Info Aktuell Salafismus

30.7.2018 | Von:
Bernd Ridwan Bauknecht

Geschichte einer Radikalisierung

Wahhabismus und Islamismus
Maßgebend in der Entwicklung des Salafismus ist die punktuelle Verschmelzung des saudischen Wahhabismus und seiner salafistisch-puristischen Strömung mit dem Islamismus ägyptischer Prägung. Aus diesem Prozess entstanden weitere Verzweigungen und Ausdifferenzierungen bis hin zum radikalen Salafismus, der den aggressiven Dschihad propagiert.

Aufgrund der Verfolgung durch das Nasser-Regime in Ägypten und die Regime in Syrien und Irak flohen viele Angehörige der Muslimbruderschaft nach Saudi-Arabien. Die Immigranten wurden aufgrund ihrer guten allgemeinen Bildung und ihrer Religiosität bald in den akademisch-religiösen Bildungsapparat integriert.

Seit den 1960er-Jahren wird durch die Universität in Medina, aber auch durch saudische Stiftungen weltweit islamistisches Gedankengut salafistischer Prägung verbreitet. Etliche Muslime kommen aus verschiedenen Ländern zum religiösen Studium an die Universität nach Medina, was durch Stipendien saudischer Einrichtungen gefördert wird. So hat heute die wahhabitisch geprägte Auslegung des Islam eine angesichts ihrer theologischen und moralischen Strenge erstaunlich weite Verbreitung.

Autoritäten des zeitgenössischen Salafismus
Bedeutende Vertreter des populären Salafismus sind Al-Albani (Muh˙ammad al-Albanī, 1914–1999), Ibn Baz (´Abd al-Azīz ibn Baz, 1910–1999) und Ibn Uthaymin (Ibn ´Utaymīn, 1925–2001), die alle in Saudi-Arabien gewirkt haben. Aus ihren Büchern speist sich ein Großteil der heutigen Ideologie. Ihr Wirken und Auftreten als puritanische Gelehrte verstärkte eine Vergeistigung (Spiritualisierung) der salafistischen Bewegung.

Ibn Baz wurde in Saudi-Arabien geboren und erblindete mit 16 Jahren. Nach seiner religiösen Ausbildung wirkte er an der Universität in Medina, wo er stellvertretender Direktor war. Anfang 1990 forderte er gemeinsam mit Ibn Uthaymin Reformen im Rechtssystem des bisher absolutistisch regierten Saudi-Arabien und wurde zum Vorsitzenden des ständigen Komitees für Rechtsfragen und 1994 als Minister für religiöse Studien ins Kabinett berufen.

Ibn Uthaymin unterrichtete bis kurz vor seinem Tod "Islamisches Recht" in Saudi-Arabien. Er war Mitglied des Konsultativrats, der die Aufgabe hat, die Regierung zu beraten. Gemeinsam mit Ibn Baz veränderte er über den Wahhabismus hinaus die traditionelle sunnitische Gelehrsamkeit zugunsten einer salafistischen Prägung. Entscheidungen und Beurteilungen sollten nur aus dem Koran und den Prophetenüberlieferungen abgeleitet sein; der Konsens der (früheren) Gelehrten sei nur gültig, wenn er durch diese Quellen belegt sei.

Al-Albani gilt als Autorität im Bereich der Prophetenüberlieferungen. Er lehrte an der Universität von Medina und vertrat wie Ibn Baz und Ibn Uthaymin eine fundamentalistische Ausrichtung und den Anspruch, den einzig wahren Islam zu vertreten. Mit ihrem Eindeutigkeits- und Wahrheitsanspruch setzten sie sich über tradierte Methoden der islamischen Gelehrsamkeit hinweg und vertraten eine sehr rigide und dogmatische Interpretation des Islam. Al-Albani hat nachweisbar aus den Prophetenüberlieferungen zielgerichtet die Stellen ausgewählt, die seine eigene Meinungsfindung bestätigten. So bediente er sich auch Überlieferungen, deren Authentizität nach traditioneller Beurteilung als nicht gesichert gilt. Infolgedessen wurde vieles als religiös verboten (haram) tituliert, was bisher durchaus erlaubt war: das Hören von Musik (nur Gesang und Trommeln seien gestattet), das Gratulieren Andersgläubiger zu deren Festen. Auch Make-up bezeichnete al-Albani als "Zierde der rebellischen und ungehorsamen Frauen von Europa", das für Musliminnen natürlich verboten sei.

All dies widerspricht der gängigen Praxis und dem Lebensalltag der Muslime – selbst in einem Land wie Saudi-Arabien, das als besonders streng in der Auslegung islamischer Regeln gilt. Traditionell wurde den koptischen Christen in Ägypten, den syrischen Christen oder den Juden im Jemen zu religiösen Festen gratuliert, was durchaus auch mit Prophetenüberlieferungen oder Koranversen belegt werden kann. Ebenso spielt Musik von Nordafrika bis Indonesien innerhalb der religiösen und kulturellen Sphäre traditionell eine wichtige Rolle.

Die innermuslimische Kritik an diesen Theoretikern des Salafismus richtet sich vor allem gegen deren rigides Religionsverständnis, das eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Religionsgeschichte, der Wirkungsgeschichte, dem eigenen Standpunkt oder historischen Bezügen vermissen lässt. Ohne Kontext und (soziologische und literaturwissenschaftliche) Bezüge, also die angemessene Einordnung, bliebe lediglich ein Ansammeln religiös-verklärten Wissens. Eine Annäherung an die eigentliche Intention Gottes sei so unmöglich.