier. […]
BZ: Wissen Sie, wie groß der Prozentsatz derjenigen ist, die zurückgehen?
Kranz: Den kann man statistisch kaum greifen. Ein deutscher Wohnsitz kostet nicht viel, das heißt man kann ihn ewig aufrechterhalten. Und viele Israelis melden sich in Israel gar nicht ab.
BZ: Wie sieht es mit der Auswanderung deutscher Juden nach Israel aus?
Kranz: Das sind pro Jahr etwa 100 Menschen, die auf der Basis des Rückkehrrechts nach Israel einwandern. Es sind nicht unbedingt Juden, ein Großelternteil muss Jude sein oder gewesen sein. Ehepartner und Kinder des Einwanderungsberechtigten können mit einwandern. Ich würde sagen, 50 Prozent kommen wieder zurück nach Deutschland. Das liegt auch daran, dass Israel über informelle Netzwerke funktioniert. Und als Migrant habe ich immer ein schwächeres Netzwerk.

Dani Kranz arbeitet als Senior Researcher und Projektleiterin an der Bergischen Universität Wuppertal. Sie studierte Kulturwissenschaften, Geschichte, Sozialpsychologie und -anthropologie. 2009 promovierte sie an der University of St. Andrews in Schottland

"Deutschland hat einen sehr hohen Status in Israel", Interview von Susanne Lenz mit der Soziologin Dani Kranz, in: Berliner Zeitung vom 4. Mai 2017